Wenn das Märchen-Retelling zum Fehlgriff wird
West of Wicked. Folge deinem VerlangenIch bin generell einfach überhaupt nicht der Märchentyp und habe noch nie Märchen gemocht, weshalb mich auch Der Zauberer von Oz im Original nie gereizt hat. Trotzdem dachte ich mir bei West of Wicked, ...
Ich bin generell einfach überhaupt nicht der Märchentyp und habe noch nie Märchen gemocht, weshalb mich auch Der Zauberer von Oz im Original nie gereizt hat. Trotzdem dachte ich mir bei West of Wicked, ich probiere es mit diesem Buch und dem Genre einfach mal aus. Hätte ja sein können, dass mich diese düstere Version total abholt und voll meinen Nerv trifft. War aber leider überhaupt nicht der Fall und am Ende stand für mich hier leider eine Enttäuschung.
Der Einstieg fiel mir dank des angenehmen Schreibstils der Autorin zwar recht leicht, allerdings zog sich die erste Hälfte der Geschichte für meinen Geschmack ziemlich in die Länge. Obwohl das Buch ab 18 Jahren empfohlen wird, wirkte die Welt anfangs seltsam jung. Es las sich eher wie ein jugendliches Fantasybuch voller bunter Farben und feenartiger Hexen, gemischt mit einem sehr langsamen Farmeralltag in Kansas. Erst in der zweiten Hälfte zieht das Tempo an, es wird endlich actionreicher und die düstere, atmosphärische Stimmung kommt zum Tragen. Das Ende war sogar richtig spannend und hatte ein paar unvorhersehbare Wendungen im Gepäck, die mich dann doch noch etwas fesseln konnten. Ein echtes Problem hatte ich allerdings mit den Charakteren, zu denen ich kaum eine Verbindung aufbauen konnte. Dorothy ging mir mit ihrer naiven Art streckenweise ziemlich auf die Nerven, da sie die fremde Fantasywelt kaum hinterfragt und Fremden viel zu schnell ihr blindes Vertrauen schenkt. Der sexy Anteil, mit dem das Buch so groß beworben wird, war für mich leider ein totaler Reinfall. Der Spice war wirklich mau, wirkte extrem aufgesetzt und kam in den unpassendsten Momenten. Gleich zu Beginn gibt es eine ausführliche Szene mit einem Nachbarn, den man als Leserin noch gar nicht kennt, und auch später wird mitten auf der Flucht munter drauflosgeknutscht, was für mich die komplette Dynamik gekillt hat.
Die Vogelscheuche alias Rook war zwar optisch der absolute Mr. Perfect, aber seine Plot-Twists waren durch den Mangel an anderen Figuren leider meilenweit vorhersehbar und konnten mich nicht überraschen. Mein heimliches Highlight war tatsächlich der Blechmann, der hier als drogenabhängiger Söldner dargestellt wird. Seine düstere Hintergrundgeschichte und seine geheimnisvolle Fassade waren mit Abstand das Spannendste am ganzen Buch. Erzählt wird die Geschichte aus sehr vielen verschiedenen Perspektiven in recht kurzen Kapiteln. Das nimmt der Story leider extrem die Tiefe und den Raum zum Atmen. Kaum hat man sich in eine Figur hineingeversetzt, springt die Sichtweise schon wieder um. Dadurch blieben viele Charaktere, wie zum Beispiel die Hexen, total blass und kaum greifbar. Auch kleine Logikfehler, wie Dorothys plötzliche Verhütungs-Amnesie, obwohl sie absolut keine Kinder will, haben das Ganze für mich nicht besser gemacht.
West of Wicked rettet sich durch eine spannende zweite Hälfte und den coolen Blechmann-Charakter zwar noch auf solide 2 Sterne, war für mich aber letztendlich ein absoluter Fehlgriff. Das Experiment ist gescheitert und ich bleibe in Zukunft definitiv ganz weit weg von allem, was auch nur im Entferntesten mit Märchen zu tun hat. Den zweiten Band werde ich mir sparen.