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Monsieur

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 04.08.2025

Drama voller seelischer Tiefe

Öffnet sich der Himmel
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„Öffnet sich der Himmel“ von Séan Hewitt ist ein Paradebeispiel dafür, wie wichtig es im modernen Literaturbetrieb ist, auch jungen Autoren eine Stimme zu geben, denn dem Erzähler gelingt gleich mit seinem ...

„Öffnet sich der Himmel“ von Séan Hewitt ist ein Paradebeispiel dafür, wie wichtig es im modernen Literaturbetrieb ist, auch jungen Autoren eine Stimme zu geben, denn dem Erzähler gelingt gleich mit seinem Debütroman etwas, woran etablierte und erfahrene Schriftsteller reihenweise scheitern.
Fast jeder zeitgenössische Roman – selbst jene, die sich der „ernsten“ Literatur zurechnen – bedient sich der Motive von Liebe und Leidenschaft, scheitert jedoch allzu oft an Klischees und Oberflächlichkeiten. Ganz anders Hewitts Roman „Öffnet sich der Himmel“, der von James handelt, einem sensiblen Jugendlichen, der in einem entscheidenden Sommer seines Lebens Gefühle für seinen Freund Luke entwickelt – Gefühle, die nicht erwidert werden. Was zunächst wie eine klassische Coming-of-Age-Geschichte anmutet, entfaltet sich zu einem stillen Drama voller seelischer Tiefe.
Hewitt gelingt es mit beachtlicher Leichtigkeit, James’ innere Welt zu erschließen – ein Gefühlsraum, so vielschichtig und intensiv, dass es den Jungen beinahe zu verschlingen droht, und man als Leser regelrecht mitgerissen wird. James’ Begehren, seine Verletzlichkeit, seine Verlorenheit: all das wird in klarer, unaufgeregter Sprache erfahrbar. Die Beziehung zwischen James und Luke ist brillant erzählt – voller Spannung, Annäherung und Distanz zugleich. Dabei bleibt immer spürbar, wie unterschiedlich beide Jungen ihre Verbindung erleben und was sie jeweils zu verlieren haben.
Besonders überzeugend ist Hewitts Gespür für Nuancen: James’ Blick auf das Dorf, auf seine Mitschüler, auf seine Eltern – alles ist von feinen Beobachtungen durchzogen, die sich nach und nach entfalten wie die Aromen eines guten irischen Whiskys. Und obwohl Hewitt stilistisch auf hohem Niveau schreibt, verliert er sich nie in sprachlicher Eitelkeit. Stattdessen bleibt er nahe bei James, bei dessen Erfahrungen und Erschütterungen.
In einem Jahr, in dem viele Liebesgeschichten wieder einmal belanglos und vorhersehbar daherkamen, ist „Öffnet sich der Himmel“ ein echter Höhepunkt. Vor allem im Jugendbuchbereich gehört dieser Roman zu den besten Veröffentlichungen der letzten Jahre – emphatisch, feinfühlig und absolut lesenswert.

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Veröffentlicht am 22.07.2025

Biografie mit gesellschaftskritischer Relevanz

Lilianas unvergänglicher Sommer
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In ihrer Heimat hat sich Cristina Rivera Garza mit ihren literarischen Sachbüchern bereits einen Namen gemacht. Doch mit „Lilianas unvergänglicher Sommer“, ihrem neuesten Werk, hat sie sich nicht nur ein ...

In ihrer Heimat hat sich Cristina Rivera Garza mit ihren literarischen Sachbüchern bereits einen Namen gemacht. Doch mit „Lilianas unvergänglicher Sommer“, ihrem neuesten Werk, hat sie sich nicht nur ein ganz persönliches Thema vorgenommen, sondern gleichsam ein literarisches Denkmal gesetzt, das internationale Anerkennung finden konnte: 2024 wurde sie für diesen autobiografischen Roman mit dem renommierten Pulitzer-Preis ausgezeichnet. Das Buch ist mehr als ein Rückblick – es ist eine Anklage, ein Nachruf, eine biografische Aufarbeitung und nicht zuletzt ein feministisches Manifest.
Im Zentrum des Romans steht der gewaltsame Tod von Garzas Schwester Liliana, die vor knapp 29 Jahren von ihrem damaligen Partner Ángel ermordet wurde. Ein Femizid – so lautet das zentrale Anliegen der Autorin. Sie will den Mord nicht einfach als „Verbrechen aus Leidenschaft“ verstanden wissen, wie es die mexikanischen Behörden damals klassifizierten, sondern ihn in den gesellschaftlichen Kontext patriarchaler Gewalt stellen. Dieser Anspruch durchzieht das gesamte Buch. Bereits der Einstieg des Romans macht klar, dass Cristina Rivera Garza mit diesem Buch ein großes Ziel verfolgt: die Abrechnung mit einem System, das jahrzehntelang die strukturelle Gewalt gegen Frauen leugnete. In fast wütender Tonlage schildert sie, wie ihre Familie mit institutioneller Ignoranz, juristischer Trägheit und sprachlicher Verharmlosung konfrontiert wurde. Die ersten fünfzig Seiten wirken streckenweise polemisch, geradezu schneidend in ihrer Anklagehaltung. Immer wieder bringt Rivera Garza dieselben Vorwürfe vor – ohne sie in dieser Phase ausreichend zu kontextualisieren oder argumentativ zu unterfüttern. Für Leser, die sich einen erzählerischen Zugang erhoffen, kann dies zunächst ermüdend sein. Die Autorin verlangt Geduld – eine Geduld, die sich jedoch im weiteren Verlauf bezahlt macht.
Denn sobald sich Garza der Geschichte ihrer Schwester widmet, entfaltet der Roman seine wahre Stärke. „Lilianas unvergänglicher Sommer“ wird zu einer einfühlsamen, romanhaft geschriebenen Biografie. Die Autorin rekonstruiert Lilianas Leben mit liebevoller Präzision, beschreibt Stationen ihres Werdegangs, ihre Interessen, ihre Träume – und vor allem ihr Wesen. Es sind die kleinen Beobachtungen, die leisen Gesten, das zarte Erinnern, das die Figur Liliana lebendig werden lässt. Hier wird deutlich, wie tief die Verbindung der Schwestern war und wie sehr Lilianas Wesen das Leben der Autorin geprägt hat.
Diese Feinfühligkeit im Porträt ist einer der großen Pluspunkte des Buches. Die Autorin schreibt mit bemerkenswerter Beobachtungsgabe, zeigt Nuancen von Lilianas Charakter, schildert ihre Entschlossenheit, ihren Humor, ihre Verletzlichkeit. Es sind intime, sehr persönliche Momente, an denen die Leser teilhaben – auch wenn Liliana in gewisser Weise idealisiert wird.
Gleichzeitig stößt die narrative Zuspitzung der Geschichte auf gewisse Schwächen. Besonders durch den Kontrast zur polemischen Einleitung entsteht eine Spannung: Während dort das Ziel formuliert wird, den Mord an Liliana eindeutig als Femizid zu klassifizieren, bleibt die tatsächliche Geschichte – zumindest aus literarischer Sicht – ambivalent. Ángel, Lilianas Freund und Mörder, wird von Anfang an als gewalttätiger, kontrollsüchtiger und gefährlicher Mensch dargestellt – fast klischeehaft wie ein Bösewicht aus einem Krimi. Warum Liliana trotz allem mit ihm eine Beziehung führte, bleibt unklar. Dies erschwert eine differenzierte Rezeption, weil die Figuren teilweise zu stark typisiert erscheinen. Die emotionale Nähe der Autorin zu ihrer Schwester ist verständlich, doch nimmt sie der Darstellung auch jene Ambivalenz, die einem literarischen Werk oft Tiefe verleiht.
Der Vorwurf, dass Liliana – durch ihre Eigenständigkeit und ihren Widerstand gegen patriarchale Rollenzuweisungen – besonders „gefährdet“ gewesen sei, wird implizit zwar aufgegriffen, aber nicht immer überzeugend entkräftet. Garza bleibt in Teilen eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Dynamik dieser Beziehung schuldig. Hier hätte mehr analytische Tiefe dem Anliegen des Buches dienlich sein können.
Dennoch: Cristina Rivera Garza hat ein wichtiges Buch geschrieben. Es ist ein Werk, das aufrüttelt, das Fragen stellt, das fordert. Besonders in Ländern wie Mexiko, wo Frauenmorde erschreckende Alltäglichkeit besitzen, ist „Lilianas unvergänglicher Sommer“ ein literarischer Weckruf. Dass Garza mit ihrer Geschichte eine große Zielgruppe erreicht – und dank des Pulitzer-Preises nun auch international –, ist ein bedeutender Erfolg für die Autorin.

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Veröffentlicht am 18.06.2025

Ein konstruierter Roman ohne Tiefe und Poesie

Strandgut
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Mit „Offene See“ gelang Benjamin Myers ein literarischer Überraschungserfolg, der vor allem im deutschsprachigen Raum mit großer Begeisterung aufgenommen wurde. Die berührende Geschichte um den jungen ...

Mit „Offene See“ gelang Benjamin Myers ein literarischer Überraschungserfolg, der vor allem im deutschsprachigen Raum mit großer Begeisterung aufgenommen wurde. Die berührende Geschichte um den jungen Robert und die exzentrische Dulcie war nicht nur feinfühlig erzählt, sondern zeichnete sich auch durch eine besondere Sprache und eine leise, aber eindringliche Atmosphäre aus – und umso gespannter war man nun auf seinen neuen Roman „Strandgut“, der vom Verlag nicht zufällig mit dem Erfolgsbuch in Verbindung gebracht wird. Doch handelt es sich in Wahrheit über eine vollkommen andere Art von Geschichte – und leider auch ein gänzlich anderes Leseerlebnis.
Im Zentrum von „Strandgut“ steht nicht mehr ein junger Mann am Beginn seines Lebenswegs, sondern Bucky, ein in die Jahre gekommener Soulsänger, der einst einen einzigen Hit hatte und seither in Vergessenheit geraten ist. Nach dem Tod seiner Frau lebt er ein freudloses, eintöniges Leben in den USA – bis ihn eines Tages überraschend die Einladung erreicht, in einer kleinen englischen Gemeinde aufzutreten. Die Reise über den Atlantik nimmt er spontan auf – ein ungewohnt impulsiver Schritt für jemanden, dessen Leben zuvor von Stillstand geprägt war.
Was zunächst wie der Auftakt zu einer bewegenden Selbsterkenntnis-Reise klingt, entwickelt sich leider bald zu einer eher schleppenden und wenig fesselnden Erzählung. Myers versucht durchaus, Buckys Vergangenheit zu beleuchten und seinen Charakter durch Erinnerungen und Reflexionen zu vertiefen. Doch anders als in „Offene See“ gelingt es ihm nicht, eine Figur zu schaffen, mit der man sich gerne auseinandersetzt oder die einen länger beschäftigt. Bucky wirkt oft grobschlächtig, unnahbar, mitunter sogar unsympathisch – was ihn als Hauptfigur schwer erträglich macht. Zwar bleibt er nicht blass, doch emotionale Nähe oder gar Empathie mag beim Lesen kaum entstehen.
Ähnlich problematisch sind auch die Nebenfiguren, insbesondere Dinah, die zweite zentrale Figur des Romans. Zwischen ihr und Bucky soll sich eine besondere Verbindung entwickeln – ähnlich wie zwischen Robert und Dulcie im Vorgängerroman. Doch wo dort ein literarischer Zauber entstand, bleibt die Beziehung in „Strandgut“ seltsam leblos. Zwar tauschen sich beide über ihre inneren Nöte aus, doch der emotionale Gehalt wirkt konstruiert, die Dialoge oftmals flach, und das finale „Zusammenraufen“ beider Figuren ist enttäuschend banal. Auch Dinahs Familie – ihr Sohn und ihr Ehemann – bleiben eindimensionale, teils karikaturhafte Figuren. Myers greift zu plumpen Mitteln wie Körpergerüchen, Fäkalhumor und aggressivem Verhalten, um die Charaktere zu skizzieren – statt sie zu entwickeln oder ihnen Tiefe zu verleihen.
Hinzu kommt, dass die gesamte Thematik des Romans fragwürdig erscheint: Ein abgehalfterter Soulsänger auf einer letzten Tournee – das mag für eine kurzweilige Erzählung reichen, doch nicht für einen Roman, der mehr sein will als seichte Unterhaltung. Die Geschichte kratzt bestenfalls an der Oberfläche, literarische Tiefe sucht man vergebens. Die melancholischen Töne, die „Offene See“ so auszeichneten, fehlen hier fast gänzlich, ebenso die leise Poesie, mit der Myers einst seine Leser gewann. Die Leichtigkeit, die seinen Erfolgsroman prägte, hat sich nahezu ins Gegenteil verwandelt. Alles an „Strandgut“ wirkt bemüht und angestrengt, der Autor hat sichtlich Mühe, die Geschichte und seine Figuren zu entwickeln. Dabei kommt ein konstruiertes Machwerk zustande, dessen Bauplan man als Leser rasch durchschaut.
Letztlich bleibt der Eindruck, dass Myers an seinem eigenen Anspruch scheitert, einen Gegenwartsroman zu schreiben, der zugleich unterhält und literarischen Anspruch besitzt. Ohne das historische Setting des Zweiten Weltkriegs, das „Offene See“ so glaubwürdig und atmosphärisch machte, treten die stilistischen Schwächen und die erzählerische Eintönigkeit in „Strandgut“ nur umso deutlicher hervor.
„Strandgut“ ist ein enttäuschender Roman, der kaum mit dem Vorgänger mithalten kann. Die Figuren bleiben blass oder unsympathisch, die Handlung flach, die Emotionen konstruiert. Selbst Fans von „Offene See“ sollten sich genau überlegen, ob sie sich auf diese Reise begeben wollen.

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Veröffentlicht am 31.05.2025

Berkels Lehrjahre

Sputnik
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Autobiografische Romane erfreuen sich seit Jahren ungebrochener Beliebtheit – längst haben sich einige Werke dieses Genres herauskristallisiert, die eine große Anhängerschaft gewinnen konnten. In dieser ...

Autobiografische Romane erfreuen sich seit Jahren ungebrochener Beliebtheit – längst haben sich einige Werke dieses Genres herauskristallisiert, die eine große Anhängerschaft gewinnen konnten. In dieser literarischen Tradition legt nun auch Christian Berkel mit „Sputnik“ einen weiteren autobiografisch gefärbten Roman vor, der sich deutlich stärker als seine Vorgänger „Der Apfelbaum“ und „Ada“ auf die eigene Person konzentriert. Statt primär die deutsche Geschichte oder die jüdische Herkunft seiner Mutter in den Mittelpunkt zu stellen, steht diesmal Berkels persönlicher Werdegang im Fokus – insbesondere sein Weg zum Schauspieler.
Die Leser erfahren viel über Berkels Kindheit, seine Eltern und seine abwesende Schwester. Zentrale Station des Romans ist jedoch Berkels Zeit in Frankreich, wo er die Grundlagen seiner späteren Schauspielkunst erlernt. Dieser Abschnitt nimmt viel Raum ein und wirkt beinahe wie das Herzstück des Buches.
Wie prominente Vorbilder vor ihm – man denkt unweigerlich an Joachim Meyerhoff – öffnet sich Berkel seinen Lesern und gewährt intime Einblicke in familiäre und persönliche Erfahrungen, ohne sich dabei selbstgefällig zu inszenieren. Trotz der Ich-Perspektive wahrt der Text eine gewisse Distanz, die es erlaubt, sich nicht nur mit Berkel, sondern auch mit den Menschen um ihn herum zu identifizieren.
Themen wie der Zweite Weltkrieg, die jüdische Identität seiner Mutter und sein eigenes Aufwachsen als sogenannter „Halb-Jude“ durchziehen das Buch zwar, dominieren es jedoch nicht. Eine Ausnahme bildet das Ende des Romans: Eine intensive Familiendebatte über die NS-Vergangenheit nimmt sowohl thematisch als auch stilistisch eine Sonderstellung ein – die Szene ist wie ein Theaterstück aufgebaut und in ihrer Genauigkeit auffallend detailliert. Im restlichen Roman streift der Roman viele Stationen von Berkels Leben eher flüchtig – vom Kind bis zum jungen Erwachsenen galoppiert die Erzählung stellenweise im Eiltempo, was zwar auf der einen Seite eine gewisse Dynamik schafft, auf der anderen Seite aber zu Lasten der Tiefe geht. Im Vergleich zu mehrbändigen Lebensläufen, wie sie in diesem Genre nicht selten zu finden sind, fehlt es daher oftmals an narrativer Dichte.
Trotzdem bleibt „Sputnik“ eine lesenswerte Lektüre, die auf engem Raum faszinierende Einblicke in ein Künstlerleben bietet. Leser von Berkels früheren Büchern werden auch diesmal nicht enttäuscht sein – auch wenn das Werk am Ende nicht mit Joachim Meyerhoffs gekonntem Wechsel zwischen Humor, Ernst und Selbstreflexion oder gar der literarischen Qualität von Karl Ove Knausgard mithalten kann.

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Veröffentlicht am 13.05.2025

Poesie der Trostlosigkeit

Der Kaiser der Freude
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Nach dem gefeierten Welterfolg „Auf Erden sind wir kurz grandios“ legt Ocean Vuong endlich seinen lang erwarteten zweiten Roman „Der Kaiser der Freude“ vor. Und wie schon beim Debüt gelingt Vuong eine ...

Nach dem gefeierten Welterfolg „Auf Erden sind wir kurz grandios“ legt Ocean Vuong endlich seinen lang erwarteten zweiten Roman „Der Kaiser der Freude“ vor. Und wie schon beim Debüt gelingt Vuong eine zutiefst bewegende Geschichte über Identität, Schmerz und die flüchtige Hoffnung auf Erlösung. Der neue Roman ist deutlich umfangreicher als der erste, doch thematisch knüpft Vuong an sein bisheriges Werk an: Wieder steht ein junger Amerikaner vietnamesischer Herkunft im Mittelpunkt, der versucht, seinen Platz in einer Welt zu finden, die ihm kaum Raum zum Atmen lässt.
Hai, der Protagonist, befindet sich zu Beginn des Romans in einem Zustand völliger Desorientierung. Bereits als Jugendlicher ist er abhängig von Pillen, verloren, erschöpft und seelisch gebrochen. Ein Sprung von einer Brücke scheint in greifbarer Nähe, doch in letzter Sekunde wird Hai von einer älteren Frau gerettet: Grazina, eine exzentrische Litauerin mit körperlichen Gebrechen und einem Geist, der in der Vergangenheit verhaftet ist. Sie lebt in einem Haus, das ebenso von Erinnerungen wie von Halluzinationen bewohnt wird – Spukgestalten, die ihr keine Ruhe gönnen. Hai zieht vorübergehend bei ihr ein, und so beginnt eine ungewöhnliche Beziehung zwischen zwei zutiefst verletzten Menschen.
Im weiteren Verlauf entwickelt sich „Der Kaiser der Freude“ zu einem modernen Bildungsroman – allerdings nicht im klassischen Sinne. Hais Entwicklung verläuft nicht geradlinig, es gibt keine großen Ziele, keine spektakulären Wendungen. Und doch geschieht Wandel. Er findet eine Stelle in einem heruntergekommenen Diner, lernt andere Gestrandete kennen: Menschen, die sich tagein, tagaus durch einen entmutigenden Alltag kämpfen. Die Realität, die Vuong zeichnet, ist weit entfernt von den Versprechungen der Werbung: Sie ist grau, von harter Arbeit und geringen Aussichten geprägt. Und doch erwächst zwischen den Figuren eine stille Solidarität, ein zartes Gefühl von Zusammenhalt, das sich wie ein feiner Lichtstrahl durch die düstere Szenerie zieht.
East Gladness, der Handlungsort, wirkt wie ein Ort kurz vor dem Verfall – trist, melancholisch, beinahe entrückt. Die Atmosphäre des Romans erinnert an Herbstabende, wenn das Licht schwindet und die Welt in Schatten getaucht wird. Doch gerade in dieser Trostlosigkeit liegt Vuongs große Kunst: Immer wieder lässt er Hoffnungsschimmer aufblitzen, die mehr gespürt als ausgesprochen werden. Hai ist dabei ein ungewöhnlicher Held – nicht, weil er große Ambitionen verfolgt (sein Traum, zu schreiben, bleibt vage und unerfüllt), sondern weil er durchhält. Jeden Tag aufs Neue.
Die Beziehung zu Grazina vertieft sich dabei zunehmend. Je mehr sie sich von der Realität entfernt, desto stärker wird Hais Rolle als Stütze. In ihrer gemeinsamen Verletzlichkeit entsteht eine leise, aber tragfähige Verbindung. Der Roman folgt dabei keinem klassischen Spannungsbogen. Es gibt kein Ziel, das erreicht werden müsste, keinen großen Abschluss. Vielmehr konzentriert sich Vuong auf die inneren Bewegungen seiner Figuren – ihre Erinnerungen, Verluste und Versuche, zu verstehen, woher sie kommen und wohin sie wollen. Hai setzt sich mit seiner Herkunft auseinander, mit seiner Mutter, mit dem Schmerz seiner Vergangenheit – und schafft es, wenigstens ansatzweise Frieden zu finden.
Stilistisch bleibt Vuong sich treu. Seine Sprache ist poetisch. Besonders die Eröffnung des Romans ist von solcher sprachlichen Kraft, dass man einzelne Sätze mehrfach lesen möchte. Diese Poesie ist jedoch nicht konstant – in manchen Passagen wirkt die Sprache flüchtiger, weniger ausgefeilt. Dennoch ist es der Übersetzung von Anne-Kristin Mittag und Nikolaus Stingl hoch anzurechnen, wie viel von Vuongs Tonfall erhalten bleibt.
„Der Kaiser der Freude“ ist ein leiser, eindringlicher Roman, der nicht mit Handlung glänzt, sondern mit Tiefe. Was auf den ersten Blick ziellos und fragmentarisch wirkt, entpuppt sich als präzises Porträt einer jungen Seele im Aufbruch. Ein Buch, das die hässlichen Seiten des Lebens zeigt, und dennoch schön ist.

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