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Veröffentlicht am 03.09.2019

Was von Jelena bleibt

Die Leben der Elena Silber
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Alexander Osang blickt in seinem 600 Seiten umfassenden Roman "Die Leben der Elena Silber" auf ein Jahrhundert deutscher und russischer Geschichte zurück. Im Mittelpunkt steht die Russin Jelena Krasnow. ...

Alexander Osang blickt in seinem 600 Seiten umfassenden Roman "Die Leben der Elena Silber" auf ein Jahrhundert deutscher und russischer Geschichte zurück. Im Mittelpunkt steht die Russin Jelena Krasnow. Sie ist der Dreh- und Angelpunkt für ihren Enkel Konstantin Stein, der die Geschichte und Geschichten seiner Familie in seinen eigenen Lebenskontext bringen möchte.
Alles bginnt mit dem Tod von Jelenas Vater, dem Revolutionär Viktor Krasnow. Als dieser 1905 von Zaristen getötet wurde, beginnt Elenas Flucht aus ihrer Heimatstadt Gorbatow an der Oka. Viele Stationen wird Jelena passieren in ihrem Leben, bevor sie am Ende in Berlin leben wird. Eine Heimat allerdings wird sie nie wieder finden. Sie heiratet in den zwanziger Jahren den deutschen Ingenieur Robert Silber. Dieser ist allerdings sehr oft abwesend, so dass sie die vier Töchter alleine groß zieht. In den Wirren um das Ende des Zweiten Weltkrieges verschwindet Robert für immer. Das Rätsel um seinen Verbleib wird für Jelena immer bestehen bleiben. Im Laufe ihres Lebens wird Jelena von Elena zu Lena, um dann als Baba zu sterben. Ihre Leben hat sie dann gelebt, in ihren Töchtern und Enkelkindern aber lebt ein Teil der russischen Geschichte weiter. Diese versucht die zweite Haupfigur in "Die Leben der Elena Silber", ihr Enkel Konstantin zu entwirren, um Klarheit über sein Leben zu gewinnen.
Konstantins und Elenas Geschichten finden auf unterschiedlichen zeitlichen Ebenen statt. Sie bewegen sich quasi aufeinander zu, bis Kostja am Ursprung seiner und Elenas Geschichte angekommen ist.
Immer wenn ich beim Lesen dachte, dass es mir wohl bald zu langatmig werden würde, hat Alexander Osang wieder für Überraschendes gesorgt. Am Besten hat mir Konstantin gefallen, der nicht selten in humorvoller Weise sein Leben mit seinen Eltern, Tanten, Cousins und Cousinen schildert. Wer große Familiengeschichten mag, wird in diesem Herbst nicht um "Die Leben der Elena Silber" drumherumkommen.

Veröffentlicht am 03.09.2019

Mein Sommerhighlight

Der Gesang der Flusskrebse
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Kya ist sechs Jahre alt, als sich ihre Mutter mit einem Koffer in der Hand, ohne Abschied zu nehmen, aus ihrem Leben davonmacht. Auch ihre älteren Geschwister sind schon vor dem gewalttätigen Vater und ...

Kya ist sechs Jahre alt, als sich ihre Mutter mit einem Koffer in der Hand, ohne Abschied zu nehmen, aus ihrem Leben davonmacht. Auch ihre älteren Geschwister sind schon vor dem gewalttätigen Vater und dem trostlosen Leben in den Sümpfen North Carolinas geflüchtet. Allein auf sich gestellt (auch der Vater wird irgendwann spurlos verschwinden) lernt Kya zu überleben. Mitten in der Natur, mit wenigen Kontakten zu anderen Menschen wird sie erwachsen. Nicht gewohnt mit Menschen umzugehen, fällt sie auf jemanden herein, der sie letztendlich nur ausnutzt. Man leidet mit Kya in jeder Lebensphase mit und freut sich auf der anderen Seite auch über jede ihrer wunderschönen Momente in der Natur.
"Der Gesang der Flusskrebse" wirkt noch lange nach. Selten habe ich ein so fesselndes Hörbuch gehört. Auf sehr gefühlvolle Weise wird hier sowohl eine Geschichte vom Erwachsenwerden, eine präzise Naturschilderung, als auch ein spannender Krimi zugleich beschrieben. Als Extra gibt es dann noch die Liebesgeschichte zwischen Kya und dem Federjungen.
Das Hörbuch wird großartig gelesen von Luise Helm. Mühelos trifft sie den richtigen Ton für die unterschiedlichen Akteure.
Der Gesang der Flusskrebse ist mein Sommerhighlight. Man merkt, dass die Autorin Delia Owens Zoologin ist: Sie teilt ihr wunderbares Wissen mit dem Hörer/Leser in einer poetischen Art und Weise, die an keiner Stelle langweilt. Also: absolute Empfehlung für "Der Gesang der Flusskrebse".

Veröffentlicht am 16.07.2019

Verlust der Unschuld

Tage in Cape May
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Nachsaisonstimmung in dem Küstenstädtchen Cape May: Hier treffen die Frischvermählten Effie und Henry ein, um ihre Flitterwochen im Haus von Effies Onkel zu verbringen. Obwohl sich beide schon seit frühester ...



Nachsaisonstimmung in dem Küstenstädtchen Cape May: Hier treffen die Frischvermählten Effie und Henry ein, um ihre Flitterwochen im Haus von Effies Onkel zu verbringen. Obwohl sich beide schon seit frühester Jugend kennen, breitet sich eine seltsame Schüchternheit zwischen dem Ehepaar aus. Wie Ende der 50er Jahre üblich gehen die knapp Zwanzigjährigen sexuell unerfahren in ihre Ehe. Alles wäre gut, wenn nicht die Langeweile sich ausbreiten würde in dem Urlaubsort, den Effie aus ihrer Kindheit in lebhafterer Erinnerung hat. Gerade als sie beschließen vorzeitig abzureisen, treffen sie auf Clara, einer Bekanntschaft aus Effies Kindertagen. Clara verbringt mit ihrer mondänen Clique aus New York einige Tage im Haus ihrer Eltern. Beeindruckt von deren Lebensstil schließen sich Effie und Henry an und das Unheil nimmt seinen Lauf. Orgienhafte Partys, Segeltörns und verbotene Spiele üben auf das Paar aus der Provinz eine Anziehungskraft aus, der sie sich nicht entziehen können und wollen. Mit Folgen für das ganze weitere Leben.
Ich habe Tage in Cape May verschlungen. Chip Cheek lässt eine unheilvolle Stimmung über allen Seiten schweben, und das Gefühl, mit den beiden jungen Menschen einem Abgrund entgegen zu gehen, ist permanent vorhanden. Effie und Henry verlieren an diesen Tagen in Cape May am Ende in jeder Hinsicht ihre Unschuld und müssen ihr den Rest des Lebens damit klarkommen.

Veröffentlicht am 08.07.2019

Sehnsuchtsort Toskana

Das Licht der Toskana
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Drei Amerikanerinnen in der zweiten Lebenshälfte: Susan, Camille und Julia lernen sich bei der Besichtigung einer Seniorenresidenz kennen. So richtig scheinen sie dort noch nicht hinzugehören. Die Drei ...

Drei Amerikanerinnen in der zweiten Lebenshälfte: Susan, Camille und Julia lernen sich bei der Besichtigung einer Seniorenresidenz kennen. So richtig scheinen sie dort noch nicht hinzugehören. Die Drei sind sich auf Anhieb sympathisch und da verwundert es nicht, dass sie sich in ein gemeinsames Abenteuer stürzen. Weit weg von zu Hause, in der wunderschönen Toskana, beziehen sie ein Haus mitten auf dem Land. Die Nachbarin Kit Raine, eine amerikanische Schriftstellerin, wird bald eine gute Freundin der Frauen. Und so erleben sie zusammen die kulturellen und kulinarischen Freuden dieser italienischen Sehnsuchtsregion. Alle Frauen haben in ihrem persönlichen Gepäck Probleme aus ihrem Leben mitgebracht. Für alle lösen sich die Probleme, bzw. sie finden einen Umgang damit. Dazu gehören auch neue Lieben und alte Hobbys, die zur Profession werden. Und auch für Kit nimmt das Leben einen ungeahnten
Verlauf.
Mein Fazit:
Das Licht der Toskana hat alles, was ein lesenswertes Buch ausmacht. Unterschiedliche Charaktere, die sich weiterentwickeln, eine traumhafte Kulisse und einen interessanten Erzählstrang. Und doch bleiben alle Personen und auch deren gemeinsame Geschichte in dem Buch für mich schemenhaft. Ich denke, es liegt an der Erzählweise und der Perspektive von Frances Mayes. Unvermittelt werden die Perspektiven gewechselt, so dass ich des Öfteren nicht wusste, aus welcher Sicht erzählt wird und von wem die Rede ist. Das ist sehr schade, denn Kit und die Freundinnen erleben in der Toskana viel Schönes. Doch letztendlich wird daraus für mich kein Ganzes. Daher gebe ich lediglich drei Sterne für das ansonsten schöne Buch.

Veröffentlicht am 17.06.2019

Solider Roman vor historischer Kulisse

Die Zarin und der Philosoph
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Die Autorin Martina Sahler hat mit "Die Zarin und der Philosoph" ein weiteres Porträt ihrer Lieblingsstadt St. Petersburg vorgestellt. Wie schon in "Die Stadt des Zaren" verbindet sie mit großem Können ...

Die Autorin Martina Sahler hat mit "Die Zarin und der Philosoph" ein weiteres Porträt ihrer Lieblingsstadt St. Petersburg vorgestellt. Wie schon in "Die Stadt des Zaren" verbindet sie mit großem Können die Schicksale historisch verbürgter, sowie fiktiver Charaktere zu einer lesenswerten Geschichte aus der Zeit der Zarin Katharina II.
St. Petersburg 1762: Katharina, die später den Beinamen "die Große" erhalten wird, besteigt den Zarenthron nach dem ihr Mann Peter III. unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommen ist. Die Monarchin, die sich für weltoffen hält, kämpft um die Anerkennung der europäischen Herrscher. Es ist die Zeit der Aufklärung. Auch Katharina will sich der neuen Zeit nicht verschließen und sammelt an ihrem Hof in St. Petersburg Künstler und Gelehrte um sich. Besonders zu dem französischen Philosophen Voltaire unterhält sie regen Briefkontakt. Als sich die Gelegenheit bietet den jungen deutschen Philosophen Stephan Mervier mit seiner Frau, einer Malerin, an den Hof zu holen, glaubt Katharina der Herrscherelite Europas einen Schritt näher gekommen zu sein. Was sie nicht ahnt: Mervier ist ein Spion des preussischen Königs und berichtet diesem in Briefen von den Verhältnissen am Hof der russischen Herrscherin.
Vor der Kulisse der Stadt an der Newa entwickelt Martina Sahler ein Ränkespiel, das den Geist des Umbruchs des ausgehenden 18. Jahrhundert in Europa hervorragend spiegelt. Fiktive und historische Protagonisten des Romans sind detailliert und präzise dargestellt. Die Geschichte lässt einen zwar nicht atem- und pausenlos zum Buch greifen, da es zwischenzeitlich ein wenig vor sich "hinplätschert". Und doch bleibt am Ende eine in sich stimmige Geschichte in guter Erinnerung. Meine Lieblingsfigur bleibt die Stadt St. Petersburg, die für mich durch die liebevollen Beschreibungen zu einem lebendigen Ort geworden ist.