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Veröffentlicht am 01.11.2025

Großartige Erzählkunst

Wenn die Sonne untergeht
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In seinem neuen Buch "Wenn die Sonne untergeht" beschreibt Florian Illies, Autor und Herausgeber der "ZEIT", aus Anlass des 150. Geburtstags von Thomas Mann das Leben der Familie Mann während der heißen ...

In seinem neuen Buch "Wenn die Sonne untergeht" beschreibt Florian Illies, Autor und Herausgeber der "ZEIT", aus Anlass des 150. Geburtstags von Thomas Mann das Leben der Familie Mann während der heißen Sommermonate des Jahres 1933 in ihrem Exil in Südfrankreich.

Am 11. Februar 1933, dem 28. Hochzeitstag von Thomas und Katia Mann, bereiten sich die Eheleute auf Thomas' Vortragsreise vor, die sie nach Amsterdam, Brüssel und Paris führen wird. Anschließend ist ein dreiwöchiger Erholungsurlaub in Arosa geplant. Da Thomas Mann wegen eines "verunglimpfenden" Vortrags über Richard Wagner bei den Nazis in Ungnade gefallen ist, raten ihm sein Verleger und seine Kinder Erika und Klaus dringend, vorerst in Arosa zu bleiben. Hinzu kommt, dass seine Schwiegereltern und somit auch Katia und die sechs Kinder jüdische Wurzeln haben und sich im "Deutschen Reich" nicht mehr sicher fühlen können. Thomas und Katia beschließen, ihren Aufenthaltsort nach Sanary-sur-Mer zu verlegen. Dort leben sie im Hotel, bevor sie ein geräumiges Haus beziehen, das Platz für die ganze Familie bietet. Auch Thomas' Bruder Heinrich sucht Zuflucht in Sanary, nachdem er Berlin aus politischen Gründen fluchtartig verlassen hat.

Florian Illies ist ein begnadeter Erzähler, dem es mit seinem Buch ganz hervorragend gelungen ist, das private Leben von Thomas Mann und seiner Familie mit der Zeitgeschichte zu verknüpfen. Die Charaktere zeichnet er ganz wunderbar und authentisch, insbesondere den Patriarchen Thomas, der nur seiner Lieblingstochter Medi Zuneigung entgegenbringt, während die anderen Kinder die gemeinsamen Mittagsmahlzeiten fürchten und meist von ihm mit Gleichgültigkeit behandelt werden. Katia managt ihren Mann, organisiert sein Leben und kümmert sich um alles.

Das Buch beschreibt unterhaltsam und mit ein wenig Ironie den Alltag der Familie im Exil. Die Tage sind im Sinne des Familienvaters fest strukturiert, die Eheleute gehen gern spazieren, baden im Meer und treffen sich mit Freunden. Ein besonderes Highlight sind die Lesungen in den Gärten der Schriftsteller, zu denen neben Thomas und Heinrich Mann auch Arnold Zweig und der im Buch eine wichtige Rolle spielende Lion Feuchtwanger gehören. Der Zauberer, wie die Mann-Kinder ihren Vater bezeichnen, ist ein ausgezeichneter Vorleser, der seine Zuhörer fesselt.

Thomas Mann ist ein egozentrischer und wenig sympathischer Zeitgenosse, der von seiner Familie viel Rücksicht verlangt und sich gern in den eigenen Befindlichkeiten verliert. Der geniale Schriftsteller hat als Vater gewaltige Defizite, innerhalb der Familie umgibt ihn Kälte, Wärme und Empathie vermag er nicht zu geben. Seine Kinder - bis auf Medi - kämpfen ein Leben lang um die Liebe und Anerkennung ihres Vaters. Für Golo und Erika, denen es gelingt, neben den Tagebüchern des Vaters auch eine hohe Geldsumme und viele Wertgegenstände aus dem Münchner Haus in Sicherheit zu bringen, findet er keine Worte der Dankbarkeit. Klaus, der eine Exilzeitschrift gründet, hofft vergeblich darauf, dass sein Vater endlich seine Stimme erhebt und ein öffentliches Bekenntnis gegen den Nationalsozialismus abgibt. Seinen Sohn Bibi lehnt Thomas Mann ab, der Junge fühlt sich nicht erwünscht, nur durch sein Geigenspiel verspürt er endlich Anerkennung durch den Vater. Monika lebt mit der Überzeugung, ein ungeliebtes Kind zu sein.

Es geht in dem Buch nicht nur um den Alltag der Familie Mann in Sanary, sondern auch um Heimat und Verlorenheit, um Depressionen und Drogensucht sowie um die politische Situation in Deutschland. Thomas Mann gilt als politischer Flüchtling, der Rotary Club verstößt ihn, und in München gibt es einen Protest gegen ihn. Seine Konten werden gesperrt, die Villa und der Fuhrpark beschlagnahmt, es werden ein Haftbefehl gegen ihn erlassen und 100.000 Reichsmark Reichsfluchtsteuer gefordert.

Auf den letzten 13 Seiten erfahren wir, wie es nach dem Sommer 1933 mit den einzelnen Protagonisten weitergegangen ist, auch dieses Kapitel fand ich sehr lesenswert und äußerst interessant. Der Familienstammbaum am Ende des Buches ermöglicht es, jederzeit die Familienstruktur der Manns nachvollziehen zu können, auch die Übersicht mit den Namen der Sommergäste fand ich sehr hilfreich.

Ich habe das fesselnde Buch, das bereits jetzt für mich eines meiner Jahreshighlights ist, mit sehr viel Freude und großem Interesse gelesen und war fasziniert vom Leben der Familie Mann, die von heute auf morgen ihre Heimat verlor und sich ein völlig neues Leben aufbauen musste. Ich habe mich keine Sekunde gelangweilt, häufig geschmunzelt und mich bestens unterhalten gefühlt.

Absolute Leseempfehlung für das großartig geschriebene Werk über eine der interessantesten und außergewöhnlichsten Familien des 20. Jahrhunderts!

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Veröffentlicht am 26.10.2025

Unterhaltsame Zeitreise in die turbulenten Siebziger

Der Plattenspieler unter der Dachschräge
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"Der Plattenspieler unter der Dachschräge", der neue Roman des österreichischen Schriftstellers Herbert Dutzler, spielt auf zwei Zeitebenen. Jedes der 11 Kapitel beginnt (in Kursivschrift sehr gut erkennbar) ...

"Der Plattenspieler unter der Dachschräge", der neue Roman des österreichischen Schriftstellers Herbert Dutzler, spielt auf zwei Zeitebenen. Jedes der 11 Kapitel beginnt (in Kursivschrift sehr gut erkennbar) damit, dass der erwachsene Siegfried Niedermayr im Hier und Jetzt die Diasammlung seiner verstorbenen Mutter sichtet und digitalisiert. Seit 1972 hatte sie das Familienleben anhand von Dias, die in Siegfried nun viele Erinnerungen wecken, akribisch dokumentiert.

Auf der Vergangenheitsebene führt uns der Autor ins Österreich der siebziger Jahre, genauer gesagt ins Jahr 1974. Der Ich-Erzähler Sigi ist 16 Jahre alt und lebt mit seinen Eltern Edeltraud und Adolf sowie seiner zwei Jahre jüngeren Schwester Uschi und der immer vergesslicher werdenden Großmutter in einem alten Bauernhaus auf dem Land. Er ist musikbegeistert, liebt die Literatur und träumt von einer Stereoanlage nebst Plattenspieler, außerdem kocht er leidenschaftlich gern und findet das andere Geschlecht sehr aufregend.

Das Buch hat mich von der ersten Seite an gefesselt und begeistert. Herbert Dutzler erzählt Sigis Geschichte mit ganz viel Herz, österreichischem Charme und viel Humor. Nicht nur Sigi als Hauptfigur, auch sämtliche Nebenfiguren sind bildhaft und authentisch beschrieben. Es hat mir sehr viel Lesefreude bereitet, den sympathischen Sigi für die Dauer eines ereignisreichen halben Jahres zu begleiten. Er erfüllt sich seinen Traum von der Stereoanlage und dem Plattenspieler, indem er während der Sommerferien in einer Möbelfirma und der Frühstückspension seiner Tante jobbt. Nun kann er in seinem Zimmer unter der Dachschräge seine Lieblingsmusik hören und dabei die Zeit - und auch seine Sorgen - vergessen, denn in der Ehe seiner Eltern kriselt es gewaltig.

Ich mochte den pfiffigen Sigi, der bei seinen Lehrern immer mal aneckt, in seine Klassenkameradin Rita verliebt ist und den es überrascht, zum Klassensprecher gewählt zu werden. Seine erste Tanzstunde trieb mir Lachtränen in die Augen, ich habe wegen seines brisanten Artikels in der Schülerzeitung mit ihm gebangt und ihn wegen seiner familiären Situation bedauert.

Es war so schön, durch Sigi wieder in die mir vertraute Welt der Siebziger einzutauchen, ich bin dabei auch immer wieder in meine eigenen Erinnerungen versunken.

"Der Plattenspieler unter der Dachschräge" ist nach "Die Welt war eine Murmel" , "Die Welt war voller Fragen" und "Wenn die Welt nach Sommer riecht" bereits der vierte Band um Sigi Niedermayr. Die Bücher können unabhängig voneinander gelesen werden, da in jedem Buch die familiären Strukturen gut beschrieben werden. Ich kenne alle Bände der Reihe und fand sie ganz großartig und äußerst unterhaltsam.

Absolute Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 18.10.2025

Drei Frauen auf neuen Wegen

Wilder Honig
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"Wilder Honig", der neue Roman der walisischen Autorin, Dramaturgin und Drehbuchautorin Caryl Lewis, spielt in Berllan Deg, einem kleinen Dorf in Wales. Im Mittelpunkt der Geschichte stehen mit Hannah, ...

"Wilder Honig", der neue Roman der walisischen Autorin, Dramaturgin und Drehbuchautorin Caryl Lewis, spielt in Berllan Deg, einem kleinen Dorf in Wales. Im Mittelpunkt der Geschichte stehen mit Hannah, Sadie und Megan drei Frauen, wie sie unterschiedlicher kaum sein können.

Die 70-jährige Hannah ist in tiefer Trauer, ihr Ehemann John, der Imker und Schriftsteller war, ist nach 50 Ehejahren infolge einer schweren Krankheit verstorben. Ihre sechs Jahre jüngere Schwester Sadie reist an, um sie zu unterstützen. Die Schwestern haben sich seit vielen Jahren nicht gesehen und sind sich fremd geworden. Während Hannah ihr ganzes Leben im Elternhaus geblieben ist, ist Sadie früh ausgezogen, um eigene Wege zu gehen. In Johns Unterlagen findet Sadie außer einem Testament 11 Briefe, die John kurz vor seinem Tod an Hannah geschrieben hat. Darin zieht er nicht nur Parallelen zwischen dem Leben der Bienen und seiner Beziehung zu Hannah, sondern beichtet seiner Frau ein lange gehütetes Geheimnis ...

Das Buch ist in ganz wunderbarer und poetischer Sprache geschrieben, auch der ruhige Erzählstil begeisterte mich sofort. Die interessanten und sympathischen Charaktere sind mit Empathie und Liebe beschrieben. Es geht in dem Buch neben Trauer und Verlust auch um Liebe und Neubeginn. Wir begleiten Hannah, Sadie und Megan über den Zeitraum eines Jahres und erleben, wie sie sich behutsam einander annähern. Meine Lieblingsfigur war Hannah, die nicht nur Johns Tod verarbeiten muss, sondern auch sein schockierendes Geständnis, das sie zutiefst verletzt hat. Im Laufe der Zeit gelingt es ihr, aus der Planung und Neugestaltung ihres Obstgartens neue Kraft und Zuversicht zu schöpfen.

Die Briefe, die John seiner Frau hinterlassen hat, stellen für mich das Highlight des Buches dar. Wir lernen John mit jedem Brief etwas besser kennen und können auch seine Handlungsweisen immer besser nachvollziehen. Er reflektiert nicht nur die gemeinsame Zeit mit Hannah, sondern übt in seinen Briefen auch Selbstkritik. Ich fand es sehr interessant und faszinierend, Einblicke in die mir bisher nur oberflächlich bekannte Bienenwelt zu bekommen. Im Laufe der Handlung widmet sich die Autorin immer intensiver der Bienenzucht, es wurde mir zu viel mit dem Bienenthema, zumal auch die bis zu einem gewissen Grad durchaus interessant geschilderte Gestaltung des Obstgartens immer mehr Raum einnimmt. Die Natur steht mir zu sehr im Vordergrund, ich hätte gern mehr über die Gedanken- und Gefühlswelt der Protagonistinnen gelesen.

Das erste Drittel des Buches hat mir sehr gut gefallen, danach bahnte sich eine vorhersehbare, unrealistische und kitschige Liebesgeschichte an, auf die ich gut hätte verzichten können. Sprache und Erzählstil fand ich ganz wunderbar, allerdings hatte ich insgesamt mehr von der Geschichte erwartet - sie hat mich leider nicht überzeugen können.

Trotz meiner Kritikpunkte vergebe ich 3 Sterne und empfehle den Roman allen Lesern, die gern Bücher mit intensiven und schönen Naturbeschreibungen lesen.

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Veröffentlicht am 11.10.2025

Aufwühlende und erschütternde Lebensgeschichte

9 Jahre Wahn
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Der Schauspieler und Autor Eric Stehfest, der einem breiten Publikum durch seine Rolle in einer Vorabendserie sowie verschiedene andere Fernsehformate bekannt sein dürfte, thematisiert in seinem autofiktionalen ...

Der Schauspieler und Autor Eric Stehfest, der einem breiten Publikum durch seine Rolle in einer Vorabendserie sowie verschiedene andere Fernsehformate bekannt sein dürfte, thematisiert in seinem autofiktionalen Buch "9 Jahre Wahn", das im ZS Verlag erschienen ist, seine paranoide Schizophrenie.

Eric und Edith Stehfest sind seit 4 Jahren verheiratet und haben zwei Kinder, als Eric die Kontrolle über sein Leben verliert. Er ist unsicher und steckt voller Selbstzweifel und Ängste. Edith, selbst schwer traumatisiert, kann ihm nicht helfen. Als Eric seine Frau regungslos neben sich auf dem Boden liegen sieht, kann er sich nicht erklären, was passiert ist. Er zieht die Notbremse und begibt sich unverzüglich in eine psychiatrische Tagesklinik, um sich helfen zu lassen. In intensiven Gesprächen öffnet er sich seiner Psychologin, redet über seine Wahnvorstellungen, seine Ängste und inneren Kämpfe. In der Klinik wird er einer Gruppe mit 6 weiteren Patienten zugeteilt. Es fällt ihm anfangs schwer, sich in die Gruppe einzufinden, doch im Laufe der Zeit gelingt es ihm sogar, Freundschaften zu knüpfen.

Das fesselnde Buch ist in klarer Sprache in der dritten Person geschrieben und liest sich sehr flüssig. Die Gespräche, die Eric mit seiner Psychologin führt, sind drehbuchartig dargestellt. Mit schonungsloser Offenheit beschreibt er seine schwierige Kindheit, den erlittenen Missbrauch und seine Drogenabhängigkeit. Inzwischen ist er clean, kämpft aber nach wie vor jeden Tag mit der Drogensucht.
Es geht unter die Haut, wenn Eric seine Wahnvorstellungen beschreibt, wie es ist, wenn "der Andere", wie er die dunkle Kraft in sich nennt, die Kontrolle über sein Inneres übernimmt. Dann ist er eine vollkommen andere Person, arrogant und provokant, während er normalerweise ein feinfühliger Mensch ist. Auch in den Gesprächen mit der Psychologin drängt sich "der Andere" in ihm immer wieder in den Vordergrund.

In dem aufwühlenden Buch geht es nicht nur um Erics Krankheit, es geht auch um seine Ehe und seine Familie, um Freundschaft und existenzielle Sorgen. Er geht mit sich selbst hart ins Gericht und verschweigt auch seinen Egoismus nicht. Vaterlos aufgewachsen, fällt es ihm schwer, Nähe zuzulassen. Ich habe mich für ihn gefreut, dass er in der Klinik Freunde gefunden hat, die ihn verstehen, akzeptieren und für ihn auch außerhalb der Klinik da sind. Der Zusammenhalt der Gruppe hat mich sehr berührt, ebenso die Schicksale der einzelnen Gruppenmitglieder.

Eric lässt den Leser tief in seine Seele blicken, beschreibt seine inneren Kämpfe und Qualen. Seine Geschichte hat mich nicht nur erschüttert und zutiefst berührt, sie lässt mich auch betroffen zurück.
Der Autor weist darauf hin, dass die Biografie eine stark verfremdete und teilweise fiktionalisierte Lebensgeschichte darstellt.

"9 Jahre Wahn" spricht vielleicht in erster Linie Fans des Schauspielers Eric Stehfest an, ich empfehle das Buch aber auch all denen, die sich über das Krankheitsbild der paranoiden Schizophrenie und das Leben damit informieren möchten!

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Veröffentlicht am 11.10.2025

Beeindruckender Debütroman mit psychologischem Tiefgang

Tanzende Spiegel
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In ihrem autofiktionalen Debütroman "Tanzende Spiegel" verwebt die Psychotherapeutin Annette Byford, die in Deutschland aufgewachsen ist und seit 40 Jahren in Großbritannien lebt, die Lebensgeschichte ...

In ihrem autofiktionalen Debütroman "Tanzende Spiegel" verwebt die Psychotherapeutin Annette Byford, die in Deutschland aufgewachsen ist und seit 40 Jahren in Großbritannien lebt, die Lebensgeschichte ihrer Mutter mit ihrer eigenen.

Die namenlose Mutter ist Anfang zwanzig und lebt in Wiesbaden. Sie ist mit dem Medizinstudenten Walter verlobt, den sie an der Universität Münster kennenlernte. Die junge Frau fühlte sich sehr schnell durch die Verbindung eingeengt und verließ nach dem ersten Semester die Stadt. Sie hat sich ein kleines Dachzimmer gemietet und eine Bürotätigkeit angenommen. Walter wird bald eine eigene Praxis bekommen, doch die Mutter der Autorin ist noch nicht bereit zu heiraten, nach den entbehrungsreichen Kriegsjahren ist sie lebenshungrig und genießt es, ins Kino zu gehen und sich mit ihren Kollegen zu treffen. Ihr Vorgesetzter bemüht sich intensiv um sie, und sie beginnen ein heimliches Verhältnis, das nicht folgenlos bleibt.

Im Hier und Jetzt lernen wir die Anfang der fünfziger Jahre geborene Ich-Erzählerin kennen, die als Psychotherapeutin arbeitet und seit zwei Jahren verwitwet ist. Sie hat viele Freunde und ein funktionierendes soziales Netzwerk. Eine junge Patientin weckt intensive Gefühle in ihr, sie denkt ständig an sie, und in ihren Tagträumen sind sie und die Cellistin ein Paar. Die Psychotherapeutin wünscht sich immer öfter, die junge Frau auch außerhalb der Praxis zu treffen. Sie gerät in einen tiefen Gewissenskonflikt, überschreitet bereits Grenzen und wird bald eine Entscheidung treffen müssen.

Die Handlung ist auf zwei Zeitebenen erzählt, auf der ersten begleiten wir die Mutter der Autorin ab einem Alter von etwa 22 Jahren, auf der zweiten Zeitebene erleben wir den Alltag der Psychotherapeutin und folgen ihren Erinnerungen an ihre Mutter. Die Geschichte wechselt ständig von der Gegenwart in die Vergangenheit und zurück. Durch die Kursivschrift sind die Zeitsprünge sehr gut erkennbar.

"Tanzende Spiegel" ist ein ganz wunderbares, ein kluges und berührendes Buch. Die schöne Sprache und der ruhige Erzählstil der Autorin haben mich von Beginn an begeistert. Die Autorin beschreibt ihre Mutter mit viel Liebe und Empathie. Es hat mir sehr viel Lesefreude bereitet, in die Lebensgeschichten der beiden Frauen einzutauchen. Ich mochte die junge Frau, die im Nachkriegsdeutschland die Liebe sucht, ihre Freiheit schätzt und selbstbestimmt leben möchte. Sie kann sich noch nicht mit der damaligen Rollenzuweisung als Mutter und Hausfrau identifizieren, und doch zwingen die Umstände sie zu einer lebenswichtigen Entscheidung. Ein halbes Jahrhundert später muss ihre Tochter feststellen, dass ihr Leben immer mehr zum Spiegelbild des Lebens der Mutter geworden ist, und auch sie muss eine wichtige Entscheidung treffen.

Ich habe das Buch, in dem es neben Liebe, Schuld und dem Schweigen über die Vergangenheit auch um eine Mutter-Tochter-Beziehung und ein Familiengeheimnis geht, sehr gern gelesen, es hat mich gefesselt und zutiefst berührt.
Am Ende des Romans weist die Autorin darauf hin, dass es sich um ein fiktives Werk handelt. Lediglich die Geschichte der Mutter beruht auf wahren Begebenheiten, die Abschnitte, die sich mit der Therapie befassen, sind fiktiv.

Absolute Leseempfehlung für alle, die gern anspruchsvolle Romane mit psychologischem Tiefgang lesen!

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