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Veröffentlicht am 16.03.2026

Bildreiche Erzählung

Der letzte Sommer der Tauben
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Noah steht auf dem Dach und beobachtet seine Tauben. Anders als sonst schließen die nervösen Vögel Allianzen mit fremden Gruppen. Er setzt den Lockvogel auf den Zaun und sieht seine Tauben zurückfliegen. ...

Noah steht auf dem Dach und beobachtet seine Tauben. Anders als sonst schließen die nervösen Vögel Allianzen mit fremden Gruppen. Er setzt den Lockvogel auf den Zaun und sieht seine Tauben zurückfliegen. Ein donnerndes Dröhnen erklingt, dann sieht Noah direkt vor sich, wie sich die Rotorblätter zweier Hubschrauber in den Himmel schrauben. Er könnte den Piloten winken, so nah sind sie, aber das ist keine gute Idee. Das Ehepaar, zwei seiner Tauben fehlen. Während er den Blick über den Himmel schweifen lässt, sieht er die schwarze Rauchsäule und weiß, dass er zurückmuss, dass sein Vater ihn braucht.

Gerade biegt er in die Gasse, die ihn in die Hektik des Basars führt und da sieht er am Rand der Medina den Rauch, noch bevor er ihn in die Augen beißt. Drei Männer in schlichten Uniformen mit geschulterten Gewehren werfen Poster, Kleidung und Zigaretten ins Feuer. Viele Menschen stehen drumherum, keiner sagt etwas.

Es ist ein Schauspiel, dessen Premiere alle erwartet haben – der Tag, an dem die Reinheit des Glaubens alle unislamischen Farben und Formen verschlingen soll. S. 9

Sein Vater sitzt zusammengesunken vor seinem Laden. Das Gesicht einst voller Wärme und Stolz, jetzt faltig und blass. Die Religionspolizei hat ihn mit mehreren Auflagen belegt. Die Puppen im Schaufenster hat er schon umgezogen, sie tragen jetzt Niqabs. Die fröhlichbunte Kleidung aus den schönsten Stoffen musste den traditionellen schwarzen Gewändern weichen. Jetzt müssen sie Gesichter, Haare und Haut auf den Verpackungen schwärzen und sie haben nicht viel Zeit.

Fazit: Abbas Khider, mehrfach ausgezeichneter Autor, schreibt über sein Heimatland Irak. Sein 14- jähriger Protagonist erzählt von seiner Familie. Sein Vater, der Kleider verkauft und nun einsieht, dass er besser bei Teppichen geblieben wäre. Seine Mutter und Schwester, die das Haus nicht mehr verlassen dürfen, sein älterer Bruder, über den niemand spricht und sein Onkel, der anders ist und ihm Halt und Stabilität gibt, in einer Welt, die sich rasend schnell verändert. Im Kalifat herrschen jetzt die Mudschaheddin, bewaffnete Männer mit Rauschebart, die alles verbieten, was Spaß macht. Zigaretten, Alkohol, Musik und Mobiltelefone. Jesiden verschwinden spurlos, Propagandafilme geistern durch die wenigen Sender. Mit zarter Sprache und melodiösem Satzbau lässt Abbas Khider mich diese Gewaltherrschaft miterleben. Als wäre ein Leben ein beschriebenes Blatt Papier, das in der Mitte durchgerissen, zu kleinen Schnipseln verarbeitet und vom Wind davongetragen wird., wie die Tauben, die Noah züchtet. Eine Geschichte voller Verluste, in einer Art erzählt, die mich völlig vereinnahmt hat. Ich bin dankbar und begeistert, dass immer mehr orientalische Autor*innen die richtigen Worte finden, uns die humanitären Katastrophen in ihren Heimatländern nahe zu bringen. Dieses Buch mochte ich sehr. Für alle, die Deniz Utlu, Behzad Karim Khani oder Necati Öziri lesen.

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Veröffentlicht am 10.03.2026

Solide Unterhaltung

Der Gesang der See
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Lars fand Kristiane an einem Felsen bei Mulerika. Das Meer tobte in seinem Rücken, als er sich zu ihr hinunterbeugte. Sie hatte die Arme um ihre angewinkelten Beine geschlungen und war eiskalt.

