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Veröffentlicht am 01.05.2026

Klassismus und Chancenlosigkeit

Ein ziemlich anderes Leben
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Skander war schlecht und nutzlos, deshalb ließ er sich aus einem Meter Höhe auf den Kopf fallen. Der Arzt, der ihn genäht hatte, wollte wissen, was in ihn gefahren war.

Er war etwa ein Jahr alt, als er ...

Skander war schlecht und nutzlos, deshalb ließ er sich aus einem Meter Höhe auf den Kopf fallen. Der Arzt, der ihn genäht hatte, wollte wissen, was in ihn gefahren war.

Er war etwa ein Jahr alt, als er und seine Schwester bei der Aide Sociale á l´enfance gelandet waren, kurz darauf kamen sie zu Nicole. Er nannte seine Pflegemutter Tante. Ihre Tochter Delphine wurde so eine Art Schwester für sie. Einige Jahre später, als Skander aus einem Ferienlager zurückkam, hatte der Krebs Nicole plötzlich dahingerafft. Seine Schwester und er verstanden erst bei der Beerdigung, wohin sie entschwunden war. Delphine zog sich immer weiter zurück und dann sagte sie ihnen, dass sie eine andere Pflegestelle finden müssten. Den Rest des Sommers mussten sie Familien abklappern. Madame Davert vom Jugendamt präsentierte Skander von seiner besten Seite, ohne Albträume und imaginären Freund.

Und dann wurde es Madame Khadija. In erster Linie, weil sie Algerierin war, wie er. Skanders alkoholkranke Mutter, die noch immer das Sorgerecht hatte, obwohl sie sich nicht um die Kinder kümmern konnte, hatte sich gegen französische Familien entschieden. Nun kam Skander ohne seine Schwester in die berüchtigte Banlieue, ein Pariser Randbezirk, in dem sie aus allen Herrenländern in kaninchenschartenartigen Wohnblocks untergebracht waren. Obwohl Khadija reich war, wollte gegen gutes Geld vom Staat noch mehr Pfleglinge aufnehmen. Sie besaß echten Goldschmuck, fuhr einen Wagen mit Diplomatenkennzeichen und unterstützte ihre Großfamilie in Algerien.

Fazit: Mokhtar Amoudi erzählt in seinem preisgekrönten Debütroman die Geschichte eines Jungen, der, wie er selbst in einem Ghetto aufwächst. Skanders Vater ist früh abgehauen, seine Mutter ist alkohol-und medikamentenabhängig. Skander landet mit zehn in der Banlieue. Zu Anfang glänzt er durch schulische Höchstleistungen. Als er in die Pubertät kommt, muss er sich den sozialen Codes des Viertels anpassen. Er lernt Leute zusammenzuschlagen, um sich einer Peergroup anzuschließen, bei der er mehr Schutz findet, als wenn er alleine bleibt. Die Menschen im Viertel sind chancenlos, dem gesellschaftlichen Abstieg zu entkommen. Geld wird zum begehrten Lustobjekt. Jeder will es haben, also wird geklaut, vertickt, gedealt. Jugendamt und Lehrer hatten ihre helle Freude an Skander, diesem Ausnahmetalent. Solange sie sich seine Leistungen auf die Fahne schreiben konnten, begünstigten sie ihn. Als er sich (erwartungsgemäß) dem kriminellen Sog des Viertels nicht mehr entziehen konnte, ließ die Enttäuschung allen den Mund offen stehen. Eine gut lesbare Coming of Age-Geschichte, die die Chancenlosigkeit, den Klassismus gut abbildet. Was mir nicht so gut gefallen hat, war der lapidare Tonfall Skanders, so als würde er über allen Dingen stehen.

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Veröffentlicht am 30.04.2026

Intensives Psychogramm

Reizklima
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Andre steht immer im schwarzen Parka mit Kunstfellbesatz und kamelbraunen Lederboots an der Strandpromenade, in der einen Hand das Handy, in der anderen die Zigarette. Dass der Wind an ihm zerrt und ihm ...

Andre steht immer im schwarzen Parka mit Kunstfellbesatz und kamelbraunen Lederboots an der Strandpromenade, in der einen Hand das Handy, in der anderen die Zigarette. Dass der Wind an ihm zerrt und ihm Gischt ins Gesicht spuckt, scheint den Berufssoldaten nicht zu stören. An manchen Tagen sieht Eva ihn in Sportkleidung die Klinik verlassen und zum Strand runterlaufen. Zum Frühstück kommt er fast immer, zum Abendessen gelegentlich. Später am Abend sieht man ihn im Spiegelsaal. Er ist höflich, aber auch ein bisschen unheimlich.

Sie sitzt mit Viktor am Frühstückstisch. Gleich an ihrem ersten Morgen wartete er nach seiner freundlichen Begrüßung auf einen weiteren Blick von ihr, um sofortige Gesprächsbereitschaft zu zeigen: „Möchte sie eine Tee?“. Mittlerweile weiß sie über Viktor wahrscheinlich mehr als über sich selbst. Er sei Mitte der neunziger vom Balkan nach Deutschland gekommen. Er ist handwerklich ziemlich geschickt und hat sich vom Fliesenleger zum privaten Gärtner eines Fabrikanten hochgearbeitet. Im Sommer kümmert er sich auch um dessen Finca auf Mallorca. Er hat Schuppenflechte und Rücken und fährt deswegen immer wieder ins Sanatorium an die Nordsee. Sobald er über das Handy wischt, will er ihr sein Haus und seine Terrasse zeigen …

…materielle Zeugnisse eines hart erarbeiteten und für ihn nicht selbstverständlichen Wohlstands. S.15

An einem Morgen wird Nelli zu ihnen an den Tisch gesetzt. Sie ist vielleicht Anfang zwanzig, redet schnell und viel, so, als sitze ihr die Zeit im Nacken. Sie isst Roggenbrötchen, weil ihr Weizen verboten wurde und die Marmelade, das braucht sie einfach, Kirsch ist ihr die liebste. Ihre Hände mit den perlmuttfarben lackierten Fingernägeln schweifen weit aus. Sie leide an Schuppenflechte, Morbus Crohn, Rheuma und Asthma. Warum Eva hier sei, will Nelli wissen. „Neurodermitis“. Ach ja, das habe Nelli auch, nur vergessen, es zu erwähnen.

Fazit: Silke Knäpper hat in ihrem vierten Roman ein intensives Psychogramm über mehrere Menschen an einem Kurort erzählt. Die introvertierte Protagonistin beobachtet ihre Mitpatient*innen und nähert sich auf diese Weise sich selbst und ihren eigenen Problemen an. Da ist Andre, der sich beruflich verpflichtet hat, sein Land zu verteidigen. Er ist in die Fußstapfen seines Vaters und Großvaters gestiegen und stolz darauf. Zuhause warten Frau und Kind auf ihn, aber warum kann er das Mausen nicht lassen? Nelli, eine junge Frau, gerade der Jugend entwachsen und schon frustriert und gesundheitlich gebeutelt. Ihr Wunsch nach Aufmerksamkeit erschwert ihr den Zugang zu ihren Mitmenschen. Nadine ist Anfang dreißig und fast ganzkörpertätowiert. Dennoch wirkt sie zerbrechlich und erleidet tatsächlich regelmäßige Zusammenbrüche. Nadine hat Dinge erlebt, die jeden fühlenden Menschen aus der Normalität geschlagen hätten. Die Autorin ist eine extrem gute Beobachterin. Hier vermittelt Körpersprache und Gesagtes ein sehr genaues Bild von dem Menschen über den die Protagonistin gerade nachdenkt. Was mir richtig gut gefällt ist, dass keine Wertung stattfindet. Ich erfahre den Ist-Zustand der Leute wie eine Wasserstandsmeldung und kann mich ganz leicht darauf einlassen. Hier lautet der Tenor, dass wir alle unsere Gründe haben, so zu sein, das Ergebnis aus unseren Erfahrungen und Kompensationsversuchen sind. Und im Grunde sind wir alle versehrt. Dieses 130 Seiten Büchlein steckt voller emotionaler Wärme und Mitgefühl. Und ich hätte mir gerne noch viel mehr Menschen von Silke Knäpper vorstellen lassen.

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Veröffentlicht am 22.04.2026

Leicht zugängliche Leidensgeschichte

Paradise Beach
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Ada kann nicht schlafen, wie so oft. Um 03:14 hört sie ein Klirren über ihrer Etage, gefolgt von einem Schrei. Um 03:17 ruft sie die Polizei. Die Polizistin wirkt freundlich, fragt sie nach dem Grund ihres ...

Ada kann nicht schlafen, wie so oft. Um 03:14 hört sie ein Klirren über ihrer Etage, gefolgt von einem Schrei. Um 03:17 ruft sie die Polizei. Die Polizistin wirkt freundlich, fragt sie nach dem Grund ihres Anrufs. Sie muss alles dokumentieren und hält Adas Worte auf einem Notizzettel fest. Dann geht sie. Ada schaut aus dem Fenster und sieht die Polizisten mit dem Typen sprechen, der über ihr wohnt. Er steht vor dem Krankenwagen und gestikuliert aufgeregt. Sein linker Arm ist bandagiert. Er trägt schwarze Skinny-Jeans und braune Mokassins. Auf seinem weißen Shirt ist Blut.

Ada denkt an Oma Ylvi. Kurz bevor Ylvi stürzt, feiert Ada ihren elften Geburtstag. Ylvi bricht sich den Oberschenkelhals und verliert ein paar Zähne. Adas Mama Mo will Ylvi bei ihnen aufnehmen, aber das will Adas Vater nicht. Also ziehen Mo und Ada zu Ylvi, als sie aus dem Krankenhaus zurückkommt. Vormittags kommt der Pflegedienst, wäscht Ylvi und geht ihr zur Hand. Am Nachmittag kocht Mo und verhindert Stürze. Dazwischen sitzt Ada bei Ylvi und schneidet Grimassen mit ihr.

Ihre Cousine Lill wohnt gleich nebenan. Sie ist ein Jahr älter als Ada und viel cooler. Während Ada noch mit Ylvis Baumwollnachthemden durchs Haus tobt, trägt Lill schon enge Jeans und bauchfreie Tops. Zwei Jahre später lernt Ada Elja kennen, die mit ihrer Familie Ferien macht. Es ist die Zeit, in der Ada zum ersten Mal eine Verschiebung in ihrem Körper spürt und danach ist nichts mehr wie vorher.

Fazit: Dara Brexendorf, freie Autorin und Literaturvermittlerin, hat in ihrem Debüt das Thema Endometriose verhandelt. Ihre Protagonistin ist Anfang dreißig als eine fähige Gynäkologin Endometriose diagnostiziert. Ada wird operiert und frühzeitig in die Menopause katapultiert. Während ihrer Krankschreibung rekonstruiert sie die Anfänge ihrer Krankheit, wie sie ihr die Leichtigkeit der Jugend nahm und wie sie ihre erste große Liebe verpasste. Sie ist dreizehn, als ihr Zyklus aktiv wird. Vier Wochen später blutet sie sehr stark und hat heftige Krämpfe. Sie glaubt damit klarkommen zu müssen, weil doch alle Frauen irgendwie damit klarkommen. Man spricht schlicht nicht über Monatsblutungen. Die Geschichte zeigt deutlich den spürbaren Leidensdruck. Auch wenn Ada ein feines Gespür für andere entwickelt, kreist sie gedanklich um sich selbst. Die Krankheit hindert sie daran, sich tiefer auf Menschen einzulassen. Dara Brexendorf ist eine überaus gute Erzählerin. Alles ist unaufgeregt und ruhig. Melancholie prägt die Grundstimmung. Sie erzählt konsequent im Präsens auch die Rückblicke, das ist am Anfang etwas verwirrend, stört dann aber nicht weiter. Die Figuren sind fein ausgearbeitet, so dass ich das Gefühl hatte, dabei zu sein. Die Autorin hat ein Tabuthema entstigmatisiert, ein Frauenleiden an die Oberfläche geholt und das scheint mir wichtig. Eine leicht zugängliche Leidensgeschichte ohne großen Druck, verständlich gemacht.

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Veröffentlicht am 21.04.2026

Ein kulturelles und intellektuelles Feuerwerk

Bildnis eines Unsichtbaren
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Hans besuchte seinen damaligen Weggefährten Serge nach vielen Jahren in Paris. Sie wollten Silvester 1999 gemeinsam verbringen. Die vielen Jahre AIDS hatten die Stadt entvölkert. Serge war bisher auf dreiundvierzig ...

Hans besuchte seinen damaligen Weggefährten Serge nach vielen Jahren in Paris. Sie wollten Silvester 1999 gemeinsam verbringen. Die vielen Jahre AIDS hatten die Stadt entvölkert. Serge war bisher auf dreiundvierzig Beerdigungen gewesen. Er verbrachte nur noch jedes vierte Wochenende in Paris, den Rest der Zeit arbeitete er auf dem kleinen Weingut seiner betagten Eltern in Roussillon.

Hans erinnert die Zeit, als er achtzehn war und mit dem Zug zum ersten Mal nach Paris kam. Kurz vor Antritt des Zivildienstes wollte er die Stadt der Liebe gesehen haben. Er war in einer Jugendherberge untergekommen, die sich als ausgebaute Gartenlaube mit je sechs Pritschen entpuppte. Nach der langen Fahrt schlief er ein, und als er erwachte, saß Serge auf dem Bett gegenüber. Einen so schönen Mann hatte er noch nie gesehen. Trotz Hans Schüchternheit kamen sie ins Gespräch. Er wollte in die Oper und da Serge selbst noch nie in der Oper war, begleitete er ihn. Am nächsten Abend saßen sie im Palais Garnier und lauschten der Musik Monteverdis.

Danach entdeckten sie gemeinsam Versailles – die Pracht auf Erden. Sechzig Kilo Gold in den Tapisserien verwebt. Sie lachten über Ludwig den XIV.

… hielten ihn für die erfolgreichste heterosexuelle Tunte, die je geatmet hat. Mit Federbüschel, Quasten, Tressen am Hut, Rubingehänge und Schnallenschuhe mit roten Absätzen. S. 13

Nach drei Wochen saß Hans im Nachtzug und heulte. Er dachte, sie würden sich nie wieder sehen. Doch dann reisten sie mit einem klapprigen VW-Käfer durch Deutschland. Sie führten ein Jahr lang konsequent Briefkontakt und jedes Jahr war Hans bei Serge. Bei einer Schlossbesichtigung in der Nähe von Melun brach Serge plötzlich vor dem Porträt Liselottes von Pfalz schweißgebadet zusammen. Nach einer Pause und einem Steak ging es besser. Serge war der erste HInfizierte den Hans kannte.

Fazit: Der vielfach ausgezeichnete Autor Hans Pleschinski erzählt in dieser Neuauflage fünfunddreißig Jahre seines Lebens und von den Menschen, denen er begegnete. In seiner atmosphärischen Erzählung gewinne ich einen Eindruck seiner Zeit, in der ich selbst vierzehn war. HIV hielt Einzug und verunsicherte die Schwulenszene zutiefst. Plötzlich konnte jeder Träger dieses (damals) todbringenden Virus sein. Die unmittelbaren Gefahren des Kalten Krieges und des Wettrüstens waren gegenwärtig. Als junger Künstler und Intellektueller wollte er dem spießigen Muff des Bürgertums mit allen Konventionen entgehen und schloss sich dem Lebensstil der Bohème, entstanden im Pariser Quartier Latin, an. Er fand Weggefährten aus den künstlerischen Bereichen, die ihn unterstützten und mit denen ihn lebenslange Freundschaft verband. Allen voran den älteren Galeristen Volker, mit dem er dreiundzwanzig Jahre, bis zu dessen Tod eine tiefe Beziehung pflegte. Der Autor erzählt über die Beschaffenheit der nüchternen Persönlichkeit Volkers, der den jüngeren sehnsüchtigen Hans erdete. Die Geschichte ist ein kulturelles, intellektuelles Feuerwerk. Feurige Lebenslust gepaart mit Aufbruchstimmung findet Abkühlung in den weltlichen Katastrophen und es erfordert eine Menge Lebensmut, den Gefahren nicht mit depressivem Rückzug zu begegnen. Das Buch ist ein Zeitzeugnis aus der Sicht einer anderen Gesellschaftsschicht. Und ich muss gestehen, dass ich nicht nur außen vor geblieben bin, sondern mich regelrecht ausgeschlossen habe. Das passiert mir selten in Büchern und ich habe lange darüber nachgedacht, woran das liegt. Ich hatte den Eindruck einer elitären Gruppe dabei zuzusehen, besonders zu sein und das war so weit von meiner Lebenswirklichkeit, von meinen Nöten und Ängsten entfernt, dass ich mich distanziert habe. Ich muss aber auch betonen, dass das mein ganz persönlicher Eindruck ist. Ich habe von Leser*innen gehört, die das Buch sehr schätzen konnten. Für alle, die „Zwei Männer in einem Raum“ von Walter Vogt mochten.

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Veröffentlicht am 17.04.2026

Verstörend

Das zwölfte Haus
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Mollis Haus steht kurz vor dem Fjord. Fünfunddreißig Quadratmeter für sie und ihren Hund. Es ist das zwölfte Haus, in dem sie wohnt, diesmal allein. Sie wird bald dreißig, arbeitet in einem Pflegeheim. ...

Mollis Haus steht kurz vor dem Fjord. Fünfunddreißig Quadratmeter für sie und ihren Hund. Es ist das zwölfte Haus, in dem sie wohnt, diesmal allein. Sie wird bald dreißig, arbeitet in einem Pflegeheim. Die Tote vor ihr ist erst gestern eingeliefert worden und hörte in der Nacht auf zu atmen. Molli zündet fünf Kerzen an und öffnet das Fenster.

An ihrem sechzehnten Geburtstag ist sie mit zwei Pappkartons und einer Decke ausgezogen. Sie fuhr mit dem Bus zur eigenen Wohnung, schloss auf, legte sich auf den Fußboden, zog die Decke über sich und schlief bis zum nächsten Abend.

Sie sitzt auf der Bank vor dem Pflegeheim, als Karla anruft. Sie geht nicht gleich ran. Karla ruft selten an, meistens ist es Molli und dann gibt Karla sich so, als würde sie stören, als hätten sie gerade erst telefoniert, dabei ist es schon vier Monate her.

Karla kann ihre Aufregung kaum verbergen: „Sie haben Bill und Ib am Fluss gefunden. Zwischen Ibs Zehen steckte noch die Spritze. Beide hatten blutige Gesichter. Bill liegt im Krankenhaus und atmet trotz gebrochener Rippen. Sie wissen nicht, ob er wieder aufwachen wird.

Es gibt viele Arten von Gewalt, man kann einen ganzen Strauß davon abbekommen. S. 18

Karla wurde von einem fürchterlichen Mann erwählt: Sein Blick, wenn Mollis Gabel beim Abendessen versehentlich über den Teller kratzte, seine flache Hand, die auf den Tisch krachte, die Stille davor und danach, der Puls an seinem Hals.

Fazit: Malin C.M. Rønning erzählt eine düstere Familiengeschichte aus Sicht der zehnjährigen Molli. Ihre Mutter Karla träumt von einer Fußbodenheizung, einer Wäscheleine ganz für sich und Ruhe im Haus, denn Karla verdient ihr Geld nachts. Der kontrollsüchtige Frank kann ihr das bieten und so zieht sie mit ihren Kindern Molli und Bill in ein abgelegtes Industriegebiet in Franks blaues Haus. Der sechzehnjährige Bill bewohnt den ausgebauten Keller, die anderen leben oben. Schnell wird klar, dass Frank keine störenden Kinder mag. Als Karla Frank für vier Wochen zu einem Job begleitet, beauftragt sie ihren Bruder Dan, auf die Kinder aufzupassen und schon bald laufen die Ereignisse aus dem Ruder. Die Gewaltherrschaft durch Frank und einige andere Vorkommnisse verunsichern Molli tief, die sich zunehmend zurückzieht. Es ist tragisch zu sehen, wie Karla an diesem Mann festhält, der völlig unzulänglich ist. Wie sie sich die Dinge schönredet. Eine Weile macht es den Anschein, als wäre sie eine liebevolle Mutter, doch tatsächlich will sie stets für gute Stimmung sorgen und alle bei Laune halten vor allem Frank, der unter der Oberfläche immer brodelt. Der Autorin ist eine Geschichte gelungen, die unangenehm und verstörend ist. Molli sieht Dinge, die selbst bei mir, einer Erwachsenen, Albträume hervorrufen würden, ganz abgesehen von dem Mangel an Fürsorge, Struktur und Verlässlichkeit. Für alle, die psychologisch tiefgreifende Plots mögen. Erinnert am ehesten an „An Rändern“ von Angelo Tijssens.

Muss ich erwähnen: Das Cover fühlt sich an wie Wachs und ist haptisch vergnüglich.

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