Profilbild von Magnolia

Magnolia

Lesejury Star
offline

Magnolia ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Magnolia über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 18.06.2026

Beklemmend, beängstigend, düster

Insel der Ratten
0

Diese Geschichte lebt von Überspitzungen, der wahre Kern jedoch ist deutlich spürbar. Wie man sich während einer Pandemie fühlt, dürften wir alle noch wissen. Jo Nesbø nimmt sich dieser Thematik an, auf ...

Diese Geschichte lebt von Überspitzungen, der wahre Kern jedoch ist deutlich spürbar. Wie man sich während einer Pandemie fühlt, dürften wir alle noch wissen. Jo Nesbø nimmt sich dieser Thematik an, auf seine INSEL DER RATTEN flüchten sich jene, die sich in der großen Stadt nicht mehr sicher fühlen und es sich zudem leisten können, sich hierher zu retten.

Colin Lowe ist einer davon, er wartet hier auf eine Weiterfahrt, eine Elite hat sich hierfür Tickets gesichert. Als einer der reichsten Bewohner wähnt er sich mit seiner Familie in momentaner Sicherheit, wenngleich sein Sohn Brad ganz anderes im Sinn hat. Er wütet mit seiner Bande, die sich Chaos nennt, in der Stadt. Hier gilt das Recht des Stärkeren, auf einzelne Befindlichkeiten wird keine Rücksicht genommen. Das Gesetz scheint geltungslos, Selbstjustiz das Instrument der Stunde. Es herrscht Anarchie. Brad nimmt sich, was er will, er ist in seiner gewalttätigen Art unberechenbar. Und da ist Will mit seiner Familie, die der Familie Lowe sehr nahe stehen. Wills Tochter Amy gerät in die Fänge der Chaos-Truppe. Und Will sinnt auf Rache.

Die einen werden aus schierem Überlebenswillen zum Plünderer, notfalls mit Gewalt. Und die anderen leben ihre dunkle Seite aus, sie haben keinerlei Gewissensbisse. Grausame Szenen werden in abstoßender Deutlichkeit beschrieben, auch innerhalb von Chaos gibt es die blutrünstigen Typen, denen jedes Mittel recht ist und auch jene, die noch einen Funken Mitgefühl besitzen.

„Jeder verdient eine zweite Chance“ meint einer, der trotz schmerzlicher Verluste an die Gesetzmäßigkeit, an die gesellschaftlichen Normen glaubt. Es ist ein düsteres Buch, ein beängstigendes Szenario, das menschliche Abgründe aufdeckt.

All das, was Jo Nesbø hier beschreibt, ist mit zutiefst zuwider. Und doch zeigt er deutlich auf, wozu Mensch in der Lage ist. Man muss sich nur umschauen, es herrscht in gewissen Kreisen eine Verrohung sondersgleichen, jeder ist sich selbst der Nächste und jene, die denen das nicht genug ist, setzen todbringende Waffen ein.

Die INSEL DER RATTEN beschreibt ein düsteres Szenario, das der Wirklichkeit sehr nahe kommt. Eine Dystopie. Gesellschaftskritisch, grenzüberschreitend, brutal.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 15.06.2026

Der Albtraum schlechthin!

Alles ihre Schuld
0

Marissa Irvine will ihren 4jährigen Sohn Milo von einem Playdate abholen. Sie klingelt an der ihr vorgegebenen Adresse, eine ihr unbekannte Frau öffnet ihr. Schnell wird klar, dass die Adresse nicht stimmt ...

Marissa Irvine will ihren 4jährigen Sohn Milo von einem Playdate abholen. Sie klingelt an der ihr vorgegebenen Adresse, eine ihr unbekannte Frau öffnet ihr. Schnell wird klar, dass die Adresse nicht stimmt – ein Irrtum? Aber wo ist Milo? In der Schule wird ihr gesagt, dass er von dem Kindermädchen abgeholt wurde. Aber - Ana, sein Kindermädchen, hat frei, sie ist auch nicht zu erreichen, Milo bleibt verschwunden. Ein Horrorszenario!

