Profilbild von SimoneF

SimoneF

Lesejury Star
offline

SimoneF ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit SimoneF über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 18.04.2025

Ein Highlight!

Der Gott des Waldes
0

Mitten in einem Naturreservat in den Adirondack Mountains befindet sich ein Feriencamp, das alljährlich für zwei Sommermonate Jugendliche beherbergt. Im Sommer 1975 ist auch Barbara van Laar, die dreizehnjährige ...

Mitten in einem Naturreservat in den Adirondack Mountains befindet sich ein Feriencamp, das alljährlich für zwei Sommermonate Jugendliche beherbergt. Im Sommer 1975 ist auch Barbara van Laar, die dreizehnjährige Tochter der Besitzer dabei. Gegen Ende des Camps verschwindet sie plötzlich spurlos, und eine großangelegte Suche beginnt. Barbaras Familie hat einen Sommersitz auf dem weitläufigen Grundstück, und 14 Jahre zuvor ist bereits Barbars kleiner Bruder Bear plötzlich verschwunden und nie wieder aufgetaucht...

Diese Geschichte hat auf mich von der ersten Seite an einen Sog entwickelt. Sie wird abwechselnd aus der Sicht unterschiedlicher Personen erzählt - u.a.  einem Mädchen aus dem Sommercamp, einer Betreuerin, einer Polizistin,  Barbaras Mutter und einem Feuerwehrmann, und springt dabei zwischen verschiedenen Zeitpunkten in den 1950er Jahren, 1961, 1963 und 1975 hin und her. Diese Art des Erzählens, wenn sich durch Rückblenden und Perspektivwechsel nach und nach die Puzzleteile zu einem Ganzen zusammensetzen, mag ich besonders gerne, da man hierdurch die einzelnen Charaktere aus mehreren Blickwinkeln kennenlernt. Es ist beeindruckend, dass es der Autorin Liz Moore gelingt, trotz dieser Sprünge ein angenehm zu lesendes Werk zu schaffen, bei dem man als Leserin jederzeit den Überblick behält.

"Der Gott des Waldes" ist kein klassischer Thriller, sondern eher ein raffiniert konstruierter literarischer Kriminalroman, der neben der Lösung des Falles den Blick auch auf gesellschaftliche Themen richtet. So wirft die Geschichte auch einen Blick auf die traditionellen Rollenmuster und deren allmählichen Wandel im Laufe der Jahre, auf Vorurteile gegenüber weiblichen Kriminalbeamtinnen noch in den 70er Jahren und auf die Macht, die Reichtum und Status verleihen.

Ein sehr spannender und gesellschaftskritischer Roman, den ich definitiv weiterempfehlen möchte!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 16.04.2025

Skurril, mit abgründigem Humor

Der Duft des Wals
0

Hugo, seine Frau Judith und die ca. zehnjährige Tochter Ava verbringen ihre Ferien in einem mexikanischen 5-Sterne-Ressort am Meer – ein letzter Versuch, um die kriselnde Ehe zu retten. Céleste, die Stewardness, ...

Hugo, seine Frau Judith und die ca. zehnjährige Tochter Ava verbringen ihre Ferien in einem mexikanischen 5-Sterne-Ressort am Meer – ein letzter Versuch, um die kriselnde Ehe zu retten. Céleste, die Stewardness, verbindet ihren Flug mit einem anschließenden Urlaub im selben Hotel. Der erhoffte Traumurlaub wird empfindlich gestört, als eines Nachts ein Wal strandet und aufgrund der Fäulnisgase im Inneren explodiert. Der Gestank, der sich über die gesamte Hotelanlage ausbreitet, ist übelkeitserregend und penetrant. Das Hotelpersonal müht sich erfolglos, den Geruch zu übertünchen. Zwei der Angestellten sind der Fahrer Waldemar und das Zimmermädchen Belén.

Hugo, Judith, Ava, Céleste, Waldemar und Belén erzählen die Geschichte abwechselnd aus ihrer Perspektive. Jede und jeder trägt sein Päckchen mit sich herum und reagiert unterschiedlich auf die Lage. Insbesondere die Blickwinkel der drei Familienmitglieder fand ich sehr interessant, da sie zeigen, wie jede:r von ihnen die eigene familiäre Situation beurteilt und mit den Gegebenheiten umgeht. Die Charaktere sind teilweise sehr skurril, insbesondere die tiefgläubige, sich selbst geißelnde Céleste und Ava, die ständig alles mit ihrem Etch A Sketch zeichnet und durch nichts aus der Ruhe zu bringen ist.

Was ich etwas schade fand ist, dass sich die einzelnen Erzählperspektiven kaum in ihrem Sprachduktus unterscheiden. Das hätte die Charaktere für mich noch greifbarer gemacht. Bei Ava passt der sehr erwachsene, abgeklärte Ton meines Erachtens auch nicht so gut zu einer Zehnjährigen.
Insgesamt sind Handlung und Figuren sehr skurril, mit abgründigem Humor, und ich habe viel darüber nachgedacht, was mir der Autor damit sagen möchte. Manches bleibt mir unklar, an anderen Stellen lässt sich relativ leicht Gesellschaftskritik herauslesen. Auch der achtlose Umgang mit der Natur, ihre Ausbeutung und Zerstörung werden thematisiert – und die Folgen werden von den Menschen so lange ignoriert und symptomatisch behandelt, bis die Natur eines Tages zurückschlagen wird.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 15.04.2025

Sehr lesenswert!