Damals ...

Lars fand Kristiane an einem Felsen bei Mulerika. Das Meer tobte in seinem Rücken, als er sich zu ihr hinunterbeugte. Sie hatte die Arme um ihre angewinkelten Beine geschlungen und war eiskalt.

Damals hatte sie ihm diesen Felsen gezeigt und als ihren bezeichnet, den Ort, an dem sie ihr Herz lüften konnte. Jeder sollte einen solchen Ort haben, sagte sie. Und dann hatte er sie einmal beobachtet, wie sie aus dem Meer schritt, halb nackt und sich zum Trocknen auf den Felsen legte, gerade wie ein Lineal. So etwas hatte er noch nie gesehen. Er wusste, dass sie schön war, hochgewachsen und schmal. Die Rennen mit ihm am Strand, das Rudern, Segeln und Einholen der Netze, hatte sie geformt. Lange hatten sie sich getroffen, bis seine Mutter ihm klar machte, er solle wissen, wo sein Platz sei. Wenn ihr Vater sterben würde, überließe er ihr den Lotsenschein und dann bräuchte sie einen, der das übernehmen könne und das konnte Lars nicht schaffen.

Er hob sie hoch und wuchtete sie den Hang hinauf, ließ sie ab, um Kraft zu sammeln, nahm sie wieder auf, stolperte mit ihr in das erstbeste Haus und ließ sie zu Boden gleiten. Olav und Jensine starrten ihn an. Jensine legte ein Schaffell aufs Bett, zog Kristiane die nassen Kleider aus und legte sie mit Lars auf die warme Tierhaut. Sie zog sich aus, legte sich neben Kristiane Brust an Rücken Knie in Kniekehlen und strich ihr über die kalte Haut. Jensine sah Lars an und sagte, das nicht sie das machen sollte, Kristiane habe ihr nie einen Grund gegeben, sie zu mögen.

Fazit: Trude Teige, Bestsellerautorin (als Großmutter im Regen tanzte) hat in ihrem ersten Buch eine Frau im rauen norwegischen Klima, in der Männerdomäne der Fischerei erzählt. Ich wollte wissen, was den Hype über Trude Teige ausmacht. Ihre Protagonistin verliert ihren Mann an die gewaltige See und bleibt mit seinem kleinen Sohn zurück. Da sie die Lotsennummer und damit das Einkommen, die sie von ihrem Vater geerbt hat, behalten will, muss sie wieder heiraten, denn der Beruf des Lotsen ist Männern vorbehalten. Kristiane ist ein gut gezeichneter, starker Charakter und sie beißt sich durch. Trude Teige hat in ihrem Erstling eine solide Geschichte geschrieben, die wegen der Konflikte einen hohen Unterhaltungswert hat. Ich mag historische Erzählungen sehr, habe also schon einige gelesen und hätte mir ein bisschen mehr der versprochenen Atmosphäre, ein bisschen mehr Naturgewalt, Landschaft, Meer, Wellen, Wind, Sturm und Felsen gewünscht. Für mich war nicht zu erkennen, wo die Geschichte spielt. Das hat William Heinesen in „Noatun“ besser gelöst. Doch nichts destotrotz habe ich diese Geschichte gerne gelesen. Für alle, die „Die Tage des Wals“ von Elizabeth O´Connor oder „Ein klarer Tag“ von Carys Davis mögen.

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Veröffentlicht am 09.03.2026

Sehr fesselnd

Parasiti
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Fürstenfeldbruck 2021

Rina läuft aufgebracht durch die Wohnung, als Valli nach Hause kommt. Rinas Großmutter Lydia sitzt auf dem Sofa und rührt sich nicht. Neben ihr hat Rina ein braunes Kuvert gefunden, ...

Fürstenfeldbruck 2021

Rina läuft aufgebracht durch die Wohnung, als Valli nach Hause kommt. Rinas Großmutter Lydia sitzt auf dem Sofa und rührt sich nicht. Neben ihr hat Rina ein braunes Kuvert gefunden, daneben ein streichholzkleines Plastiketwas mit einem winzigen Püppchen darin, dass den Daumen in den Mund gesteckt hat. In dem Begleitschreiben steht, dass ein echter Fötus im Alter von zehn Wochen genauso aussehe. Klein, schutzbedürftig und so bedroht wie nie, so schreiben es die Abtreibungsgegner.

Valli setzt sich neben Lydia, redet auf sie ein. Sie cremen ihre leblosen Hände mit Calendula ein, wie sie es gern hat, dann die Füße. Sie wissen nicht, was sie sonst machen sollen. Valli holt das rote Fotoalbum, das Lydia so liebt, blättert darin und sagt, was sie sieht. Als Rina auf dem Balkon steht und raucht, geht ein Ruck durch den Großmutterkörper. Kuckuckskind krächzt sie, Parasit!

Valli ist erschüttert. Wenn jemand sie jetzt mit einer Nadel pieksen würde, käme kein Blut. Sie weiß, dass sie gemeint ist. Nach allem, was Valli und Lydia zusammen erlebt, die Männer, die sie beerdigt haben. Seit Jahren wohnen sie zusammen, damit Valli sich um Lydia kümmern kann wie die sich einst um Valli und jetzt das.

Novosibirsk 1961

Lydia könnte noch schlafen, aber ihr Sashka hat wieder gestunken wie ein Klohäuschen. Nach Mitternacht kam er in die Hütte gepoltert und stank. Boshe moj! Sie waren in der Baracke untergekommen, weil ihr Schwiegervater es angeboten hatte. Dafür musste sie ihm ihren ganzen Lohn aus der Wäscherei geben. Der Alte lässt Sashka und der Jelenatochter alles durchgehen, nur an ihr mäkelt er rum, sie koche zu wenig und kümmere sich nicht genug um Jelena, dabei hat sie selbst ein kleines Mädchen.

Fazit: Alisha Gamisch, Lyrikerin und Kuratorin, hat in ihrem Romandebüt eine Familiengeschichte erschaffen, die drei Generationen Frauen umfasst. Da ist die jüngste, die unsichere, ängstliche Rina, die gelernt hat, dass man Männern besser kein Nein entgegensetzt. Valli wurde von Ihren Eltern an Lydias Schwiegervater abgegeben, Vallis Eltern hatten schon sechs hungrige Mäuler zu stopfen. Lydia wurde während des 2. Weltkriegs mit ihrer eigenen Familie aus Odessa vertrieben, kam nach Deutschland, dann nach Polen und wurde dann nach Sibirien deportiert, wo sie ihren Sashka kennenlernte. Sie hatte drei Abtreibungen hinter sich und wäre bei der vierten fast gestorben. Die Autorin hat mich absolut gekonnt in eine kalte, fremde Welt ohne Mitgefühl entführt. Frei von Pathos und mit enormer Ausdrucksstärke erlebe ich die unprätentiöse Lydia, die sich ihrem Schicksal nicht ergibt. Parasiten, das sind die Embryos, die sich ungefragt nach dem Geschlechtsakt einnisten. Es ist erschütternd, wie Frauen weltweit ausgebeutet wurden und werden. Wie sie das Nötigste über ihren Körper wussten, aber die „bedürftigen“ Männer nicht von sich fernhalten konnten. Erschütternd finde ich auch, welchen Leidensdruck Frauen aushielten und aushalten, ohne zu klagen. Mit diesem Mechanismus: Gute Miene zum bösen Spiel machen, sind viele Frauen vertraut. Ein wirklich guter Beitrag zum Thema transgenerative Traumata. Wie Erfahrungen auf die nächsten Generationen übertragen werden. Und noch dazu so fesselnd geschrieben.

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Veröffentlicht am 04.03.2026

Große Schreibkunst

Von Vieh und Vögeln
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Zu ihrer letzten Ausstellung war Coro ungeduscht gegangen, ihre Haut noch geziert von ockerfarbenen Farbpigmenten. Ihre Haare hingen in ungefärbten Strähnen an ihr herunter, die Augen blickten um sich, ...

Zu ihrer letzten Ausstellung war Coro ungeduscht gegangen, ihre Haut noch geziert von ockerfarbenen Farbpigmenten. Ihre Haare hingen in ungefärbten Strähnen an ihr herunter, die Augen blickten um sich, als wäre sie einem Wahn verfallen. Die anderen werden gedacht haben, sie brauche Hilfe. Und obwohl der Schmerz frisch und groß war, sah sie sich nicht in der Rolle der Bedürftigen.