Viele bieten ihre Hilfe bei der Suche nach Milo an, wenige sind wirklich engagiert. Und wie es so ist, sind die Hater und die Neider unterwegs, man spürt die Vorurteile, die süffisant verbreitet werden, wundert sich über jene, die an ihrem eigenen Vorteil interessiert sind. Unterschwellig hört man Anklagen, die unter dem Mantel des Mitgefühls direkt an der verlogenen Oberfläche wabern.

Milos Verschwinden und die Suche nach ihm ist ein Wettlauf gegen die Zeit. Wobei Zeit und Orte wechseln, die Kapitel gehen Monate zurück, andere zählen die Tage, die seitdem vergangen sind. Dabei birgt jedes Kapitel ganz neue Erkenntnisse, die im nächsten schon wieder infrage gestellt werden, die wie Versatzstücke, wie Puzzleseine, in Position geschoben werden, dabei nicht immer passen, ausgetauscht werden und dann, so nach und nach, ein klareres Bild ergeben. „Jeder ist verdächtig. Niemand unschuldig.“ Die Polizei ermittelt, ihr entgeht so einiges, als Leser weiß man mehr. Und doch fehlt auch hier der Durchblick. Auch die Charaktere sind nicht zu durchschauen – kein einziger.

Wenn man meint, man hätte eine Richtung, wird man bald wieder eines Besseren belehrt. Nichts ist vorhersehbar, die raffiniert konstruierte Story bietet Spannung und Verwirrung bis zuletzt. Mich hat es sofort ins Geschehen gezogen, die beklemmende Atmosphäre zieht sich durchs Buch. Die knapp 450 Seiten lesen sich weg wie nix, man vergisst Zeit und Raum, ist voll und ganz im Geschehen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 15.06.2026

Über das Loslassen und die gar nicht einfache Reise zu sich selbst

Fünf, sechs, sieben, acht
0

Ewald Arenz schreibt in seinem neuen Roman FÜNF SECHS SIEBEN ACHT vom Älterwerden, vom Loslassen müssen und davon, dies nicht zu akzeptieren. Es ist eine Geschichte über Familie, über die Liebe an sich ...

Ewald Arenz schreibt in seinem neuen Roman FÜNF SECHS SIEBEN ACHT vom Älterwerden, vom Loslassen müssen und davon, dies nicht zu akzeptieren. Es ist eine Geschichte über Familie, über die Liebe an sich und über eine längst verloren geglaubte große Liebe und die Gewissheit, dass diese, wäre sie gelebt worden, sehr viel besser gewesen wäre.

Anton ist Stepptänzer, mit seinen sechzig Jahren fühlt er sich noch topfit und doch hat er den Zenit eines Tänzers überschritten. Er wird aussortiert, andere, jüngere sind nun am Zuge. Anstatt seiner wird ab sofort seine Tochter Emma die Choreographie am Theater verantworten. „Als hätte sein Leben einen Sprung bekommen, so fühlte es sich gerade an.“

Der Musik setzt ein, der Tänzer zählt - fünf, sechs, sieben, acht – sein Tanz beginnt. Für Anton ist alles Musik, alles ist im Takt. Nur er ist außer Takt geraten.

Anton ist zutiefst gekränkt, er ist wütend und poltert ganz schön rum, wir folgen ihm und seinen Gedanken. Dass wir alle irgendwann von dieser Lebensbühne abtreten müssen, weiß auch er. Noch aber geht es um die Theaterbühne, von der er unsanft weggedrängt wurde und das ausgerechnet von seiner Tochter. Und da ist Katja, seine Ex, die zwischen den Fronten vermitteln will.

Man sollte sich vorbereiten auf das Danach, um nicht in ein tiefes, schwarzes Loch zu fallen. Keiner ist unersetzlich und auch bewegt sich alles weiter, alles fließt, nichts bleibt so wie es ist. Arenz stellt seine Hauptfigur als verbitterten Alten dar, der außer sich und seiner für ihn nicht akzeptablen Lage nichts sehen und nichts gelten lassen will. Das macht ihn nicht gerade sympathisch. Er ist trotz allem stolz auf seine Tochter, was er aber sehr gut zu verbergen weiß. Zugute halte ich ihm, dass er von jetzt auf gleich vor vollendete Tatsachen gestellt wird. Auch seine lange gelebte Einzigartigkeit könnte dazu beitragen, dass er als gefeierter Tänzer und Choreograph total abgehoben ist. „Alles war Musik, alles Takt“ in seinem bisherigen Leben. Außer Takt sucht er nach seiner großen Liebe Jo…

„Eine Schwere, an die er sich schon gewöhnt hat“, hat er wie einen Rucksack zugunsten einer Leichtigkeit liegen lassen auf seiner Reise, die ihn zu sich selbst führt. Untermalt ist dieses kluge Buch ums Loslassen mit wundervollen Klängen wie etwa jene von Paolo Conte. Via con me. Komm mit mir, it´s wonderful...

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 13.06.2026

Baxter Kincaid in Action

Ritualblut
0

Ethan Cross assoziiere ich mit der Welt der Serienkiller. Francis Ackerman jun ist der Inbegriff dieses fiktiven Killers, dem ich Buch für Buch folge…

…und nun ist es auch Baxter Kincaid, der zum nunmehr ...

Ethan Cross assoziiere ich mit der Welt der Serienkiller. Francis Ackerman jun ist der Inbegriff dieses fiktiven Killers, dem ich Buch für Buch folge…

…und nun ist es auch Baxter Kincaid, der zum nunmehr zweiten Mal mit brutalen Morden zu tun hat, mit Foltermethoden, die man sich nicht annähernd vorstellen mag, aber unbedingt davon lesen will, mit einem gefährlichen Kult, dessen Anführer sich für gottähnlich hält, mit einem Mafiaboss und seinen Gefolgsleuten und mit noch so einigen ziemlich finsteren Gestalten.

Jian Wu, der Assistent eines Professors, der mit seinen brisanten Forschungspapieren untergetaucht ist, wird gekidnappt. Um an die heiß begehrten Papiere zu gelangen, wird mit schlimmsten Foltermethoden versucht, ihn zum Sprechen zu bringen. Auch seine Nichte sucht nach dem Professor, sie bitten Baxter, ihr dabei zu helfen. Besagte Unterlagen wecken Begehrlichkeiten, die Jagd danach ist für so manche ein gar tödliches Unterfangen.

Ich kenne und schätze Ethan Cross mitsamt Ackerman & Family schon lange und mag es sehr, dass er mit Baxter Kincaid eine neue, sehr charismatische Figur erschaffen hat und am Ende des Buches verrät Cross auch, wie denn Baxter zum Leben erweckt wurde. Mit der gerade mal 1,50 m großen Corin hat Baxter sich eine Geschäftspartnerin geholt, die von sich selber sagt, dass sie auf ihn aufpassen muss. Er ist eher ein Privatermittler, der seine Hand über die Abgehängten hält, wogegen Corin mit Härte durchgreift. Sie ist eine Kampfmaschine mit ihrer ganz besonderen Waffe, die ich hier nicht verraten mag. Irgendwie geraten sie immer wieder zwischen die Fronten, haben es mit gefährlichen, mit äußerst skrupellosen Gegnern zu tun.

Schon die ersten Seiten haben mich ins Buch gezogen, es geht gleich mal richtig zur Sache. Wenn es die Situation verlangt, ist auch Baxter knallhart unterwegs, er kann viel einstecken (wie auch Corin), teilt aber um einiges kräftiger aus. Zuweilen garniert mit einem losen Spruch oder einer Prise Charme - auch so lässt sich ein Gegner ausknocken oder zumindest verwirren. Ihre Dialoge haben Biss und Witz, es gibt durchaus amüsante Momente.

Auch dieser zweite Band der Baxter Kincaid-Reihe war im Nu gelesen. Neben den Ermittlungen sind es die Action-Szenen, die viel Raum einnehmen. Neben den beiden Hauptakteuren werden alle Figuren so eingeführt, dass man sie trotz der für uns nicht sehr geläufigen fernöstlichen Namen sofort verinnerlicht. Der Thriller überzeugt mit immer wieder neuen Wendungen, er ist spannend, bestialisch, blutrünstig, er nichts für schwache Nerven. Ein Ethan-Cross eben!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 10.06.2026

Eher japanischer Gesellschaftsroman denn Thriller

Tokyo
0

Der erstmals 1993 erschienene Thriller „TOKYO: Schwarzer Sommer“ ist Tokuro Nukuis Debüt. Neben den Krimielementen spielen die Gepflogenheiten der japanischen Gesellschaft eine tragende Rolle, auch ist ...

Der erstmals 1993 erschienene Thriller „TOKYO: Schwarzer Sommer“ ist Tokuro Nukuis Debüt. Neben den Krimielementen spielen die Gepflogenheiten der japanischen Gesellschaft eine tragende Rolle, auch ist eine Glaubensgemeinschaft sehr präsent.

Tokyo 1991. In einem Flussbett wird ein Mädchen tot aufgefunden, das noch im Kindergartenalter gewesen sein dürfte. Mehrere kleine Mädchen verschwinden spurlos, eine obskure Religionsgemeinschaft wirft Fragen auf, ein Vater sucht verzweifelt nach seinem Kind. Die beiden Kommissare Saeki und Okamoto ermitteln.

Sowohl der Klappentext als auch die Aufmachung von TOKYO locken ungemein, also mache ich mich kurzentschlossen ans Lesen. Und stelle alsbald ernüchternd fest, dass mich die ausschweifende Erzählweise und das sehr gründlich ausformulierte Miteinander ermüden. Trotzdem bleibe ich im Buch, wenngleich ich – entgegen meiner sonstigen Lesegewohnheiten – des Öfteren pausiere.

Jede Figur wird bis ins kleinste Detail eingeführt und auch danach gefühlt jede Regung, jeder Gedanke wiedergegeben. Sowohl die Kommissare als auch ihre Kollegen und deren Familien mitsamt ihren gerade anstehenden Problemen und ihren Dialogen lasse ich an mir vorbeiziehen. Selbiges geschieht mit den Sekten, deren Anwerbung und deren Mitgliedern. Gut, man erfährt schon so einiges über ihre geschickt aufgebauten Strukturen, ihren Hierarchien und ihren Finanzen. Auch das oben erwähnte japanische Lebensgefühl schimmert durch, was angesichts des Handlungsortes absolut passend ist.

Was mir aber zunehmend fehlt, ist der Fokus auf die Ermittlung, die eher nebenher so mitläuft und dem Buch viel an Spannung nimmt. Die zwei Handlungsstränge – Ermittlung und Sekte – wechseln sich ab, dabei bleibt vieles auf der Stecke, denn die Erzählung verliert sich großteils in Nebensächlichkeiten. Erst dem Ende zu wird es spannend. Urplötzlich tut sich was, wenngleich die Ereignisse sich nicht gerade überschlagen. Und dennoch zeichnet sich eine Figur ab, das Warum tritt hervor, die Akteure werden greifbarer.

TOKYO mag in Japan funktionieren, das kann ich nicht beurteilen. Ich jedoch habe nur bedingt das Gefühl, einen Krimi gelesen zu haben. Eher einen kriminalistisch untermalten japanischen Gesellschaftsroman.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere