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Mirko

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 16.10.2025

Augenöffner

Der brennende Garten
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In dem Roman der US-Autorin V. V. Ganeshananthan erzählt diese die Geschichte von Sashi, beginnend im Jahr 2009, Ort: NYC. Sehr schnell aber springen wir ins Jahr 1981, nach Sri Lanka. Und von dort aus ...

In dem Roman der US-Autorin V. V. Ganeshananthan erzählt diese die Geschichte von Sashi, beginnend im Jahr 2009, Ort: NYC. Sehr schnell aber springen wir ins Jahr 1981, nach Sri Lanka. Und von dort aus wird in der ersten Person aus Sicht eben jener Sashi berichtet. Immer wieder wird der Leser einbezogen, indem er direkt angesprochen wird. Diese kleine Technik erzeugt tatsächlich eine größere Nähe zu den Personen, denen man begegnet und v.a. zu Sashi.
Wir finden uns in einer Zeit wieder, als in Sri Lanka alte Fehden zwischen den Tamilen und den Singhalesen immer stärker hochkochten und schließlich in einen jahrzehntelangen Bürgerkrieg mündeten. Der Leser erlebt die Geschehnisse auf einer Mikroebene, nämlich aus Sicht der tamilischen Familie Sashis. Das sorgt dafür, dass man emotional viel stärker eingebunden wird, als wenn die Autorin harte Fakten in den Vordergrund stellen würde. Der Autorin gelingt es dadurch, auch einem westlichen Leser Zugang in eine Welt zu verschaffen, die man ansonsten eher aus Urlaubsprospekten kennt. Ich habe oft Schwierigkeiten damit, mich in eine Welt voller fremder Namen und Sitten einzufühlen. Ganz anders hier; die Verbindung ist von Anfang an da.
Man erlebt den Konflikt mit all seiner Grausamkeit, wobei Fakten und Fiktion gekonnt miteinander verwoben werden. Ich habe häufig daran gedacht, dass es hier zwar um Sri Lankas Bürgerkrieg geht, letztlich aber auch jeder andere an dessen Stelle stehen könnte. Schaut man aktuell in die Ukraine oder in den Nahen Osten, um nur zwei aktuelle Konflikte zu nennen, so wird das Erlebte nicht wesentlich von dem abweichen, was wir hier lesen können.
Und das ist die größte Leistung, die die US-Autorin hier vollbringt. Sie hebt den Zeigefinger, nimmt den Leser an die Hand und führt ihn in eine Welt, vor der wir am liebsten die Augen verschließen. Aber wie viele Menschen werden hineingeboren in eine zerstörerische Welt, der sie gerne entfliehen würden, es aber nicht können? Und was treibt diejenigen an, die einen solchen Krieg unablässig vorantreiben? Fragen, mit denen man sich unausweichlich beschäftigen muss, wenn man diesen Roman liest.

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Veröffentlicht am 20.09.2025

Es bleibt haften

Weißes Licht
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Eric Puchner hat mit „Weißes Licht“ einen sehr interessanten Roman geschrieben, der nicht sehr leicht zu bewerten ist. Aber eins nach dem anderen. Es wird zunächst in aller Ausführlichkeit erzählt, wie ...

Eric Puchner hat mit „Weißes Licht“ einen sehr interessanten Roman geschrieben, der nicht sehr leicht zu bewerten ist. Aber eins nach dem anderen. Es wird zunächst in aller Ausführlichkeit erzählt, wie Cece und Charlie sich auf ihre Hochzeit vorbereiten. Charlies bester Freund Garrett soll die beiden trauen. Doch, als der zurückgezogen lebende Garrett erkennt, dass er sich zu Cece hingezogen fühlt, nehmen die Dinge einen völlig unkontrollierten Lauf. Vielmehr darf man zu dieser Geschichte nicht erzählen, um das Leseerlebnis nicht zu beeinträchtigen.
Puchner skizziert auf Grundlage dieser anfänglichen Ereignisse eine viel größere Geschichte, die Geschichte zweier Familien über mehrere Jahrzehnte. Er erzählt, wie spontane und nicht vorhersehbare Entscheidungen die Lebenslinien mehrerer Menschen über mehrere Generationen hinweg beeinflussen.
Aus literarischer Sicht war der Roman für mich eine Achterbahnfahrt. Denn neben großartigen Momenten gab es auch Schwachstellen.
Was hat mir nicht so gut gefallen? Die lange Anfangssequenz hat noch nicht das Niveau, welches der Roman in seinem weiteren Verlauf erreichen wird. Am Ende gibt es alles Sinn, wirkt aber anfänglich noch etwas hölzern. Zudem gibt es manchmal Einschübe, die für sich genommen von hoher Qualität sind, aber nicht so recht zum Rest der Geschichte passen. An zwei Stellen schreibt der Autor aus Sicht eines allwissenden Erzählers, jeweils nur über wenige Sätze, wohingegen sonst immer aus Sicht einer bestimmten Person geschrieben wird. Was ich ebenfalls herausfordernd fand, ist die Tatsache, dass Puchner dem Leser sehr viel Input gibt. Er schreibt über Beziehungen, Familien, Krankheiten, Drogenkonsum, Homosexualität, den Klimawandel, COVID etc. Hier wäre möglicherweise weniger mehr gewesen. Insbesondere von den vier letztgenannten hätte ich 2-3 weggelassen.
Aber was darum herum passiert, ist stellenweise von hoher literarischer Qualität. Vor allem gewinnt der Roman mit zunehmender Dauer immer mehr. Der Autor arbeitet sich von Kapitel zu Kapitel durch die Jahrzehnte, wobei es zwischen den Kapiteln zum Teil größere zeitliche Sprünge gibt. Er holt den Leser aber immer wieder recht schnell ab und schließt nach und nach alle Lücken. Wie er dies macht, hat mich stark bewegt. Er schreibt über die Irrwege, die Familien häufig durchlaufen müssen, über die Schönheit und die Grausamkeit des Lebens. Er schreibt über Wendepunkte und schicksalhafte Entscheidungen. Und er schreibt, wie all dies miteinander zusammenhängt.
Aber was die größte Stärke der Erzählung ist, sind die starken Bilder, welche beim Leser zurückbleiben. Es gibt verschiedene Situationen, die mich nicht so schnell verlassen werden. (Ceces und Garrets Wanderung durch den Glacier National Park, die Umarmung von Charlie und Cece, der geteilte Handschuh im Sessellift etc) Und dasselbe gilt für die Charaktere. Denn so, wie man sie hier begleitet, ist es schwer, sie einfach wieder zu vergessen. Und wenn ein Autor dazu in der Lage ist dem Leser dieses Geschenk zu machen, ist das eine große Gabe. Insgesamt ist „Weißes Licht“ also ein Roman, der sich auf jeden Fall lohnt. Wäre er an der einen oder anderen Stelle etwas kürzer geraten, hätte das möglicherweise die Geschichte noch weiter vorangetrieben. Und trotz dieser kleinen Defizite bin ich sehr dankbar, dieses Werk gelesen zu haben.

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Veröffentlicht am 21.08.2025

Ein wilder Ritt

Dr. No
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Percival Everett ist ein genialer Schriftsteller. Dies ist der vierte Roman von ihm, den ich gelesen habe. Und eine derartige literarische Bandbreite ist mir tatsächlich selten begegnet. Denn jeder Roman ...

Percival Everett ist ein genialer Schriftsteller. Dies ist der vierte Roman von ihm, den ich gelesen habe. Und eine derartige literarische Bandbreite ist mir tatsächlich selten begegnet. Denn jeder Roman war anders, jeder Roman war besonders.
In Dr. No geht es um einen völlig durchgeknallten Schurken, der auf der Jagd nach dem Nichts ist, sowie einen Mathematikprofessor, der ihm dabei helfen soll. Das ist zumindest der grobe Rahmen, in den der Autor eine völlig durchgeknallte Geschichte, mathematische Fragestellungen und philosophische Diskussionen einbettet. Von Beginn an ist der Roman eine Achterbahnfahrt, die mit wenig anderen Werken zu vergleichen ist. Mir würden hier „Unsere Frau in Pjöngjang“ von Jean Echenoz oder „Christy Malries doppelte Buchführung“ von B.S. Johnson einfallen. Letztlich macht Everett aber hier sein eigenes Ding. Ihm ist vollkommen egal, ob er dabei mögliche literarische Regeln bricht oder was Leser erwarten oder denken. Er lässt seine kreative Schaffenskraft einfach genauso wirken, wie er sie fühlt. Was dabei herauskommt, ist natürlich äußerst speziell, aber auch ein großes Vergnügen. Natürlich fordert er den Leser enorm, insbesondere bei den mathematisch-philosophischen Abhandlungen. Ich war bemüht, habe aber ganz sicher auch nur einen Bruchteil dessen verstanden, was hier zum Ausdruck gebracht werden sollte. Aber genau das war ja die Absicht des Autors: Den Leser unterhalten und gleichzeitig fordern. Gewohnte literarische Ansätze aufbrechen und einfach mal etwas Neues auf den Markt werfen. Dabei hat er Themen eingeflochten, die ihn offensichtlich schon länger beschäftigt hatten.
Auch wenn ich das englischsprachige Original nicht kenne, möchte ich hier ausdrücklich den Übersetzer loben. Denn solch ein Werk in eine andere Sprache zu übertragen, ist gewiss beachtenswert. Auch den Mut des Hanser-Verlages ein solches Buch zu veröffentlichen, das es vermutlich schwer haben wird, einen großen Leserkreis zu gewinnen, muss man hervorheben. Ich finde es großartig, das es veröffentlicht wurde und bin dankbar, mich auf diese wilde Achterbahnfahrt begeben zu haben.

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Veröffentlicht am 10.08.2025

Zukunftsforschung für Kids

Kosmos SchlauFUX Roboter und KI
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Mit einem tollen und gut durchdachten Konzept für Kinder ab 8 Jahren glänzt dieses Sachbuch mit den Themen KI und Robotics. Ich habe es mit meinem Neffen (9 Jahre) gelesen, der es sofort super-interessiert ...

Mit einem tollen und gut durchdachten Konzept für Kinder ab 8 Jahren glänzt dieses Sachbuch mit den Themen KI und Robotics. Ich habe es mit meinem Neffen (9 Jahre) gelesen, der es sofort super-interessiert zur Hand genommen hat. Ich selbst hatte vor wenigen Wochen eine Tagung mit einem Zukunftsforscher und habe zahlreiche seiner Themen hier wiedererkannt. Das war auch insofern spannend, als ich erkennen konnte, wie gut das Buch recherchiert ist. Tatsächlich habe ich nichts vermisst. Auf je einer Doppelseite wird ein Kapitel behandelt. So bleibt es spannend und bunt, damit zu arbeiten. In welcher Reihenfolge das gemacht wird, ist dabei unerheblich. Die Kids werden sogar dazu animiert thematisch zu springen. Mein Daumen geht deutlich nach oben. Es ist für Kinder gemacht, aber selbst für Erwachsene als Einstieg in die Themenwelt geeignet.

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Veröffentlicht am 08.07.2025

Kraftvolle Novelle

Der Krabbenfischer
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Benjamin Wood erzählt hier die Geschichte von Thomas, einem jungen Mann, der allein mit seiner Mutter lebt und sich als Krabbenfischer im Großbritannien der Sechzigerjahre verdingt. Jeden Morgen fährt ...

Benjamin Wood erzählt hier die Geschichte von Thomas, einem jungen Mann, der allein mit seiner Mutter lebt und sich als Krabbenfischer im Großbritannien der Sechzigerjahre verdingt. Jeden Morgen fährt er mit seinem Pferd heraus an den Strand, um dort sein täglich Brot zu verdienen. Er führt ein einfaches, teils hartes Leben, ist mit wenig zufrieden, hat bescheidene Träume. Es gibt ein Mädchen, die Schwester seines Freundes, die ihn fasziniert. Aber er traut sich nicht, sie anzusprechen. Und er träumt davon, Musiker zu sein, und wenn es nur ein Auftritt auf einer heimischen Bühne mit seiner Gitarre ist. Eines Tages kommt ein Fremder in das Dorf und fragt Thomas, ob er ihm helfen kann, den Strand besser kennen zu lernen, weil er plant dort einen Film zu drehen. Denn der Fremde ist ein Regisseur, ein Freigeist, der seine Kreativität kaum zügeln kann.
Dies ist das Grundgerüst der Novelle von Benjamin Wood, einem 44-jährigen britischen Autor. Man sollte hier keine ausschweifende Handlungsstränge erwarten. Es ist eine einfache, kurze Erzählung, die allerdings einiges aufzubieten hat. Da ist zum einen die Sprache. Bereits auf den ersten Seiten ist man als Leser dazu in der Lage, sich in das Erzählte bestens hineinzuversetzen. Denn das Ganze ist so plastisch geschrieben, dass man die Gerüche und Geräusche der See förmlich erspüren kann. Die Charaktere sind einem von Beginn an nah. Sie sind authentisch und greifbar.
Und da ist die Symbolik der Erzählung. Denn das Auftauchen des fremden Regisseurs wird natürlich Bedeutung erlangen, die Balance im Leben von Thomas aus dem Gleichgewicht bringen. Auch hier darf man nicht eine zu komplexe Handlung erwarten, sondern sollte vielmehr auf das achten, was zwischen den Zeilen stattfindet.
Man findet hier eine Geschichte, die von Träumen, Hoffnung, den Beschränkungen des Lebens, Kreativität, Inspiration und noch viel mehr erzählt. Es geht darum, wie uns unbekannte Menschen in der Lage sind, unserem Leben eine neue Richtung zu geben. Und es geht darum, nicht nur auf den äußeren Schein zu achten, sondern sehr genau hinzusehen. Denn auch das, was uns erstrebenswert scheint, zeigt bei genauem Hinschauen häufig Risse.
Der Autor liefert nicht an jeder Stelle Antworten, regt aber den Leser, trotz der Kürze seiner Novelle vielseitig zum Nachdenken an. Er beeinflusst die Gefühlswelt des Lesers mit einfachen Mitteln. Es ist nicht die Komplexität von Handlung oder Sprache, mit welcher der Autor beeindruckt, sondern die Liebe zu seinen Figuren und die Fähigkeit gefühlvoll und tiefgründig zu schreiben. Deshalb ist dieser Kurzroman eine klare Leseempfehlung. Lässt man sich darauf ein, kann man tatsächlich reich belohnt werden.

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