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Mianna

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 14.03.2021

Traumwandlerische Poesie

Die Erfindung der Welt
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Aliza Berg bekommt von einem geheimnisvollen Auftraggeber die Aufgabe einen Roman über das Leben zu schreiben. Er gibt auch einen Ort an, an dem sie recherchieren soll. Aliza nimmt den Auftrag an. Doch ...

Aliza Berg bekommt von einem geheimnisvollen Auftraggeber die Aufgabe einen Roman über das Leben zu schreiben. Er gibt auch einen Ort an, an dem sie recherchieren soll. Aliza nimmt den Auftrag an. Doch die Frage bleibt: Wer vergibt einen solch merkwürdigen Auftrag ohne seinen Namen zu nennen und überweist dann vorher schon 20.000€ für die Arbeit? Das ist ja mal eine geniale Geschichte!

Die Erzählung ist dann eher bruchstückenhaft, bewegt sich mal in die eine und dann wieder in die andere Richtung. Traumwandlerisch zusammengefügt, sind es oft überspitzte und absurde Geschehnisse und Gedanken. Es ist wie in einem Labyrinth, in dem man die Gedankenwelt der einzelnen Charaktere durchschreitet. Der rote Faden scheint zu fehlen, das macht es auf Dauer etwas anstrengend und stellenweise ist die Erzählung zu ausschweifend.

Der Roman ist besonders, nicht nur weil sich die Geschichte so sprunghaft entwickelt. Es sind auch die umfassend beschriebenen Charaktere, das Vertiefen in ihre Gedanken und ihre speziellen Eigenschaften. Zudem ist es unfassbar wie poetisch und sinnlich die Erzählung ist und dann auch noch philosophisch. Mal geht es um den weiten Kosmos, komplexe Beschreibungen von Sternbildern und dann wieder um Sex und Erotik. Die Fragen des Lebens stellen sich. All das macht die Erzählung zu anspruchsvoller Literatur.

Ungewöhnliche Geschichte, sehr sinnlich und poetisch. Anspruchsvolle Literatur.

Veröffentlicht am 03.03.2021

Ergreifender Jugendroman

Fürchtet uns, wir sind die Zukunft
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Theo beginnt ein Klavierstudium an einer Academie. Das erste Mal von zu Hause weg, samt Schildkröte Panzer trifft er auf Mitstudenten, die ihn das Leben mit anderen Augen sehen lassen. Im Mittelpunkt dabei ...

Theo beginnt ein Klavierstudium an einer Academie. Das erste Mal von zu Hause weg, samt Schildkröte Panzer trifft er auf Mitstudenten, die ihn das Leben mit anderen Augen sehen lassen. Im Mittelpunkt dabei ist Aida. Sie steht für "Zukunft" und für Alles, was Theo zu wollen beginnt.

Der Buchtitel klingt provokativ und kraftvoll, eine richtige Kampfansage! Eine Kampfansage an das Leben und an Erwachsene, die jungen Menschen die freie Entwicklung versagen. Darum geht es schließlich. Die Geschichte hält also, was der Titel verspricht.
Es ist spannend und mitreißend, wie Theo seine Erlebnisse als Student beschreibt. Er muss sich zurechtfinden, oft fällt ihm das schwer und zeitweise überschlagen sich die Ereignisse. Theo staunt, begegnet seinen Ängsten, überschreitet Grenzen, leidet und kämpft. Das macht ihn zu einer starken Hauptfigur. Die Beschreibungen von Theo lassen mitfühlen, er ist sehr sympathisch. Die Begegnungen mit Aida und den anderen, die Dynamiken - wirkt meistens realistisch.
Besonders reizvoll an der Geschichte ist die musikalische Komponente. Das Klavierspielen und die Beschreibungen, insbesondere wie sich Theo darin vertieft sind sehr bewegend. Die Musik lässt sich förmlich hören. Anders als der Buchtitel erwarten lässt, hat die Geschichte viele stimmungsvolle und vorallem harmonische Szenen - auch in Verbindung mit seinem Mentor Herr Goldstein. Dagegen wirken die waghalsigen Aktionen teilweise etwas merkwürdig. Harmonie und Kampf sind manchmal zu extrem. Die Geschichte nimmt die Lesenden in das Geschehen auf und lässt sich auch deswegen wie "im Flug" lesen. Es gibt ein paar spannende Wendungen. Insgesamt ist die Geschichte sehr stimmig und rund.

Mitreißend und atmosphärisch. Eine Kampfansage junger Menschen an das Leben.

Veröffentlicht am 24.02.2021

Selbstgespräche eines Mönchs

Aus der Mitte des Sees
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Lukas ist, seitdem sein Freund Andreas eine Familie gegründet hat, der einzige junge Mönch in einer Benediktinerabtei. Der Verlust bringt ihn dazu, sich die Sinnfrage zu stellen. In einem inneren Monolog, ...

Lukas ist, seitdem sein Freund Andreas eine Familie gegründet hat, der einzige junge Mönch in einer Benediktinerabtei. Der Verlust bringt ihn dazu, sich die Sinnfrage zu stellen. In einem inneren Monolog, nur durch einzelne Dialoge unterbrochen, wendet er sich nahestehenden Menschen zu. Da ist neben dem ehemaligen Bruder Andreas, Sarah, der er sich gefährlich nah fühlt sowie ein Junge, der ins Kloster eintreten möchte. Sein Element ist das Wasser. Im See am Kloster lässt er seine Gedanken schweifen, Wellen schlagen und in die Tiefe sinken.

Der Autor Moritz Heger erzählt authentisch und spannend vom Klosterleben und den Mönchen. Sicherlich sind seine Schilderungen so realistisch, weil er Erfahrungen als Gast im Kloster hat. Es gelingt ihm gut den Glaubens- und Sinnfragen intensiv nachzugehen und dies auf eine neutrale, sogar wertschätzende Art. Das ist thematisch garnicht so einfach bei der vielen Kritik, Missbrauchsvorwürfen und dem Austritt vieler Mitglieder in der katholischen Kirche. Aber vielleicht deshalb umso interessanter?
Heger zeigt das zutiefst Menschliche in den Gottesmännern, macht sie nahbar. Die Einblicke in das Seelenleben des jungen Mönchs Lukas sind sehr tiefgründig und seine Lebensfragen nachvollziehbar, denn sie betreffen alle Menschen. Es geht um Liebe, Verluste und die Beziehung zu sich selbst. Mönch Lukas windet sich, schweift aus und gibt seinen Gedanken Raum. Es wäre leicht, sich in die Gedanken zu verstricken und sich darin zu verlieren. Verhindert wird dies durch die sinnlichen Beschreibungen des Klosteralltages und des Sees sowie den Begegnungen mit Sarah. So steht der Gedankentiefe genügend Realität entgegen.

Die Erzählung ist poetisch und philosophisch. Der Bezug zum See ist ein starkes Sinnbild für die elementaren Lebenfragen. Zudem lockert es die tiefgründige und sehr dichte Erzählung auf. Die Atmosphäre wird dadurch sehr einladend und tröstlich. Es ist beeindruckend wie der Autor Gedankenspiele, kraftvolle Sprachbilder, geniale Wortspiele und sinnliche Beschreibungen zu einem großen Ganzen zusammenfügt. Sprachgewaltig! Zwar sind die Ausführungen nicht immer sofort zu verstehen, müssen vielleicht ein zweites Mal gelesen werden, sind aber in jedem Fall bereichernd. Das Lesen und Verstehen braucht also Zeit. Der Aufbau als innerer Monolog bringt es zudem mit sich, dass alles ineinander übergeht und nicht immer klar ist, an wen sich Lukas gerade richtet. Es fehlt manchmal die Orientierung, die Struktur. Erst im Laufe der Texte benennt Lukas sein Gegenüber. Es ist jederzeit damit zu rechnen, dass er im nächsten Moment mit den Gedanken woanders ist. Es geht von Einem zum Nächsten und in Schleifen zurück.

Die Geschichte und Lukas' Entwicklung hat es in sich, sie geht unter die Haut. Es werden Tatsachen geschaffen. Unerwartet geht es bis zum Äußersten. Das Ende lässt einiges offen. Ganz unerwartet. Das macht die Geschichte so mitreißend.

Ein sprachgewaltiges und tiefgehendes Zwiegespräch über essentielle Lebens- und Glaubensfragen. Sehr anregend und bereichernd.

Veröffentlicht am 22.02.2021

Humorvoll mit Tiefgang

Die Erfindung des Dosenöffners
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Timur Aslan langweilt sich in der Lokalredaktion des Westfälischen Kuriers. Alle anderen in seinem Alter, das sieht er in den sozialen Medien, führen ein aufregendes und perfektes Leben. Umso mehr strebt ...

Timur Aslan langweilt sich in der Lokalredaktion des Westfälischen Kuriers. Alle anderen in seinem Alter, das sieht er in den sozialen Medien, führen ein aufregendes und perfektes Leben. Umso mehr strebt er nach einem Volontariat in einer größeren Redaktion. Er sucht eine gute Story, um sich zu beweisen. Nicht so leicht in einer Kleinstadt.

Die Geschichte lässt sich leicht lesen, kann sogar in einem Stück durchgelesen werden. Es ist spannend, wie Timur sich durch seinen Alltag kämpft: um sich selbst drehend, auf der Suche nach dem perfekten Leben. Er ist sehr sympathisch, nicht nur wegen seiner jugendlichen Sprache und dem schwarzen Humor. Vielmehr noch sind es seine Ansichten, die mit der Zeit herausgearbeitet werden. Auch sein Vater und Annette sind sehr sympathisch und interessante Charaktere. Bei beiden zeigt sich aber erst später, was sie zu bieten haben.

Besonders ist die humorvolle, leichte Art mit der brisante Inhalte spannend verpackt sind. Das ist auch der Reiz der Geschichte, die sogar noch abenteuerliche Formen annimmt. Der Autor, ganz Komiker, zeigt seine genaue Beobachtungsgabe in geschickten Formulierungen. Er spricht auf manchmal witzige, manchmal merkwürdige Weise bedeutende gesellschaftliche Themen an. Der Autor lässt Timur reifen und hält ihm wichtige Erkenntnisse bereit.

Die Geschichte ist berührend und bleibt in Erinnerung. Es ist ein witziges und tiefgründiges Abenteuer eines Heranwachsenden. Unterhaltsam und gesellschaftskritisch.

Veröffentlicht am 13.02.2021

Potenzial nicht ausgeschöpft

Die Mitternachtsbibliothek
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Nora Seed nimmt sich das Leben. Sie geht in einen Schwebezustand zwischen Leben und Tod über und landet in der Mitternachtsbibliothek. Dort kann sie alle Leben ausprobieren, um die sie trauert und kann ...

Nora Seed nimmt sich das Leben. Sie geht in einen Schwebezustand zwischen Leben und Tod über und landet in der Mitternachtsbibliothek. Dort kann sie alle Leben ausprobieren, um die sie trauert und kann die Entscheidungen rückgängig machen, die sie am meisten bereut.

Die Geschichte ist anfänglich eher bedrückend, Nora's Leben hoffnungslos. Das Herunterzählen der Stunden vor ihrem Suizidversuch wirkt etwas makaber. Kapitelweise spitzt sich die Situation immer mehr zu, insofern erhöht das Herunterzählen auch die Spannung. Die Hoffnung richtet sich dabei auf die Ausgestaltung des Lebens nach ihrem Tod. Haigs Idee mit der Bibliothek zwischen Leben und Tod ist interessant und eröffnet Nora Möglichkeiten ihr Leben zu überdenken. Die Geschichte bekommt dadurch mehr Tiefe und macht nachdenklich. Aber was ist denn die Lösung? Muss man einfach nur das "richtige" Leben wählen? Dieser Teil des Buches, die Suche nach dem richtigen Leben, zieht sich für mich sehr in die Länge. Die Leben werden negiert, als wäre mit einer Enttäuschung schon alles an dem Leben falsch. Das erscheint mir zu platt und die Botschaft falsch. Die weiteren Entwicklungen erscheinen mir dann stimmiger und söhnen mich mit der Geschichte aus. Es mag sein, dass das Ende zu schön ist. Es gibt aber nichts über eine hoffnungsvolle Botschaft und die findet sich hier.
Nora wirkt, trotz der tiefen Einblicke in ihr Seelenleben, unnahbar. Ihre Entwicklung wirkt ein wenig aufgesetzt, weil sie schnell passiert. Die anderen Charaktere tauchen nur als Randfiguren auf und haben wenig Tiefe. Schade!
Hinzu kommt, dass sich die Geschichte merkwürdig entwickelt, nicht erst als sogenannte "Slider" thematisiert werden. Es erklärt sich nicht immer, weswegen bestimmte Ereignisse/Menschen für die Geschichte wichtig sind. Es wird zu viel angeschnitten, aber nicht vertieft. Die Umsetzung der Thematik wirkt auf mich platt und entfaltet nicht ihr Potenzial. Das zeigt sich auch darin, wie Depressionen, Selbstverletzungen und Panikattacken zwar als Thema eingebracht, aber nicht immer mit den Ereignissen verbunden werden. Es ist, als stehe ein Elefant im Raum.

Ein fantasievoller Roman, der sein Potenzial nicht ausschöpft. Mit einigen Längen und Merkwürdigkeiten, doch letztendlich einer hoffnungsvollen Botschaft.