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Veröffentlicht am 31.01.2020

Drogensumpf und der tägliche Kampf ums Überleben

Long Bright River
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Michaela, genannt Mickey, ist Streifenpolizistin in Kensington, einem Ortsteil von Philadelphia, in dem Drogen und Gewalt den Alltag bestimmen. Nicht wenige der Drogensüchtigen prostituieren sich. Was ...

Michaela, genannt Mickey, ist Streifenpolizistin in Kensington, einem Ortsteil von Philadelphia, in dem Drogen und Gewalt den Alltag bestimmen. Nicht wenige der Drogensüchtigen prostituieren sich. Was für Mickey besonders schlimm ist: ihre jüngere Schwester Kacey ist eine von ihnen.
Die beiden jungen Frauen wuchsen bei ihrer Großmutter Gee auf, denn die eigene Mutter starb ebenfalls infolge ihrer Drogensucht. Gee ist eine harte Frau, die den Mädchen keine Liebe geben konnte, zu enttäuscht ist sie vom Leben.
Während Mickey es schaffte, beruflich Fuß zu fassen, nahm Kacey schon als Teenager Drogen. Mehr als einmal dachte Mickey, die Schwester sei tot.
Dann werden innerhalb von kurzer Zeit mehrere ermordete Prostituierte in Kensington gefunden. Mickey und ihr neuer Partner Eddy sind die ersten am Fundort einer Leiche, deren Identität lange nicht festgestellt wird. Da es sich vermutlich „nur“ um eine weitere Drogentote handelt, scheint auch niemand außer Mickey ein wirkliches Interesse daran zu haben, den Namen der jungen Frau herauszufinden. Doch was Mickey wirklich Sorgen macht, ist, dass sie ihre Schwester schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen hat. Sie macht sich auf der Suche nach ihr, doch ohne Erfolg...
Wir erfahren viel über die Lebensumstände in Kensington, über Brutalität und Korruption, Drogenhöhlen und Babys, die schon abhängig auf die Welt kommen. In Mickeys Privatleben steht auch nicht alles zum Besten. Sie ist alleinerziehende Mutter eines vierjährigen Sohnes, den sie während ihrer Arbeitszeit in der Obhut einer nicht gerade zuverlässigen Babysitterin zurücklässt. Nach und nach erfahren wir Mickeys Geschichte, die mich sehr berührt hat.
„Long Bright River“ ist ein spannendes Buch, das ich kaum aus der Hand legen konnte. Mickey ist kein Supercop und sie ist durch und durch glaubwürdig. Dieser Roman ist ein ganz hervorragendes Erstlingswerk mit überraschenden Wendungen. Den Namen Liz Moore sollte man sich merken.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 27.01.2020

Erstaunliche Wandlung

Freefall – Die Wahrheit ist dein Tod
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Ein Kleinflugzeug stürzt in den Rocky Mountains ab, an Bord waren der Besitzer der Maschine und dessen Verlobte Allyson. Während alle davon ausgehen, dass beide Insassen tot sind (wobei nur der Pilot tot ...

Ein Kleinflugzeug stürzt in den Rocky Mountains ab, an Bord waren der Besitzer der Maschine und dessen Verlobte Allyson. Während alle davon ausgehen, dass beide Insassen tot sind (wobei nur der Pilot tot aufgefunden wird), schlägt sich Ally verletzt durch die Wildnis, um eventuellen Verfolgern zu entkommen. Es ist von Anfang an klar, dass sie in Gefahr ist, weshalb, wird erst im Laufe der Geschichte klar. Völlig unlogisch ist allerdings, dass die Polizei von Allys Tod ausgeht, denn ihre Leiche bleibt unauffindbar.
Allys Mutter Maggie, die seit zwei Jahren keinen Kontakt zu ihrer Tochter mehr hatte, glaubt nicht daran, dass ihre Tochter tot ist und versucht, mehr über das Leben herauszufinden, das Ally in letzter Zeit gelebt hat. Offensichtlich war sie mit dem reichen Geschäftsmann und CEO eines Pharmaunternehmens Ben Gardner verlobt. Auf den Bildern, die sie im Internet findet, ist ihre Tochter kaum wiederzuerkennen.
Die Geschichte wird in kurzen Kapiteln abwechselnd aus Allys und Maggies Perspektive erzählt, was die Geschichte abwechslungsreich macht. In Rückblicken erfährt der Leser Allys Geschichte, unter anderem, wie sich Ally und Ben kennengelernt haben. Dieser Teil erinnert sehr an die Hollywood Schmonzette Pretty Woman und ist für meine Begriffe nicht sehr glaubhaft. Weshalb sollte sich der gutaussehende reiche Ben ausgerechnet für die in einer Bar arbeitende Ally interessieren, die sich vor seinen Augen von schmierigen Typen begrapschen lässt? Nicht ganz klar war mir auch Allys Wandlung von der selbstbewussten und –bestimmten jungen Frau zu einem Modepüppchen, dessen einziges Ziel im Leben es ist, ihrem Verlobten zu gefallen.
Auf ihrer Flucht entwickelt Ally dann allerdings ungeahnte Kräfte. Selbst einen Killer, der auf sie angesetzt war, schaltet sie aus, im übrigen ohne jegliche Konsequenzen, denn sie fährt seelenruhig weiter quer durch die Vereinigten Staaten ohne dass sie von der Polizei verfolgt würde.
Freefall ist ein durchaus kurzweiliger, wenn auch ziemlich vorhersehbarer Roman. Nur kurz vor Schluss hat es die Autorin geschafft, mich zu überraschen. 3,5 von 5 Sternen.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 26.01.2020

Viele offene Fragen

Die Geschichte des verlorenen Kindes
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Auch den vierten Teil der Neapel-Sage habe ich als Hörbuch gehört, ganz hervorragend gelesen von Eva Mattes. Durch ihre unaufgeregte und natürliche Sprechweise macht sie das Zuhören zu einem wahren Genuss.
Die ...

Auch den vierten Teil der Neapel-Sage habe ich als Hörbuch gehört, ganz hervorragend gelesen von Eva Mattes. Durch ihre unaufgeregte und natürliche Sprechweise macht sie das Zuhören zu einem wahren Genuss.
Die Geschichte setzt da an, wo Teil 3 aufhört, nämlich in den 1970er Jahren. Lenuccia und Lila haben sich beide von ihren Partnern getrennt und sind in neuen Beziehungen. Lenu ist endlich mit Nino zusammen, für den sie schon als junges Mädchen schwärmte. Dass sie ihn in einem völlig falschen, verklärten Licht sah, wird schnell klar.
Die Beziehung zwischen den beiden Freundinnnen ist immer noch schwierig. Es gibt Zeiten, in denen sie überhaupt nichts miteinander zu tun haben. Erst als Lenu wieder nach Neapel zieht, intensiviert sich ihre Beziehung wieder, vor allem als die beiden zeitgleich schwanger werden. Beide bringen ein Mädchen zur Welt, die sie beide nach ihren Müttern benennen. Die beiden Mädchen, Imma und Tina, wachsen quasi als Geschwister auf. Doch dann geschieht ein großes Unglück.
Neben der persönlichen Ebene beleuchtet Elena Ferrante auch die gesellschaftliche Situation im Italien der 70er bis hinein in die 90er Jahre, regelrechte Hinrichtungen auf offener Strasse (Mafiamorde?), Korruption und Vetternwirtschaft.
Der vierte Teil dieser Bücherreihe hat mich wieder in den Bann geschlagen, allerdings gab es Teile, die ich sehr schwierig fand. Vor allem Lilas „Auflösung“ nach dem großen Erdbeben, in dem sie minutenlang völlig wirres Zeug von sich gibt, fand ich schwer zu ertragen.
Wir begleiten die beiden Frauen bis zum Alter von ca. 60 Jahren. Lenuccia spricht von sich als „alter Frau“, was mich auch seltsam berührt hat, denn mit 60 ist man heutzutage doch nicht alt? Interessant fand ich auch die Beziehung Elenas zu ihren Töchtern, die ganz und gar nicht problemlos ist. Dass die Mädchen unterschiedliche Väter haben, macht das Ganze auch nicht einfacher.
Ich habe die Neapel-Saga sehr gern gehört, hätte mir aber gewünscht, dass nicht so viele Fragen offen bleiben. Am meisten hätte mich das Schicksal des verlorenen Kindes interessiert, doch das bleibt der Fantasie des Lesers überlassen.

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Veröffentlicht am 23.01.2020

Außergewöhnlicher Coming-of-Age Roman

Sweet Sorrow
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Im Leben des 16-jährigen Charlie Lewis läuft im Moment nichts rund. Es ist Sommer, die Schule ist zu Ende und er hat die Abschlussprüfungen verhauen, so dass an College nicht zu denken ist. Seine Eltern ...