Am nächsten Morgen fuhr sie los, ungeplant und ohne Ziel. Sie hatte ihr Handy in der Wohnung gelassen. Im Kofferraum sechs Porträts ihrer Schwester, die sie nie ausgestellt hat. Sie würde sie nie verkaufen. Ihre Schwester treibend im Wasser mit immer dem gleichen Gesicht, dem letzten, das sich nicht mehr verändern würde. Sie fuhr bis zum Mittag, hielt an einer Raststätte und schlief ein. Als sie erwachte, aß sie den Rest des Sandwiches und dachte an die anderen. Was sie wohl sagten, wenn sie merkten, dass sie weg war. Kurz dachte sie, dass sie umkehren könnte. Sie liebte die Ordnung und Harmonie, was ihren Bildern zugutekam. Den Stress in den Ausstellungsräumen jedoch, wie sie sie forderten und an ihren Lippen hingen, Jesus, das brauchte sie nicht. Als es allmählich dämmerte, sah sie die Tankleuchte aufblinken, aber weit und breit keine Tankstelle. In der Hoffnung, in einem nächsten Ort tanken zu können, fuhr sie von der Schnellstraße ab. Ohne Orientierung folgte sie einer Landstraße, die in einen Feldweg auslief. Nach mehreren Metern wurde ihr klar, dass sie wenden müsste, es aber wegen der Enge nicht konnte. Sie würde die Bewohner des nächsten Hauses um Hilfe bitten oder einfach stehen bleiben und im Auto übernachten, bis das kommende Tageslicht ihren Horizont erweitern würde. Da sah sie ein Holztor, stieg aus und suchte eine Klingel. Eine Frau mit Taschenlampe lief ihr entgegen, was sie hier wolle. Sie habe sich verfahren und kein Benzin mehr, ob sie ihr helfen könne. Wieder die Frage, was sie hier wolle. Sie habe kein Benzin mehr, ob sie nicht bitte wenigstens auf ihrem Grundstück wenden könnte? Die Frau öffnet das Tor, winkt sie herein und schließt es wieder.

Fazit: Pilar Adón, mehrfach ausgezeichnete spanische Schriftstellerin, hat große Erzählkunst geliefert. Ihre Protagonistin hat einen Verlust erlitten, der sie immer wieder quält. Ihr künstlerischer Erfolg erdrückt sie und so kommt es zu einer Affekthandlung. Sie steigt ins Auto und verfährt sich. Sie landet in einer abgelegenen Gegend an einem Haus namens Bethanien. Man lässt sie herein aber nicht mehr hinaus. Sie versucht einige Male zu entkommen, es wirkt aber halbherzig. Sie beobachtet die Frauen, die dort wohnen und sich teils selbstversorgen. Ihre widerspenstigen Gefühle, sie kommt zur Ruhe, will aber zurück in ihr altes Leben, das allerdings den Verlust verstärkt. Mir gefällt die Stimme der Autorin, wie sie ihre Darstellerin in die Natur hineinwachsen lässt, die versucht, die tiefere Bedeutung des Geschehens zu erfassen. Die Geschichte liest sich, als sei Coro, sobald sie in Bethanien ankam, aus der Realität gefallen und träumte einen luziden Traum. Die Stimmung ist melancholisch und trotz der Bedrohung – sie wird unfreiwillig festgehalten – ruhig. Eine besondere Art, sich auszudrücken, die ich gerne gelesen habe.

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Veröffentlicht am 03.03.2026

Große Unterhaltung

Unser Haus mit Rutsche
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Der berühmte Künstler Anton Meme hatte Layla erst kürzlich einen Heiratsantrag gemacht, auf ihren Anrufbeantworter, um drei Uhr früh, nach einem halben Jahr Funkstille. Vermutlich schickte er seine Botschaft ...

