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Veröffentlicht am 20.03.2021

Düstere Geheimnisse

Die Verlorenen
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Die britische Autorin Stacey Halls führt die Leser:innen in ihrem Buch "Die Verlorenen" in das quirlige, von gesellschaftlichen Gegensätzen geprägte London in der Mitte des 18. Jahrhunderts. England ...

Die britische Autorin Stacey Halls führt die Leser:innen in ihrem Buch "Die Verlorenen" in das quirlige, von gesellschaftlichen Gegensätzen geprägte London in der Mitte des 18. Jahrhunderts. England verfügte zu dem Zeitpunkt über zahllose Kolonien auf der ganzen Welt, und die industrielle Revolution stand mit der Erfindung der Dampfmaschine kurz bevor. In diesem Setting ist die alptraumhafte Geschichte um die junge Krabbenverkäuferin Bess Bright angesiedelt.

Bess, in ärmlichen Verhältnissen mit ihrem Vater lebend, hat endlich genügend Geld zusammengespart um ihre Tochter Clara aus dem Waisenhaus The Foundling zurückzuholen, in dem sie das Neugeborene sechs Jahre zuvor schweren Herzens abgeben musste. Doch für Bess beginnt nun eine verzweifelte Suche, denn die kleine Clara wurde bereits einen Tag nach der Aufnahme von einer Frau abgeholt, die sich als ihre Mutter ausgab. Um jeden Preis möchte Bess nun wissen, was ihrer Tochter zugestoßen sein könnte.

Stacey Halls greift zu einem Trick, der große Spannung aufbaut: Nach dem ersten Drittel des Buches findet eine Perspektivenwechsel statt, und man liest von der wohlhabenden Alexandra und ihrer kleinen Tochter Charlotte. Schnell ist klar, dass es sich hier um Clara handelt. Allerdings kommen die Umstände, die dazu geführt haben, dass Clara nun bei Alexandra lebt, recht spät im Buch ans Licht. Dadurch wird man "bei der Stange" gehalten, denn mit einigen Längen des Buches hatte ich durchaus zu kämpfen.

Insgesamt wird eine gute Geschichte erzählt, bei der mir aber der versprochene "authentische historische Hintergrund" gefehlt hat. Es gibt zwar viele Beschreibungen der Lebensverhältnisse, Häuser und Straßenzüge, aber den Zeitgeist der damaligen Epoche konnte ich leider nicht nachfühlen. Eine neue Hilary Mantel - so die Ankündigung auf dem Cover - ist Stacey Halls für mich leider nicht.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 04.03.2021

Schönes Cover - wirrer Inhalt

Die Bücherfrauen
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Auf dieses Buch hatte ich mich wirklich gefreut: Das wunderschöne Cover und auch der Klappentext haben mir "eine inspirierende Geschichte über Frauen aus heutigen und vergangenen Zeiten" versprochen. Um ...

Auf dieses Buch hatte ich mich wirklich gefreut: Das wunderschöne Cover und auch der Klappentext haben mir "eine inspirierende Geschichte über Frauen aus heutigen und vergangenen Zeiten" versprochen. Um so größer war dann die Enttäuschung während des Lesens.

In der kleinen Stadt New Hope in Kansas/USA treffen die sehr unterschiedlich im Leben stehenden Frauen Angelina, Tracy und Gayle aufeinander.

Angelina kennt New Hope aus ihrer Kindheit, da ihre Großmutter hier auf einer Farm lebte. Nun kommt sie in das ländliche Kansas um sich dem Thema ihrer Dissertation zu widmen. Diese hat die Gründung der Carnegie-Bibliotheken zu Beginn des letzten Jahrhunderts zum Thema und soll nach zehn Jahren Bearbeitungszeit nun endlich fertiggestellt werden.

Traci reist aus New York nach Kansas und darf auf Einladung des Kulturzentrums der ehemaligen Carnegie-Bibliothek von New Hope dort als Gastkünstlerin tätig sein. Nicht nur das: Traci flieht aus New York vor ihrem Vermieter und auch sonst scheinen große Probleme ihrer Vergangenheit nicht bewältigt zu sein.

Die letzte im Trio der "Bücherfrauen" ist Gayle, die, durch einen Tornado ihres Hauses und des ganzen Besitzes beraubt, zaghaft Anschluss in der Gemeinschaft in New Hope sucht.

Drei Frauen, drei Schicksale, die nicht unspannend sind. Nur leider schafft es die Autorin Romalyn Tilghman erst im letzten Drittel des Buches hier etwas Verbindendes herzustellen. Zwar ist der Bezugspunkt für die Frauen das Kulturzentrum, das wiederum aus einer früheren Bibliothek hervorgegangen ist, doch die Liebe zu Büchern kann ich bei den Dreien auf den ersten Blick nicht erkennen. Würde nicht Angelina eine wissenschaftliche Ausarbeitung zur Gründung der Carnegie-Bibliotheken schreiben, hätte ich erst mal keinen Berührungspunkt zu Büchern gefunden.

"Ein warmherziger Roman über den Wert der Gemeinschaft": So wird dieses Buch beworben. Dem kann ich tatsächlich zustimmen. Nach und nach entsteht wirklich eine Gemeinschaft, die sich den Erhalt des Zentrums zum Ziel gesetzt hat. Allerdings geht es dann mehr um Handarbeiten und Buffets als um Bücher. Am Ende des Buches gibt es nach vielen Verwicklungen und Nebenhandlungen ein echt amerikanisches Happy End, welches für meinen Geschmack doch etwas zu unvermittelt kommt.

Viele lose Enden, Charaktere, die konturlos bleiben und schlecht übersetzte Passagen haben mir die Lesefreude an "Die Bücherfrauen" etwas verdorben. Die guten Beschreibungen des ländlichen Kansas und ihrer Bewohner allerdings waren kurzweilig, konnten aber die Enttäuschung über viele andere "liegengelassene" Themen nicht aufwiegen.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 02.02.2021

Zu Herzen gehend

Sprich mit mir
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Mein Lesejahr hat mit dem neuen Buch von T.C. Boyle ganz fantastisch begonnen. Zugegebenermaßen ist "Sprich mit mir" mein erster Roman von Boyle und ich bin restlos begeistert.

Der zweijährige Schimpanse ...

Mein Lesejahr hat mit dem neuen Buch von T.C. Boyle ganz fantastisch begonnen. Zugegebenermaßen ist "Sprich mit mir" mein erster Roman von Boyle und ich bin restlos begeistert.

Der zweijährige Schimpanse Sam lebt in einer Art WG mit Guy, Josh und anderen Betreuern. Umsorgt wie ein Kind ist er Teil einer Gemeinschaft, mit der er lernt, spielt, Fernsehabende verbirgt und feiert. Was Sam allerdings nicht weiß: Er ist ein Forschungsobjekt und dient letztlich nur den wissenschaftlichen Ambitionen seiner Mitbewohner. Guy ist Professor und erforscht in wieweit Schimpansen in der Lage sind, Sprache zu erwerben. Mit Sam hat er bereits einige Berühmtheit erlangt, da er mit ihm in einer Fernsehshow auftrat. Sam hat die Gebärdensprache erlernt und ist in der Lage zum Teil komplexe Sachverhalte zu kommunizieren.
Sam benötigt eine neue Betreuung, und somit kommt die schüchterne Studentin Aimee mit ins Team. Sie baut eine tiefe Beziehung zu dem Schimpansen auf. Am Ende ist sie diejenige, der Sam restlos vertraut.
Mit Aimee kommt sehr viel Gefühl und letztlich auch Dramatik in die Geschichte. Als Sam zu Tierversuchszwecken seinem rechtmäßigen Besitzer zurückgegeben wird, setzt Aimee alles daran ihrem Freund ein Leben im Käfig zu ersparen.
Mich hat die Geschichte von Sam sehr nachdenklich zurückgelassen. Zwar sind die Innenansichten Sams, die Boyle geschickt dadurch beschreibt, dass einzelne Kapitel aus Sams Sicht geschrieben sind, fiktiv, aber es braucht nicht viel Fantasie um sich das Leid eines Tieres in Käfighaltung vorzustellen. Woher auch immer Menschen das Recht nehmen, Experimente mit Tieren durchzuführen, T.C. Boyle stellt dies doch sehr in Frage.
Ein Buch, dass spannend, lustig und traurig zugleich ist.

  • Cover
  • Erzählstil
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  • Charaktere
Veröffentlicht am 09.10.2020

Nervenaufreibende Schnitzeljagd

Baskische Tragödie
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In seinem vierten Fall gerät Luc Verlain, der sympathische Kommissar aus der Aquitaine, in einen rasanten Strudel von kriminellen Machenschaften, und am Ende ergibt alles einen Sinn.

Mittlerweile sind ...

In seinem vierten Fall gerät Luc Verlain, der sympathische Kommissar aus der Aquitaine, in einen rasanten Strudel von kriminellen Machenschaften, und am Ende ergibt alles einen Sinn.

Mittlerweile sind Luc und seine Kollegin Anouk ein Paar und erwarten bald ihr erstes gemeinsames Kind. Von idyllischem Familienleben sind beide allerdings weit entfernt, denn der nervenaufreibende Job bei der Polizei Bordeaux lässt dafür keine Zeit.
Ein kleiner Junge wird lebensgefährlich verletzt nachdem er am Strand von vermeintlichen Puderzucker probiert hat. Bei dem weißen Zeug handelt es sich um Drogen, und als Luc den den Fall übernimmt, beginnt eine Jagd, in der die Figur von Täter und Ermittler sich oft überschneiden. Luc muss im vierten Band fast vollständig ohne sein Team auskommen, allerdings ist es auch sein persönlichster Fall, denn es geht um seine Vergangenheit.

"Baskische Tragödie" ist aus meiner Sicht ganz anders als die Vorgänger-Fälle. Oft dachte ich beim Lesen an einen James-Bond-Film. Der Gute jagt den Bösen in haarsträubenden Manövern. Den Glauben an den Guten Luc habe ich allerdings so manches Mal verloren. Gab es doch zu viele Ungereimtheiten aus Lucs Vergangenheit. Puzzleteil um Puzzleteil wird aufgedeckt und erst ganz zum Schluss ergibt sich ein Bild.
Ich durfte ein super spannendes Buch vor wunderschöner Kulisse ( San Sebastian im Baskenland) lesen, in dem das Gute am Ende selbstverständlich siegt.
Alexander Oetker schreibt hoffentlich schon fleissig an Band 5 der Aquitaine-Krimis. Für meinen Geschmack darf es dann ruhig wieder mehr Teamarbeit geben.

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Veröffentlicht am 31.08.2020

Hambacher Forst - Heimat für drei Generationen

Jahresringe
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Andreas Wagner hat In seinem Buch „Jahresringe“ Themen wie Naturschutz, Heimatsuche, Familie und Tradition zu einer kurzweiligen Geschichte verarbeitet, die sehr zum Nachdenken anregt.

Das Flüchtlingsmädchen ...

Andreas Wagner hat In seinem Buch „Jahresringe“ Themen wie Naturschutz, Heimatsuche, Familie und Tradition zu einer kurzweiligen Geschichte verarbeitet, die sehr zum Nachdenken anregt.

Das Flüchtlingsmädchen Leonore Klimkeit kommt 1946 in dem kleinen Dorf Lich-Steinstraß an. Nach einer langen Flucht aus dem Osten soll der Ort mit seinen katholischen Bewohnern nun ihre neue Heimat werden. Heimisch wird Leonore, „die Evangelische“, hier nie werden, dafür lehnen die Einheimischen sie auch nach vielen Jahren noch ab. Bis auf den Bäcker Jean Immenrath: bei ihm und seiner Mutter findet sie ein Zuhause. Sogar die Bäckerei darf sie eines Tages übernehmen. Fremd wird Leonore aber immer bleiben, auch als dann ihr Sohn Paul geboren wird, lebt sie weiterhin ihr zurückgezogenes Leben. Einziger Trost für Leonore ist der Wald. Hierhin zieht sie sich immer wieder zurück und fühlt ein bisschen Geborgenheit. Doch unter dem Wald verbirgt sich die begehrte Braunkohle. Leonore wehrt sich lange gegen eine Umsiedlung, doch am Ende muss auch sie den zerstörenden Schaufelradbaggern weichen. Erneut verliert sie ihr Zuhause und die Natur, mit der sie sich verbunden fühlt. Der Raubbau an der Natur schreitet voran und doch arrangieren sich die Menschen damit. Sohn Paul arbeitet für den Energiekonzern und kann dadurch sich und seine Kinder ernähren. Zu großen Konflikten kommt es in der Familie, als sich Pauls Tochter den Umweltschützern anschließt und in ein Protestcamp in den Hambacher Forst zieht.
Einfühlsam und ruhig erzählt, zeigt „Jahresringe“, dass nichts nur schwarz oder weiß ist. Das Menschliche sind die Graustufen und nichts geschieht ohne Grund.
Leonores Verlust der Heimat wird an ihre Nachkommen weitergegeben, bis die Enkelgeneration bewusst versucht, sie zu bewahren und die Natur zu schützen.

Ich habe dieseS Buch sehr gerne gelesen. Auch weil im letzten Teil viel über die Protestbewegung im Hambacher Forst zu erfahren war.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere