Platzhalter für Profilbild

Nilchen

Lesejury Star
offline

Nilchen ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Nilchen über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 10.06.2025

Zwischen Elbe, Erinnerungen und Tattoos

Flusslinien
0

Katharina Hagena hat mit Flusslinien einen stillen, eindringlichen Generationenroman geschrieben, der Erinnerungen, Verluste und Neuanfänge auf poetische Weise miteinander verwebt. Im Zentrum stehen drei ...

Katharina Hagena hat mit Flusslinien einen stillen, eindringlichen Generationenroman geschrieben, der Erinnerungen, Verluste und Neuanfänge auf poetische Weise miteinander verwebt. Im Zentrum stehen drei Figuren, deren Leben auf unterschiedliche Weise von Vergangenheit und Gegenwart geprägt ist: die 102-jährige Margrit, ihre Enkelin Luzie und der junge Fahrer Arthur. Ihre Geschichten entfalten sich entlang der Elbe – einem Fluss, der nicht nur landschaftlicher Fixpunkt, sondern auch symbolischer Resonanzraum für das Vergehen der Zeit ist.

Margrit, ehemalige Stimmbildnerin, blickt auf ein langes, verwickeltes Leben zurück – auf Krieg, Liebe, Verlust und die Geschichte ihrer Mutter, deren Beziehung zur realhistorischen Gärtnerin Hoffa das Buch mit einer interessanten feministisch-historischen Perspektive anreichert. Ihre Schilderungen sind geprägt von einer fast körperlichen Erinnerung, die durch das Motiv des Atems eine besondere Präsenz bekommt.
Luzie, die junge Tätowiererin, ringt nach einem traumatischen Erlebnis mit sich und der Welt. Ihre Wut, ihr Trotz, aber auch ihre zarte Verbundenheit mit der Großmutter verleihen dem Roman eine berührende Authentizität. Arthur schließlich, der Fahrer mit dem Herzen eines Sprachforschers und Umweltschützers, bringt eine stille Melancholie und versponnene Sprachphilosophie ein, die das Buch immer wieder mit klugen Gedanken zur Ausdruckskraft von Worten bereichert.

Flusslinien scheut keine großen Themen: Nationalsozialismus, sexuelle Gewalt, Klimawandel, Sprachphilosophie, familiäre Traumata, Verlust, Schuld und Selbstermächtigung – vieles wird angerissen, manches durchleuchtet, anderes bleibt skizzenhaft. Diese thematische Vielfalt ist einerseits beeindruckend und zeugt von literarischem Anspruch. Andererseits wirkt sie stellenweise überbordend; nicht alle Motive fügen sich nahtlos in den Erzählfluss ein. Gerade bei Nebenepisoden wie einem Besuch in Belarus oder metaphorisch aufgeladenen Tierkämpfen fragt man sich nach deren narrative Notwendigkeit.
Erzählstil: poetisch, ruhig, atmosphärisch
Wer auf rasante Handlung aus ist, wird sich mitunter an der ruhigen, episodenhaften Erzählweise stören. Flusslinien lebt weniger von Plot als von Atmosphäre. Der Stil ist leise, präzise und poetisch – eine Sprache, die ohne Pathos existenzielle Fragen berührt. Besonders gelungen ist die Darstellung der Natur an der Elbe, die nicht nur als Kulisse, sondern als Resonanzraum menschlicher Emotionen dient.

Flusslinien ist ein literarisch anspruchsvoller Roman, der mit ungewöhnlichen Figuren, vielschichtigen Themen und poetischer Sprache überzeugt. Zwar bleiben manche Aspekte etwas unfokussiert und einige Motive wirken zu bemüht, doch überwiegt der Eindruck eines klugen, berührenden Textes über Erinnerung, Sprache, Familie und das Ringen um Sinn. Für Leser*innen, die sich gerne auf eine erzählerische Strömung einlassen, die mal ruhig, mal tiefgründig ist – ein empfehlenswerter literarischer Flusslauf.

4 von 5 Punkten.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 09.06.2025

Liebe ohne Zukunft, aber mit Tiefe

Chéri
0

Es gibt Bücher, die sich lesen, als würde man sie träumen. Sidonie-Gabrielle Colettes Roman Chéri, erstmals 1920 in Frankreich erschienen, ist ein solches Werk – ein Meisterstück subtiler Erotik, gesellschaftlicher ...