Der berühmte Künstler Anton Meme hatte Layla erst kürzlich einen Heiratsantrag gemacht, auf ihren Anrufbeantworter, um drei Uhr früh, nach einem halben Jahr Funkstille. Vermutlich schickte er seine Botschaft von einem manischen Höhenflug aus, in die tiefe Schlucht, in die sie hinabgeglitten war, doch es war zu spät. Die großen Gefühle waren da, aber sie waren beide zu kaputt, um den Traum von Familie und Idylle zu verwirklichen.

Layla hat viele schöne Erinnerungen an ihre Kindheit. Ihr irakischer Babe war zum Studium nach Saarbrücken gekommen, traf dort ihre französische Maman und warb um sie. Ja, er war charmant und spitzbübisch, steckte voller großer Zukunftsvisionen, aber sie rebellierte vor allem gegen ihre blasierte Mutter aus dem gehobenen Bürgertum.

Zuerst kam Layla auf die Welt und später ihr Bruder Nouri, den sie Seestern nennt. Sie erinnert sich noch gut an ihre ersten Flugversuche, vom Hochbett mit ausgebreitetem Tuch, wie Batman oder den schrägen Dielenboden hinab, wo sie es nie schaffte, noch vor dem großen Esstisch abzuheben und dann aus dem Fenster hinauszufliegen. Die Expeditionen mit Babe im Wohnzimmer, wo sie mit dem Schiff im Sand strandeten und sich gegen wilde Tiere verteidigen mussten, bis Seestern sie rettete und sie mit dem Teppich in die Lüfte flogen, wie bei Alibaba und den Räubern. Seesterns süßes Lachen, göttlich.

Layla hatte ihre Großeltern in Irak noch nie gesehen, Opa und Oma Lyne dagegen jedes Weihnachten. Sie fuhren zu der großen Villa, saßen gefühlt tagelang um den großen Wohnzimmertisch mit dem geblümten Geschirr und Tilda tischte Austern, Schnecken in Knoblauch, Paté, Gans mit Rotkohl und Klößen und Passionsfruchtsorbet auf. Noch bevor sie das Dessert vor sich stehen hatten, geschweige denn die Geschenke ausgepackt, stritten Babe und Oma Lyne, bis alle ins Auto springen und zurück nach Saarbrücken fuhren.

Fazit: Safia Al Bagdadi, Schauspielerin und Autorin, hat eine Familiengeschichte mit herrlich menschlichen Persönlichkeiten geschaffen. Ihre erwachsene Protagonistin verzweifelt daran, dass sie zu nichts kommt, obwohl sie arbeitet, seit sie vierzehn ist. Sie leidet unter Ängsten und Melancholie und hofft, dass eine Psychiaterin sie wieder in die Spur bringt. In dieser Therapie begegnet Layla unangenehmen Fragen, die dazu führen, dass sie sich mit ihrem Vater auseinandersetzt. Ein geselliger, allseits beliebter Mann, leidenschaftlicher Verfechter neuer Geschäftsideen und Querulant, der viel versprach und nichts hielt. Als der zweite Golfkrieg 1990 beginnt und der Irak mit einem Wirtschaftsembargo belegt wird, platzen Babes Träume. Er rutscht in eine Depression und die Mutter muss die Sorge für die Familie übernehmen. Aus dem einst schillernden Paar wird ein streitendes. Was mir an diesem Roman wirklich gut gefällt ist, wie Safia Al Bagdadi Laylas Kindheit beschreibt. So etwas Schönes, Lustiges, Anrührendes habe ich noch nicht gelesen. Ich spüre Layla mit jeder Zelle nach, lache und weine mit ihr. Was für eine tolle Persönlichkeit hier entstanden ist. Überhaupt sind alle Charaktere so authentisch gezeichnet. Die ganze Geschichte liest sich völlig reibungslos, obwohl es einen Schwerpunkt gibt, das Aufeinanderprallen unterschiedlicher Kulturen. Babe, der mit einer Leichtigkeit agiert, die ihm das Gefühl der Verantwortung nicht nur für seine Familie in Deutschland nimmt, sondern ihn auch seine traditionellen Verpflichtungen seiner irakischen Familie gegenüber vergessen lässt. Diese Ambivalenzen zwischen tougher Mutter und laissez-fairem Vater, der nicht verlässlich ist, führt bei Layla schließlich zu Prozessen der Selbstsabotage und dem Verzweifeln daran. Große Unterhaltung.

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