Im Leben des 16-jährigen Charlie Lewis läuft im Moment nichts rund. Es ist Sommer, die Schule ist zu Ende und er hat die Abschlussprüfungen verhauen, so dass an College nicht zu denken ist. Seine Eltern haben sich vor kurzem getrennt. Die Mutter lebt mit ihrem neuen Lebensgefährten und dessen Töchtern zusammen, Charlies jüngere Schwester hat sie mitgenommen. Ihn hat sie nicht „in ihr Team gewählt“, wie er es ausdrückt. Stattdessen wohnt er mit dem seit der Pleite seiner Ladenkette depressiven Vater zusammen, was für Charlie sehr belastend ist. Er muss sich um alles kümmern, Essen, ein Minimum an Ordnung, die Rollen sind verkehrt. Kein Wunder, dass er so wenig Zeit wie möglich in seinem tristen Zuhause verbringen will. So fährt Charlie stundenlang mit dem Fahrrad durch die Gegend und entdeckt aus lauter Langeweile das Lesen für sich.
Bei einem dieser Ausflüge lernt er durch Zufall die gleichaltrige Fran kennen, die als Mitglied einer Laien-Theatergruppe in diesem Sommer Shakespeares „Romeo und Julia“ probt. Charlie hat zwar weder Interesse an Theater noch an Shakespeare, umso mehr gefällt ihm Fran und die einzige Möglichkeit ihr nahe zu sein, ist, selbst in dem Stück mitzuspielen. Wie sich herausstellt, eine sehr positive Entscheidung, denn plötzlich haben seine Tage Struktur und er bekommt neue soziale Kontakte. Sein Selbstbewusstsein wächst. Er geht auf wilde Partys, bewegt sich außerhalb seines bisherigen sozialen Umfelds und erlebt die erste Liebe. Auch Dummheiten und Fehlentscheidungen gehören zu diesem verrückten Sommer, auf den Charlie in diesem Buch, mittlerweile erwachsen und kurz davor zu heiraten, zurückblickt.
„Sweet Sorrow“ ist ein außergewöhnlicher Coming-of-Age Roman, der jedoch rein gar nichts mit seichten 08/15 Liebesromanen zu tun hat. Leser(innen), die solche Romane mögen, sollten also besser die Finger von dieser Geschichte lassen. Insofern finde ich den deutschen Untertitel – Weil die Liebe unvergesslich ist – auch etwas unglücklich gewählt, denn meiner Meinung nach wird damit die falsche Zielgruppe angesprochen.
Ich hatte davor noch nie etwas von Nicholls gelesen und wusste somit nicht, was mich erwartet. Mich hat Nicholls Schreibstil total begeistert. „Sweet Sorrow“ ist witzig, ironisch, tiefgründig und teilweise rührend und spannend, viel mehr als ein reiner Liebesroman. Für mich das erste Lesehighlight dieses Jahres!

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Veröffentlicht am 15.01.2020

Was macht ein erfülltes Leben aus?

Die Geschichte der getrennten Wege
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Elena und Lila entwickeln sich in diesem dritten Band der Neapel-Saga völlig unterschiedlich. Während Lila sich aus ihrer Ehe mit Stefano befreit, heiratet Elena. Nicht wirklich aus Liebe, doch Pietro, ...

Elena und Lila entwickeln sich in diesem dritten Band der Neapel-Saga völlig unterschiedlich. Während Lila sich aus ihrer Ehe mit Stefano befreit, heiratet Elena. Nicht wirklich aus Liebe, doch Pietro, ihr Ehemann, stammt aus angesehenem Hause und Elena gefällt es, sich des vermeintlichen Makels ihrer Herkunft zu entledigen und in der Schicht von Universitätsprofessoren und Intellektuellen zu verkehren. Bald nach der Hochzeit wird sie schwanger. Ihr zweites Buch ist kein Erfolg, der Verlag will es nicht drucken. So konzentriert sich Elena auf ihre Rolle als Mutter, ist damit jedoch intellektuell nicht ausgelastet. Sie fragt sich, wozu sie eigentlich studiert hat.
Lila, die als junges Mädchen geniale Ideen und sprühende Kreativität hatte, ist ganz unten angekommen. Sie schuftet in einer Wurstfabrik, in der es gang und gäbe ist, sowohl vom Chef als auch von den männlichen Kollegen begrapscht zu werden. Nicht, dass sie sich das gefallen ließe, so viel Stolz hat sie noch. Auf einer politischen Versammlung schildert Lila die Zustände in der Fabrik, die schlechten Arbeitsbedingungen und die Behandlung der Frauen. Dies führt dazu, dass vor der Fabrik demonstriert wird und es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Faschisten und Kommunisten kommt. Der Chef vermutet, dass Lila die Probleme angezettelt hat und stellt sie zur Rede, woraufhin Lila kündigt.
Es passiert sehr viel in diesem dritten Band und der Leser bekommt einen guten Einblick in die politischen Verhältnisse in Italien und Europa der 1970er Jahre, der Zeit des Terrorismus, Baader Meinhof in Deutschland, die Roten Brigaden in Italien. Doch auch auf persönlicher Ebene stehen große Veränderungen für die Protagonistinnen an. Elena trifft ihre erste große Liebe Nino Sarratone wieder und beschließt, ihren Mann zu verlassen, Lila arbeitet für die früher so verhassten Solaras und macht Karriere. Am Ende dieses dritten Bandes ist alles offen, wie es für die beiden weitergeht.
Ich habe auch diesen Band als Hörbuch gehört und bin begeistert, wie ausdrucksstark Eva Mattes die Geschichte liest. Wie schon bei den Vorgängerbänden bin ich der Meinung, dass mir das Buch zum Lesen zu viele Längen gehabt hätte, aber als Hörbuch war es in Ordnung. Allerdings muss ich sagen, dass mir sowohl Elena als auch Lila zunehmend unsympathisch sind. Trotzdem werde ich mir auch den vierten Band anhören, da es mich interessiert, wie es im Leben der beiden Frauen weitergeht.

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