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Veröffentlicht am 03.03.2026

Große Unterhaltung

Unser Haus mit Rutsche
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Der berühmte Künstler Anton Meme hatte Layla erst kürzlich einen Heiratsantrag gemacht, auf ihren Anrufbeantworter, um drei Uhr früh, nach einem halben Jahr Funkstille. Vermutlich schickte er seine Botschaft ...

Der berühmte Künstler Anton Meme hatte Layla erst kürzlich einen Heiratsantrag gemacht, auf ihren Anrufbeantworter, um drei Uhr früh, nach einem halben Jahr Funkstille. Vermutlich schickte er seine Botschaft von einem manischen Höhenflug aus, in die tiefe Schlucht, in die sie hinabgeglitten war, doch es war zu spät. Die großen Gefühle waren da, aber sie waren beide zu kaputt, um den Traum von Familie und Idylle zu verwirklichen.

Layla hat viele schöne Erinnerungen an ihre Kindheit. Ihr irakischer Babe war zum Studium nach Saarbrücken gekommen, traf dort ihre französische Maman und warb um sie. Ja, er war charmant und spitzbübisch, steckte voller großer Zukunftsvisionen, aber sie rebellierte vor allem gegen ihre blasierte Mutter aus dem gehobenen Bürgertum.

Zuerst kam Layla auf die Welt und später ihr Bruder Nouri, den sie Seestern nennt. Sie erinnert sich noch gut an ihre ersten Flugversuche, vom Hochbett mit ausgebreitetem Tuch, wie Batman oder den schrägen Dielenboden hinab, wo sie es nie schaffte, noch vor dem großen Esstisch abzuheben und dann aus dem Fenster hinauszufliegen. Die Expeditionen mit Babe im Wohnzimmer, wo sie mit dem Schiff im Sand strandeten und sich gegen wilde Tiere verteidigen mussten, bis Seestern sie rettete und sie mit dem Teppich in die Lüfte flogen, wie bei Alibaba und den Räubern. Seesterns süßes Lachen, göttlich.

Layla hatte ihre Großeltern in Irak noch nie gesehen, Opa und Oma Lyne dagegen jedes Weihnachten. Sie fuhren zu der großen Villa, saßen gefühlt tagelang um den großen Wohnzimmertisch mit dem geblümten Geschirr und Tilda tischte Austern, Schnecken in Knoblauch, Paté, Gans mit Rotkohl und Klößen und Passionsfruchtsorbet auf. Noch bevor sie das Dessert vor sich stehen hatten, geschweige denn die Geschenke ausgepackt, stritten Babe und Oma Lyne, bis alle ins Auto springen und zurück nach Saarbrücken fuhren.

Fazit: Safia Al Bagdadi, Schauspielerin und Autorin, hat eine Familiengeschichte mit herrlich menschlichen Persönlichkeiten geschaffen. Ihre erwachsene Protagonistin verzweifelt daran, dass sie zu nichts kommt, obwohl sie arbeitet, seit sie vierzehn ist. Sie leidet unter Ängsten und Melancholie und hofft, dass eine Psychiaterin sie wieder in die Spur bringt. In dieser Therapie begegnet Layla unangenehmen Fragen, die dazu führen, dass sie sich mit ihrem Vater auseinandersetzt. Ein geselliger, allseits beliebter Mann, leidenschaftlicher Verfechter neuer Geschäftsideen und Querulant, der viel versprach und nichts hielt. Als der zweite Golfkrieg 1990 beginnt und der Irak mit einem Wirtschaftsembargo belegt wird, platzen Babes Träume. Er rutscht in eine Depression und die Mutter muss die Sorge für die Familie übernehmen. Aus dem einst schillernden Paar wird ein streitendes. Was mir an diesem Roman wirklich gut gefällt ist, wie Safia Al Bagdadi Laylas Kindheit beschreibt. So etwas Schönes, Lustiges, Anrührendes habe ich noch nicht gelesen. Ich spüre Layla mit jeder Zelle nach, lache und weine mit ihr. Was für eine tolle Persönlichkeit hier entstanden ist. Überhaupt sind alle Charaktere so authentisch gezeichnet. Die ganze Geschichte liest sich völlig reibungslos, obwohl es einen Schwerpunkt gibt, das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Kulturen. Babe, der mit einer Leichtigkeit agiert, die ihm das Gefühl der Verantwortung nicht nur für seine Familie in Deutschland nimmt, sondern ihn auch seine traditionellen Verpflichtungen seiner irakischen Familie gegenüber vergessen lässt. Diese Ambivalenzen zwischen tougher Mutter und laissez-fairem Vater, der nicht verlässlich ist, führt bei Layla schließlich zu Prozessen der Selbstsabotage und dem Verzweifeln daran. Große Unterhaltung.

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Veröffentlicht am 02.03.2026

Erschütternd

Die Namen
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Der Name des Sohnes hat den Vater zu ehren, deshalb soll Coras Sohn jetzt wie sein Vater Gordon Atkin heißen. Sie hätte ihn lieber Julian genannt, was Himmelsvater bedeutet und ihr mehr als genug der Ehrerbietung ...

Der Name des Sohnes hat den Vater zu ehren, deshalb soll Coras Sohn jetzt wie sein Vater Gordon Atkin heißen. Sie hätte ihn lieber Julian genannt, was Himmelsvater bedeutet und ihr mehr als genug der Ehrerbietung wäre, aber das transgenerative Familientribunal hat entschieden.

Bear Atkin schreibt die Standesbeamtin schließlich in die Urkunde. Cora fühlt sich beflügelt. Sie weiß, dass dieser Moment ein ganz großer im Leben ihrer Tochter Maia ist, denn sie hat den Namen gefunden und wurde gehört.

Cora weiß ganz genau, was jetzt zu tun ist. Sie bringt Maia bei der Mutter Majas Freundin unter, stellt die Kinderwippe samt Bear in den Kleiderschrank, prüft, ob genug Sauerstoff hereinkommt, wenn sie die Türe nur einen Spalt auflässt. Dann wartet sie. Um halb sieben kommt Gordon aus der Praxis, küsst sie auf die Wange und während er die Kristallkaraffe in die Hand nimmt, erzählt sie ihm, dass sie seinem Sohn einen anderen Namen gegeben hat. Als sie in seinen Augen sieht, dass er ihr nicht glaubt, zieht sie die Geburtsurkunde zwischen zwei Kochbüchern hervor und reicht sie ihm mit zitternder Hand. Die Karaffe zersplittert auf den Küchenfliesen. Gordon greift in Coras Haare, reißt ihren Kopf nach hinten, so als wolle er sie küssen und schlägt ihn dann gegen die Kühlschranktür: „Kannst du nicht … Bumm einmal etwas … Bumm richtig machen … Bumm. Sie weiß, dass die Terrassentür nur angelehnt ist und macht jetzt etwas, das sie sonst nie macht. Sie schreit. Gordon hält ihr den Mund zu, aber Cora beißt zu. Kurz hält der Schmerz Gordon zurück und Cora rennt los.

Fazit: Florence Knapp hat hiermit ein Romandebüt geschaffen, das in über 25 Ländern erscheint. Sie verhandelt gekonnt die Frage, inwiefern uns unser Name prägt. Ihre Protagonistin lebt in einer Ehe mit dem gewalttätigen Gordon. Sie haben einen (noch namenlosen) Sohn und die neunjährige Tochter Maia, nach deren Geburt Cora ihre Ballettkarriere aufgegeben hat. Die Autorin erzählt die Geschichte in drei Szenarien von 1987 an, dem Tag, als Cora aufs Standesamt gehen soll, um den Namen Gordon eintragen zu lassen. Da ist die Geschichte Bears (Wunschname der Tochter), der sich zu einem liebevollen Mann entwickelt. In Bears Realität ist der Mann gestorben, der seiner Mutter helfen wollte, Cora lebt also noch. Dann ist da die Geschichte Julians (Wunschname Coras), der sich ebenfalls zu einem liebevollen Mann entwickelt. In Julians Realität ist Cora tot, der Vater im Gefängnis und er und seine Schwester wachsen bei Coras Mutter auf. Und zuguterletzt ist da noch Gordon (Wunschname des Vaters). In seiner Wirklichkeit leben die Eltern immer noch zusammen. Gordon leidet ebenso unter der mangelnden Wertschätzung seines Vaters, wie der unter seinem eigenen Vater gelitten hat und tritt in ähnliche Fußstapfen. Es war wegen der Sprünge nicht ganz leicht für mich, der Geschichte zu folgen und ich muss auch gestehen, dass ich sehr überrascht war, weil der Klappentext diesen Inhalt, der mich zu Anfang schier überrollt hat, nicht erwarten ließ. Dennoch liest sich diese neue Stimme durchweg gut und die Botschaft, die sie transportiert, finde ich wichtig und lesenswert. Wer sich also mit dem Buchanfang arrangiert, wird mit einer komplexen und tiefgreifenden Erzählung belohnt.

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Veröffentlicht am 27.02.2026

Sehr atmosphärisch

Schwarzer September
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Sommer 1972 in Fiumetto (Ligurien)

Der zwölfjährige Gigio ist mit seinen Eltern am Meer. Seine Mama ist eine Erscheinung mit ihrem roten Haar, den smaragdgrünen Augen und den Sommersprossen auf magnolienweißer ...

Sommer 1972 in Fiumetto (Ligurien)

Der zwölfjährige Gigio ist mit seinen Eltern am Meer. Seine Mama ist eine Erscheinung mit ihrem roten Haar, den smaragdgrünen Augen und den Sommersprossen auf magnolienweißer Haut. Ihre Schönheit ist in Irland verwurzelt. Mit elf Jahren kam sie aus einem verrufenen Stadtteil Dublins mit ihren Eltern nach Italien.

Sein Vater war nicht minder schön. Er trug pechschwarzes Haar zu einer hageren Gestalt mit muskulösen Armen. Er war von sorglosem Gemüt, das an Oberflächlichkeit grenzte, ihn aber von innen strahlen ließ. Er hatte eine kleine Anwaltskanzlei in Vinci und eine größere in Florenz und arbeitete viel. Deswegen fuhr er immer wieder nach Vinci oder Florenz, war aber am Wochenende wieder bei ihnen am Strand, wo er seiner größten Leidenschaft frönte, dem Segeln. Kaum war er zurück, packte er mit größtem Eifer Gigio ins Auto und sie fuhren zur alten Tivatú, um das Meer zu erobern.

Es geschah auch in Fiumetto bei Renzo, dem Friseur, der Gigios Lockenpracht bändigte. Gigio hatte beobachtet, wie die Männer, die zu Renzo kamen, an seiner Ladentheke herumscharwenzelten und wie Renzo unter die Kasse griff und ein paar Heftchen verteilte. Dann kam der Tag, auf den er nur gewartet hatte. Renzo wurde zu seinem Auto gerufen, das im Halteverbot stand und Gigio schlich hinter die Theke und griff nach einem Heftchen, schlug es auf und schluckte. Er sah Frauen fast ohne Kleidung und es waren schöne Frauen. Doch als plötzlich die Tür aufging und Renzo eintrat, flüchtete Gigio mit puterrotem Kopf und beschloss, dass seine Locken in Ordnung waren. Fortan mied er den Salon.

Fazit: Der Premio Strega-Preisträger Sandro Veronesi hat sich in diesem Buch einer Coming -of- Age Erzählung gewidmet. Sein Protagonist ist ein ganz normaler Teenager, der Musik und Sportler liebt. Eher aus Achtung vor seinem Vater, als aus eigenem Interesse geht er mit ihm segeln. Doch dann trifft er die dreizehnjährige Astel wieder, die sich innerhalb eines Jahres äußerlich sehr verändert hat. Astels Mutter stammt aus Äthiopien, ihr Vater ist ein steinreicher, feister Marmorhersteller aus Italien. Astel möchte ihr Englisch intensivieren und bittet Gigio um Hilfe. Gigio taucht in eine völlig neue Welt ein und verliebt sich intensiv in Astel. Gigios vorherige Interessen schwinden und machen Platz für seinen Augenstern. Währenddessen kommt es zu seltsamen Verwicklungen im Leben der Erwachsenen, die man ihm gerne vorenthalten würde, doch Gigio weiß sich zu helfen, indem er sie belauscht. Der Roman liest sich wie ein Italienurlaub. Ich spüre während des Lesens die romanische Sprachmelodie, höre die flatternden Segel auf dem Mittelmeer, rieche die Sonnencreme, spüre die Gischt im Gesicht, schmecke die Pizza und den Rotwein. Sonne auf der Haut, Sand zwischen den Pobacken und Liebe im Herzen. Sandro Veronesi schreibt sehr atmosphärisch und er bedient sich verschiedener Schreibstile. Der erwachsene Protagonist blickt zurück, erinnert sich und klingt ein bisschen wie der Erzähler im Buch „Der Name der Rose“. Er baut Spannung auf, indem er mögliche Ereignisse vorwegnimmt (das war die letzte Fahrt auf der Tivatú mit meinem Vater) das macht neugierig auf das Warum? (passiert ihm was?) Er greift den Zeitgeist auf und thematisiert die Olympiade von 1972 in München und die Terrororganisation „Schwarzer September“, er zeigt, dass es in Italien keine Schwarzen gab und den Rassismus, der Astels und Gigios Müttern entgegenschlug, weil sie anders aussahen. Und er hat mir das Wesen eines Jungen nahegebracht. Es waren eine Menge Informationen über Sport, Schach und das Segeln, doch das verzeihe ich gerne.

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Veröffentlicht am 24.02.2026

Popkulturelles Knallbonbon

Partypeople
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Sie stehen im Lustpark von Schloss Versailles. Er, Monsieur infrarot, der ihm während der Wartezeit auf seinen Auftritt einheizt und Monsieur Umbrella, der ihm im Schneeregen das Haupt trocken hält. Der ...

Sie stehen im Lustpark von Schloss Versailles. Er, Monsieur infrarot, der ihm während der Wartezeit auf seinen Auftritt einheizt und Monsieur Umbrella, der ihm im Schneeregen das Haupt trocken hält. Der Tech-Riese aus Palo Alto, der das Event für den Launch eines E-SUV Herstellers finanziert hat, scheint es so gewollt zu haben. Die Tickets kosteten im Early-Bird Vorverkauf 170 € und scheinen ausverkauft.

Und dann geht es auch schon los. Er betritt den Platz hinter seinem Mischpult. Ein weißer Lichthagel flackert im Raum, zuckt sachte hin und her. Er schiebt seinen Scandisc-USB-Stick in den CDJ 3000 Nexus und hebt die Hände gen Himmel, so als würde er das Licht beherrschen. Aus den Lautsprechern erklingt eine Ouvertüre. Er lässt den Beat nicht einsetzen, sondern stoppt den Sound. Stille. Elektrische Spannung breitet sich im Publikum aus. Dann Playtaste, die Vokals setzen ein, Lichtblitze wie Trommelwirbel. Die Kickdrum peitscht die Leute hoch. Manche schließen die Augen und lassen sich in die tieferen Frequenzen fallen.

Als er einen Tick zu spät, mit schulterfreiem Netzhemd und den Darkwashed-unisex-Baggy-Jeans über das Rollfeld stolpert, brüllt der Pilot ihn wegen der Verspätung an, als ob ihm das zustünde. Er wäre lieber mit dem Hubschrauber zum nächsten Event nach Mykonos geflogen, aber das war wohl nicht drin. Jetzt muss er seine Givenchy- und Versace-Handtasche, einschließlich der Birkin Reisebag auf engstem Raum verstauen.

Fazit: Stefan Sommer peitscht seinen namenlosen Ich-Erzähler durch die Welt der Reichen und Schönen. Der homosexuelle Protagonist hat sich auf elektronische Musik spezialisiert und ist damit so erfolgreich, dass er für geschäftliche Events ebenso gebucht wird wie für Geburtstagsfeiern bekannter Milliardäre. Er kommt in den Genuss von Champagner und Gänsestopfleberpastetchen, die Drei-Sterne-Köchinnen persönlich kredenzen, nächtigt in luxuriösesten Resorts und lebt von der reuelosen Geldverschwendung seiner Protegés. Allerdings ist die Luft dort oben im Musikhimmel dünn und die Konkurrenz groß. Der Stress, das 2. Album zu liefern, durch die Welt zu jetten und sich mit Propofol, Ecstasy, Benzodiazepinen und viel Alkohol auf den Beinen zu halten, eine Herausforderung. Wenn man dann noch hofft, dass ein verheirateter Mann sich zu einem bekennt, dann hat man schon einiges zu bewältigen. Stefan Sommer ist ein Charakter gelungen, der mir mit seinen klugen, authentischen Bemerkungen ans Herz gewachsen ist. Er ist frech, charmant, mutig und so kaputt, wie man nur sein kann, wenn man das kapitalistische System, das einen füttert, bei Laune halten muss. Der Autor hat mich in eine Welt entführt, die ich als alte, weiße, cis Frau nicht mehr kennenlernen werde. Danke dafür. Ich mochte übrigens sein Debüt Trabant sehr, aber das hier ist ein ganz besonderes popkulturelles Knallbonbon.

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Veröffentlicht am 23.02.2026

Gut gemachte Geschichte

Was ist in meinem Alter sonst noch üblich?
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Ein letztes Abendessen in Triest bei 20 °C im Oktober. Sie lassen den Abend mit gefüllten Paprika ausklingen. Erika und Jan, seit sechsundvierzig Jahren Erika und Jan.

Sie hatte den ganzen Frühling und ...

Ein letztes Abendessen in Triest bei 20 °C im Oktober. Sie lassen den Abend mit gefüllten Paprika ausklingen. Erika und Jan, seit sechsundvierzig Jahren Erika und Jan.

Sie hatte den ganzen Frühling und Sommer ihrem älteren Bruder Kai beim Sterben zugesehen. Hatte viele Stunden an seinem Bett gesessen und dabei zugesehen, wie er ihr entglitt. In ihrer Selbstbezogenheit hatte sie gedacht, es könne schlimmer nicht kommen, doch dann hat ihr Gynäkologe eine Zellveränderung am Gebärmutterhals festgestellt.

Diese Oktoberwoche haben sie und Jan sich gegönnt. Sie, um wieder näher an Jan ranrücken zu dürfen. Erika leidet unter der Distanz, die ein stressiger Alltag zwischen sie geschoben hat. Sie sehnt sich leidenschaftlich nach Jans Blick, der ihr sagt, dass er sie will, nach seinen Händen, die sie packen.

Sie will Jan zum Frühstück rufen, öffnet die Schlafzimmertür und sieht ihn nackt auf dem Bauch liegen, ein Bein angewinkelt. Sie möchte sich neben ihn legen, seinen Nacken und die Schulterblätter liebkosen, die Wirbelsäule hinab bis zu den festen Pobacken, aber sie steht im Türrahmen und weiß, dass er sie seinen Körper nicht aufbrechen lässt. Seit sieben Jahren entzieht er sich ihr. Sie spürt die Tränen, die ihre Wangen hinabrinnen, weiß, dass sie ihn liebt, dass sie ihn will und schämt sich zugleich ihrer Bedürftigkeit.

Auf dem Bürgersteig vor der kleinen Trattoria sitzen sie sich gegenüber. Erika trinkt einen großen Schluck von ihrem Rotwein und hofft, Jan würde diesmal mehr als ein Glas nehmen. Sie will ihn wieder einmal fragen, was sie tun kann, wie sie attraktiver für ihn werden kann, doch Jan kommt ihr zuvor: „Erika, ich muss dir was sagen …“

Fazit: Wencke Mühleisen beschäftigt sich schriftstellerisch mit den Themen Gender, Sexualität, Feminismus und Politik. In dieser Geschichte widmet sie sich einer 65-jährigen Ehefrau und Mutter, die ihren Mann liebt und unter seinem körperlichen Liebesentzug leidet. Ihr Mann gesteht ihr eine andere Frau zu haben und erschüttert Erika schwer. Die Autorin zeigt versiert die Schwachstellen einer Beziehung. Wie versehrt wir alle durch familiäre Erfahrungen sind. Wie wir diese unbewussten Baustellen aus falschen Vorstellungen, Erwartungen und Fehlinterpretationen mit in eine Beziehung nehmen und dort weitertoben lassen. Zuerst kämpft Erika wie eine Löwin um die Beziehung. Der Schock spült alle möglichen Bilder in ihr Gehirn, mit denen sie sich quält. Die Eifersucht ist ausufernd, das Ego omnipräsent. Während der folgenden Paartherapie lernt Erika ihren Mann und sich selbst besser zu lesen. Die Geschichte ist hochaktuell und ich freue mich, dass Wencke Mühleisen sie zeigt. Es passiert häufig, dass Frauen mittleren Alters von ihren Männern wegen jüngeren Frauen verlassen werden. Männer in der depressiven midlife crisis, die plötzlich ihr ganzes Dasein infrage stellen. Und so schrecklich das auf den ersten Blick wirkt, liegt in einem Neuanfang auch eine große Chance für beide. Leider haben Frauen Erikas Generation internalisiert, dass sie ohne Kerl nicht klarkommen. Und ein wenig unterstreicht das Ende des Buches diese Ideologie auch und da hätte ich mir etwas frischeres gewünscht. Aber so what, die Geschichte ist gut gemacht, stringent, glaubhaft, mit zwei gut gezeichneten Charakteren. Für alle, die gerne Doris Knecht oder Julia Schoch lesen.

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