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Mickey221114

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Veröffentlicht am 08.09.2019

Wunderschön, aber völlig neutral, manchmal kitschig

Die hellen Tage
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In einer süddeutschen Kleinstadt erlebt das Mädchen Seri helle Tage der Kindheit: Tage, die sie im Garten ihrer Freundin Aja verbringt, die aus einer ungarischen Artistenfamilie stammt und mit ihrer Mutter ...

In einer süddeutschen Kleinstadt erlebt das Mädchen Seri helle Tage der Kindheit: Tage, die sie im Garten ihrer Freundin Aja verbringt, die aus einer ungarischen Artistenfamilie stammt und mit ihrer Mutter in einer Baracke am Stadtrand wohnt.
Aber schon die scheinbar heile Welt ihrer Kindheit in den 60er Jahren des 20. Jahrhunderts hat einen unsichtbaren Sprung: Seris Vater starb kurz nach ihrer Geburt, und Ajas Vater, der als Trapezkünstler in einem Zirkus arbeitet, kommt nur einmal im Jahr zu Besuch. Karl, der gemeinsame Freund der Mädchen, hat seinen jüngeren Bruder verloren, der an einem hellblauen Frühlingstag in ein fremdes Auto gestiegen und nie wieder gekommen ist.
Es sind die Mütter, die Karl und die Mädchen durch die Strömungen und Untiefen ihrer Kindheit lotsen und die ihnen beibringen, keine Angst vor dem Leben haben zu müssen und sich in seine Mitte zu begeben.
Zsuzsa Bánk erzählt die Geschichte dreier Familien und begleitet ihre jungen Helden durch ein halbes Leben: Als Seri, Karl und Aja zum Studium nach Rom gehen, wird die Stadt zum Wendepunkt ihrer Biographien – und zur Zerreißprobe für eine Freundschaft zwischen Liebe und Verrat, Schuld und Vergebung.



Der Einstieg in dieses Buch ist genauso eingängig wie langatmig.
Der Schreibstil ist schlicht und einfach sehr schön, nicht besonders verschnörkelt, nicht kompliziert, nicht dramatisch mit viel Spannungsaufbau.
Im Grunde ist das Buch gehalten, wie auch der Titel.

Sorgen werden eher oberflächlich thematisiert, wenn denn überhaupt, Missstände werden beschrieben, aber in einen Mantel des Schweigens gehüllt.
Beziehungen sind vage beschrieben, die meisten Aussagen, die die Geschichte trifft, werden nur impliziert.

Ein Buch, das auch für die Autorin nicht unbedingt typisch ist.

Mir persönlich würde es schwer fallen, das Buch nicht zu mögen. Allerdings fällt es mir ebenso schwer, das Buch tatsächlich positiv zu bewerten.
Es hat praktisch keinen Eindruck hinterlassen, hat mich nicht beeindruckt oder mitgerissen, sondern eher mit sehr hübschen Bildchen in meinem Kopf beschallt, bis ich das Buch wieder aus der Hand gelegt habe.
Wunderschön, aber völlig neutral, manchmal auch etwas kitschig.
Entsprechend knapp fällt auch die Bewertung aus, das es keine Themen gibt, die mich nach dem Lesen noch beschäftigt haben oder die anspruchsvoll gewesen seien.

Ich kann das Buch jedem empfehlen, der nach einem anstrengenden Tag sich gerne mit einer Tasse Tee ins Bett kuscheln, es sich gemütlich machen und vor dem Einschlafen noch mal ein bisschen auf andere Gedanken kommen möchte.
Wer mehr an Spannung oder sehr kritischen Szenarien interessiert ist, sollte das Buch eher auf später verschieben.

Veröffentlicht am 19.07.2019

Unerwartet Authentisch

Das Spielhaus
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Das Haus sieht aus wie jedes andere, doch lass dich nicht täuschen! Hier kannst du mehr gewinnen als Gold oder Juwelen - im legendären Spielhaus. Und wenn du raffiniert genug bist, darfst du gegen die ...

Das Haus sieht aus wie jedes andere, doch lass dich nicht täuschen! Hier kannst du mehr gewinnen als Gold oder Juwelen - im legendären Spielhaus. Und wenn du raffiniert genug bist, darfst du gegen die Besten der Besten antreten: die Spieler der Oberen Gemächer. Der Gewinn kann alles sein, was du dir je gewünscht hast: Macht über ganze Königreiche, ewige Jugend, immerwährendes Glück, Lebensjahre, um die Jahrhunderte zu überdauern. Doch je höher der Einsatz, desto tödlicher sind die Regeln …


Das Auffälligste an dem Buch ist der Schreibstil, weshalb ich mich auch für das Lesen dieses Buches entschieden habe. Es ist in einem sehr altertümlichen Schreibstil verfasst, der Leser ist ein aktiver Zuschauer, erst zum Ende hin wird das lyrische Ich verschoben. So wird der Leser immer wieder gebeten zuzuschauen, sich dazuzustellen oder sich zu verstecken, damit er vom Protagonisten der Geschichte nicht gesehen wird. Wie genau dies zu Stande kommt, wird gegen Ende aufgelöst. Was das Buch so interessant macht, wird also direkt als Stilmittel von der Autorin mitverwendet, was aber wie gesagt erst spät im Buch deutlich wird.

Im ersten Teil des Buches begleiten wir Thene Orcello, wir, der Leser und das lyrische Ich, dass sich im ersten Teil nicht ein einziges Mal als lyrisches Ich betitelt. Der Leser wird vom Erzähler nicht von der Spielerin abgelenkt, der Leser erfährt zum Beispiel (mit einer Ausnahme) nicht, wie es den anderen Spielern ergeht, es sei denn, die Spielerin wohnt dem entsprechendem Geschehen bei.
Die Art und Weise das Geschehen zu beschreiben, sowie der Umfang des Wissens des Erzählers ist an das Spiel angepasst. Es handelt sich bei dem Spiel, den ,,wir" beiwohnen um das erste Spiel vonThene.

Im zweiten Teil sind schon die Schriftarten der Überschriften und die Erzählweise nicht wie im ersten Teil, wobei das lyrische Ich bzw der Erzähler sich nicht verändert. Das Spiel, dem wir hier beiwohnen, ist eines von vielen, das unser Protagonist, Remy Burke, schon gespielt hat, er kann seinen Gegner besser einschätzen, hat mehr Erfahrung, dementsprechend mehr Informationen erhält auch der Leser.
Umso länger der Spieler schon Spiele spielt, desto besser kann auch der Leser sich in den Spieler hineinversetzen.

Immer wieder tritt das lyrische Ich hervor und spricht mit dem Leser selbst, kommentiert das Geschehen. Das lyrische Ich spricht von sich selbst als Veteran des Spielhauses, einem Spieler.

Ich möchte nicht spoilern, weshalb ich nicht anmerken werde, was im dritten Teil geschieht.

Das Ende des Buches fand ich im Handlungsverlauf etwas vorhersehbar. Im eigentlichen Ende gibt es keine Überraschung, keinen Schrecken, keine Irritation. Es kommt, wie es kommen muss, wobei Claire North es trotzdem schafft, das Ende nicht langweilig zu gestalten. Die Figuren sind durchdacht und facettenreicher dargestellt, als ich bei dem Schreibstil erwartet hätte.

Es ist kein schwieriges Buch, liegt nach dem Lesen nicht wochenlang schwer im Magen, bis man es verarbeiten konnte, ist aber auch keine seichte Unterhaltung. Viele Kleinigkeiten, Nebensätze, Kommentare des lyrischen Ichs, ergeben zum Beispiel erst im Nachhinein Sinn.

Mir hat das Buch alles in Allem sehr gefallen. Den Ansatz und die Idee finde ich großartig und kann das Buch nur jedem ans Herz legen, der gerne Romane liest, die sich mit der Frage nach moralischen Anschauungen und dem Verhältnis von Logik und Menschlichkeit auseinandersetzen, denn das ist letztlich das, worum sich die Konflikte des Buches drehen. Spieler spielen, und ,,wir" sehen zu und urteilen, oder urteilen nicht, welche Mittel die Spieler dafür auch immer benutzen und wie weit das Benutzen eben dieser Mittel auch gehen mag.

Veröffentlicht am 14.07.2019

Die späte Entdeckung einer wundervollen Autorin

Das achte Leben (Für Brilka)
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Klappentext: Georgien, 1900: Mit der Geburt Stasias, Tochter eines angesehenen Schokoladenfabrikanten, beginnt dieses berauschende Opus über sechs Generationen. Stasia wächst in der wohlhabenden Oberschicht ...

Klappentext: Georgien, 1900: Mit der Geburt Stasias, Tochter eines angesehenen Schokoladenfabrikanten, beginnt dieses berauschende Opus über sechs Generationen. Stasia wächst in der wohlhabenden Oberschicht auf und heiratet jung den Weißgardisten Simon Jaschi, der am Vorabend der Oktoberrevolution nach Petrograd versetzt wird, weit weg von seiner Frau. Als Stalin an die Macht kommt, sucht Stasia mit ihren beiden Kindern Kitty und Kostja in Tbilissi Schutz bei ihrer Schwester Christine, die bekannt ist für ihre atemberaubende Schönheit. Doch als der Geheimdienstler Lawrenti Beria auf sie aufmerksam wird, hat das fatale Folgen.
Deutschland, 2006: Nach dem Fall der Mauer und der Auflösung der UdSSR herrscht in Georgien Bürgerkrieg. Niza, Stasias hochintelligente Urenkelin, hat mit ihrer Familie gebrochen und ist nach Berlin ausgewandert. Als ihre zwölfjährige Nichte Brilka nach einer Reise in den Westen nicht mehr nach Tbilissi zurückkehren möchte, spürt Niza sie auf. Ihr wird sie die ganze Geschichte erzählen: von Stasia, die still den Zeiten trotzt, von Christine, die für ihre Schönheit einen hohen Preis zahlt, von Kitty, der alles genommen wird und die doch in London eine Stimme findet, von Kostja, der den Verlockungen der Macht verfällt und die Geschicke seiner Familie lenkt, von Kostjas rebellischer Tochter Elene und deren Töchtern Daria und Niza und von der Heißen Schokolade nach der Geheimrezeptur des Schokoladenfabrikanten, die für sechs Generationen Rettung und Unglück zugleich bereithält.



Es ist ein langes Buch, ebenso schwer, wie die Geschichten, von denen es erzählt. Wie schon im Klappentext erwähnt geht es um eine Familie, ursprünglich aus Gerogien im 20sten Jahrhundert. Es geht um die Geschichte Georgiens, um den Umgang mit dem Geschehenem und dem Nicht-mehr-veränderbaren.

Ich habe mir das Buch mitbringen lassen, ein Spontankauf um kurz vor Ladenschließung, weil mir noch Lesestoff für die nächsten Tage fehlte. Meine Mitbewohnerin brachte es mir mit, nur aufgrund des Covers von mir über Fotos Ausgewählt.

Das Buch beginnt mit drei Anfängen, die parallel verlaufen. Nicht in verschiedenen Kapiteln, sondern direkt nebeneinander und dennoch übersichtlich taucht man direkt in die Geschichte ein. Die Erzählung wird von Niza übernommen. Sie ist eine der Protagonisten, aber nicht die einzige und führt den Leser durch die Familiensaga, durchbricht die vierte Schallmauer und tut dies auch wieder nicht.
Das Erzählung ist im Grunde ein Brief von Niza an Brilka, ihre Nichte. Sie spricht im Brief Brilka und damit den Leser an, distanziert sich von der faktischen Genauigkeit des eben Erzähltem.
Brilka soll mit Hilfe der Schilderung Ihren eigenen Weg finden und nicht in der Vergangenheit nach dem Sinn ihres Daseins suchen, wie Niza es tut.
Der Brief ist in sieben, bzw acht Abschnitte unterteilt, wodurch die sieben Protagonisten entstehen.

Der Beginn des Briefes ist mit Stasia, die erste Protagonisten im Jahre 1900.
Der zweite Abschnitt dreht sich um Christine, Stasias Schwester.
Der dritte Abschnitt ist es Konstantin, Stasias Sohn.
Der vierte Abschnitt konzentriert sich auf “Kitty”, Stasias Tochter.
Elene ist die Protagonisten des fünften Teils, Stasias Enkelin, Konstantins Tochter und Nizas Mutter.
Abschnitt 6 bezieht sich auf Daria, Nizas Schwester.
Im siebten Abschnitt ist Niza selbst Protagonistin und im 8ten Abschnitt geht es um Brilka.

Ich habe das Buch mit den 1276 Seiten verschlungen. Nino Haratischwilis Schreibstil hat mich vom ersten Satz an in ihren Bann gezogen. Die Hamburgerin zeichnet mit jedem Wort ein klares Bild der auftretenden Charaktere und der Umstände, durch die die Agierenden Charaktere aufeinander treffen.
Die Charaktere sind deutlich ausgearbeitet, entwickeln sich im Laufe des Buches und sind für den Leser nachvollziehbar dargestellt.
Obwohl ich mich beispielsweise mit Konstantin in keiner Weise identifizieren konnte, konnte ihn dennoch verstehen.

Es hat mich tief beeindruckt, wie sehr Haratischwili die schönen und hässlichen Situationen eines Lebens zu beschreiben versteht. So umschreibt sie beispielsweise grausame, brutale Ereignisse, konzentriert sich aber dabei auf die langfristigen Folgen für die Charaktere, die Charakterentwicklung, fokussiert sich nicht auf den momentanen Schmerz, sodass die Situation mich nicht so beklemmt hat, wie es beispielsweise bei Houellebecq oder Andrić der Fall ist.

Zusammenfassend kann ich also sagen, dass die Autorin mich überwältigt hat. Ich finde den Schreibstil einzigartig. Sobald ich das Buch aufschlage, bin ich wieder im Lesefluss und kann nicht mehr aufhören. Obwohl es so viele einzelnze, sich verwirrende Geschichten gibt, ist es für mich an keinem Punkt unübersichtlich geworden. Die charaktere sind ausführlich erarbeitet und nachvollziehbar, anspruchsvoll aber verständlich.

Mit dem Buch habe ich Haratischwili erst kennengelernt und kann nur sagen, dass ich mehr davon brauche. Ich habe selten ein so gutes Buch gelesen. <3