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Nilchen

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Veröffentlicht am 01.02.2025

Eine Frau, die in den 50er Jahren in Hollywood eintaucht

Not your Darling
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Eines dieser Bücher, die leicht starten und dann doch eine unerwartete Wendung nehmen und es "schwerer" wird. „Not your darling“ von Katherine Blake ist ein leicht lesbarer Roman, in dessen Zentrum Loretta ...

Eines dieser Bücher, die leicht starten und dann doch eine unerwartete Wendung nehmen und es "schwerer" wird. „Not your darling“ von Katherine Blake ist ein leicht lesbarer Roman, in dessen Zentrum Loretta Darling steht, die eigentlich anders heißt….denn sie ist aus Großbritannien durch einen Coup in den USA gelandet mit dem unverrückbaren Ziel: Hollywood. Sie erreicht ihr Ziel, lernt neue Leute kennen und ergattert Jobs, erst als Kellnerin und dann in der Branche ihrer Wahl: Makeup Artistin! Sie hat ein unvergleichliches Gespür ein Gesicht in Szene zu setzen und erarbeitet sich den Spitznamen LipGirl. Das ist aber nur eine Seite der Geschichte, es gibt auch sehr unangenehme Ereignisse, in ihrer Gegenwart und Vergangenheit.
Einerseits liest es sich locker und leicht, weil sie eine starke Frau ist, die sich dem ein und anderen Kniff bedient und so sich das Leben zu dem macht wie sie es braucht. Einschüchtern, dass klappt bei ihr nicht. Aber es sind nun mal die 50er Jahre und das Patriachat und deren misogyne Ausprägungen werden hier sehr deutlich aufgezeigt. Machtlos und wehrlos stehen Frauen diesem oft gegenüber. Zum Schreien!
Dieser Roman kombiniert die Leichtigkeit und den Aufbruch in ein neues Leben mit dem furchtbaren männlichen Selbstverständnis mehr Macht zu haben. Auch hier wird differenziert was ich gut fand, es gibt auch positive Männer, die sich anders verhalten.
Leider sind so mache Szenen entweder einem schnellen Lektorat zum Opfer gefallen oder die Übersetzung passt nicht ganz. Oder beides. Die Figuren lesen sich so manches Mal etwas hölzern und dann wunderte es mich und die Geschichte kommt mental ins Stocken.
„Wir kommen allein auf diese Welt und verlassen sie allein wieder. Was wir in der Zwischenzeit machen, liegt an uns. Also, halt an deinen Plänen fest, was auch immer du für welche hast. Setz sie um, und lass dich von niemandem ablenken, besonders nicht von den Männern. Deine Ambitionen sind das einzige Glück, das du jemals empfinden wirst.“ (S 186)

Ansonsten, eine Frau, die ihren Weg geht, sehr konsequent handelt, auch wenn es so manches mal drüber ist und kämpft für eine neue bessere Zukunft in vielerlei Hinsicht. Es gibt herrliche Stellen, diese überzeichneten Momente, wo Loretta nonchalant die anderen an die Wand spielt.

Durch das Setting in Kalifornien in den 50er Jahren musste ich ab uns an, an "Eine Frage der Chemie" denken und wenn es um das Aufsteigen und das Vorankommen geht, dass Loretta so stark an den Tag legt, hatte ich "City of Girls" im Hinterkopf.

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Veröffentlicht am 26.01.2025

Ein literarisches Juwel

Umlaufbahnen
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Es gab sooooo mega viele gute Besprechungen über Umlaufbahnen von Samantha Harvey, da konnte ich nicht widerstehen und wollte es auch lesen. Hier verschiebt sich die Perspektive im wahrsten Sinne des Wortes ...

Es gab sooooo mega viele gute Besprechungen über Umlaufbahnen von Samantha Harvey, da konnte ich nicht widerstehen und wollte es auch lesen. Hier verschiebt sich die Perspektive im wahrsten Sinne des Wortes beim Lesen.
Samantha Harvey nimmt uns mit in eine Raumstation, in der vier Männer und zwei Frauen (davon 2 Kosmonauten) inmitten der Unendlichkeit des Alls die Erde sechzehnmal am Tag umkreisen. Diese scheinbar einfache Prämisse entfaltet eine unendliche Komplexität. Die Protagonist:innen schweben nicht nur physisch, sondern auch emotional und existenziell – zwischen der Sehnsucht nach dem Planeten, den sie hinter sich gelassen haben, und der Ehrfurcht vor der erhabenen, verletzlichen Schönheit dieser leuchtenden Kugel im Nichts. Die Idee, diese Dualität zwischen Nähe und Distanz, zwischen Isolation und universeller Verbindung zu erforschen, ist schlicht genial.
Die Prosa ist von einer sprachlichen Eleganz, die ihresgleichen sucht. Die Beschreibungen der Erde aus dem All – „diesiges blassgrün schimmerndes Meer“ oder „Gran Canarias steile, strahlenförmige Schluchten wie eine eilig gebaute Sandburg“ – sind so präzise und poetisch, dass man das Gefühl hat, die Welt tatsächlich mit den Augen der Astronaut:innen zu sehen. Die Erde wird zur Diva in einem Ozean der Leere, gleichzeitig majestätisch und fragil.
Die fragmentarische Struktur des Romans, die auf klare Handlung und Spannungsbögen verzichtet, spiegelt die Schwerelosigkeit des Settings wider. Gedanken, Erinnerungen und Beobachtungen treiben wie Partikel im Raum und bilden ein einzigartiges literarisches Mosaik. Der Booker Prize 2024 ist sehr verdient gewonnen.
Der Roman wird von existenziellen Überlegungen durchzogen wie ein stilles Pulsieren, verstärkt durch die persönlichen Geschichten der Astronaut:innen: die sterbende Mutter einer Raumfahrerin, die Fragen einer Tochter, die Sehnsucht nach Blumen vor einem Fenster in Moskau. Es macht das Lesen so wahnsinnig intensiv. Das letzte Mal, dass ich mich so unbedeutend klein in diesem Universum fühlte, war am Abgrund des Grand Canyon.
Die Isolation des Alls bringt die Charaktere nicht nur einander näher, sondern auch sich selbst. Samantha Harvey zeigt mit großem Einfühlungsvermögen, wie widersprüchlich der menschliche Geist ist: der gleichzeitige Wunsch, zurückzukehren, und für immer zu bleiben. Diese Paradoxien machen das Buch so zutiefst menschlich und berührend.
Der Roman ist auch äußerst gut von Julia Wolf übersetzt. Großartig auch, dass sie es auf den Klappentext hinten geschafft hat. Immerhin außen sichtbar. Tolle Übersetzungsleistung.
Fazit: Dieser Roman ist große Kunst! Ein außergewöhnliches Buch, das sowohl Herz als auch Verstand anspricht. Wer sich auf die Schwerelosigkeit dieser poetischen Reise einlässt, wird nicht nur die Erde, sondern auch sich selbst mit neuen Augen sehen.

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Veröffentlicht am 26.01.2025

Frieden auf Erden - unser aller Ziel

Radio Sarajevo
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“ Zivilisierte Menschen gedeihen im Frieden, Idioten gedeihen im Krieg.” (S. 66)
Wer Krieg verstehen will in einer sehr persönlichen Dimension, wenig Kontakt zu Menschen hat, die bereits im Krieg gelitten ...


“ Zivilisierte Menschen gedeihen im Frieden, Idioten gedeihen im Krieg.” (S. 66)
Wer Krieg verstehen will in einer sehr persönlichen Dimension, wenig Kontakt zu Menschen hat, die bereits im Krieg gelitten haben, dann bitte unbedingt dieses Buch lesen!
Radio Sarajevo ist kein Roman, es ist ein romanartiger Text, der sich aus den vielen Kindheitserinnerung von Tijan Sila speist. Wer es nicht weiß, hält es gerne mal für einen Roman. Weniger als 200 Seiten und doch so oft ein Hieb in die Magengrube, weil das epische Ausmaß an Leid deutlich wird, dass Menschen und vor allem unschuldige Kinder in Kriegen erleiden müssen. Ein Leben lang psychisch gezeichnet vom Erlebten.
“Die Geschichte ist über Jugoslawien hinweggefegt, als seien die Landesgrenzen nur eine Spur im Sand gewesen und das kommunistische Ethos mit Kreide auf Asphalt geschrieben.” (S. 41)
Tijan Sila beschreibt wie der Alltag im Krieg in Sarajevo in den 90er Jahren war, wer gegen wen kämpfte und wie jeder sein Überleben sicherte, wo geschlafen werden konnte, ohne Schule, wenig Essen. Immer wieder musste ich bei den Beschreibungen an die Ukraine denken und so viele andere Teile der Erde, wo Gewalt und Krieg leider zum Alltag wurden.
“Meine Eltern hatten den Krieg zwar überlebt, und doch vernichtete er sie am Ende.” (S. 75)
Wenn man nun glaubt, die Lektüre wäre durchweg grausam. Bei weitem nicht, es liest sich gut, da Tijan Sila ein enormes Gespür für die deutsche Sprache hat und er gibt der Leserschaft Lichtblicke mit an die Hand, an denen man sich festklammert. Aber ja, auch die Verzweiflung und die Ohnmacht ist zu spüren, wenn Jugendliche anfangen Klebstoff zu schnüffeln, weil die Langeweile und Aussichtslosigkeit so groß wurden.
Fazit: Für alle die Frieden auf Erden nicht für das größte Ziel der Menschheit halten. Unbedingt lesen.

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Veröffentlicht am 26.01.2025

Frieden auf Erden - unser aller Ziel

Radio Sarajevo
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“ Zivilisierte Menschen gedeihen im Frieden, Idioten gedeihen im Krieg.” (S. 66)
Wer Krieg verstehen will in einer sehr persönlichen Dimension, wenig Kontakt zu Menschen hat, die bereits im Krieg gelitten ...

“ Zivilisierte Menschen gedeihen im Frieden, Idioten gedeihen im Krieg.” (S. 66)
Wer Krieg verstehen will in einer sehr persönlichen Dimension, wenig Kontakt zu Menschen hat, die bereits im Krieg gelitten haben, dann bitte unbedingt dieses Buch lesen!
Radio Sarajevo ist kein Roman, es ist ein romanartiger Text, der sich aus den vielen Kindheitserinnerung von Tijan Sila speist. Wer es nicht weiß, hält es gerne mal für einen Roman. Weniger als 200 Seiten und doch so oft ein Hieb in die Magengrube, weil das epische Ausmaß an Leid deutlich wird, dass Menschen und vor allem unschuldige Kinder in Kriegen erleiden müssen. Ein Leben lang psychisch gezeichnet vom Erlebten.
“Die Geschichte ist über Jugoslawien hinweggefegt, als seien die Landesgrenzen nur eine Spur im Sand gewesen und das kommunistische Ethos mit Kreide auf Asphalt geschrieben.” (S. 41)
Tijan Sila beschreibt wie der Alltag im Krieg in Sarajevo in den 90er Jahren war, wer gegen wen kämpfte und wie jeder sein Überleben sicherte, wo geschlafen werden konnte, ohne Schule, wenig Essen. Immer wieder musste ich bei den Beschreibungen an die Ukraine denken und so viele andere Teile der Erde, wo Gewalt und Krieg leider zum Alltag wurden.
“Meine Eltern hatten den Krieg zwar überlebt, und doch vernichtete er sie am Ende.” (S. 75)
Wenn man nun glaubt, die Lektüre wäre durchweg grausam. Bei weitem nicht, es liest sich gut, da Tijan Sila ein enormes Gespür für die deutsche Sprache hat und er gibt der Leserschaft Lichtblicke mit an die Hand, an denen man sich festklammert. Aber ja, auch die Verzweiflung und die Ohnmacht ist zu spüren, wenn Jugendliche anfangen Klebstoff zu schnüffeln, weil die Langeweile und Aussichtslosigkeit so groß wurden.
Fazit: Für alle die Frieden auf Erden nicht für das größte Ziel der Menschheit halten. Unbedingt lesen.

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Veröffentlicht am 26.01.2025

Die Komplexität menschlicher Beziehungen und die Möglichkeiten, die ein Lebe bietet

Rückkehr nach Budapest
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Als ich dieses Buch las, dachte ich oft an Menschen, die diese Zeit so intensiv miterlebt haben wie die Protagonisten in diesem Roman. Ich konnte mir bereits gut vorstellen, wie es war. Muss also für „Zeitzeugen“ ...

Als ich dieses Buch las, dachte ich oft an Menschen, die diese Zeit so intensiv miterlebt haben wie die Protagonisten in diesem Roman. Ich konnte mir bereits gut vorstellen, wie es war. Muss also für „Zeitzeugen“ noch toller sein, als öffnete man eine alte Schachtel voller Sommererinnerungen – nach Sonne duftend, bittersüß, ein wenig verblichen. Nikoletta Kiss gelingt es mit einer beeindruckenden Leichtigkeit, mich in eine vergangene Welt zu entführen, die für mich so ganz fremd war.
Es ist due Geschichte von Márta, die in den Wirren der Vorwendezeit zwischen Budapest und Ost-Berlin nach ihrem Platz sucht.Besonders die Schilderungen der Sommer am Balaton – dieser endlosen, magischen Tage, an denen die Zeit stillzustehen schien, bleiben mir in Erinnerung. Kiss beschreibt mit einer solchen Präzision, wie Márta und ihre Cousine Theresa zwischen Maisfeldern und Seeufer ihre Kindheit und Freundschaft leben, dass ich den heißen Teer unter den Schuhen und den Geruch von Sonnencreme förmlich spüren konnte.
Doch was dieses Buch so besonders macht, ist nicht nur die Nostalgie, sondern auch die historische Tiefe, mit der Kiss das Leben in den 1980er Jahren einfängt. Die politischen Spannungen, die Enge und Freiheit des Lebens hinter dem Eisernen Vorhang, die rebellische Kunstszene in Ost-Berlin – all das wird lebendig erzählt.
Die Figuren sind allesamt komplex und ambivalent. Márta, die Erzählerin, erscheint oft unsicher und nachdenklich, immer im Schatten ihrer extrovertierten Cousine Theresa. Doch gerade diese Verletzlichkeit macht sie so nahbar. Der Verrat, der im Zentrum der Geschichte steht, wirft viele Fragen auf: Wie viel Verantwortung tragen wir für die Entscheidungen unserer Vergangenheit? Können alte Wunden je wirklich heilen?
Toll erzählt ist der Roman, die Autorin verwebt die Schicksale der Figuren kunstvoll miteinander, während sie die Themen Schuld, Loyalität und Selbstfindung aufgreift.
Super Buch, kann ich sehr empfehlen.

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