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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 28.02.2026

Ein schönes Buch

Eine Maus namens Merlin
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Alters-Einsamkeit ist in hochzivilisierten Gesellschaften weit verbreitet, aber sie wird in der Belletristik nur selten thematisiert. Um so verdienstvoller, wenn ein Autor sich dieser Frage auf so leise, ...

Alters-Einsamkeit ist in hochzivilisierten Gesellschaften weit verbreitet, aber sie wird in der Belletristik nur selten thematisiert. Um so verdienstvoller, wenn ein Autor sich dieser Frage auf so leise, eindringliche und zutiefst menschliche Weise annimmt wie Simon Van Booy mit dem Buch „Eine Maus namens Merlin“.

Alle Menschen, die die 83jährige Helen Cartwright geliebt hat, sind gestorben, und so hat sie sich damit abgefunden, dass ihr Leben eigentlich vorbei ist. Jedenfalls so lange, bis unverhofft ein kleiner Mäuserich in ihr Haus kommt. Und obwohl sie anfangs alles versucht, ihn wieder loszuwerden, entwickelt sich zwischen den beiden nach und nach eine so innige Verbindung, dass die alte Frau Mut findet zu einem Neuanfang.

Van Booy beschreibt die große Einsamkeit Helens, die beginnende Zuneigung zu dem kleinen Mäuserich und das, was dadurch ausgelöst wird, mit bildhaften, zarten und poetischen Worten. Dabei wird er nie sentimental oder kitschig. Zwar zieht sich der Mittelteil des Buches etwas in die Länge, aber es braucht eben seine Zeit, bis man nach großem Verlust bereit ist, eine zweite Chance zu ergreifen. Dafür wird es im Schlussteil ziemlich turbulent mit überraschenden Erkenntnissen über Helens Vergangenheit. Ein schönes Buch!

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Veröffentlicht am 01.02.2026

Spannend, mystisch und wunderschön

Die Jagd nach den magischen Münzen
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Mit dieser spannenden, mystischen und, ja, auch lehrreichen Geschichte über zwei Londoner Kinder des Jahres 1918 wird die Autorin Jessie Burton mit Sicherheit die Herzen vieler Mädchen und Jungen ab zwölf ...

Mit dieser spannenden, mystischen und, ja, auch lehrreichen Geschichte über zwei Londoner Kinder des Jahres 1918 wird die Autorin Jessie Burton mit Sicherheit die Herzen vieler Mädchen und Jungen ab zwölf Jahren erobern. Schon das liebevoll gestaltete Cover und der farbige Schnitt lassen das Buch hochwertig erscheinen, und die Tatsache, dass Liebe, Freundschaft, Vertrauen und Verlust darin gleichermaßen ihren Platz haben, verstärkt diesen Eindruck noch.

Dank des ebenso flüssigen wie anschaulichen Schreibstils der Autorin hat man den sprechenden Fluss und die handelnden Personen deutlich vor Augen, kann sich gut in die Freunde und die arme Familie des jungen Mädchens versetzen, das mit der Suche nach wertvollen Dingen im Schlamm zu ihrem Lebensunterhalt beiträgt. Dass Bo nicht nur schlau, sondern auch empfindsam und mutig ist, macht sie zu einer guten Identifikationsfigur für Gleichaltrige.

Gut gefallen hat mir, dass die Menschen nicht als ausschließlich gut oder abgrundtief böse dargestellt werden. Die jungen Leserinnen und Leser lernen so, dass manche auch beides sind – ganz wie im wahren Leben. Und sie werden sich vielleicht manche Sätze merken, wie etwa „Schätze findet man nicht, man wird von ihnen gefunden. Man braucht dafür nur ein offenes Herz." Dass das vor allem für „Schätze“ wie gute Freunde, Vertrauen in andere und Freude an den kleinen Dingen gilt, werden sie hoffentlich nach und nach selbst erfahren. Der schönste Satz aber ist ohne langes Nachdenken zu verstehen: „Was man liebt, kann man nicht verlieren“. Weil man es für immer in seinem Herzen trägt.

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Veröffentlicht am 01.02.2026

Mehr Frust als Leselust

Die Reise ans Ende der Geschichte
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Ich lese gern Spionage- und Agentenromane, aber dieses Buch lässt mich frustriert zurück. Als ich es am Ende aus der Hand legte, konnte ich nicht mal sagen, worum es sich handelt. Um eine Polit-Satire? ...

Ich lese gern Spionage- und Agentenromane, aber dieses Buch lässt mich frustriert zurück. Als ich es am Ende aus der Hand legte, konnte ich nicht mal sagen, worum es sich handelt. Um eine Polit-Satire? Eine Tragikomödie? Eine Persiflage? Ein Agententhriller ist es jedenfalls nicht.

Dabei fing es so gut an! Die Zeit des Umbruchs nach dem Zerfall der Sowjetunion ist mir selbst noch gut in Erinnerung. Damals dachten wir, es sei vorbei mit der atomaren Bedrohung, der Unterdrückung Andersdenkender und den Reisebeschränkungen in den Sozialistischen Staaten jenseits des Eisernen Vorhangs und mit der Angst der Westeuropäer vor den Russen. Die eingangs geschilderte Gartenparty der russischen Botschaft in Rom spiegelt diese Aufbruchstimmung wunderbar wider. Aber das war’s dann auch mit dem Positiven, das ich aus diesem Buch mitgenommen habe. Die Handlung ist mir zu abgedreht.

Und nicht nur das: mir leuchtet überhaupt nicht ein, warum Kristof Magnusson ausgerechnet einen Misanthropen mit autistischen Asperger-Zügen zu einem Agenten gemacht hat. Einen Mann, der zu keinem Small Talk in der Lage ist und nie weiß, wie er sich anderen Menschen gegenüber verhalten und mit ihnen sprechen soll? Der wirbt Spione an?

Und dann der Dichter, den sich dieser Mensch aussucht, um seiner bevorstehenden Arbeitslosigkeit als Doppelspion und Maulwurf beim BND entgegenzuwirken. So naiv, arglos, kindlich und unpolitisch waren die jungen Leute damals wirklich nicht, nicht mal die verträumten Poeten.

Nach einem in die Länge gezogenen Mittelteil schöpfte ich beim letzten Viertel Hoffnung und dachte: „Das wird vielleicht doch noch was!“ Und dann war die Geschichte plötzlich zu Ende, einfach so, mitten in einer interessanten Szene. Viele Fragen wurden nicht beantwortet, lose Fäden nicht verknüpft. Wenn das ein Cliffhänger sein und auf weitere Bücher über diese Protagonisten neugierig machen soll, kann ich nur sagen: Hat bei mir nicht funktioniert.

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Veröffentlicht am 18.01.2026

Ein zauberhaftes Buch

Der Briefladen, in dem die Zeit stillstand
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Was für ein zauberhaftes Buch! Da ich selbst gern ausführliche Briefe schreibe, dachte ich angesichts des liebevoll gestalteten Titelbildes und des mysteriösen Titels sofort: „Das ist genau das Richtige ...

Was für ein zauberhaftes Buch! Da ich selbst gern ausführliche Briefe schreibe, dachte ich angesichts des liebevoll gestalteten Titelbildes und des mysteriösen Titels sofort: „Das ist genau das Richtige für mich!“ Und ich wurde nicht enttäuscht: der Debütroman von Baek Seungyeon gehört für mich jetzt schon zu den Lesehighlights des Jahres. Von der ersten Seite an taucht man ein in eine fremde Welt, fühlt sich sofort wohl in dem wunderbaren südkoreanischen Briefe-Shop, in dem nicht nur Briefpapier, sondern auch außergewöhnlich Postkarten und ein „hölzerner“ Raumduft verkauft, Umschläge noch von Hand gefaltet und Brieffreundschaften mit anonymen Empfängern ermöglicht werden. Wie sollte man einen Laden nicht ins Herz schließen, in dem Sets für Liebesbriefe verkauft werden, deren Umschläge aus Transparentpapier bestehen, so dass „selbst die schüchternsten Gefühle durchscheinen“!

Die Protagonisten sind durch die Bank weg sympathisch, ja man mag kaum glauben, dass es noch so freundliche, bescheidene, rücksichtsvolle und hilfsbereite Menschen gibt – in einer Welt, in der Egoismus, die Jagd nach dem großen Geld und Ellbogenmentalität an der Tagesordnung sind. Das Angebot, sein Herz wildfremden Menschen auszuschütten, ist ebenso ungewöhnlich wie herzerwärmend. In diesen Briefen stößt man auf wunderbare Sätze wie „Die Probleme von heute werden vorübergehen. Ich werde meinen kostbaren Tag nicht mit nutzlosen Sorgen verschwenden“. Recht hat der anonyme Schreiber/die anonyme Schreiberin!

Zugegeben, die koreanischen Namen kann sich ein Westeuropäer nur schwer merken und ob eine Frau, deren Berufswunsch von Kindesbeinen an „Regisseurin“ lautete, als Verkäuferin in einem Briefeladen wirklich ihre Bestimmung findet, sei dahingestellt. Aber was weiß ich schon über die Gefühlslage der Menschen in Korea? Dafür bin ich mir aber ganz sicher: Dieses Buch ist lesenswert.

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Veröffentlicht am 17.09.2025

Ein Leben voller Wandlungen

Der Barmann des Ritz
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Was für ein Leben! Geboren 1884 als Sohn armer jüdischer Weber aus Österreich-Ungarn, arbeitet sich Frank Meier mit Fleiß und unbändigem Willen zum Erfolg nach oben. Im Grand-Hotel Ritz in Paris macht ...

Was für ein Leben! Geboren 1884 als Sohn armer jüdischer Weber aus Österreich-Ungarn, arbeitet sich Frank Meier mit Fleiß und unbändigem Willen zum Erfolg nach oben. Im Grand-Hotel Ritz in Paris macht er sich einen Namen als Barkeeper, ist bei der Hautevolee beliebt – und dann besetzen 1940 die deutschen Truppen die französiche Hauptstadt. Meiers Bar wird zum Treffpunkt von Nazis, Kriegsgewinnlern, Gesellschaftsdamen und Kollaborateuren, und den Mann hinter der Theke treibt die Angst um, dass man ihn als Juden entlarvt.

Philippe Collin beherrscht die Kunst, dank distanzierender Schreibweise den Leser vergessen zu lassen, dass er es nicht mit einer Biografie, sondern mit einem Roman zu tun hat. Er stellt dieses Leben voller Wendungen abwechselnd als Bericht und als Tagebuch vor, aber wenn man genau hinschaut wird klar, dass das sogenannte „Tagebuch“ wohl nicht von Meier selbst verfasst wurde. Und ob die angeführten Dialoge und Gedanken des Barkeepers genau so stattgefunden haben, ist ebenso fraglich wie die Obsession Meiers für die morphiumsüchtige, schöne Frau seines Chefs oder seine Rolle als Nachrichtenvermittler der in Frankreich stationierten Hitler-Attentäter. Die Originalbilder und die weiterführenden Biografien vieler handelnder Personen am Ende des Romans geben der Geschichte um den berühmten Barmann aber noch mal einen authentischen Touch.

Das Buch endet mit dem Einmarsch der Amerikaner in Paris 1944. Was dann folgt, verliert sich im Dunkel der Geschichte. Wurde Meier tatsächlich wegen „betrügerischer Aktivitäten“ aus dem Ritz entlassen? Verlor er danach seinen ganzen Lebensmut und wurde krank? Sicher ist nur, dass er drei Jahre nach der für ihn so glücklichen „Befreiung“ 1947 starb. Es hätte ihn sicher gefreut, dass sein Buch: „The Artistry of mixing Drinks“ auch heute noch zu kaufen ist.

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