Es gibt Bücher, die sich lesen, als würde man sie träumen. Sidonie-Gabrielle Colettes Roman Chéri, erstmals 1920 in Frankreich erschienen, ist ein solches Werk – ein Meisterstück subtiler Erotik, gesellschaftlicher Provokation und literarischer Eleganz. In der neuen, glänzenden Ausgabe des Manesse Verlags (übersetzt von Renate Haen und Patricia Klobusiczky, ergänzt um ein erhellendes Nachwort von Dana Grigorcea) wird dieser Klassiker nun einer neuen Lesergeneration zugänglich gemacht – und das mit bemerkenswerter Sorgfalt.
Die Geschichte ist schnell erzählt: Die fast fünfzigjährige Léa de Lonval, eine ehemalige Kurtisane, lebt in einer dekadenten Welt der Pariser Belle Époque. Seit Jahren verbindet sie eine leidenschaftliche Beziehung mit dem 24-jährigen Fred Peloux, genannt Chéri. Chéri, ein ästhetischer Müßiggänger und Sohn aus gutem Hause, lässt sich durchs Leben treiben – charmant, verwöhnt, launisch. Als er die junge Edmée heiratet, glauben beide, die Trennung würde sie befreien. Doch genau das Gegenteil tritt ein: Die Zäsur wirft sie aus der Bahn und legt frei, wie tief diese „Liaison sans avenir“ tatsächlich war.
Was Chéri so besonders macht, ist nicht nur das Thema – eine Beziehung zwischen einer älteren Frau und einem wesentlich jüngeren Mann, die zur damaligen Zeit als Skandal galt –, sondern die Art, wie Colette diese Geschichte erzählt. Mit einer Sprache, die zugleich sinnlich und messerscharf ist, entwirft sie ein Kammerspiel der Gefühle, das weit über das Erotische hinausgeht. Ihre Figuren sind keine bloßen Typen, sondern komplexe Seelen – widersprüchlich, verletzlich, stolz. Léa ist keine femme fatale, sondern eine Frau, die die Liebe ebenso genießt wie fürchtet, weil sie weiß, dass ihr Verfallsdatum gesellschaftlich längst überschritten ist.
In der exzellenten Übersetzung von Haen und Klobusiczky bleibt Colettes Stil lebendig und nuancenreich. Es gelingt ihnen, den feinen Humor, die melancholische Grundstimmung und das bittersüße Flirren dieser Amour fou zu bewahren, ohne den Text ins Gestelzte kippen zu lassen. Ein Balanceakt, der bewundernswert gelingt.
Das Nachwort von Dana Grigorcea liefert den notwendigen historischen Kontext – nicht nur zur Entstehungsgeschichte des Romans, sondern auch zur Stellung der Autorin in der französischen Literatur und zur Rezeption weiblicher Sexualität im frühen 20. Jahrhundert. Grigorcea öffnet den Blick für die literarische Radikalität Colettes, die mit Chéri nicht nur ein Tabu brach, sondern eine ganze moralische Ordnung infrage stellte.
Colettes Roman steht in einer langen Tradition französischer Literatur, die sich mit Ehebruch, Verlangen und Rollentausch beschäftigt – von Madame de Lafayette über Laclos bis zu Flaubert. Doch Chéri hebt sich durch seinen Ton, seine weibliche Perspektive und seine melancholische Schönheit ab. Léa liebt – und sie überlebt. Sie verzweifelt nicht, sie stilisiert nicht. Sie erkennt, dass Liebe nicht ewig dauert, aber ewig nachhallt. Dass Begehren nicht immer zur Erfüllung führt, aber zur Selbsterkenntnis. Dass Abschiede mehr sagen als Worte.
Ein großartiger Roman, schmal im Umfang, aber tief in der Wirkung. Ein Plädoyer für weibliches Begehren, für das Recht auf sinnliche Erfahrung jenseits der Konvention. Und ein literarisches Fest der Sprache, das in dieser Neuübersetzung neu leuchtet.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 09.06.2025

Kats Märchenschatz – ein feines Geschenkbuch

Lieblingsmärchen
0

Es beginnt wie ein leises Flüstern aus Kindertagen: Das Knistern einer alten Märchenseite, das Funkeln vergilbter Sterne über einem Hof aus Tinte, das leise Trappeln eines Hundes mit tellergroßen Augen ...

Es beginnt wie ein leises Flüstern aus Kindertagen: Das Knistern einer alten Märchenseite, das Funkeln vergilbter Sterne über einem Hof aus Tinte, das leise Trappeln eines Hundes mit tellergroßen Augen durch die Gedankenwelt. Und dann schlägt man das Buch auf – Kat Menschik illustriert die schönsten Märchen von Hans Christian Andersen – und wird augenblicklich in ein Farbenreich katapultiert, das zugleich nostalgisch wie visionär wirkt.
Menschik macht hier mehr als bloß Märchen bebildern – sie inszeniert sie. Wie ein Bühnenlicht fällt ihr Zeichenstift auf Details, die in unserer Erinnerung verblasst waren. Aus einem einfachen Entlein wird eine Figur mit echtem Herzklopfen, aus einer Prinzessin auf einer Erbse eine Studie weiblicher Stärke und Sensibilität. „Das kleine Mädchen mit den Schwefelhölzern“ brennt sich förmlich in die Seele – ohne jede Sentimentalität, sondern mit der zarten Wucht ehrlicher Anteilnahme.
Besonders bezaubernd ist, dass sich in diesem Band Vergangenheit und Gegenwart die Hand reichen: Menschiks erstes Buchprojekt, ein Unikat für ihre Mutter gezeichnet, wird hier als Faksimile abgedruckt – eine Zeitreise in die Anfänge einer mittlerweile ikonischen Illustratorin. Wer genau hinsieht, erkennt schon dort den Kern ihres späteren Stils: verspielt, pointiert, manchmal leicht grotesk, immer aber voller Liebe zum Detail und zur erzählten Welt.
Auch das Puppenspiel am Ende – „Die Nachtigall“ – ist mehr als ein nettes Extra: Es lädt ein zum Nachspielen, zum Weiterträumen, zum Märchenerleben mit Händen und Stimmen. Und wer sich traut, die Figuren auszuschneiden (oder sie lieber kopiert), erhält eine Bühne für das eigene Wohnzimmer – ein Fest für Fantasie und Kindheitsträume.
Der Band ist ein Gesamtkunstwerk. Vom geprägten Leineneinband über den pastellblauen Buchschnitt bis zu den ausdrucksstarken Illustrationen ist alles ein Erlebnis für Auge und Herz. Und ja, auch für die Seele. Denn was Andersen einst über das Leben sagte – dass es selbst das wunderbarste Märchen sei – trifft hier auf Menschiks Kunst in vollendeter Form.
Fazit:
Ein Buch wie ein Kaleidoskop der Gefühle. Nostalgie trifft auf moderne Grafik, alte Märchen flackern in neuem Licht. Wer Andersen liebt – oder Kat Menschik –, wird sich diesem Band nicht entziehen können. Ein Lieblingsbuch. Und eines, das selbst ein Märchen geworden ist.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 09.06.2025

Ein erschütternder Monolog

Alle außer dir
0

Maria Pourchets Roman Alle außer dir ist ein literarisch kraftvoller, emotional tief erschütternder Monolog einer Frau, die am Wendepunkt ihres Lebens steht: Marie, 35 Jahre alt, frischgebackene Mutter, ...

Maria Pourchets Roman Alle außer dir ist ein literarisch kraftvoller, emotional tief erschütternder Monolog einer Frau, die am Wendepunkt ihres Lebens steht: Marie, 35 Jahre alt, frischgebackene Mutter, blickt im Halbdunkel eines Pariser Krankenhauszimmers auf die Wiege ihrer Tochter – und in die Tiefen ihrer eigenen Kindheit.
Was folgt, ist keine linear erzählte Lebensgeschichte, sondern ein fragmentarischer, aufwühlender innerer Strom von Erinnerungen, Reflexionen und Fragen. Marie rechnet ab – mit ihrer Mutter, mit einem erstickenden Frauenbild, mit sich selbst. Der Ton ist unverblümt, radikal ehrlich, gelegentlich sarkastisch, oft schmerzhaft – aber nie larmoyant. „Ich bin auch nur eine blöde Kuh, die nichts Besseres zu tun hat, als ihre Mutter in einem Buch zur Strecke zu bringen, statt zu stillen“, schreibt sie (S. 135) – Sätze wie dieser zeigen Pourchets Gespür für Ambivalenz, für die Widersprüche des Mutterseins und Frauwerdens.
Zentrale Fragen, die Marie umtreiben: Was geben Frauen – ungewollt, unreflektiert – an ihre Töchter weiter? Wo endet Fürsorge, wo beginnt emotionale Kälte? Wie tief sitzen Sprachmuster, Demütigungen und unausgesprochene Erwartungen, wenn sie von Generation zu Generation weitergetragen werden? Alle außer dir ist ein Buch über das unsichtbare Erbe weiblicher Unterdrückung, die nicht nur von außen, sondern auch im Inneren einer Familie entsteht – subtil, still und doch prägend.
Formal ist Pourchets Roman eher ein langes Poem als eine klassische Erzählung. Der Text folgt keiner chronologischen Ordnung, sondern ist assoziativ und impulsgetrieben. Es ist ein Sog, dem man sich kaum entziehen kann – auch dank der hervorragenden Übersetzung, die den dichten, poetischen und zugleich brutalen Ton des Originals treffsicher ins Deutsche überträgt. Der Originaltitel Toutes les femmes sauf une – „Alle Frauen außer einer“ – trifft die Ambivalenz des Stoffes eigentlich noch besser, doch Alle außer dir funktioniert im Deutschen immerhin als offenes Echo auf die Tochter.
Was bleibt, ist ein schmerzlicher Eindruck: von der Last weiblicher Sozialisation, von der Ohnmacht, Dinge anders machen zu wollen – und doch von der Angst getrieben zu sein, dieselben Fehler zu wiederholen. „Ich wünsche mir, dass du so gut wie nichts davon behältst“, sagt Marie zu ihrer Tochter (S. 13) – ein Wunsch, der Hoffnung und Hilflosigkeit zugleich ausdrückt.
Fazit:
Maria Pourchet gelingt mit Alle außer dir ein intensiver, sprachlich außergewöhnlicher und psychologisch tiefgründiger Roman über Mutter-Tochter-Beziehungen, weibliche Prägung und den Willen, schmerzhafte Kreisläufe zu durchbrechen. Kein einfacher Text – aber ein unbedingt lesenswerter. Ein literarisches Glanzstück im schmalen Format.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 06.06.2025

Grotesk, böse - brillant?

Nimms nicht persönlich
0

Tom Hoflands „Nimms nicht persönlich“ ist ein wilder Ritt durch die Abgründe der modernen Arbeitswelt – bitterböse, surreal und voller dunklem Witz. In seinem Mix aus Thriller, Horrormärchen, Groteske ...

Tom Hoflands „Nimms nicht persönlich“ ist ein wilder Ritt durch die Abgründe der modernen Arbeitswelt – bitterböse, surreal und voller dunklem Witz. In seinem Mix aus Thriller, Horrormärchen, Groteske und tragikomischem Büroalltag entwirft Hofland ein Szenario, das gleichzeitig unterhält und verstört.
Im Zentrum steht Lute, Qualitätsmanager bei einem Pharmakonzern, der mit der Entlassung seiner gesamten Abteilung betraut wird – eine Aufgabe, der er sich zunächst entziehen will, nur um sie dann ausgerechnet dem mysteriösen Personalvermittler Lombard zu überlassen. Was als kafkaeske Reorganisation beginnt, gleitet zusehends ins Mythisch-Makabre: Verschwundene Kollegen, sprechende Tiere, unheimliche Headhunter – alles scheint möglich in dieser verstörend absurden Welt, die irgendwo zwischen Max Frisch, „Fleisch ist mein Gemüse“ und einem HR-Workshop in der Hölle liegt.
Hofland gelingt es, die Absurdität neoliberaler Arbeitslogiken literarisch zu überzeichnen, ohne sie ihrer beängstigenden Realität zu berauben. Besonders stark sind die Szenen, in denen sich das Grauen hinter der nüchternen Sprache der Effizienz und Selbstoptimierung verbirgt. Die Dialoge sind pointiert, der Stil teilweise bewusst sperrig, was gut zur thematischen Schwere passt – wenngleich der Einstieg fordernd bleibt.
Was den Roman besonders lesenswert macht, ist sein doppelter Boden: Unter der grotesken Oberfläche verhandelt er Fragen nach Schuld, Anpassung, Verantwortung – und dem Preis, den wir zahlen, wenn wir die Kontrolle über unser Handeln abgeben. Lute ist keine Heldenfigur, sondern ein ambivalenter Mitläufer, ein Antiheld im Angestelltenkostüm.
Kleine Schwächen hat der Roman dennoch: Die Symbolik (Pudel, Wildschwein, Erdhaufen) wirkt stellenweise überfrachtet, manche Nebenfiguren bleiben schemenhaft. Auch das surreale Finale mag Leser:innen spalten – zwischen „genial durchkomponiert“ und „zu viel des Guten“.
Fazit: „Nimms nicht persönlich“ ist kein Buch für zwischendurch – aber für alle, die sich gern literarisch fordern lassen, schwarzem Humor nicht abgeneigt sind und Lust haben auf ein modernes, bissiges Märchen über Macht, Angst und die Banalität des Bösen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere