Klassismus und Chancenlosigkeit
Ein ziemlich anderes LebenSkander war schlecht und nutzlos, deshalb ließ er sich aus einem Meter Höhe auf den Kopf fallen. Der Arzt, der ihn genäht hatte, wollte wissen, was in ihn gefahren war.
Er war etwa ein Jahr alt, als er ...
Skander war schlecht und nutzlos, deshalb ließ er sich aus einem Meter Höhe auf den Kopf fallen. Der Arzt, der ihn genäht hatte, wollte wissen, was in ihn gefahren war.
Er war etwa ein Jahr alt, als er und seine Schwester bei der Aide Sociale á l´enfance gelandet waren, kurz darauf kamen sie zu Nicole. Er nannte seine Pflegemutter Tante. Ihre Tochter Delphine wurde so eine Art Schwester für sie. Einige Jahre später, als Skander aus einem Ferienlager zurückkam, hatte der Krebs Nicole plötzlich dahingerafft. Seine Schwester und er verstanden erst bei der Beerdigung, wohin sie entschwunden war. Delphine zog sich immer weiter zurück und dann sagte sie ihnen, dass sie eine andere Pflegestelle finden müssten. Den Rest des Sommers mussten sie Familien abklappern. Madame Davert vom Jugendamt präsentierte Skander von seiner besten Seite, ohne Albträume und imaginären Freund.
Und dann wurde es Madame Khadija. In erster Linie, weil sie Algerierin war, wie er. Skanders alkoholkranke Mutter, die noch immer das Sorgerecht hatte, obwohl sie sich nicht um die Kinder kümmern konnte, hatte sich gegen französische Familien entschieden. Nun kam Skander ohne seine Schwester in die berüchtigte Banlieue, ein Pariser Randbezirk, in dem sie aus allen Herrenländern in kaninchenschartenartigen Wohnblocks untergebracht waren. Obwohl Khadija reich war, wollte gegen gutes Geld vom Staat noch mehr Pfleglinge aufnehmen. Sie besaß echten Goldschmuck, fuhr einen Wagen mit Diplomatenkennzeichen und unterstützte ihre Großfamilie in Algerien.
Fazit: Mokhtar Amoudi erzählt in seinem preisgekrönten Debütroman die Geschichte eines Jungen, der, wie er selbst in einem Ghetto aufwächst. Skanders Vater ist früh abgehauen, seine Mutter ist alkohol-und medikamentenabhängig. Skander landet mit zehn in der Banlieue. Zu Anfang glänzt er durch schulische Höchstleistungen. Als er in die Pubertät kommt, muss er sich den sozialen Codes des Viertels anpassen. Er lernt Leute zusammenzuschlagen, um sich einer Peergroup anzuschließen, bei der er mehr Schutz findet, als wenn er alleine bleibt. Die Menschen im Viertel sind chancenlos, dem gesellschaftlichen Abstieg zu entkommen. Geld wird zum begehrten Lustobjekt. Jeder will es haben, also wird geklaut, vertickt, gedealt. Jugendamt und Lehrer hatten ihre helle Freude an Skander, diesem Ausnahmetalent. Solange sie sich seine Leistungen auf die Fahne schreiben konnten, begünstigten sie ihn. Als er sich (erwartungsgemäß) dem kriminellen Sog des Viertels nicht mehr entziehen konnte, ließ die Enttäuschung allen den Mund offen stehen. Eine gut lesbare Coming of Age-Geschichte, die die Chancenlosigkeit, den Klassismus gut abbildet. Was mir nicht so gut gefallen hat, war der lapidare Tonfall Skanders, so als würde er über allen Dingen stehen.