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Nilchen

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 01.09.2018

Capus ist ein sprachliches Genie!

Königskinder
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Als ich zu lesen begann, da dachte ich: “Ach, so ein schmales Bändchen, das liest sich doch (leider) schnell weg!“ Und dann hatte ich das Gefühl, dass der Schreibstil von Alex Capus mich zum langsamen ...

Als ich zu lesen begann, da dachte ich: “Ach, so ein schmales Bändchen, das liest sich doch (leider) schnell weg!“ Und dann hatte ich das Gefühl, dass der Schreibstil von Alex Capus mich zum langsamen Lesen förmlich zwingt. Ich fühlte mich bereit für einen Sprint, aber ich spazierte eher durch den Roman – ein echter Entschleuniger! Positiv gemeint.
Der ganze Roman ‚Königskinder’ mit seiner zweigeteilten Erzählweise empfand ich zwiespältig. Da waren Max und Tina eingeschneit im Auto auf einer Passstraße und Max erzählt nun diese Geschichte von diesem Liebespaar im 18. Jahrhundert. Diese märchenhafte Erzählung um Jakob und Marie hat so eine poetische Kraft, es bräuchte den Erzählrahmen der Gegenwart aus meiner Sicht nicht. Auch als stilistischer Gegenentwurf beider Paare ist es interessant, aber fast eine Überladung. Es trat bei mir eher ein Gewöhnungseffekt ein, dass ich förmlich auf die Unterbrechung der eigentlichen Geschichte wartete.

Die Liebesgeschichte von Jakob und Marie ist eine zarte und unschuldige Liebe, die eingebettet in den französischen Höhepunkt der Revolution seinen Lauf nimmt. Wirklich schön daran ist, die märchenhafte, fast lyrische Sprache und die akzentuierte Genauigkeit bei den historischen Details, wenn es beispielweise um den französischen Königshof geht.

Fazit: Mir hätte die unaufgeregte Liebesgeschichte aus dem 18. Jahrhundert als Erzählung vollkommen gereicht, da sprachlich überzeugend und einfach schön zu lesen. Trotz Kritik, ein sehr lesenswertes feines Buch!

Veröffentlicht am 27.08.2018

Ägypten - 50er Jahre - Oberschicht - eine historische Betrachtung

Snooker in Kairo
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"Du bist was du bist. Ein Mensch, der in Ägypten geboren wurde, auf eine englische Schule gegangen ist, viele Bücher gelesen hat und Phantasie besitzt." (S 121)
Der Roman beginnt in dieser deutschen Ausgabe ...

"Du bist was du bist. Ein Mensch, der in Ägypten geboren wurde, auf eine englische Schule gegangen ist, viele Bücher gelesen hat und Phantasie besitzt." (S 121)
Der Roman beginnt in dieser deutschen Ausgabe mit einem Vorwort von Diana Athill, einer Autorin und enger Freundin des Autors Waguih Ghali. In diesem erfährt man, dass Waguih Ghali sich 1969 umbrachte und ihre Sicht auf den Autor. Mit diesem Wissen und auch dem Fakt, dass der Roman recht autobiografische Elemente enthält, bin ich viel interessierter an die Lektüre gegangen. Dieser einzige im Original auf Englisch erschiene Roman Snooker in Kairo ("Beer in the snooker room") von Waguih Ghali erschien 1964 und wurde nun endlich ins Deutsche übersetzt.
Es geht um einen jungen koptischen Ägypter aus der Oberschicht, der selbst arm wie eine Kirchenmaus ist, sich selbst als Intellektuellen und Kosmopolit versteht. Dadurch belächelt er sein reiches, aber dummes Umfeld - und das alles im Ägypten der 50er Jahre, wo die Revolution Ägypten genauso prägte wie der Krieg am Suez. Er verbringt mit seinem besten Freund einige Zeit in England und ist dann vollends ein Weltbürger ohne echte Heimat.
"[...] ich hatte den Punkt an Trunkenheit erreicht, da sich Selbstbewusstsein zu Selbstgefälligkeit aufbläht." (S. 105)
Mir hat der Roman einen unkonventionellen Blick in die 50er Jahre in Ägypten auf die Oberschicht erlaubt, die mich aber auch etwas langweilte. Weil die Handlung hauptsächlich aus dem Leiden des Protagonisten besteht - der Schlaue, der Heimatlose, der Unverstandene und Liebende.
Positiv fand ich, dass es ein Glossar gab wo viele Personen der damaligen Zeit kurz erklärt werden, da die politischen Diskussionen im Roman sonst ohne tiefes geschichtliches britisches Wissen teilweise nicht nachvollziehbar wäre aus heutiger Sicht.
"Wie sehr man liebt, merkt man erst, wenn man den, den man liebt, verloren glaubt; und oft liebt man erst dann richtig, wenn es sich so anfühlt, als würde die eigne Liebe nicht erwidert." (s. 131)
Dieser Roman lässt mich in einem Zwiespalt zurück. Ich habe es gerne gelesen, aber ohne das Wissen um den Autor hätte der Text an sich mich nicht so gefesselt.

Veröffentlicht am 27.08.2018

Venedig und seine Bewohner gut getroffen

Heimliche Versuchung
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Eigentlich bedarf keiner der Donna Leon Krimis um Commissario Brunettt noch eines Lobes und einer weiteren Rezension. Jeder kennt ihn! Leser, wie mich, die Donna Leons Werke immer sofort lesen müssen bei ...

Eigentlich bedarf keiner der Donna Leon Krimis um Commissario Brunettt noch eines Lobes und einer weiteren Rezension. Jeder kennt ihn! Leser, wie mich, die Donna Leons Werke immer sofort lesen müssen bei Erscheinen schert es nicht, wenn mal eine Rezension schlecht ausfällt. Man muss einfach den nächstne Fall inhalieren. Und in der Tat gab es auch schon Fälle unter den bisher 27 erschienen, die ich weniger gut fanf bis schlecht. Aber dieser hier "Heimliche Versuchung", der ist wieder mal ein richtig guter aus der Brunetti-Reihe. Es bleibt spannend und gemächlich zugleich bis zur letzten Seite, wie man es gewohnt ist und lieben lernte! Was mir über die letzten Fälle hinweg aufgefallen ist, die grischischen Klassiker mit denen sich Brunetti in seiner Freizeit befasst, nehmen von Fall zu Fall gefühlt mehr Raum ein und verdrängen das voher beschriebene Familienleben. Keine Sorge, das gibt es noch, aber ehen die Gewichtung scheint sich mir zu verändern.
Dann hab ich mich mal gefragt, warum lese ich diese Brunetti-Fälle eigentlich so gern? Es ist gut geschrieben (und übersetzt), Brunetti hat ein aufgeräumtes, ja fast beneidenswert schönes Leben in Venedig mit seiner Familie und ist kein von problemenzersetzter Kommissar dem es dreckig geht. Tja, und dann sind da die tollen Beschreibungen der Stadt, des leckeren Essens und die Fälle selbst! Reicht als Begründung, oder?

Fazit: Wer es gern gemütlich hat beim Lesen - nur zu!

Veröffentlicht am 19.08.2018

Verlogenes 80er Jahre Vorstadt-Idyll

Kampfsterne
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Dieser Roman hat mich umgehauen. WOW fällt mir da spontan ein. Warum ist er so überzeugend gut?
Zum einen diese grandiose Erzählweise. Man hat das Gefühl man begleitet eine/n Therapeut/in, der allen Figuren ...

