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Veröffentlicht am 27.12.2018

Dichte Atmosphäre

Graue Nächte
3

Island im Kriegswinter 1941. Mit der letzten offiziell genehmigten Fähre kehren Isländer, die sich im übrigen Skandinavien befinden, nach Hause zurück, überwiegend aus dem von den Nazis besetzten Dänemark.

Der ...

Island im Kriegswinter 1941. Mit der letzten offiziell genehmigten Fähre kehren Isländer, die sich im übrigen Skandinavien befinden, nach Hause zurück, überwiegend aus dem von den Nazis besetzten Dänemark.

Der Medizinstudent Osvaldur jedoch kann die gebuchte Reise nicht antreten. „Sie“, seine Freundin, deren Identität erst ganz zum Schluss des Romans aufgedeckt wird, wartet vergeblich und muss ohne ihn reisen. Es geht das Gerücht, der Student sei in Kopenhagen von den Nazis verhaftet worden.

Ein weiterer junger Mann kommt nicht in Reykjavik an. Er geht während der Schiffsreise über Bord und bleibt vermisst.

In der isländischen Hauptstadt - man schreibt inzwischen das Frühjahr 1943 - kommt es zu einigen merkwürdigen Todesfällen. Ein Mann wird ertrunken am Strand aufgefunden. War es Selbstmord?

Eindeutig ermordet hingegen wurde ein einheimischer Junge.
Dessen Leiche findet man auf einer Wiese hinter dem Piccadilly, einer berüchtigten Kneipe, in der junge isländische Frauen mit amerikanischen Besatzungssoldaten anbandeln. Eine dieser jungen Frauen wird vermisst.

Genug Arbeit für die beiden Polizisten Flovent und Thorson, der eine von der isländischen Polizei, der andere kanadischer Militär-Cop. Sie sind die Hauptpersonen des Romans.

Während die beiden Polizisten die Vorfälle in Reykjavik ermitteln, versucht die mysteriöse „Sie“, das Schicksal ihres in Kopenhagen vermissten Freundes zu ergründen. „Sie“ verbündet sich mit dem Bruder des Schiffbrüchigen, der Zweifel hat, dass sein Verwandter tatsächlich einem Unfall zum Opfer fiel.

Arnaldur Indridason erzählt die Geschichte der „Grauen Nächte“ in mehreren, lange Zeit völlig voneinander getrennten Handlungssträngen. Er zeichnet ein düsteres Bild des Lebens im kargen nordischen Winter unter den Bedingungen von Krieg und Besatzung. Entsprechend bedrückt, geradezu unfreundlich kommen seine Charaktere daher. Einzig die beiden Polizisten zeigen Empathie und Verständnis. Flovent und Thorson werden einigermaßen ausführlich porträtiert. Die übrigen Romanfiguren bleiben weitgehend gesichtslos.

Der Autor bedient sich eines ruhigen, unaufgeregten, atmosphärisch dichten Erzählstils. Mit Akribie werden zum Beispiel die Zeugenvernehmungen wiedergegeben; fast wie Wortprotokolle.
Indridason weidet sich nicht an brutalen und abscheulichen Situationen, bleibt jederzeit sachlich, beinahe unterkühlt.

Im Verlauf nimmt das Buch mehr Fahrt auf, überrascht den Leser allerdings mit einem sehr plötzlichen Ende. Bei weitem nicht alle Fragen werden beantwortet.

„Graue Nächte“ ist kein Thriller, sondern ein ruhig erzählter, dennoch spannender Kriminalroman. Das Buch macht es dem Leser nicht immer leicht. Die unterschiedlichen Handlungsstränge, vor allem aber die verschiedenen Zeitebenen erschweren die Orientierung. Beim Lesen ist zuweilen Geduld gefordert.

Der Roman ist kein „Pageturner“, Freunden skandinavischer Krimis aber sicherlich eine Empfehlung wert.

Veröffentlicht am 30.01.2019

Apokalyptische Szenen

Wer ist Michael Swann?
1

Die dunklen Wolken ziehen nur langsam herauf. Ganz zu Beginn ist die Welt der Familie Swann noch in Ordnung. Doch dann erschließt sich für Julia und ihren Michael jeweils getrennt und Schritt für Schritt ...

Die dunklen Wolken ziehen nur langsam herauf. Ganz zu Beginn ist die Welt der Familie Swann noch in Ordnung. Doch dann erschließt sich für Julia und ihren Michael jeweils getrennt und Schritt für Schritt die grausame Realität:

Auf die New Yorker Penn Station ist ein Bombenanschlag verübt worden. Es gibt Hunderte Tote und zahllose Verletzte, auch Michael wird verletzt.

Mit fast schon quälender Langsamkeit und en Detail beschreibt Bryan Reardon wie Michael Swann nach der Explosion nur sehr langsam das Bewusstsein wiedererlangt und erst nach und nach realisiert, in welche Katastrophe er hineingeraten ist.

Seine Frau Julia sitzt derweil zunächst unwissend mit ihren beiden Kindern daheim und sorgt sich um Michael. Dann sieht sie zufällig im Fernsehen die Nachricht über den Terroranschlag.
Hals über Kopf springt sie ins Auto um Michael zu suchen. . . .

Der Autor nimmt sich auch hier viel Zeit, um Julias innere Wandlung vom Familienglück hin zur Katastrophe aufzuzeigen. In zahlreichen Rückblenden gelingt es ihm, die Charaktäre seiner Protagonisten sehr einfühlsam zu entwickeln und Hintergründe aufzuzeigen.

Völlig desorientiert irrt der verletzte und schwer traumatisierte Mann durch New York, nicht wissend, wer er ist, wo er ist und wohin er will.
Zeitgleich hetzt Julia, getrieben von panischer Angst, auf der Suche nach ihrem Liebsten durch die Stadt.

Bryan Reardon nimmt uns mit in eine Apokalypse, die der der bedrückenden ersten Tage nach Nine Eleven ähnelt, wenn auch nicht deren unfassbares Ausmaß erreicht.
Er nimmt uns mit in eine irreale Realität und fesselt uns an das Buch.
Das ist Spannung pur und auf eine beklemmende Weise faszinierend.

Und als ob der Big Bang in der Penn Station nicht schon mehr als genug gewesen wäre, geht bei den Swanns zuhause kurz danach die zweite Bombe hoch:
Starr vor Entsetzen sieht Julia die Breaking News im Fernsehen, wonach ihr geliebter Ehemann angeblich der Terrorist vom Madison Square Garden ist.

Bryan Reardon beschreibt Julias verzweifelte Suche nach Michael überaus spannend. Man fiebert mit ihr, wünscht ihr so sehr den Erfolg.

Doch dann die alles verändernde Wende. . . . .

Das Buch ist unheimlich spannend, man mag gar nicht mit dem Lesen aufhören. Ein toller Thriller, der absolut begeistert.

Einzige Wermutstropfen sind ein zuweilen recht holpriger Sprachgebrauch und einige unverständliche Sätze, die vermutlich der Übersetzung geschuldet sind.

Vier Sterne sind auf jeden Fall hoch verdient. Die sprachlichen Mängel verhindern leider eine noch bessere Bewertung.

Veröffentlicht am 25.03.2019

Hochspannung

Das Ambrosia-Experiment
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Ungleicher könnte das Paar kaum sein, das hier gemeinsam auf Verbrecherjagd geht: Jule Rahn, eine von Angstpsychosen zusammengesetzte junge Frau läuft Lucas Prinz, einem unerschrockenen jungen, bei seinen ...

Ungleicher könnte das Paar kaum sein, das hier gemeinsam auf Verbrecherjagd geht: Jule Rahn, eine von Angstpsychosen zusammengesetzte junge Frau läuft Lucas Prinz, einem unerschrockenen jungen, bei seinen Kollegen als Maulwurf verpönten Hauptkommissar, direkt vors Auto.

Jule ist auf der Flucht vor dem Narbenmann, dem gewalttätigen Schurken in Volker Dützers Thriller „Das Ambrosia-Experiment“. Sie hat gesehen, wie ein alter Mann 15 Meter von einer Koblenzer Rhein-Brücke in die Tiefe stürzt und stirbt. Die junge Laborantin ist davon überzeugt: Das war kein Unfall.

Die Polizei will an einen Unfall glauben, nur Lucas Prinz beginnt der schreckhaften jungen Frau zu glauben.
Dann verschwinden auf mysteriöse Weise drei alte Menschen in Koblenz, die nur eines eint: Sie waren an Krebs erkrankt und haben überlebt.

Nur sehr langsam finden Jule Rahn und Lucas Prinz Vertrauen zueinander.
Volker Dützer entwickelt seine Figuren mit Liebe zum Detail. Vor allem die schwierige Entwicklung der Jule Rahn vom verschreckten Mädel zu einer mutigen Frau wird eindrucksvoll geschildert. Amüsant auch Lucas Prinz, der offenbar mehr von der Psychologie alter Autos als von der von Frauen zu verstehen scheint. Interessant schließlich die Figur des Koblenzer Schrottplatzbesitzer, der sich für Jule und Prinz immer mehr als treuer Freund erweist.

Den haben die beiden auch bitter nötig, denn im Zuge ihrer Ermittlungen haben Lucas und Jule sich mit mächtigen Feinden angelegt.

Volker Dützer lässt dem Leser kaum Zeit zum Luft holen. Das Buch bietet Hochspannung pur von der ersten bis zur letzten Seite.

Das ungleiche Paar gerät immer mehr ins Visier der Verbrecher, die ihm nach dem Leben trachten.
Es kommt zum brutalen Showdown in den Allgäuer Alpen. Jule und Lucas befinden sich in größter Lebensgefahr, ihre Überlebenschancen sinken gegen Null. Ein Happy End scheint kaum noch möglich.. . .

Volker Dützer legt mit dem „Ambrosia-Experiment“ einen packenden Thriller um kriminelle Machenschaften im Bereich des medizinischen Fortschritts vor. Sobald man mit dem Lesen begonnen hat, mag man das Buch nicht mehr aus der Hand legen.