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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 14.11.2024

Eindrückliche Umkehr

White Lives Matter
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Anna lebt als Weiße in einer Schwarzen Welt. Den allgegenwärtigen Rassismus und die Marginalisierung will sie nicht wahrhaben. Sie will kein Opfer sein. Bis ein schreckliches Ereignis sie erkennen lässt, ...

Anna lebt als Weiße in einer Schwarzen Welt. Den allgegenwärtigen Rassismus und die Marginalisierung will sie nicht wahrhaben. Sie will kein Opfer sein. Bis ein schreckliches Ereignis sie erkennen lässt, dass sie es nicht in der Hand hat. Sie kann nicht verhindern, dass sie diskriminiert und abgewertet wird, denn das Narrativ der dummen, faulen, ausländischen Weißen ist zu tief in den Köpfen der Schwarzen Bevölkerung verankert, doch sie kann nicht mehr hinnehmen, dass es so bleibt.
Ich habe mich sehr auf „White Lives Matter“ von Jasmina Kuhnke gefreut. Zum einen, weil ich ihr Debüt „Schwarzes Herz“ unfassbar gut fand und zum anderen, weil ich den Ansatz des Buches spannend, aber vor allem wichtig finde. Ich hatte eine hohe Erwartungshaltung und leider wurde diese enttäuscht. Nicht vom Plot, nicht von der Idee, sondern von der Umsetzung. Die Perspektive ist nicht immer eindeutig, rückt manchmal weg von Protagonistin Anna, was mich verwirrte. Und es wird unheimlich viel berichtet, im Sinne von „Tell“. Dem Ratschlag „Show, don’t tell“ wurde hier leider zu selten gefolgt und auch die messerscharfen Metaphern haben mir gefehlt. Das alles hatte Jasmina Kuhnkes Debüt, mit dem sie bereits bewiesen hat, dass sie eine tolle Autorin ist. Hier hat sie das Werkzeug anscheinend hinten angestellt.
Nichtsdestotrotz ist „White Lives Matter“ wichtig. Dieses Thema ist eines der wichtigsten in unserer Gesellschaft und den Spieß umzudrehen, sollte uns (Weißen, privilegierten) vor Augen führen, dass nur eine Stellstraube in der Geschichte anders hätte sein müssen und wir die Marginalisierten, die Ausgebeuteten hätten sein können, denen alles, aber auch wirklich alles, abgesprochen wird.
Mich hätte das Buch mit Sicherheit auch ohne die Umkehr von Schwarz und Weiß berührt, denn mich fassen Grausamkeiten gegenüber Menschen, egal welcher Hautfarbe und Herkunft an, aber so geht leider noch nicht genug Menschen und daher ist dieser Roman wichtig, auch wenn er mich stilistisch nicht überzeugen konnte.

Veröffentlicht am 07.11.2024

Jahreshighlight

Das Comeback
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Grace ist untergetaucht. Ein Jahr war der Stern Hollywoods vom Firmament verschwunden und hat sich bei ihren Eltern verkrochen. Doch dort kann sie nicht bleiben und so kehrt sie zurück, muss sich ihrer ...

Grace ist untergetaucht. Ein Jahr war der Stern Hollywoods vom Firmament verschwunden und hat sich bei ihren Eltern verkrochen. Doch dort kann sie nicht bleiben und so kehrt sie zurück, muss sich ihrer Vergangenheit stellen und sich mit ihren Teenagerjahren auseinandersetzen, die sie unter den Fittichen ihres Gönners Able verbracht hat. Er hat sie groß gemacht und er erinnerte sie immer daran, dass sie ohne ihn nichts wäre. Grace muss sich endlich eingestehen, dass sie zum Opfer gemacht wurde, was sie nur schwer ertragen kann und sie beschließt sich gegen den mächtigsten Mann Hollywoods zur Wehr zu setzen.
„Das Comeback“ von Ella Berman gehört zu meinen Highlights des Jahres. Nicht nur finde ich die Themen rund um Me-Too, Grooming und Machtmissbrauch unglaublich wichtig, hier werden sie auch noch unfassbar gut verpackt. Grace ist ein gefallener Star, mit gerade mal Anfang zwanzig, weil sie viel zu früh in dieses Haifischbecken geworfen wurde und an einen Mann geriet, der ihre Unsicherheit ausnutzte. Das haben wir alle schon oft mitbekommen und Ella Berman zieht uns ganz nah heran, sodass wir Graces Ohnmacht, ihren Schmerz und ihre Verzweiflung mitempfinden, aber wir dürfen auch dabei sein, als sie zurückschlägt.
Anfangs hat es zwar ein paar Längen, allerdings macht Ella Berman diese mit ihrem tollen Stil wett und man erträgt Graces Suhlerei in Selbstmitleid und Lethargie durch die eindrücklichen Rückblenden und nicht zuletzt, weil man bereits ahnt, dass sie es da raus schafft. Und nicht nur sie empowert sich, sondern auch ihre Schwester, die ihre eigenen Probleme mitbringt und mit der es nach Jahren des Schweigens zu einer Annäherung kommt. Die Emotionen, die transportiert werden sind einnehmend und klingen lange nach.
Der Roman erzählt keine neue Geschichte, wir haben schon oft von Missbrauch in der Filmbranche gehört und gelesen, trotzdem möchte ich „Das Comeback“ allen ans Herz legen, die die Augen davor nicht länger verschließen wollen.

Veröffentlicht am 07.11.2024

Einladung zum literarischen Salon

Trinken wie ein Dichter
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„Trinken wie ein Dichter“ ist nicht nur von Außen ein Hingucker. Auch inhaltlich hält das Büchlein, was es verspricht. Chronologisch führt es uns bis ins heute. Doch nicht nur die Rezepte laden zum Ausprobieren ...

„Trinken wie ein Dichter“ ist nicht nur von Außen ein Hingucker. Auch inhaltlich hält das Büchlein, was es verspricht. Chronologisch führt es uns bis ins heute. Doch nicht nur die Rezepte laden zum Ausprobieren ein, wobei immer gleich dabei steht, für wie viele Personen es ist, es gibt ebenfalls kleine Anekdoten, Zitate oder Triviales zu derm jeweiligen Autorin . Zwischendurch entführt es in die Welt der Literarischen Salons und zum Schluss gibt es noch Tipps für den Kater danach.
„Trinken wie ein Dichter“ ist ein schönes Geschenk und ein Muss für jeden Literaturbegeisterten, denn es setzt die Schmökernden mit den Großen der Szene in einen Sessel, einen Sommerstuhl oder an einen Tisch. Wer wollte nicht mal probieren, womit James Baldwin, Raymond Chandler, Agatha Christie oder Ian Fleming sich abgeschossen haben oder welche Mischung zur wahren Inspiration geführt hat. Dabei muss man nicht nur auf alkoholisches zurückgreifen, es gibt auch einige Rezepte, die tatsächlich alkoholfrei sind oder die man ohne Alkohol zubereiten könnte. Allerdings sollte man manches dann doch mit Vorsicht genießen.
Besonders haben mir die einleitenden Worte zu jedem Getränk gefallen. Sie machen diese großartigen, respekteinflößenden Schriftsteller*innen nahbarer gemacht haben, denn auch sie sind Menschen und greifen hin und wieder zu einem gepflegten Gläschen. Auch die Illustrationen zu jedem Rezept mochte ich sehr.
Ein sehr schönes Büchlein, das man im Salon oder im einfachen Wohnzimmer liegen lassen kann, damit Gäste oder man selbst immer wieder darin blättern, ein wenig schmökern und sich inspirieren lassen kann, um sich dann einen Drink zu mixen, den schon Bret Easton Ellis oder Maya Angelous getrunken haben.

Veröffentlicht am 04.11.2024

So viel mehr als eine True-Crime-Geschichte

Bright Young Women
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Pamela ist Vorsitzende ihres Verbindungshauses, als eines Nachts ein Mann einbricht und zwei Bewohnerinnen schwer verletzt und zwei tötet, darunter ihre beste Freundin Denise. Pamela wird zur Hauptzeugin, ...

Pamela ist Vorsitzende ihres Verbindungshauses, als eines Nachts ein Mann einbricht und zwei Bewohnerinnen schwer verletzt und zwei tötet, darunter ihre beste Freundin Denise. Pamela wird zur Hauptzeugin, da sie den Täter gesehen hat. So lernt sie Tina kennen, die ihre Partnerin Ruth durch denselben Mann verloren hat. Gemeinsam kämpfen sie darum, den Angeklagten seiner gerechten Strafe zuzuführen - gegen alle Widrigkeiten, die ihnen durch die Berichterstattung und Misogynie in den Weg gelegt werden.
„Bright Young Women“ von Jessica Knoll (mal wieder eine Empfehlung der fantastischen Anika Landsteiner) hat mich tief berührt und auf unzählige Weisen abgeholt. Ich bin True-Crime-Fan und der Roman bedient sich eines der spektakulärsten Verbrechen des zwanzigsten Jahrhunderts, wobei die zahlreichen Dokus und Filme nur auf den Täter eingehen. Der rückt hier in den Hintergrund; wird er betrachtet oder kommt er zu Wort, ist das kritisch. Die Opfer und Frauen stehen im Vordergrund, so wie es sein sollte.
Durch Pamelas und Ruths Augen werden nicht nur der Täter und die Auswirkungen seiner Tat veranschaulicht, sondern auch die herrschende Misogynie und die patriarchalen Strukturen verdeutlicht. Pam ist Jurastudentin, hochintelligent und wird trotzdem immer wieder herabgesetzt. Ruths Sexualität verleugnet und bestraft. Doch wie alle anderen Frauen des Romans lassen sie sich nicht unterkriegen.
Und dann ist da noch Jessica Knolls schriftstellerisches Talent, das mich einfach umgehauen hat. Ihr szenischer Stil, ihre gewählten Metaphern und der eingefangene Zeitgeist erzeugen eine enorme Sogwirkung, was durch die verschiedenen Zeiten und Perspektiven noch verstärkt wird. Dabei gelingt es ihr, Ruth und Pamela ihre eigene Stimme zu geben, eine Stimme, die unbedingt gehört werden muss. Und die Übersetzung schafft all das hervorragend zu übertragen.
Es ist mehr als ein True-Crime-Buch, es ist ein eindringlicher, kluger Roman.

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  • Charaktere
  • Cover
  • Spannung
Veröffentlicht am 14.10.2024

Ein ganz besonderer Roadtrip

Bällende Hunde
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Theo verkackt gerade sein Leben. Sein Studium schiebt er vor sich her, aus seiner Wohnung fliegt er nur nicht, weil sein Vermieter ihn nicht zu packen bekommt, seine Freundin weiß er nicht zu schätzen ...

Theo verkackt gerade sein Leben. Sein Studium schiebt er vor sich her, aus seiner Wohnung fliegt er nur nicht, weil sein Vermieter ihn nicht zu packen bekommt, seine Freundin weiß er nicht zu schätzen und seinen Job hasst er. Dann stirbt auch noch sein Bruder Luis, zu dessen Beerdigung er nicht geht, weil er seine Zuwendung zum Glauben nicht verstehen kann und deswegen mit ihm gebrochen hat. Doch das Erbe und das damit verbundene Geld, welches er wirklich dringend benötigt, ist an einen Roadtrip mit Jacob, Luis‘ Glaubensbruder geknüpft und so begibt er sich auf eine Reise, die alles von ihm abverlangt.
Diese Rezension von Luca Marias „Bällende Hunde“ ist mir eine Herzensangelegenheit, denn ich kenne Luca persönlich und durfte diesen wunderbaren Roman schon vor einem Jahr lesen, als Luca noch auf der Suche nach einem Verlag war. Ich habe gefeiert, als es endlich geklappt hat und noch mehr, als ich das Buch endlich in den Händen hielt.
Ich habe „Bällende Hunde“ nun ein zweites Mal gelesen und bin immer noch begeistert von diesem Debüt. Es ist witzig, manchmal absurd, stellt die richtigen Fragen und bringt einen zum Nachdenken über Toleranz, Freundschaft und Vergebung. Mich hat der Roman bereits vor einem Jahr beeindruckt und tut es jetzt erneut. Die Qualität, die er hier abliefert, findet man nicht oft und so bin ich froh, dass der Hansanord-Verlag ihm eine Chance gegeben hat.
Auch wenn es so anmutet, ist es kein schnöder Roman über das Christentum oder den Glauben, es steckt noch viel mehr drin und wer wissen will, was Rocker, eine Fremdgeh-App, eine Stripperin und ein narkoleptischer Hund damit zu tun haben, muss das Buch selbst lesen.