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Mirko

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 14.02.2026

Konstruierter Pageturner

Kala
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Der irisch-stämmige Colin Walsh hat mit „Kala“ sein Erstlingswerk vorgelegt. Der Roman entwickelt recht schnell ein hohes Tempo und wird mehr und mehr zum Pageturner, wobei es aber leider auch einige Mängel ...

Der irisch-stämmige Colin Walsh hat mit „Kala“ sein Erstlingswerk vorgelegt. Der Roman entwickelt recht schnell ein hohes Tempo und wird mehr und mehr zum Pageturner, wobei es aber leider auch einige Mängel gibt…
Die Handlung findet auf zwei zeitlichen Ebenen statt, die 15 Jahre auseinander liegen. Eine Gruppe Jugendlicher, die später junge Erwachsene sind, stehen im Mittelpunkt der Handlung. Drei von Ihnen erzählen in kurzen Kapiteln abwechselnd aus ihrer Sicht. Diese Konstellation ist nur am Anfang leicht gewöhnungsbedürftig. Recht schnell ergibt sich ein loses Puzzle, dessen Teile nach und nach gelegt werden, um ein schlüssiges Gesamtbild zu ergeben.
Man erfährt schon zu Beginn, dass Kala damals vor 15 Jahren umgekommen ist. Ihre Leiche wird erst jetzt gefunden, zu einem Zeitpunkt, wo sich die alte Gruppe gerade wieder in Kinlough, einem irischen Touristenort an der Westküste, trifft, in dem sie gemeinsam aufwuchsen. Das vieles zeitlich zusammenkommt, ist natürlich arg konstruiert, was mir nicht gefällt, insbesondere da es die Basis für alles Weitere darstellt. Die späteren Entwicklungen hingegen greifen gut ineinander; da funktioniert die Story.
Ein weiteres schwieriges Thema ist die Sprache: Die Kids sprechen auf ihre eigene Art, aber alle mit einem deutlichen Slang. Man bekommt zwar einen guten Zugang zu ihrer Gedankenwelt, aber der ganze Roman wird sprachlich auf dieses Niveau reduziert. Hinzu kommt, dass die Unterschiede in den Gedanken und dem Sprachgebrauch der verschiedenen Charaktere bemüht und damit konstruiert wirken. Man weiß, was der Autor beabsichtigt. Allerdings nimmt das der Geschichte ihre Leichtigkeit.
Was Walsh gut gelingt, ist durchgängig Spannung zu erzeugen. Man will wissen, was passiert ist. Es gibt zwischenzeitig neue Abzweigungen. Und es wird alles aufgelöst. Die verschiedenen Charaktere arbeitet er solide heraus, so dass die Story dadurch zusätzlich vorangetrieben werden kann. Aber trotzdem stößt er auch hier an Grenzen. Zum einen, weil gerade Kala, die im Zentrum der Geschehnisse steht, für mich kein gutes Gesamtbild ergibt. Mir gelang es einfach nicht, mich komplett mit ihr zu identifizieren. Und zum Anderen hat man irgendwann das Gefühl, dass alle in dem Ort Dreck am Stecken haben. Man wünscht sich zwischendurch etwas Normalität, damit alles etwas mehr ausbalanciert wäre. Allerdings vergeblich.
Letztlich bleibt ein äußerst spannender Thriller mit interessanten Charakteren zurück, der an der ein oder anderen Stelle allerdings mehr Feinschliff gebraucht hätte. Lesenswert ist er allemal. Ich habe allerdings Zweifel daran, dass er lange nachwirkt.

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Veröffentlicht am 28.12.2025

Großartiges Finale

Trag das Feuer weiter
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Mit „Trag das Feuer weiter“ beschließt die marokkanisch-stämmige Französin Leila Slimani ihre große Trilogie. Darin erzählt sie die Geschichte, die von ihrer eigenen Familie inspiriert ist, die Geschichte ...

Mit „Trag das Feuer weiter“ beschließt die marokkanisch-stämmige Französin Leila Slimani ihre große Trilogie. Darin erzählt sie die Geschichte, die von ihrer eigenen Familie inspiriert ist, die Geschichte der Belhajs vom Ende des 2. Weltkriegs bis in die frühen 2000er Jahre.
In diesem 3. Band schließt sie nahtlos an die beiden Vorgänger-Romane an. Allein das muss man würdigen. Denn eine angekündigte Trilogie zu einem sinnvollen Ende zu führen, gelingt nicht jedem. Aber Slimani führt ihren literarischen Stil weiter; das Buch lässt sich sehr gut lesen. Man sollte aber auf jeden Fall die ganze Geschichte kennen, um das bestmögliche Leseerlebnis zu haben.
Im Mittelpunkt steht diesmal die Familie Daoud, rund um Aicha, die Tochter von Mathilde und Amine. Der Leser wird mitgenommen auf eine Geschichte, die einen tiefen Einblick in die marokkanische Kultur gibt. Dabei wird nicht angeklagt, nicht verurteilt, sondern nur leise beobachtet. Die Autorin erzählt schlichtweg von einer Familie, über drei Generationen hinweg. Es könnte eine beliebige Familie einer anderen Kultur sein, da es dieselben Höhen und Tiefen gibt.
Aber Slimanis Blick geht darüber hinaus. Sie erzählt von Identität und Herkunft, und darüber, welche Herausforderungen es birgt, in einem fremden Land zu leben. Wann ist man dazugehörig, wann ein Fremder? Sie erzählt von verkrusteten Strukturen, vom Konflikt zwischen Tradition und Moderne und darüber, was das mit den Menschen macht. Und sie erzählt vom Kampf der Frauen gegen Unterdrückung, aber gleichzeitig auch vom Kampf der Männer gegen Erwartungen, denen sie nicht immer genügen können.
Wie die Autorin das alles zusammenhält, ist ihr hoch anzurechnen. Denn sie nimmt sich vieler Themen an, ohne dass man das Gefühl bekommt, dass der Roman dadurch überfrachtet würde. Und sie bleibt stets objektiv, obwohl sie den Finger ein ums andere Mal in die Wunde legt. Letztlich erzählt sie aber vorrangig etwas über uns Menschen, egal in welchem Teil der Erde wir leben. Die Trilogie ist daher eine klare Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 19.10.2025

Plädoyer für mehr Verständnis

Ins hohe Gras
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Trevor Noah ist ein südafrikanischer Comedian, der bereits ein sehr erfolgreiches autobiografisches Werk namens „Born a crime“ veröffentlicht hat. Dieses habe ich schon einige Zeit auf meiner To-do-Liste ...

Trevor Noah ist ein südafrikanischer Comedian, der bereits ein sehr erfolgreiches autobiografisches Werk namens „Born a crime“ veröffentlicht hat. Dieses habe ich schon einige Zeit auf meiner To-do-Liste und nun steht der Plan, es in Kürze zu lesen.

Denn mit seinem neuesten Buch „Ins hohe Gras“, das sich zumindest vordergründig an Kinder richtet, hat er einige wunderbare Botschaften in die Welt gesetzt. Es geht um einen Jungen und seinen Bären. Der Junge mag es nicht, sich an Regeln zu halten, zum Beispiel sein Bett zu machen. Das ärgert ihn so sehr, dass er sich gemeinsam mit dem Bären auf den Weg in den Garten und darüber hinaus macht. Auf dem Weg treffen Sie verschiedenen „Wesen“, die wichtige Botschaften für Sie bereithalten. Mehr zum Inhalt will ich hier nicht verraten.

Aber worum geht es eigentlich wirklich?Noah will seinen Lesern wichtige Erkenntnisse aus seinem eigenen Leben mit auf den Weg geben. Ganz vorne steht dabei, dass Menschen mehr Verständnis füreinander aufbringen müssen; seien es Eltern und ihre Kinder, aber auch verschiedene Bevölkerungsgruppen oder Rassen könnte man an deren Stelle setzen. Sich einfach mal auf die andere Seite zu stellen, eine andere Meinung gelten zu lassen. Darüber hinaus geht es aber auch um Konfliktbewältigung, Kompromissbereitschaft, Vertrauen, Akzeptanz und die Bedeutung von Regeln. Das sind viele Themen, die man allesamt in dieser kurzen Geschichte finden kann. Gerade deshalb gelingt dem Autor seine Absicht, nicht ausschließlich ein Kinderbuch geschrieben zu haben. Ich denke, dass Kinder jeweils das aus der Geschichte ziehen werden, was sie selbst am meisten berührt. Und das ist auch völlig ausreichend. Denn um tatsächlich alle Facetten auszuleuchten, bedarf es einiger umfassender Überlegungen oder Gesprächen. Aber was wäre es für eine wunderbare Vorstellung, wenn das Buch Eltern und Kinder dazu anregt, miteinander in einen tiefen Dialog einzusteigen…

Nicht unerwähnt lassen möchte ich die tolle Bebilderung von Sabina Hahn. Diese liefert ein perfektes Match mit Noahs Text. Das Buch ist ein schönes Gesamterlebnis, das zum Nachdenken und Träumen anregt, aber auch und vor allem Empathie fördert.

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Veröffentlicht am 16.10.2025

Augenöffner

Der brennende Garten
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In dem Roman der US-Autorin V. V. Ganeshananthan erzählt diese die Geschichte von Sashi, beginnend im Jahr 2009, Ort: NYC. Sehr schnell aber springen wir ins Jahr 1981, nach Sri Lanka. Und von dort aus ...

In dem Roman der US-Autorin V. V. Ganeshananthan erzählt diese die Geschichte von Sashi, beginnend im Jahr 2009, Ort: NYC. Sehr schnell aber springen wir ins Jahr 1981, nach Sri Lanka. Und von dort aus wird in der ersten Person aus Sicht eben jener Sashi berichtet. Immer wieder wird der Leser einbezogen, indem er direkt angesprochen wird. Diese kleine Technik erzeugt tatsächlich eine größere Nähe zu den Personen, denen man begegnet und v.a. zu Sashi.
Wir finden uns in einer Zeit wieder, als in Sri Lanka alte Fehden zwischen den Tamilen und den Singhalesen immer stärker hochkochten und schließlich in einen jahrzehntelangen Bürgerkrieg mündeten. Der Leser erlebt die Geschehnisse auf einer Mikroebene, nämlich aus Sicht der tamilischen Familie Sashis. Das sorgt dafür, dass man emotional viel stärker eingebunden wird, als wenn die Autorin harte Fakten in den Vordergrund stellen würde. Der Autorin gelingt es dadurch, auch einem westlichen Leser Zugang in eine Welt zu verschaffen, die man ansonsten eher aus Urlaubsprospekten kennt. Ich habe oft Schwierigkeiten damit, mich in eine Welt voller fremder Namen und Sitten einzufühlen. Ganz anders hier; die Verbindung ist von Anfang an da.
Man erlebt den Konflikt mit all seiner Grausamkeit, wobei Fakten und Fiktion gekonnt miteinander verwoben werden. Ich habe häufig daran gedacht, dass es hier zwar um Sri Lankas Bürgerkrieg geht, letztlich aber auch jeder andere an dessen Stelle stehen könnte. Schaut man aktuell in die Ukraine oder in den Nahen Osten, um nur zwei aktuelle Konflikte zu nennen, so wird das Erlebte nicht wesentlich von dem abweichen, was wir hier lesen können.
Und das ist die größte Leistung, die die US-Autorin hier vollbringt. Sie hebt den Zeigefinger, nimmt den Leser an die Hand und führt ihn in eine Welt, vor der wir am liebsten die Augen verschließen. Aber wie viele Menschen werden hineingeboren in eine zerstörerische Welt, der sie gerne entfliehen würden, es aber nicht können? Und was treibt diejenigen an, die einen solchen Krieg unablässig vorantreiben? Fragen, mit denen man sich unausweichlich beschäftigen muss, wenn man diesen Roman liest.

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Veröffentlicht am 20.09.2025

Es bleibt haften

Weißes Licht
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Eric Puchner hat mit „Weißes Licht“ einen sehr interessanten Roman geschrieben, der nicht sehr leicht zu bewerten ist. Aber eins nach dem anderen. Es wird zunächst in aller Ausführlichkeit erzählt, wie ...

Eric Puchner hat mit „Weißes Licht“ einen sehr interessanten Roman geschrieben, der nicht sehr leicht zu bewerten ist. Aber eins nach dem anderen. Es wird zunächst in aller Ausführlichkeit erzählt, wie Cece und Charlie sich auf ihre Hochzeit vorbereiten. Charlies bester Freund Garrett soll die beiden trauen. Doch, als der zurückgezogen lebende Garrett erkennt, dass er sich zu Cece hingezogen fühlt, nehmen die Dinge einen völlig unkontrollierten Lauf. Vielmehr darf man zu dieser Geschichte nicht erzählen, um das Leseerlebnis nicht zu beeinträchtigen.
Puchner skizziert auf Grundlage dieser anfänglichen Ereignisse eine viel größere Geschichte, die Geschichte zweier Familien über mehrere Jahrzehnte. Er erzählt, wie spontane und nicht vorhersehbare Entscheidungen die Lebenslinien mehrerer Menschen über mehrere Generationen hinweg beeinflussen.
Aus literarischer Sicht war der Roman für mich eine Achterbahnfahrt. Denn neben großartigen Momenten gab es auch Schwachstellen.
Was hat mir nicht so gut gefallen? Die lange Anfangssequenz hat noch nicht das Niveau, welches der Roman in seinem weiteren Verlauf erreichen wird. Am Ende gibt es alles Sinn, wirkt aber anfänglich noch etwas hölzern. Zudem gibt es manchmal Einschübe, die für sich genommen von hoher Qualität sind, aber nicht so recht zum Rest der Geschichte passen. An zwei Stellen schreibt der Autor aus Sicht eines allwissenden Erzählers, jeweils nur über wenige Sätze, wohingegen sonst immer aus Sicht einer bestimmten Person geschrieben wird. Was ich ebenfalls herausfordernd fand, ist die Tatsache, dass Puchner dem Leser sehr viel Input gibt. Er schreibt über Beziehungen, Familien, Krankheiten, Drogenkonsum, Homosexualität, den Klimawandel, COVID etc. Hier wäre möglicherweise weniger mehr gewesen. Insbesondere von den vier letztgenannten hätte ich 2-3 weggelassen.
Aber was darum herum passiert, ist stellenweise von hoher literarischer Qualität. Vor allem gewinnt der Roman mit zunehmender Dauer immer mehr. Der Autor arbeitet sich von Kapitel zu Kapitel durch die Jahrzehnte, wobei es zwischen den Kapiteln zum Teil größere zeitliche Sprünge gibt. Er holt den Leser aber immer wieder recht schnell ab und schließt nach und nach alle Lücken. Wie er dies macht, hat mich stark bewegt. Er schreibt über die Irrwege, die Familien häufig durchlaufen müssen, über die Schönheit und die Grausamkeit des Lebens. Er schreibt über Wendepunkte und schicksalhafte Entscheidungen. Und er schreibt, wie all dies miteinander zusammenhängt.
Aber was die größte Stärke der Erzählung ist, sind die starken Bilder, welche beim Leser zurückbleiben. Es gibt verschiedene Situationen, die mich nicht so schnell verlassen werden. (Ceces und Garrets Wanderung durch den Glacier National Park, die Umarmung von Charlie und Cece, der geteilte Handschuh im Sessellift etc) Und dasselbe gilt für die Charaktere. Denn so, wie man sie hier begleitet, ist es schwer, sie einfach wieder zu vergessen. Und wenn ein Autor dazu in der Lage ist dem Leser dieses Geschenk zu machen, ist das eine große Gabe. Insgesamt ist „Weißes Licht“ also ein Roman, der sich auf jeden Fall lohnt. Wäre er an der einen oder anderen Stelle etwas kürzer geraten, hätte das möglicherweise die Geschichte noch weiter vorangetrieben. Und trotz dieser kleinen Defizite bin ich sehr dankbar, dieses Werk gelesen zu haben.

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