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Veröffentlicht am 23.04.2025

Melancholische Geschichte ohne Licht am Horizont

Striker
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N. soll in Tiflis die ganzen zu Tode gebotoxten Gayas umhauen.

Ihr Trainer Jürgen ist sechsundfünfzig, hat ein Jagdgewehr und eine Zweitwohnung in Kapstadt. Er würde besser in einen japanischen Tempel ...

N. soll in Tiflis die ganzen zu Tode gebotoxten Gayas umhauen.

Ihr Trainer Jürgen ist sechsundfünfzig, hat ein Jagdgewehr und eine Zweitwohnung in Kapstadt. Er würde besser in einen japanischen Tempel passen. Stattdessen steht er in dieser Ostberliner Turnierhalle zwischen Tapeziertischen und Wasserspendern rum. Er hat sich Videos von Ronda Shephards aktuellen Verfassung angesehen. Sie hat N. das letzte Mal auf die Bretter geschickt und die ist nicht mehr aufgestanden.

N. wird wach, weil sie Schritte über sich hört. Dort ist ein leerer Dachboden, in dem man nicht aufrecht stehen kann, deshalb fällt sie in einen lauen Halbschlaf. Beim Aufwachen sieht sie das gewohnte Bild aus ihrem Küchenfenster. Die Brandmauer. Nein, etwas ist anders. Sie springt aus dem Bett, stürzt ans Fenster und zündet sich eine Zigarette an. An die Mauer vor ihr hat jemand runenförmige Zeichen gemalt. Die Hieroglyphen, deren Sinn sie nicht versteht, sind höher als jede Leiter. Ihr Kopf startet, wie so oft den Panikmodus, wühlt ihr Inneres auf und versetzt sie zielsicher in Todesangst. Sie probiert verschiedene Strategien, um den Cortisolspiegel zu senken, atmet vier Mal ein und sechs Mal aus, sagt sich mantraartig vor: „Es geht hier nicht um mich!“.

Sie ist so gut wie allein, hat zu ihrer Familie im Sauerland keinen Kontakt mehr. Manchmal fährt sie zur Politikerin des Verteidigungsausschusses ans andere Ende der Stadt. Sie lebt dort, wo die teuersten Villen stehen. N. lebt in dem Teil der Stadt mit der höchsten Bebauungsdichte. Sie treffen sich nie bei N. Sie gehen zusammen ins Bett, tauschen unaufgeregte Körperlichkeiten aus und gehen danach vielleicht noch was essen.

Fazit: Helene Hegemann hat eine düstere Story geschaffen. Ihre Protagonistin ist Kampfsportlerin und fristet ein einsames Dasein. Sie hat diverse Ängste und wirkt traumatisiert, das geht aber nirgendwo aus der Geschichte hervor. Sie bereitet sich auf den Kampf mit ihrer Endgegnerin vor. Ihr dabei zuzusehen gefällt mir, das hat die Autorin gut ausgearbeitet. Die Beziehung zur Politikerin ist lieblos und kann eigentlich nicht erstrebenswert sein, dennoch hält sie sich an den schönen Anfangszeiten fest. Die äußeren Umstände, Hieroglyphen und eine fremde Frau, in der sie sich wiedererkennt, nimmt sie als unkontrollierbare Bedrohung wahr. Das Denken dieser fremden Obdachlosen ist wirr und voller mystischer Gedanken, die N. an die Weltverschwörungstheorien der Impfgegner erinnern. Die Hauptakteurin fühlt sich nicht zugehörig und dümpelt identitätsschwach vor sich hin. Die melancholische düstere Stimmung zieht sich konsequent durch die ganze Geschichte und ist gut gemacht. Weniger gut fand ich das Klischee, das bedient wurde. Reiche tragen Poloshirts und Rolex, reden dummes Zeug und haben durchgeknallte Kinder. Ich bin der Geschichte gerne gefolgt, weil sie textsicher erzählt wird. Der tiefere Sinn allerdings, sollte es einen geben, hat sich mir nicht gezeigt.

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Veröffentlicht am 22.04.2025

Unaufgeregter Unterhaltungsroman

Disko
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Am ersten oder zweiten November 1975 lag die Mutter tot im Bett und der Vater auf der Couch vor einem Bataillon Flaschen. Beeke war vierzehn und der fünf Jahre ältere Bruder Gerald nach München abgehauen. ...

Am ersten oder zweiten November 1975 lag die Mutter tot im Bett und der Vater auf der Couch vor einem Bataillon Flaschen. Beeke war vierzehn und der fünf Jahre ältere Bruder Gerald nach München abgehauen. Gerald hatte sich einen Künstlernamen zugelegt. Jetzt hieß er Jerry Peters. Er wollte die Musik revolutionieren und die Zeit half ihm dabei. Die ersten großen Diskotheken öffneten und spielten Schlager und die neuen Beats von Bonney M und Abba. Gerald alias Jerry hatte sich zu einem soliden Technikfreak entwickelt und bediente schon lange sicher den Synthesizer. Jetzt spielte er verschiedene Songs über zwei Tonspuren ein, verband sie und warf gewieft eigene Elektropopbeats ein. Er versprach sich mit einem ersten eigenen Stück einen Plattenvertrag und ein gutes Management.

Beeke wollte sich nicht um die Zwillingsschwestern, den Vater und noch um die Oma Großkordt kümmern, also machte sie sich in einer Nacht- und Nebelaktion auf nach München, ins Zentrum der Popmusik. Der erste LKW-Fahrer, der anhielt, war Tim und sah wenig älter aus als Beeke. Er fuhr nach Hamburg, von dort wollte sie mit dem Zug weiterfahren. Sie wählte ein zweite Klasse Zugabteil und machte es sich am Fenster bequem, doch schon bald stieg eine Mutter mit zwei Kindern zu und forderte die Fensterplätze ein. Die strenge Frau stellte Beeke Fragen darüber, warum sie allein reise und die antwortete korrekt, dass die Mutter tot sei und sie den Bruder finden müsse. Ziemlich schnell geriet sie unter die Fittiche des Schaffners, der sie in München persönlich an den Bruder übergeben wollte. Beeke hatte noch wenige Stunden Zeit, sich einen Plan zu machen.

Fazit: Till Raether hat eine Coming -of -Age Geschichte geschaffen. Die junge Protagonistin ist verzweifelt, weil sie sich für den Rest der Familie verantwortlich fühlt und diese Last allein nicht tragen kann. Der Bruder nutzt die Aufbruchstimmung, um möglichst weit oben mitzuschwimmen. Als schwuler Melker oder Elektroniker sieht er wenig Chancen auf ein lebenswertes Leben. Die Zeit der Nazis liegt noch nicht weit zurück und viele Täter sind in andere Posten verschoben worden, so auch die Nazi-Oma, die 1945 Beekes Vater aufgenommen hat und immer noch jeden Sonntag zum Frühstück kommt. Der Autor hat die Zeit gut beschrieben, die flirrende Energie und Enge in den Diskotheken und die Menschen, die Spaß und Ablenkung vom Alltag suchen. Bonny M. und Abba wechseln sich ab und werden mir während des Lesens zum Ohrwurm in Endlosschleife. Die Geschichte ist als Brief gedacht, in dem Beeke ihrem Bruder schreibt und ihre Erinnerungen an die Suche Revue passieren lässt, das wird vor allem am Ende klar. Die Lust nach Freiheit und Chancengleichheit hat der Autor gut gezeichnet. Was mir nicht gefallen hat, ist, dass der Autor vieles vorwegnimmt und dadurch den Spannungsbogen verliert. Das macht die Erzählung etwas langatmig. Ein unaufgeregter Unterhaltungsroman, mit dem man gut ein paar Stunden vertreiben kann.

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Veröffentlicht am 18.04.2025

Diese komische Alltagsheldin hätte ich gerne in echt kennengelernt

Geht so
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Marisa ist zweiunddreißig und nach dem abgebrochenen Kunststudium vor acht Jahren in der Werbeagentur gestrandet. Sie hatte sich den Knöchel verstaucht und musste ihre Schicht in der Bar absagen, einer ...

Marisa ist zweiunddreißig und nach dem abgebrochenen Kunststudium vor acht Jahren in der Werbeagentur gestrandet. Sie hatte sich den Knöchel verstaucht und musste ihre Schicht in der Bar absagen, einer der Jobs, mit denen sie ihr Studium finanzierte. Den anderen Job in der Agentur konnte sie von zu Hause bedienen. Im Grunde hat der Besitzer der Bar über ihre weitere Zukunft entschieden.

Sie bereitet ein Meeting vor. Im Gegenlicht ihres Bildschirms sieht sie sich in der Aura der einfallenden Sonnenstrahlen. So gut wie sie ausgeleuchtet ist, könnte sie jetzt auch Makeupsessions modeln. Sie hat eine gewisse Erfahrung, weil sie in jeder Minute, die sie sich freischaufelt, auch die bezahlten, per Youtube auf dem Laufenden hält. Die lustigen Hundevideos beruhigen sie. Kurz vor dem Einloggen bereitet sie sich auf die komplett unnötigen, aber allerseits beliebten Phrasen ihrer Kolleginnen vor.

Sie weiß, dass sie nichts richtig kann und weiß nicht, wie sie an die Stelle als Texterin im mittleren Management gekommen ist. Wahrscheinlich hat sie das Spiel so lange perfektioniert, bis die anderen ihr ihre Kompetenz einfach abgekauft haben. Sie muss nur freundlich sein und heiße Luft verkaufen, keine Lippenstifte, sondern das Versprechen, schön und wichtig zu sein. Und sie ist flink im Kopf.

Im Büro herrschen dieselben Regeln wie auf der Jagd: Je schneller du dich bewegst, desto weniger wahrscheinlich wirst du abgeknallt. S. 19

In der Mittagspause legt sie sich eine halbe Tavor unter die Zunge, sie muss raus. Im Prado schwebt sie, wie ihre Pilatestrainer ihr das immer wünschen, wie von Fäden nach oben gezogen, wenige Zentimeter über den anderen Besuchern. Sie braucht heute Hieronymus Bosch, der versteht sie, trug dieselben Dämonen in sich wie sie, nur dass er seine mit einigen Pinseln und Papier austreiben konnte. Sie braucht dazu Tavor und Youtube.

Fazit: Beatriz Serrano hat mich schier umgehauen. Der Ton ihrer Protagonistin ist in ihrem Kopf ironisch und bissig, mit einer Prise Überheblichkeit und das finde ich arg erfrischend und authentisch. Sie wirkt abgeklärt und selbstsicher. Tatsächlich ist sie von ihrem Alltag und den Rollen, die sie spielen muss, überfordert und gelangweilt. Alles ist absehbar, folgt einem Plan, den Vorgesetzte und Kundinnen vorgeben. In ihrem Kern ist sie eine ängstliche, neurotische Frau, ohne tiefere Beziehungen. Das Gefühl, dass niemand sie mag oder bei ihr bleiben will, nagt an ihr. Um sich zu entspannen, pfeift sie sich Benzodiazepine rein, vielleicht rührt daher diese Spur an Kaltschnäutzigkeit, das Zeug betäubt auch die Gefühle. Und zwischendurch spucken ihre Zwangsgedanken Gift und Galle über ihr aus … nicht liebenswert u.s.w. und konkurrieren mit ihrem Herzen, das wie ein kleiner Wildvogel in einem Käfig herumflattert. Das Ende ist vielleicht nicht ganz überraschend, aber dafür unglaublich gut geschrieben. Dieser Roman hat mich trotz der Tragik an so vielen Stellen zum Lachen gebracht und mich, wie der Klappentext verspricht, durchaus selbst erkennen lassen. Diese komische Alltagsheldin hätte ich gerne in echt kennengelernt. Mega Autorin!

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Veröffentlicht am 18.04.2025

Spannend, bewegend und erhellend

Mondbad
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Eine Frau am Boden. Sie hat starke Schmerzen, will aufstehen, kann nicht. Hinter ihr rauscht die See. Vor ihr steht ein Mann, seine stinkenden Schuhe direkt vor ihrer Nase. Er lässt sein Nokia fallen, ...

Eine Frau am Boden. Sie hat starke Schmerzen, will aufstehen, kann nicht. Hinter ihr rauscht die See. Vor ihr steht ein Mann, seine stinkenden Schuhe direkt vor ihrer Nase. Er lässt sein Nokia fallen, trifft ihre Schläfe, hebt es auf ohne sie zu berühren, zittert, stottert ins Handy. Sie denkt an ihre Ahnen.

Tertulien ritt von Dorf zu Dorf, demonstrierte, lässig im Sattel sitzend, Macht. Mit breitkrempigem Strohhut über den hervorstehenden Augen, ein Langmesser am Gürtel, zwei weitere Reiter im Schlepptau zügelt Tertulien Mésidor sein nervöses Pferd. Sein Blick traf Olméne Durival, die davon nichts merkte. Sofort verfiel der fünfundfünfzigjährige der knapp vierzig Jahre Jüngeren. Er war ein Don, (Großgrundbesitzer), dreiviertel des Landes hinter den Bergen gehörten ihm. Er kaufte Olménes Mutter Ermencia den ganzen Fang Fische, die Hirse, Süßkartoffeln, Bohnen und Yamswurzel ab. Die beiden Frauen lebten in Ti Pistache, unweit von Anse Bleue, dem Dorf aus Tuff, Salz und Wasser. Sie waren die Nachkommen der Lafleurs, den Bauern und Fischern, die ihr Land schon längst an die Mésidors verloren hatten.

Bonal Lafleur musste dem alten Anastase Mésidor für wenig Geld Boden überlassen. Danach wurde er mit leeren Taschen gefunden, einen tiefen Schnitt im Rücken. Sie wussten, dass er einem Hinterhalt der Großfamilie Mésidor erlegen war und fühlten sich schutzlos, weil er seine Geister mit sich genommen hatte. Bonals Frau Dieula war eine namhafte Mamba (Voodoopriesterin). Sie bereitete die Rituale vor und verschwand vier Wochen im Busch um Buße zu leisten. Vier Tage nach ihrer Rückkehr starb Mésidors vierter Sohn, es kann die Schwindsucht gewesen sein oder Malaria, vielleicht auch das Dengue Fieber, man weiß es nicht.

Fazit: Die mehrfach ausgezeichnete haitianische Autorin erhielt für dieses Buch 2014 den Prix Femina und das ist völlig verständlich. Yanick Lahens zeigt mit ihrem allwissenden Erzähler die schwer verletzte Protagonistin. Sie liegt am Strand und ihre Gedanken erzählen die Geschichte ihres Landes. Zwei Familien, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Die einen sind seit ewig arm und versuchen mit Gemüseanbau und Fischfang zu überleben. Die anderen sind seit Generationen reich, skrupellos und ausbeuterisch. Die Bauern sind friedfertig und gläubig. Sie huldigen ihren Geistern und heißen durch Missionierung Fragmente der Katholiken in ihren Riten und Kulten willkommen. Voodoo bedeutet, die Geister durch Gaben und Tänze zu besänftigen, um bessere Ernten einzufahren, nicht um Rache zu führen. Sie sind eins mit der Natur und dem Großgrundbesitzer und der späteren Miliz hilflos ausgeliefert. Obwohl ich die anfänglichen Namen verwirrend fand (am Buchende gibt es einen hilfreichen Stammbaum) hat mich die Geschichte in ihren Bann geschlagen. Einmal, weil die Autorin ein ganz großes Schreibtalent ist, die mich bildreich durch die Seiten reisen ließ, aber auch, weil ich so viel über die haitianische Kultur der Ureinwohner erfahren habe. Über deren Bräuche, Speisen, Rituale und eben auch über ihre Ohnmacht darüber, den Machtverhältnissen auf Gedeih und Verderb ausgeliefert zu sein. Das war spannend, erhellend und bewegend. Die Lust an der Karibik trieb mich nach dem Lesen ins Internet, um noch viel mehr über dieses gebeutelte Entwicklungsland zu erfahren. Und nun geht meine Vorstellung über dunkelhäutige schöne Menschen und Frauen in Baströckchen schon recht weit hinaus.

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Veröffentlicht am 17.04.2025

Berührendes Buch über familiäre Prägung

Zuhause ist das Wetter unzuverlässig
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1. Januar

Sie will keine tränenreiche Komödie. Sie will schwitzen und blauen Himmel. Zuhause ist das Wetter unzuverlässig, deshalb ist sie hier.

4. Januar

Sie hat immer davon geträumt, dass ihr jemand ...

1. Januar

Sie will keine tränenreiche Komödie. Sie will schwitzen und blauen Himmel. Zuhause ist das Wetter unzuverlässig, deshalb ist sie hier.

4. Januar

Sie hat immer davon geträumt, dass ihr jemand ein One-Way-Ticket schenkt und ihr sagt: „Herzchen, jetzt genieß mal dein Leben“. Sie hätte es sich einfach selbst kaufen können und jetzt hat sie es gemacht.

10. Januar

War tanzen, herrliches Jazz-Gejaule. Wut war immer ihr Motor, aber jetzt ist er still. Wut, Traurigkeit und Verzweiflung. Will jetzt raus aus dem Dunkeln auf niemanden mehr achten müssen. Schluss mit Gefallen, abwarten, sich absprechen. Sie will gehen, wann und wohin sie will.

Wie oft hat sie genickt, gelächelt, sich geduckt, weggeguckt, mitgespielt. Sich die ganze Rotze der anderen reingezogen, das ganze Gejammer, als sei sie der diensthabende Mülleimer. Jetzt will sie wissen, wer sie ohne die ganzen Erwartungen ist. Aber hält sie sich aus?

Rückblick:

1910 wurde Anna in einer Kleinstadt am Meer geboren, in eine Familie, in der viel getrunken und gebrüllt wurde. Sie bewunderte Gustav Mahler und träumte davon, auch Komponist zu werden und auch eine Villa am Meer zu haben. Ihr Kompromiss: Mit sechzehn zog sie aus und begann eine Schneiderlehre.

Rosa wurde 1908 geboren, ihr Lieblingsbuch war die Bibel. Sie betet rund um die Uhr. Ihr älterer Bruder kam nicht aus dem Krieg zurück, ihr Verbündeter und Schutz gegen den Vater. Sie heiratete pflichtschuldig den Kollegen des Vaters und gebar 1932 Viola. Das Leben als Frau und Mädchen war riskant, daher senkte Rosa den Blick, vermied jegliche Kontakte und sperrte Viola in den elterlichen Garten.

Fazit: Carolin Würfel hat eine Protagonistin geschaffen, die genug von ihrer Anpassungsfähigkeit hat, die jeden sieht nur sich selbst nicht. Im Laufe ihres Lebens hat sie viel Wut und Traurigkeit angestaut. Über das Stilmittel der Tagebucheinträge schenkt die Autorin uns einen Einblick in das aufgewühlte Innenleben der namenlosen Ich-Erzählerin. Tagebucheinträge und Rückblicke, in das Erleben zweier Generationen von Müttern und Töchtern, wechseln sich ab. Die Zeiten des Krieges und der Verluste, der strafenden Väter und ignoranten Männer unterstreichen die Charakterentwicklung aller Frauen. Zeigt, wie durch Erziehung und Prägung Frauen systematisch klein gehalten wurden. Während die letzten Generationen keine Möglichkeit hatten, sich zu verändern, ihren Groll herunterschluckten oder austeilten, stimmt die letzte Generation hoffnungsvoll. Doch es bleibt schwierig, alte Muster abzulegen und neue Wege zu finden. Die Geschichte ist gut gemacht, steigert sich bis zum Schluss und ruft heftige Reaktionen in mir hervor. Die letzte Erkenntnis

Ich bin auch nur das Kind einer Mutter. S. 211

hat mich zu Tränen gerührt, mir ein tiefes Verständnis geschenkt für meine eigene Mutter und für mich selbst. Das war sehr verbindend und versöhnend. Hundertpro lesenswert!

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