Platzhalter für Profilbild

Scarletta

aktives Lesejury-Mitglied
offline

Scarletta ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Scarletta über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 19.05.2025

Geschichte einer großen Trauer

Perlen
0

Marianne ist 8 Jahre alt, als ihre Mutter von einem Moment auf den anderen verschwindet. Mutter Margret hinterlässt ein glückliches Heim, das Baby Joe in seiner Wiege, die Tochter, ihren liebevollen Ehemann ...

Marianne ist 8 Jahre alt, als ihre Mutter von einem Moment auf den anderen verschwindet. Mutter Margret hinterlässt ein glückliches Heim, das Baby Joe in seiner Wiege, die Tochter, ihren liebevollen Ehemann Edward, das marode aber gemütliche Landhaus, wo sie Gemüse und Kräuter zieht, Brot bäckt, strickt, Naturmythen nachhängt, begeistert alte englische Balladen und Geschichten erzählt.

Jahrzehnte später holt Marianne, nun selbst Mutter, den Tod ihrer Mutter Margret und die darauffolgenden Jahre der Trauer in die Erinnerung zurück und schreibt sie nieder. Was ist damals geschehen?

Auf der Suche nach der Vermissten findet man nichts weiter als einen Abdruck ihres Fußes am naheliegenden schlammigen Ufer des Flusses, denn sie hat das Haus spontan ohne Schuhe verlassen. Doch warum?

Von nun an hat der Ehemann und Vater Edward, ein Hochschulprofessor, die Erziehung und Betreuung treusorgend übernehmen. Marianne erzählt im Rückblick von ihrem Aufwachsen in dieser Krise. Irgendwann muss die verbliebende Restfamilie das geliebte alte Haus verlassen, um näher an den Arbeitsplatz des Vaters zu ziehen - ein weiterer schmerzhafter Abschied.

Einen Elternteil plötzlich und früh zu verlieren, ist niederschmetternd, aber wenn es auf so mysteriöse Art geschieht, verstärkt es dem Kummer auf lange Zeit. Das Verschwinden der Mutter hat Marianne am Boden zerstört. Als eine Sozialarbeiterin sie als das Mädchen, das kürzlich ihre Mutter verloren hätte, bezeichnet, hat Marianne das Gefühl, versagt zu haben. So als wäre die Mutter ihr aus Sorglosigkeit entglitten oder als hätte sie sie irgendwo im Garten vergessen. Es fügt sich ein Empfinden der Mitschuld der Trauer hinzu.

Der frühe Verlust ihrer Mutter prägt Mariannes weiteres Leben dauerhaft. Sie führt uns durch ihre Kindheit, die problematische Zeit als Teenager. Sie entzieht sich dem Schulbesuch, wie auch der vom Vater organisierter Unterstützung. Sie gerät in missbrauchende Beziehungen, kämpft mit Selbstverletzungen und Essstörungen. Die Gedanken an ihre Mutter sind nie fern
.
„Obwohl die Vergangenheit wie Blätterteig ineinandergefältelt ist und meine Mutter besser als jeder andere Mensch verstehen würde, wie ich von ihren vielen Schichten umschlossen bin und keinen Weg hinaus finden kann.“ S.56

Je älter sie wird, muss Marianne sich mühen, um aus einem Reigen fragmentierter Erinnerungen das Bild ihrer Mutter zusammen zu setzen. Oft übermannen sie die verschiedenen Versionen ihrer Erinnerung der Zeit, die sie zusammen verbracht hatten: die Geschichten, die Bücher, die sie gelesen hatten, so auch das mittelalterliche Gedicht “Pearl”.
Dieses bietet Marianne eine Spur, der sie folgt. Auch Trost kann sie daraus ziehen, denn die Mutter hinterließ (vielleicht noch im Studium) viele Notizen am Seitenrand. Daran, dass es auch dem Roman den Titel und einige Motive schenkte, erkennt man seine Bedeutung.
„Pearl“ ist ein mittelenglisches Gedicht aus dem späten vierzehnten Jahrhundert. Es befindet sich in einem Manuskript zusammen mit drei weiteren Gedichten. Eines davon - Sir Gawain und der Grüne Ritter – taucht auch noch im vorliegenden Roman auf. Aufgrund seines Inhaltes rechnet man es der Artusliteratur zu. Der unbekannte Autor wird oft als "der Perlendichter" bezeichnet.

Man muss diese mittelalterlichen Gedichte natürlich nicht kennen, um den Roman zu verstehen. Aber es ist schon interessant, wenn man erfährt, dass die mittelalterliche Schrift „Pearl“ als außergewöhnlich in der englischen Literaturgeschichte gilt und über Liebe, Verlust, Trauer, Glaube, aber auch von Selbstmordgedanken erzählt.
Die reiche und starke Bildersprache dieses Romans wird auch von dieser mittelalterlichen Geschichte inspiriert. Spontan habe ich da den wilden Garten, das charaktervolle alte Haus, den fast mystischen Fluss, die verlorenen Perlen u.v.m. vor Augen.

Die Sprache ist sehr poetisch und sensibel. Mariannes Gefühle werden klar, berührend und sehr authentisch erzählt. Man erlebt, dass sie mit ihrem Körper in den Jahren gealtert ist, aber Herz und Geist sind noch immer in dem Momentum des Verlustes der Mutter gefangen geblieben. Sehr einfühlsam wird so das Trauma dargestellt, das die Trauernden von der Welt isoliert.

Falls sich dies nach einer düsteren, deprimierenden Geschichte anhören sollte, dann trifft das nicht zu. Der Roman kann auf verschiedene Weisen erlebt werden: als eine Geschichte von Trauer und Heilung, eine Spurensuche eines mysteriösen Verschwindens, als zeitgenössischer Spiegel einer mittelalterlichen Konstellation, aber vor allem eine Geschichte, die von Liebe durchzogen ist.

Bedeutende Themen werden angesprochen: Mutterschaft, Wochenbettpsychose, Depression, Verlust, Kummer und therapeutische Kunst.
Kummer steht stets den liebevollen Erinnerungen gegenüber. Berührt hat mich auch der Charakter von Mariannes Vater Edward und die Geschichte dieses Elternpaares.
Gebrochen wird die traurige Seite an jedem Kapitelanfang durch Nonsense- und Nursery Rhymes, die, weil sie durch ihre Sprachspiele einfach unübersetzbar sind, im Englischen belassen worden sind. Vielleicht klingt durch sie auch das „unbändige Lachen“ von Mariannes Mutter in das Leben der erwachsenen Tochter.

Eine berührende Geschichte, das Licht, Trost und Verständnis vermittelt. Absolut lesenswert!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 06.05.2025

Für einen entspannten Alltag von Hund und Mensch

Frust lass nach!
0

Wie entspannt der Hund auf dem Cover schaut. Offensichtlich ist es ihm bereits gelungen, unerfüllte Bedürfnisse mit Fassung zu ertragen. Dieser Ratgeber soll helfen, dass auch unser Hundeteam dies schaffen ...

Wie entspannt der Hund auf dem Cover schaut. Offensichtlich ist es ihm bereits gelungen, unerfüllte Bedürfnisse mit Fassung zu ertragen. Dieser Ratgeber soll helfen, dass auch unser Hundeteam dies schaffen kann.

Beim Durchblättern dieses neuerschienen Buches merkt man gleich, dass es übersichtlich und anschaulich ist. Der Kosmos Verlag ist bekannt für seine schön gestalteten und kompetenten Ratgeber. Die Autorin Maren Grote trainiert seit vielen Jahren Hunde und die dazugehörigen Menschen. Sie hat bereits zwei Ratgeber zum Thema Hundeverhalten und –erziehung geschrieben.

Maren Grote hat sich hier Themen vorgenommen, die im alltäglichen Umgang mit dem Hund jeden Alters entscheidende Rollen spielen. Impulskontrolle und Frustrationstoleranz haben für Hunde eine wichtige soziale Funktion. Denn sie sind in den Situationen des modernen Alltags erforderlich, um sich in die Familienstrukturen und das Umfeld einzufügen.

Sehr systematisch, gut strukturiert und gründlich werden die drei Kernbegriffe in Theorie und Praxis vorgestellt. Das ist wichtig, um ganz genau zu durchschauen, wo die Schwachstellen sind und woran man beim Training eigentlich arbeitet. So kann man verhindern, dass einem als Hundehalterin Fehler unterlaufen.
Ganz kurz in drei Sätzen geht es um Frustrationstoleranz, Impulskontrolle und Belohnungsaufschub:
„Frustrationstoleranz bedeutet, sich nicht so schnell stören zu lassen, wenn es mal nicht so läuft, wie erwünscht. Impulskontrolle bedeutet, sich zurückzunehmen und ein Verhalten aktiv zu unterdrücken, weil es angebrachter ist, etwas zu lassen. Belohnungsaufschub ist die Fähigkeit, geduldig abzuwarten, bis man bekommt, was man wollte.“ S. 207

Sehr gut finde ich, dass der Mensch am anderen Ende der Leine als wichtiges Glied im System begriffen wird. Ja, man muss auch gleichzeitig an sich selber arbeiten, denn auch der Mensch braucht Frustrationstoleranz und Impulskontrolle. Das Buch hilft mit einem Selbsttest für die Hundehalter zu analysieren, wie es mit einem selber steht.

Praktischerweise bietet es darauffolgend Möglichkeiten an, wie man seine eigene Selbstkontrolle fördern kann. Für den Hund ist es immens wichtig, wenn auch der Mensch Ruhe und Gelassenheit in aufregenden Situationen zu bewahren und zu vermitteln vermag. Das erlebe ich besonders bei meinen extrem empfindsamen Hütehunden.

Der Text ist übersichtlich in Kapitel und Unterkapitel aufgeteilt. Aufgelockert wird der Textteil durch großformatige Fotos, die das Erläuterte veranschaulichen sollen. Warum die Hunde so oft einen Maulkorb tragen müssen, ist mir allerdings nicht klar.

Neben den Grundlagen, wie z.B. Frustration bei Tier und Mensch entsteht, wird eine Auswahl an Ideen und „Handwerkzeug“ bereitgestellt. Trainingsaufbau und Übungen zur Frustrationstoleranz, Belohnungsaufschub und Impulskontrolle werden genau aufgestellt. So wird Hilfe zur Selbsthilfe geleistet. Auch Tipps zur Fehlervermeidung sind vorhanden.

Von Bedeutung sind auch die unterschiedlichen Entwicklungsphasen der Hunde. Natürlich hat man es im Welpenalter einfacher und legt eine wichtige Basis. Ich vermute aber, dass man eher zu diesem Ratgeber greifen wird, wenn man sich mit Problemen und Defiziten beim pubertären oder erwachsenen Hund konfrontiert sieht. An dieser Stelle hätte ich gern einen größeren Schwerpunkt gesehen. Denn Hund Hans kann noch nachholen, was er als Welpe Hänschen verpasst hat. Auch wenn es etwas mühevoller sein kann.

Als langjähriger Hundehalterin erkenne ich im Buch viele Situationen wieder, die ich aus eigener Erfahrung kenne. Da jeder Hund einen wieder vor neue Aufgaben stellt, ist es wunderbar, dass die Bedeutung dieser Themen wieder ins Gedächtnis gerufen und aufgefrischt werden.

Etwas unsicher bin ich mir, ob wirklich alle Übungen für jeden Hund geeignet sind. Aber das sollte man dann eigenverantwortlich handhaben, es sind genug Übungen aufgeführt. Mit der gewonnenen Erfahrung erkennt man nun eher Trainingsmöglichkeiten, die einem im Alltag begegnen und weiß sie zu nutzen.

Das Buch ist ein praxisnahes Übungsbuch, das mich mit zwei Hunden noch länger begleiten wird. Dass die Übungen mehrere Monate in Anspruch nehmen, darauf bereitet die Autorin vor. Aber sie zeigt in diesem Buch auch, dass sie weiß, wie man die Hundehalter
innen motiviert.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
Veröffentlicht am 27.04.2025

Faszinierender vielschichtiger Roman, eine Entdeckung!

Das Haus der Türen
0

Der Autor Tan Twan Eng wurde in Penang/ Malaysia geboren. Dort wo der größte Teil der Handlung seines dritten Romans stattfindet. Er ist mehrsprachig und von „Straits-chinesischer“ Herkunft. Ein Begriff, ...

Der Autor Tan Twan Eng wurde in Penang/ Malaysia geboren. Dort wo der größte Teil der Handlung seines dritten Romans stattfindet. Er ist mehrsprachig und von „Straits-chinesischer“ Herkunft. Ein Begriff, der im Roman öfter auftaucht und wichtig für den Inhalt ist (deshalb fehlt mir in diesem Buch ein ausführliches Glossar. Dazu mehr am Ende der Rezension).

Die Insel Penang (wie auch z.B. Singapur) gehörte von 1826 bis 1946 zu den britischen Kronkolonien in Südostasien an der Straße von Malakka. Die „Straits Settlements”-frei übersetzt „Niederlassungen an der Meeresstraße“ - wurden nach dem zweiten Weltkrieg aufgelöst. Seit 1963 gehört Penang zu Malaysia.

In die Straits Settlements und die benachbarten Föderierten Malaiische Staaten waren in der Kolonialzeit eine große Anzahl Chinesen und andere Asiaten als Arbeitskräfte ins Land geholt worden. Gerade in den britischen Kolonien bildete eine sehr kleine Gruppe europäischer Expats die Oberschicht. Dieses Hintergrundwissen ist nicht überflüssig, denn Rassismus, Klasseneinteilungen, kulturelle Kontraste und Ressentiments werden im Roman ebenfalls thematisiert.

Im Zentrum des Romans steht die Freundschaft zwischen dem berühmten englischen Schriftsteller William Somerset Maugham und einem fiktionalen britischen Expat-Paar Hamlyn: dem Juristen Robert und der in Penang geborenen Lesley.

Doch die Rahmenhandlung führt uns zunächst ins Jahr 1947. Seit 7 Jahren ist Lesley verwitwet, lebt auf einer einsamen Schaffarm in Südafrika. Wegen der angeschlagenen Gesundheit ihres Mannes Robert sind sie 1922 von der malaiischen Insel Penang hierher gezogen, nur wenige Monate nach dem Besuch des britischen Schriftstellers William Somerset Maugham in ihrem Haus in Penang. Als ihr nun die Post eine signierte ältere Ausgabe von Maughams Buch „Der Kasuarinenbaum („The Casuarina Tree“) bringt, beginnen ihre Erinnerungen an diese Tage schier zu sprühen. Die Geschichte wird nun aber nicht nur aus ihrer Sicht erzählt, sondern auch aus Maughams zur Zeit seines Besuches 1921, der ihm das Material für den Erzählband „The Casuarina Tree“ geschenkt hat.

Tan Twan Eng schwingt von 1947, um dann zwischen 1910 und 1921 zu pendeln. Die Erzählperspektive wechselt von Lesley Hamlyn als Ich-Erzählerin und Maugham in der dritten Person.
Maugham, von Freunden „Willie“ gerufen, macht auf seiner großen Asienreise 1921 mit seinem Luxus liebenden “Sekretär” (und Lover) Gerald Haxton Station bei den Hamlyns in Penang. Auf der Suche nach Inspirationen für neue Kurzgeschichten wird gerade die freundschaftliche Beziehung zu Lesley zu einer wichtigen Informationsquelle. Da sein Freund Robert meist anderweitig beschäftigt ist, wird dessen Ehefrau Lesley zu seiner zentralen Gesprächspartnerin.

Sie liefert ihm die Grundlage für die erschütternde Geschichte eines Mordes, der zehn Jahre zuvor von Ethel Proudlock begangen wurde. In dem Roman ist diese eine Freundin von Lesley Hamlyn. Lesley erzählt auch von ihren Verbindungen zu den frühen Kämpfen um die Chinesische Revolution. Sie kennt Sun Yat-Sen, der diese anführte, persönlich. Genau von dieser Stelle aus führt sie auch eine Verbindung in ein Haus mit vielen Türen.
Durch seine exakte Ortskenntnis fasziniert der Autor durch seine eindrücklichen Darstellungen der Schauplätze. Man nimmt das Surrounding so direkt und intensiv wahr: die exotische Gerüche, den Geräuschhintergrund, das oft drückende Wetter, die prachtvolle Pflanzenwelt, die engen und verschmutzten Straßen, die Armen, die die wohlhabenden Europäer in ihren komfortablen Villen bedienen.

Auch auf historischem Terrain führt er uns ein in die Geheimnisse und den Mythos, der die Gemeinschaft der Ex-Pats in den beiden ersten Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts umgibt. Es ist so spannend, wie Eng wichtige Stränge asiatischer Geschichte in die Erzählung einflicht. Ganz nebenbei baut er elegant die Geschichte der Kolonisation dieser Gegend ein.

„Anstatt zu antworten, schritt Robert weiter in den Friedhof hinein und deutete im Vorbeigehen mit seinem Stock auf die Grabsteine rechts und links. „Siedler, Muskatpflanzer, Missionare, Seeleute, Soldaten, Händler, Spitzbuben,“ sagte er. „Hier lässt sich die Historie der Insel nachverfolgen.“ S. 225

So weitet man den Horizont seiner Leser…

Die Erzählweise und poetische Sprache Tan Twan Engs sind ein wahrer Genuss. Rasch wird klar, dass dieser ein Fan des Schriftstellers Maugham sein muss. Zum einen merkt man dies daran, wie lebendig Maugham in diesem Roman wirkt, zu anderen leiht er sich auch Motive und Charaktere aus, die Maugham in seinem Erzählband benutzte. So z.B. aus Maughams „The Letter“, der den Mordfall Proudlock schildert, das Motiv eines Briefes, geschrieben wie auch bewusst ungeschrieben.

Seine Geschichte überrascht immer wieder durch seinen ganz besonderen sorgfältig konzipierten Handlungsentwurf. Sorgsam wurde Schicht auf Schicht aufgebaut, die man erst langsam, aber voller Staunen durchschaut. Die Hintergründe wie auch die Charaktere sind lebendig und authentisch, weil auch der Ton der Bewohner*innen jener Zeit sehr gut getroffen wird.

Viele Plot-Twists lassen die Geschichte nie langweilig werden. Der Autor arbeitet immer wieder mit Motiven und Andeutungen, die man anders deuten kann und erst im Rückblick verknüpft, Bedeutungen von bestimmten Begegnungen erkennt man manchmal erst im weiteren Handlungsverlauf.

Die großen gesellschaftlichen Themen sind auch heute teilweise (leider) immer noch hochaktuell: Rassismus, Vorurteile, Stellung der Frau in der Gesellschaft und Ächtung kulturell gemischter Beziehungen, Homosexualität, Imperialismus. Kolonialismus war Normalität, Ehebruch war genauso ein Skandal wie Mord. Die Idee eine demokratische Regierung in China aufzubauen jenseits aller Vorstellungsmöglichkeiten.
Die Gruppe der wichtigsten Charaktere ist überschaubar. Sie kämpfen mit Lebenslügen, müssen neue Beziehungen aufbauen und werden mit einer Welt konfrontiert, die sich immer schneller ändert (1910-1947!). Die gut gezeichneten Charaktere testen die Grenzen dessen aus, was noch als „normal“ gilt und gehen drüber hinaus.

Die wichtigsten Charaktere sind Lesley und „Willie“ Maugham. Da die Geschichte abwechselnd aus ihren Blickwinkeln erzählt wird, hat man den Vorzug, dass sie sich teilweise auch gegenseitig charakterisieren.
Für Lesley Hamlyn bedeutet Penang Geburtsheimat, von der sie sich nicht trennen will. Sie spricht neben Englisch mehrere asiatische Sprachen. Durch ihre Bekanntschaft mit dem chinesischen Revolutionär Sun Yat-Sen weiß sie einiges über China. Sie erzählt Willie vom Aufwachsen in Penang, wo jeder die Geheimnisse des andren kennt. Obwohl Robert sie vor Maugham gewarnt hat, fließen persönliche Geschichten nur so aus Lesley heraus. Dabei ist ihr das Risiko bewusst, dass ihre Ehe durch Maughams literarische Verwendung zerstört werden könnte.

Während zwischen Lesley und Robert spätestens nach dessen Affäre das Schweigen herrscht (- das „große schwere Schweigen, das mit der Zeit Schicht für Schicht gewachsen war und sich verhärtet hatte wie ein Korallenriff, nur dass ein Korallenriff etwas Lebendiges war.“ S. 294 -) führt sie mit Maugham recht intime Gespräche, z.B. über seine Homosexualität. Zwischen ihnen besteht rasch eine emotionale Beziehung und Vertrauensbasis.
Lesley ist eine sehr gefühlsstarke, mutige Frau, die sich auch nicht scheut, Sun Yat-Sen wegen seiner Polygamie zur Rede zu stellen.

Über „Willie“ Maugham erfahren wir viel aus seiner persönlichen Sicht: Kindheit, seine Arbeit als Mediziner im ersten Weltkrieg, wo er seinen meist recht ausgelassenen Geliebten Gerald kennenlernte, seine Hochzeit mit Syrie. Hier wird seine Bekanntschaft mit dem fiktiven Robert Hamlyn eingeflochten. Wir werden in Maughams Probleme als homosexueller Schriftsteller, der in eine unglückliche fingierte Ehe gefangen ist, eingeweiht.
Die Wochen in Penang sind zentral für Maugham, denn seine vorherige steile Karriere erfährt einen möglicherweise folgenreichen finanziellen Einbruch. So steht er unter hohem Druck, wieder einen Bestseller zu schreiben. Kenntnisreich schenkt uns Tan Twan Eng die Möglichkeit, spannende Einblicke in Willies kreativen Schreibprozess zu erhaschen. Maugham gerät in eine Schreibkrise, denn für ihn müssen die Geschichten danach verlangen, aufgeschrieben zu werden.
„Auf Reisen kann ich mich immer ein bisschen… verändern, und ich bin nie ganz…derselbe bei meiner Rückkehr.“ S. 290

Das Geheimnis gute Geschichten zu finden hat der Autor Maugham einem örtlichen Reporter erzählen lassen: man muss viel umher reisen und das Vertrauen der Leute zu gewinnen:
“Ein Mensch ist eher bereit, sich zu öffnen, nachdem man ihm etwas … Persönliches, etwas Blamables über sich offenbart hat. […] Wenn Ihnen jemand etwas anvertrauen soll, müssen Sie ihm zuerst ein Bröckchen ihres eigenen Lebens geben.” S. 180
Aber das ist dann nur ein Köder.

So zeigt der mit dem Stammeln kämpfende homosexuelle Schriftsteller Maugham Lesley seine nichtöffentlichen schwachen Seiten. Sie missbilligt zwar seine Lebensweise, sympathisiert aber mit seiner Misere. Vertrauensvoll lässt sie ihn aus ihren persönlichsten Informationen und Erinnerungen schöpfen. Willie gibt aber in seinen Erzählungen nie etwas von sich selber preis.

Vieles was die Menschen der Region ihm während seiner Reisen anvertrauten, floß in seinen Erzählband „The Casuarina Tree“ (1926) ein, der wieder Geld einbrachte. Empörung erntete er allerdings von den Leuten, da er recht nah an den Realitäten die koloniale Gesellschaft bloßgestellt hatte. In Penang und den Federated Malay States galt er danach als „persona non grata“.

Lesley Hamlyn erzählt Maugham ausführlich über ihre Freundin Ethel Proudlock, die wegen Mordes angeklagt ist. Dieser Skandal fand tatsächlich statt:
1911 nahm Ethel Proudlock den Revolver ihres Mannes und erschoss einen unangekündigten Besucher, von dem sie vorgab, sich belästigt und bedroht gefühlt zu haben. Der Proudlock Skandal bildet die Grundlage der Kurzgeschichte „The Letter“ in dem Maugham schonungslos die realen Vorfälle nachzeichnete. Es wurde eine von seinen bekanntesten Stories und später auch verfilmt.

Blättert man durch die anderen Erzählungen Maughams in diesem Buch, fällt auf, dass in einer sogar der Name Hamlyn auftaucht. Ein schöner Aufhänger für Tan Twan Eng
Eine zweite non-fiktive Person im Buch ist der chinesische Revolutionär Sun Yat-sen. Er taucht in Lesleys Berichten aus dem Jahr 1910 auf. Er träumt davon, das chinesische Kaiserreich durch eine Republik zu ersetzen. Er ist auch der Ankerpunkt einer politischen und sozialen Geschichte. Hier beginnt auch Lesleys Reise zur Selbstermächtigung.
Besonders gefallen hat mir, wie feinsinnig Tan Twan Eng Motive aufgreift und miteinander verwebt. Beispiel für ein solches Motiv Maughams, das er benutzt und an bedeutender Stelle in diesem Roman einsetzt, ist das maurische Symbol, das Maughams Vater auf die Fenster des Familienhauses platziert hatte, um es vor dem Bösen zu schützen. Maugham ließ es auf den Titelseiten von den meisten seiner Bücher drucken. Lesley fragt im Roman Maugham hoffnungsvoll, ob es ihm geholfen hat. Der Schriftsteller bejaht nach einigem Nachsinnen.
„Vielleicht hatte ihn das Symbol seines Vaters , der Kolophon, den er in jedes Buch setzen ließ, wirklich vor Schaden bewahrt.“ S. 325

Ein grandioses Bild ist auch das Haus der vielen Türen selber, das dem Buch den Titel schenkt. Der überraschende Entwurf dieses Hauses und die ganz besondere Bedeutung sind sehr berührend.
„Langsam drehten sich die Türen in der Luft wie im leichten Wind um sich selbst trudelnde Blätter, endlos fallend, nie die Erde berührend!“ S. 211
Mich hat dieser Roman über kulturelle Unterschiede, Erinnerung, Verlust und Hoffnung sehr berührt.

Nach dieser Lobeshymne über diesen wunderbaren Roman möchte ich mich allerdings mit einer bescheidenen kritischen Äußerung an den deutschen Verlag wenden. Dass dieses Buch im asiatischen und englischen Sprachraum ohne Glossar und einführendes Vorwort auskommt, ist anzunehmen. Aber für die deutsche Ausgabe hätte ich mir dies doch sehr gewünscht. So überlässt man es der Leserschaft mit dem Smartphone neben der Lektüre, nachzuforschen und zu googlen. Denn neben Erläuterungen zu Ausdrücken aus der malaiischen und chinesischen Kultur, wären ein paar Infos zu dem Schauplatz auch nett gewesen. Das Lesen wäre flüssiger und die Begeisterung noch viel größer. Immerhin, meine forschende Neugier wurde belohnt und hat den Lesegenuss ungemein gesteigert.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 01.04.2025

Wie Geschöpfe der Mythen

Pearly Everlasting
0

1903 fotografierte der Naturfotograf William Lyman Underwood in einem Holzfällercamp mitten in den Wäldern von Maine/USA eine Mutter, die nicht nur ihre neugeborene Tochter, sondern auch ein verwaistes ...

1903 fotografierte der Naturfotograf William Lyman Underwood in einem Holzfällercamp mitten in den Wäldern von Maine/USA eine Mutter, die nicht nur ihre neugeborene Tochter, sondern auch ein verwaistes Bärenjunges stillte. Die kanadische Autorin Tammy Armstrong fand dieses Foto in Underwoods Memoiren und ließ sich zu einer faszinierenden fiktiven Geschichte inspirieren. Sie schob den Ort der Handlung von Maine ins jenseits der Grenze gelegene kanadische New Brunswick, wo auch ihre Vorfahren dereinst in Holzfällercamps arbeiteten.

Im „falschen Frühling 1918“ findet der Koch eines kanadischen Holzfällercamps ein verwaistes Bärenjunges. In der kargen Hütte der Familie erhält der kleine Bär den Namen Bruno und wird zusammen mit der neugeborenen Tochter Pearly Everlasting wie ein Zwillingspaar aufgezogen. Mutter Eula nährt sogar beide an der Brust. Das Verhältnis von Pearly und Bruno ist emotional sehr eng. Sie beschützen einander und haben eine besondere Art der Kommunikation.
Pearly erzählt dem Bären selbsterfundene Geschichten, alte Schäferzahlen „Yan, tan tether… pip, azer,sezar…“ und singt ihm ein eigenes Lied

„Und Bruno, mein Bruder, mein Zwilling, noch viel älter, weil Bären aus Mythen bestehen, aus Gestirnen, tiefen Höhlen und den langen Geschichten ihrer Flucht vor den Menschen.“ S. 67

Das Leben im rauen Holzfällercamp, mitten in der Waldeinsamkeit ist extrem hart und spartanisch. Wenn die Arbeit die Leute nicht umbringt, dann die Grausamkeit von Wetter und Wildnis. Vater Edon sorgt in der Camp-Küche um das leibliche Wohl der hart arbeitenden Männer, während Mutter Eula sich als Heilerin um die Verwundungen der Arbeiter kümmert. Denn ein Arzt kommt nur zweimal im Winter ins Camp.
Pearlys Familie und die Arbeiter des Camps bilden eine engverbundene Gemeinschaft in Armut und unter gefahrvollen Arbeitsbedingungen. Diese Gemeinschaft schließt den wilden jungen Bären ganz natürlich mit ein.

Von der Außenwelt, jenseits des Camps, wissen die Kinder - die große Schwester Ivy und Pearly -nichts. Dafür leben sie hautnah an der Natur als einzige Kinder im Camp.
Die warme Atmosphäre in der Gemeinschaft, die Verbundenheit zum Land und auch zum althergebrachten Aberglauben, der tief in den Menschen wurzelt, wird sehr eindringlich geschildert. Ist es doch gerade die mythische Gestalt des tödlichen Old Jack, dessen Bild Pearly ständig begleitet.

“Verhext zu werden war tief in den Vorstellungen der Männer verwurzelt, je nachdem, wo die Männer herkamen, hatte jeder sein ganz eigenes Verständnis von Vorzeichen, seinen Aberglauben und Amulette.“ S. 27

Der größte Teil der Handlung spielt zur Zeit der großen Depression „Great Depression“ Anfang der 1930iger Jahre. Pearly ist mittlerweile im Teenager-Alter und kennt noch immer nichts anderes als das Camp. Doch nun endet ihr karges, aber idyllisches Leben. Das Camp bekommt einen neuen Leiter. Aus Profitgier verschärft dieser brutal die Arbeitsbedingungen. Und einen Bären will er im Camp absolut nicht akzeptieren.

Nachdem Bär Bruno verschleppt wurde, ist Pearly extrem besorgt um sein Schicksal. Kurzentschlossen folgt sie seinen Spuren durch die eisige, schier endlose kanadische Wildnis, um ihn zu befreien und heim zu bringen. Die bitterkalte, winterliche Außenwelt hält viele schlimme, lebensbedrohliche Herausforderungen für das ungleiche Paar bereit. Doch auch vom Holzfällercamp aus macht sich jemand auf, um die beiden zu finden.



Fazit:
Die Geschichte wird zumeist aus der Ich-Perspektive der jungen Pearly Everlasting geschrieben. Die Ergänzung durch die Einschübe vom jungen Holzfäller Ansell oder dem Tierarzt fand ich gut, um Abwechslung hinein zu bekommen.

Die kleine Welt des Holzfällercamps wird sehr authentisch mit allen brutalen Härten, aber auch mit dem großen Zusammenhalt geschildert. Beeindruckend fand ich die mythischen Geschichten z.B. über die teuflische Kreatur Old Jack, mit denen Pearly aufwächst und deren Bilderwelt sie intensiv begleiten. Den Wert dieser Geschichten und des Aberglaubens zeigt der einzige Kontakt Pearlys nach außen auf. Gelegentlich kommen zwei Frauen ins Camp. Eine Frau, die Liederfängerin genannt wird, ist Ethnologin, die mit ihrer Begleiterin Ebony alte Volksweisen und Geschichten von Leuten wie Eula sammelt, bevor diese Quellen versiegen.
Wir sehen hier eine Welt, die nur wenige Jahre später durch den Einsatz großer Maschinen verschwinden wird.

Pearly ist ein sehr eindrucksvoller Charakter: rau, entschlossen, durchsetzungsstark, bodenständig. Die Liebe zu ihrem Bärenbruder lässt sie jedwede Ängste überwinden. Dabei weiß man manchmal nicht, was die größere Herausforderung ist – der Weg durch die eisige, einsame Winterlandschaft mit den Extremtemperaturen oder die kleine Stadt. Die Stadt bleibt für Pearly eine Bedrohung und ein Mysterium. Für die Bewohner der Stadt hingegen sind Pearly und der Bär wie Wesen aus einer Parallelwelt, Geschöpfe der Mythen.

Ein weiterer wichtiger Charakter ist Bruno. Er ist kein Haustier, sondern ein selbstständiges Wesen mit eigenem komplexen Empfinden und Verständnis. Er zeigt das unerklärliche Band auf, das zwischen zwei Wesen mit und auch ohne eine gemeinsame Sprache bestehen kann.
So prallt Old Jack, die dunkle, tödliche Macht der alten Welt auf die Grausamkeit der Zivilisation. Was für eine erschütternde Reise die Pearly da durchlebt, ihren Bären und auch irgendwie sich selbst findet. Tröstlich empfinde ich die Figur des vom Blitz gezeichneten Ansell, der wie ein Hoffnungsträger Pearly entgegen strebt.

Sehr gefallen haben mir die poetische Sprache und die märchenhaften Bilder, die ausgleichend zur unerbittlichen Realität wirkten. Dies ist eine Geschichte über Gier und Armut, über Liebe, Seelenverwandtschaft und Widerstandsfähigkeit. Für diese spannende Mischung aus Coming-of-Age und Abenteuerroman kann ich eine absolute Leseempfehlung geben.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 22.03.2025

Die Rivalin Vivaldis

Die Melodie der Lagune
0

Der Titel dieses Buches mutete anfangs in meinen Ohren eher wie ein seichter Trivialroman an. Was für ein Irrtum, denn es verbirgt sich dahinter die fiktionale Bearbeitung einer sehr fesselnden historischen ...

Der Titel dieses Buches mutete anfangs in meinen Ohren eher wie ein seichter Trivialroman an. Was für ein Irrtum, denn es verbirgt sich dahinter die fiktionale Bearbeitung einer sehr fesselnden historischen Frauenbiographie. Im Original trägt der Roman den Titel „The Instrumentalist“.

Harriet Constable, die hier ihr Romandebüt vorlegt, ist Journalistin und Dokumentarfilmerin. Das Thema Musik liegt ihr, denn sie wuchs in einem sehr musikalischen Haushalt auf. Ihre Mutter ist klassische Cellistin.
Im Zentrum des Romans steht die Venezianerin Anna Maria della Pietà, in der Musikgeschichte auch bekannt als Anna Maria dal Violin.

Venedig 1696 – eine junge Mutter, die sich prostituieren muss, um zu überleben, eilt mit ihrem Baby zu einer Aussparung in der Mauer des Waisenhauses Ospedale della Pietà, eine Art Babyklappe, für ungewollte weibliche Säuglinge gedacht. Nachdem sie bei einer Hinterhof-Hebamme entbunden hat und sich nicht überwinden konnte, das Kind im Kanal zu ertränken, wie es viele andere tun, muss sie sich nun von der Tochter trennen. Denn wenn der Säugling zu groß für diese schmale Klappe wäre und daneben läge, wäre er dem Tod geweiht.

Als die Nonnen des Waisenhauses für Mädchen das Baby auf der anderen Mauerseite in Empfang nehmen, finden sie bei ihm auf einem Papier geschrieben: „Geh süßes Kind. Du sollst wissen, dass du geliebt wurdest“ und eine halbe Spielkarte. Die andere Hälfte behält die Mutter, wie eine letzte Verbindung.

Alle neu aufgenommenen Säuglinge werden mit einem Brandzeichen markiert, erhalten Vornamen mit dem Anhang “della Pietà“, werden karg und streng aufgezogen. Es erwarteten sie harte Arbeiten im Haus.
“Als Nächstes die morgendlichen Aufgaben: waschen, schrubben, nähen, bügeln, Gemüse putzen, Wasser kochen, scheuern, sauber machen. Erst nach dem Mittagsgebet haben die Mädchen frei.“ S. 25

Die positive Seite dieses Waisenhauses ist, dass den Mädchen eine gediegene musikalische Erziehung mitgegeben wird. Jedes Mädchen wird neben dem Gesang in mindestens einem Instrument unterrichtet. Die talentiertesten Mädchen können es ins Orchester schaffen. Die anderen Mädchen werden verheiratet. Nicht selten sind sie Objekte der Begierde der reichen Patrone des Waisenhauses. Doch die Alternativen zu diesem Schicksal sind aufgrund der großen Armut in der Republik Venedig in der Regel noch schlimmer.

Die kleine Anna Maria wächst mit ihren beiden Lieblingsfreudinnen Agata und Paulina wie Schwestern in dieser Gemeinschaft auf. Im Laufe der Jahre lernt sie nicht nur Violine zu spielen, sondern auch Cello, Oboe, Flöte, Mandoline, Cembalo u.a..
Anna Maria ist ein ganz besonderer Charakter. Sie erlebt das Hören von Musik als Farbwahrnehmung, ist also Synästhetikerin. Das Spielen eines Instrumentes kann für sie zum wahren Feuerwerk der Farben werden. Schon in ganz jungen Jahren erfasst sie ein großer Ehrgeiz. Das Geigenspiel möchte sie virtuos beherrschen. Sie träumt davon, als das jüngste Mitglied zum weltberühmten Orchester des Waisenhauses genannt „figlie di coro“ berufen zu werden.

Die historischen „figlie di coro“ (dt. „Töchter des Konservatoriums“) galten in der Republik Venedig und über die Grenzen hinaus als das angesehenste Orchester. Die Mädchen des Orchesters wurden vom Maestro unterrichtet und durften in Basiliken und Palazzi spielen. So verdienten sie Geld für das Waisenhaus und wurden zudem mit Ruhm und Geschenken bedacht. Oft spielten sie hinter einem Sichtschutz, um nur gehört und nicht gesehen zu werden, weil viele körperlich beeinträchtigt waren durch Geburtsfehler, Krankheitsfolgen (z.B. Pockennarben) oder auch Zeichen von Brutalität und Vernachlässigung. Wieder ein Tribut an das harte Leben, das sie sonst führten.

Neben der Begeisterung für die Musik und dem Ehrgeiz ist es auch die Angst, die Anna Maria zu diesem Wunsch Orchestermitglied zu werden, antreibt.
„Musik soll wie ein Schutzschild sein.“ S. 39
Denn die Mädchen mit musikalischen Talent sind sicher vor dem Verheiraten und dem mystischen unheimlichen Rabenmann, von dem die Mädchen raunen.
Alles ändert sich in dem Moment, als Anna Maria die Favoritin des Maestros wird. Eine besondere Rolle in der Geschichte des Ospedale della Pietà spielt nämlich sein bekanntester Musiklehrer und Maestro, der rothaarige Teufelsgeiger Antonio Vivaldi, der von 1703 bis 1715 Musikdirektor war. Das Orchester des Ospedale war sein kreatives Testfeld, Inspiration und vielleicht auch mehr.

Das Verhältnis zwischen Meister und Schülerin wird sehr ambivalent dargestellt. Anfangs ist die Haltung Vivaldis recht unbarmherzig, bald wird Anna Maria schon mit 8 Jahren seine Musterschülerin, eine Art Wunderkind. Schließlich beginnt der Lehrer seine Schülerin sozial zu isolieren, indem er ihren übergroßen Ehrgeiz negativ beeinflusst und auf sich fixiert. Zudem wird das junge Mädchen von Ruhm und Geschenken fast berauscht.
Doch die ehrgeizige, hochbegabte Anna Maria entwickelt sich persönlich wie auch musikalisch weiter. Es kommt zu einem dramatischen Wendepunkt für beide.

Fazit:
Harriet Constable ist ein vielschichtiger Roman gelungen. Als Leser*in glaubt man, das karge, aber vor Musik vibrierende Waisenhaus, die Palazzi wie auch die schmuddeligen Ecken, die Kanäle, das bunten Treiben Venedigs wie auch die brutalen Realitäten im 17. Jahrhundert zu sehen und zu hören. Sie lässt sich von realen Begebenheiten inspirieren und spinnt eine fiktionale Geschichte darum herum. Denn über die persönliche, emotionale Entwicklung der historischen Violinistin Anna Maria ist nichts bekannt. Daneben erzählt sie eine Coming-of-age Geschichte, die sehr stark geprägt ist von jugendlichem Ehrgeiz, Ängsten und der Verlockung des Ruhms.

Die Autorin hat den Charakteren Leben eingehaucht, zeigt ihre hellen, aber auch dunklen Seiten. Anna Maria spricht geradeheraus, ist sehr eigensinnig und überschwänglich, was es ihr in jenen Zeiten und ihrer Position nicht leicht macht. Dass die Autorin einen synästhetischen Aspekt dem großen Talent des Mädchens beifügt, erklärt deren Obsession. Sie gibt sich mit der Musik, vor allem der Geige dieser Farbenwelt hin.

Ihr Überlebenswille, Ehrgeiz, die beste Violinistin zu werden, und daraus resultierende sehr harte persönliche und soziale Entscheidungen gerade gegenüber den Freundinnen in Krisenzeiten haben sie mir zeitweise fast unsympathisch gemacht. Aber der Verlauf der Geschichte zeigt ihre Entwicklung und eine versöhnende Wendung.

Beim Stichwort Vivaldi sind mir vorher vor allem die "Vier Jahreszeiten" und die Violinkonzerte in den Sinn gekommen. Wie groß der Einfluss des Ensembles eines Waisenhauses auf sein Werk war, ahnte ich nicht. Allerdings kommt der Maestro in diesem Roman nicht wirklich sympathisch rüber.
Immerhin, Vivaldi widmete Anna Maria über 30 Violinkonzerte. Aber sein Verhältnis zu seinen vorpubertären Schülerinnen ist geprägt von Manipulation, Ausbeutung und Missbrauch.

Constable rückt mit der Geschichte der Anna Maria della Pietà auch einen zugleich spannenden wie auch traurigen Aspekt der Musikgeschichte ins Zentrum. Die Mädchen dieses damals europaweit bekannten Orchesters boten dem Komponisten eine Art Testfeld und „Brutkasten“ für seine Werke. Sie waren mehr als Musikantinnen, sondern nahmen aktiv teil am Schaffensprozess neuer Werke. Die jungen Mädchen probierten als Erste die neuen Stücke. Vermutlich schrieben sie Noten ab und halfen bei der Komposition. Ihr Beitrag war enorm.

Die Autorin schildert, wie auch die hochtalentierte Anna Maria eigene Kompositionsideen beiträgt. Sie hat das große Glück, gefördert zu werden. Doch eigene Ideen und Werke werden ihr – wie anderen Frauen in der Kunst - missgönnt, nicht zugestanden, weggenommen oder vernichtet. Eigene Kompositionen der Anna Maria della Pietà sind verschollen, wie die vieler anderer Musikerinnen.

Der Spannungsbogen der Handlung wird gut gehalten, denn Anna Marias Leben scheint oft wie ein Tanz auf einem schmalen Grat zwischen dem Ruhm auf der einen Seite und dem Abgrund auf der anderen. Das Erzähltempo nimmt gerade im letzten Viertel des Romans deutlich zu, als die persönliche Entwicklung des Mädchens und die Vorstellungen des Maestros kollidieren. Da ergeben sich unerwartete Wendungen.

Eine wunderbare Geschichte über eine historische junge Frau, die ihren Weg gegangen ist, die ich nur empfehlen kann.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere