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Veröffentlicht am 29.03.2023

Reihenauftakt mit sympathischen Charakteren

Die Hausboot-Detektei - Tödlicher Genuss
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Als Arie seinen Job als Polizist verliert, weil er seine Waffe auf seinen Kollegen – und Liebhaber seiner Frau – richtet, gründet er eine Detektei. Arbeiten soll dort, wer im Leben wie er Unterstützung ...

Als Arie seinen Job als Polizist verliert, weil er seine Waffe auf seinen Kollegen – und Liebhaber seiner Frau – richtet, gründet er eine Detektei. Arbeiten soll dort, wer im Leben wie er Unterstützung brauchen kann: Maddie, die sich um ihre behinderte Schwester kümmert und nun ebenfalls vorbestraft ist, weil sie diese schlagkräftig verteidigt hat. Jan hat den Kontakt zu seiner Familie verloren, weil die nicht mit seinem Leben als trans Mann einverstanden sind. Elin erholt sich nur langsam von einer harten Trennung und Jack weiß neben seinen Gaunereien nichts mit seinem Leben anzufangen. Auf Aries Hausboot richten sie ihr Hauptquartier ein und bald wartet der erste Fall.

„Tödlicher Genuss“ ist der Auftakt der Reihe rund um die Hausboot-Detektei der Autorin Heidi van Elderen unter dem Pseudonym Amy Achterop, das im Verlauf des Romans noch einen weiteren Sinn offenbaren wird. Die Handlung folgt im Wechsel allen Hauptfiguren, aber auch weiteren Personen, die in den Fall verwickelt sind. So wird das Geschehen von allen Seiten beleuchtet und wirkt durch die Verwendung der Gegenwartsform sehr unmittelbar.

Inhaltlich kommt die Geschichte zunächst schwerfällig in Gang, was wohl daran liegt, dass die Autorin erst einmal all ihre Figuren und deren Situation ausgiebig einführen will. So wirkt der erste Teil wie eine Anhäufung unterschiedlichster gesellschaftlicher Themen, was in den kommenden Bänden hoffentlich etwas organischer erscheinen wird. Amsterdam mit seinen Grachten, alten Gebäuden und engen Gassen gibt hingegen einen sehr guten Schauplatz ab.

Der eigentliche Kriminalfall ist spannend und spielt in der Welt der Gourmet-Gastronomie. Zwei konkurrierende Küchenchefs gehen bei der Jagd nach einem lukrativen Auftrag mehr als einen Schritt zu weit. Gut gefallen hat mir dabei, dass unsere Amateurdetektive sich genau als solche verhalten und erst gemeinsam herausfinden müssen, wie sie wohl am besten an ihre Fälle herangehen. Dafür lebt die Geschichte vom Zusammenspiel ihrer sympathischen Charaktere (darunter ein Eichhörnchenbaby und ein Hund) – ich freue mich auf Band 2!

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Veröffentlicht am 22.03.2023

Geschichte einer alleinerziehenden Mutter

Räume des Lichts
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Als sie von einem auf den anderen Tag von ihrem Mann verlassen wird, zieht eine Frau mit ihrer 2-jährigen Tochter in die oberste Etage eines Bürogebäudes. Dort versucht sie, sich ein neues Leben als Alleinerziehende ...

Als sie von einem auf den anderen Tag von ihrem Mann verlassen wird, zieht eine Frau mit ihrer 2-jährigen Tochter in die oberste Etage eines Bürogebäudes. Dort versucht sie, sich ein neues Leben als Alleinerziehende aufzubauen, doch Ärger mit dem Ex-Mann, den Nachbarn und dem Vorgesetzten sowie Ausraster und Alpträume der Tochter machen das quasi unmöglich. Nach und nach verliert sie immer mehr an Bodenhaftung und auch das Verhältnis zum eigenen Kind scheint von Grund auf vergiftet.

„Räume des Lichts“ von Yuko Tsushima wurde bereits 1978 in einer japanischen Zeitschrift in insgesamt 12 Folgen veröffentlicht. Nun liegt der Roman in einer Neuübersetzung von Nora Bierich im Arche Verlag vor. Erzählt wird episodenhaft aus der Sicht der Mutter in der Ich-Perspektive und Vergangenheitsform. Auf diese Weise sind wir stets ganz nah bei der Hauptfigur und erfahren ihre Erlebnisse und Emotionen aus erster Hand.

Grundsätzlich spricht die Autorin hier ein wichtiges Thema an. Sie zeigt auf, wie die Gesellschaft alleinerziehende Mütter im Stich lässt und wie diese sich zwischen Schuldgefühlen, Aufopferung und Scham bewegen. Der Protagonistin fällt es nicht immer leicht, ihre Tochter bedingungslos zu lieben, zumal diese auf die veränderte Familiensituation mit Gewaltausbrüchen, Streichen und Bockigkeit reagiert. Manchmal stellt die Mutter sich sogar vor, das Kind würde sterben und erschrickt gleich darauf vor sich selbst.

Mutter und Tochter bleiben den gesamten Roman über namenlos, was den Zugang zu ihnen wirklich erschwert. Vor allem das Verhalten der Mutter ihrer Tochter gegenüber war an einigen Stellen im besten Fall ruppig und ungeduldig, im schlimmsten Fall an der Grenze zu Vernachlässigung und psychischer Grausamkeit. Möglicherweise ist die Geschichte aus den späten 70er Jahren hier einfach nicht „gut gealtert“, aber mit heutigen Augen betrachtet, ist die gezeigte Erziehung bedenklich.

Gut gefallen hat mir hingegen, wie die Autorin mit dem Titel gebenden Bild des Lichtes spielt: wie es durch die Fenster ihrer Wohnung fällt, wie es sich im Wasser spiegelt usw. – das ist sprachlich außerordentlich gelungen.

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Veröffentlicht am 06.03.2023

Mehr als nur ein Roman über Videospiele

Morgen, morgen und wieder morgen
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Mitte der 90er an der Ostküste der USA. Durch Zufall trifft Harvard-Student Sam seine Kindheitsfreundin Sadie auf der Straße wieder. Die beiden hatten sich in einem Krankenhaus kennengelernt, wo Sam gerade ...

Mitte der 90er an der Ostküste der USA. Durch Zufall trifft Harvard-Student Sam seine Kindheitsfreundin Sadie auf der Straße wieder. Die beiden hatten sich in einem Krankenhaus kennengelernt, wo Sam gerade behandelt wurde und Sadie ihre Schwester Alice besuchte. Inzwischen studiert die junge Frau am MIT und bastelt an ihrem ersten eigenen Videospiel. Gemeinsam mit Marx, Sams bestem Freund wagen die drei den Sprung ins kalte Wasser, gründen ihre eigene Firma und entwickeln ihr erstes Spiel „Ichigo“.

„Morgen, morgen und wieder morgen“ ist bereits der 9. Roman von Gabrielle Zevin, für den sogar eine Verfilmung in Hollywood geplant ist. Die Handlung wird sowohl aus Sadies als auch Sams Perspektive in der 3. Person und der Vergangenheitsform erzählt. Die Autorin geht dabei immer ausführlich auf das Innenleben der beiden ein – sie selbst schaffen es jedoch nicht, diese Gefühle und Gedanken offen miteinander zu teilen. Schon bald vergiften Missverständnisse die Beziehung zwischen ihnen und auch der berufliche Erfolg hinterlässt Spuren. So hat man als Leser/-in ständig das beklemmende Gefühl, auf eine große Katastrophe zuzusteuern.

Vordergründig geht es im Roman um die Tücken der Spieleindustrie, vor allem für Frauen, und die komplizierte Freundschaft zwischen Sadie und Sam. Im Verlauf werden jedoch immer mehr Themen sichtbar und machen deutlich, dass es sich hier um mehr handelt, als eine Geschichte über Videospiele. Sam hat koreanische Wurzeln und fühlt sich oft als Außenseiter. Zudem hat er seiner Kindheit ein kaputtes Bein, weigert sich aber standhaft, sich als behindert anzusehen. Sadie hingegen hatte sehr unter der Krankheit ihrer Schwester zu leiden und lässt sich in der Gegenwart auf eine toxische Beziehung ein. Dazwischen steht der treue Marx, der als einziger keine Spiele programmieren kann und eigentlich Theaterschauspieler werden wollte.

Für Leser*innen wie mich, die in den 90ern aufgewachsen sind, ist dieses Buch eine wahre Fundgrube an Erinnerungen, zum Beispiel an „Das magische Auge“ oder Spiele wie „Super Mario Brothers“ oder „Frogger“. Seine Botschaft geht jedoch weit über Nostalgie hinaus.

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Veröffentlicht am 02.03.2023

Emotionale Reise

Atlas unserer spektakulären Körper
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Lia ist glücklich verheiratet, hat eine Tochter im Teenageralter und illustriert ihre eigenen Kinderbücher. Mit ihrer entfremdeten Mutter nähert sie sich gerade wieder an und auch die Schatten der Vergangenheit ...

Lia ist glücklich verheiratet, hat eine Tochter im Teenageralter und illustriert ihre eigenen Kinderbücher. Mit ihrer entfremdeten Mutter nähert sie sich gerade wieder an und auch die Schatten der Vergangenheit hat sie hinter sich gelassen. Alles könnte also perfekt sein, wenn da nicht dieses seltsame Wesen in ihrem Körper wäre…

Maddie Mortimers erster Roman „Atlas unserer spektakulären Körper“ nimmt Bezug auf ihr eigenes Leben und bezeichnet das Buch als eine Elegie auf ihre Mutter und die Beziehung zueinander. Emotional erzählt sie die Geschichte von Lia und dem Anfang vom Ende ihres Lebens. Dabei verwendet die Autorin im Text den Flattersatz, so dass alles wie ein einziges lange Gedicht wirkt. Besonders sind aber vor allem die Kapitel, in denen aus Lias Innerem erzählt wird. Ein Wesen bewegt sich dort durch die Körperteile und Gewebeschichten und hat sogar eigene Spitznamen für Menschen und Dinge aus ihrem Leben entwickelt – so etwas habe ich zuvor noch nie gelesen!

Im Handlungsstrang, der sich außerhalb des Körpers abspielt, erfahren wir nach und nach alles Wichtige über Lia, ihren Mann Harry, Tochter Iris und die Beziehung zu den eigenen Eltern. Aufgewachsen in einem Pfarrhaus, interessierte sie sich schon als junges Mädchen mehr für die Kunst, als für Gott und spätestens im jungen Erwachsenenalter ging die Verbindung zu dem letzten Rest ihres Glaubens verloren. Was folgt, ist der Versuch, sich aus der schädlichen Beziehung zu ihren Eltern und ihrer ersten Liebe zu lösen, einen neuen Partner fürs Leben zu finden und ein Kind aufzuziehen – aber auch der Beginn einer Krankheit, die Lias Körper kontinuierlich zerstören wird.

„Atlas unserer spektakulären Körper“ ist genau das: spektakulär. Eine emotionale Reise durch ein Leben voller Schuldgefühle und Bedauern, Verdrängung und Akzeptanz. Mehrfach im Roman entschuldigt sich Lia bei Mann und Tochter dafür, dass sie sterben wird. Sie hat das Gefühl, die Krankheit in ihr Leben eingeladen zu haben und kämpft immer wieder mit diesem belastenden Gedanken. Wer auf bestimmte Themen sensibel reagiert, recherchiert vorher dem Lesen besser den genauen Inhalt.

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Veröffentlicht am 26.02.2023

Nette Slice of Life-Reihe

Everyday Escape 2
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Band zwei der auf vier Bände angelegten Manga-Reihe „Everyday Escape“ von Shouchi Taguchi entführt uns in ein sommerliches Japan. Dem entsprechend machen unsere Protagonistinnen einige Reisen und kurze ...

Band zwei der auf vier Bände angelegten Manga-Reihe „Everyday Escape“ von Shouchi Taguchi entführt uns in ein sommerliches Japan. Dem entsprechend machen unsere Protagonistinnen einige Reisen und kurze Unternehmungen, zum Beispiel einen nächtlichen Trip zu einem Bento-Shop. Als eine der beiden von Kindern jedoch als „Tantchen“ bezeichnet wird, fühlen sie sich plötzlich unglaublich alt und wollen ihre Jugend zurückholen. Mit Zöpfen, Schulmädchenkleidung und einem Tag auf den Spielplatz können sie wieder einmal der Realität entfliehen. Diese Episode hat mir sehr gut gefallen, spielt sie doch deutlich auf Japans Leistungsgesellschaft an.

Spannend ist in diesem Band auch ein selbstreflexives Kapitel. Die Mangaka ist allein zuhause und auf einmal weiß sie nicht mehr, ob ihre Mitbewohnerin tatsächlich existiert. Ihren Namen kennt sie nicht (wie wir auch), alle Fotos sind auf einmal fort und auf dem Tisch liegt ein mysteriöser Zettel in der eigenen Handschrift. Witzig ist hingegen besonders die Episode, als die beiden Frauen ihren Haustürschlüssel vergessen und gemeinsam im Treppenhaus campen. Laut eigener Aussage hat Taguchi den Manga während der Corona-Pandemie als Trost und Ablenkung begonnen – das ist ihm gut gelungen. Der dritte Band erscheint im Mai 2023 auf Deutsch.

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