Dieser Roman hat mich umgehauen. WOW fällt mir da spontan ein. Warum ist er so überzeugend gut?
Zum einen diese grandiose Erzählweise. Man hat das Gefühl man begleitet eine/n Therapeut/in, der allen Figuren abwechselnd folg, je nachdem wo die Handlung ihn hin verschlägt. Geschrieben als würde die handelnden Personen diesem imaginären überall anwesenden Therapeuten alles erzählen und keine Geheimnisse haben müssen. Wie ein reinigender Prozess bei dem alle ihr innersten nach außen kehren. Jeder ist mal dran, mal kürzer mal länger, auch handlungsgetrieben. Sehr innovativ und par excellence umgesetzt. Chapau.
Zum anderen überzeugt Alexa Henning von Lange mit der atmosphärischen Wiedergabe dieses spießigen kleinen Kosmos einer Vorstadtsiedlung der 80er Jahre. Wo alte Traditionen einer patriarchalen Erziehung mit neue feministische Idee, eine Generation Freiheitlicher Liebe und neue Denkansätze zusammenprallen. Ein Ort an dem die Menschen unglücklich an ihren eigenen Lebensvorstellungen scheitern, nach Anerkennung gieren und Anderen ihr Glück missgönnen. Eine gelungene Rückblende in die ach-so sorglose Zeit der 80er Jahre Reihenhaus-Idylle mit ihren schon damals verlogenen Perfektionen. Und wer sitzt mittendrin in diesem Tornado aus Gefühlen, Sich-finden und Leben vortäuschen? Die Kinder!
Und das ist der dritte überzeugende Faktor bei diesem Roman. Alexa Henning von Lange spiegelt uns selbst in der Gegenwart mit all unseren Erwartungen in dem Treiben der 80er Jahre. Dort nahm die ganze Selbstoptimierung, der Kinder-Förderwahn seine Anfänge. Es werden Mütter hier angeklagt, die emanzipiert sein wollen, es aber nicht schaffen und ihre Töchter mit all dem Ballast alleine lassen. Wie ein paar Zeilen auf Seite 97 belegen: „Meine Kinder zerbrechen an dieser Welt. Und niemand kann uns beschützen. Nur wir uns selbst.“
Hier werden auch andere große Themen indirekt verarbeitet: Wo ist die westdeutsche durchschnittliche Gesellschaftsschicht falsch abgebogen? Hier wird portraitiert wo der Selbstoptimierungs- und Ego-Trip seinen Anfang nahm.
Ein sehr vielschichtiger Roman, den es zu lesen lohnt. Aufklärend & augenöffnend, auch wenn der Spaß hier eher literarischer als inhaltlicher Natur ist.
Fazit: Für mehr echtes Leben ohne Fassade und mehr Menschlichkeit im Umgang miteinander.

Veröffentlicht am 19.08.2018

Gute Prose mit echtem Leben für kleine großartige Menschen!

Lasse feiert Geburtstag
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Lasse hat uns mit neuen Geschichten beglückt!
Der rote Faden der sich diesmal in Band 2 durchzieht ist Lasses 7. Geburtstag so wie der Titel vermuten lässt: 'Lasse feiert Geburtstag'!
Wieder sind es die ...

Lasse hat uns mit neuen Geschichten beglückt!
Der rote Faden der sich diesmal in Band 2 durchzieht ist Lasses 7. Geburtstag so wie der Titel vermuten lässt: 'Lasse feiert Geburtstag'!
Wieder sind es die alltäglichen Wichtigkeiten im Leben eines Erstklässlers, die uns Sarah Welk geschickt und sehr liebevoll erzählt!
Er überlegt wer einzuladen ist. Dann kommt noch kurz ein Wackelzahn dazwischen der auch seien Aufmerksamkeit fordert. Und, natürlich wie sollte es anders sein: DER Tag der Tage: sein Geburtstag ist natürlich auch seitenfüllend und sehr gelungen. Wirklich kurzweilig und wunderbar vorzulesen (Vorschüler) sowie super geeignet für Erstleser.

Sehr niedlich illustriert von Anne-Kathrin Behl. Wir freuen uns immer, wenn es wieder ein Bild zu entdecken gibt nach dem Umblättern!

Wer Band 1 noch nicht kennt (Lasse in der ersten Klasse) sollte mit diesem starte, denn auch hier wird sehr sensibel berichtet wie Lasse zur Schule kommt mit allen Vorbereitungen.

Wie schon in Band 1, hat auch im Band 2 Sarah Welk ein unheimliches Feingefühl an den Tag gelegt was so einen 7jährigen wirklich umtreibt und wie die dazugehörige Gefühlslage sein könnte. Sehr lebensnahe ohne zu cool zu sein sind diese simplen, aber so treffenden Geschichten! Ganz ehrlich, solche sind mir viel lieber als die 100 Superschurken-Story oder der 8 Dinosaurier-Mischmasch.

Und nun? Wir hoffen auf einen dritten Band! Wie Lasse vielleicht einen Sport für sich entdeckt? Oder in den Ferien wegfährt? Oder zu den Pfadfindern geht? Wir sind voller freudiger Erwartung!