Von Null auf Held oder Wer ist eigentlich Amin?
0

Jonas, genannt, Johnny, ist 12 Jahre alt und der Anführer der"Sheriffs", einer vierköpfigen Schulhofbande. Johnny hat ständig Unsinn im Sinn und ist folglich Stammgast im Direktorat. Eines Tages verschwindet ...

Jonas, genannt, Johnny, ist 12 Jahre alt und der Anführer der"Sheriffs", einer vierköpfigen Schulhofbande. Johnny hat ständig Unsinn im Sinn und ist folglich Stammgast im Direktorat. Eines Tages verschwindet sein Mitschüler Amin, der aus Afghanistan geflüchtet ist und in einer Flüchtlingsunterkunft lebt. Johnny hat Amin bisher kaum wahrgenommen, doch Matteo will ihm seine Bande abspenstig machen, und um weiterhin Anführer zu bleiben, muss er als Wette herausfinden, was mit Amin passiert ist. Zufällig findet Johnny dabei Amins Tagebuch, und je mehr er darin liest, desto mehr lernt er über Amin, aber auch über sich selbst. Schließlich macht sich Johnny auf, um Amin zu suchen...

Ich habe das Buch zusammen mit meinem elfjährigen Sohn gelesen.

Die Geschichte ist aus der Perspektive von Johnny geschrieben, der in lockerem Ton, und mit viel Witz und Selbstironie erzählt. Johnny war uns auf Anhieb sympathisch. Er steckt zwar oft in Schwierigkeiten, da er allerlei Flausen im Kopf hat und oft handelt ohne nachzudenken, aber es ist schnell klar, dass er im Grunde ein lieber Kerl ist und das Herz auf dem rechten Fleck hat.

Durch das Tagebuch erfährt man als Leser:in von Amins Flucht, auf der er bei einem Angriff von seinen Eltern und Geschwistern getrennt wurde und als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling nach Deutschland kam. Der Krieg in Afghanistan wird nur sehr vage beschrieben, vielmehr liegt das Augenmerk auf Amins Situation in Deutschland: Er ist einsam, vermisst seine Familie und bleibt in der Klasse unsichtbar. Niemand will etwas mit ihm zu tun haben, er wird schnell mit Vorurteilen konfrontiert und des Diebstahls bezichtigt. Den Menschen selbst nimmt kaum jemand wahr.

Der Autorin gelingt es, für die Situation geflüchteter Kinder zu sensibilisieren und zeigt, wie wichtig es ist, diese in die Klassengemeinschaft aufzunehmen. Durch die Tagebucheinträge können sich die jungen Leser:innen in Amins Lage einfühlen und werden ermutigt, auf geflüchtete Mitschüler:innen zuzugehen. Zudem zeigt die Geschichte anhand mehrerer Figuren, wie schnell falsche Gerüchte in die Welt gesetzt werden, und wie wichtig es ist,  diese kritisch zu hinterfragen.

Trotz des ernsten Themas ist das Buch spannend und sehr unterhaltsam geschrieben, und meinem Sohn und mir hat es sehr gut gefallen. Da der Krieg in Afghanistan nur mit wenigen Worten umschrieben ist und die Flucht nach Deutschland nicht näher ausgeführt wird, habe ich mit meinem Sohn noch ausführlich darüber gesprochen.

Das Buch eignet sich meiner Meinung nach sehr gut als Einstieg in diese Thematik, und ich könnte es mir in der 5. oder 6. Klasse auch gut als Klassenlektüre vorstellen. 

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 15.04.2025

Ein schöner Wohlfühlroman

Ms Darling und ihre Nachbarn
0

Dorothy Darling lebt seit 34 Jahren in Shelley House, einem historischen Mietshaus, das inzwischen ziemlich in die Jahre gekommen ist und seinen Glanz eingebüßt hat. Dorothy jedoch hängt an diesem Haus ...

Dorothy Darling lebt seit 34 Jahren in Shelley House, einem historischen Mietshaus, das inzwischen ziemlich in die Jahre gekommen ist und seinen Glanz eingebüßt hat. Dorothy jedoch hängt an diesem Haus und fühlt sich dafür verantwortlich, dass alles ordnungsgemäß abläuft. Regelmäßige Kontrollgänge, Beschwerdebriefe an den Vermieter und die genaue Beobachtung der Nachbarn und ihrer etwaigen Regelverstöße gehören daher zu Dorothys Tagesroutine – ihrem wachsamen Blick entgeht nichts. Eines Tages zieht Kat, eine junge Frau mit pinken Haaren, als Untermieterin bei ihrem Nachbarn Joseph und dessen Hund Reggie ein, sehr zu Dorothys Missfallen. Doch es kommt noch schlimmer: Alle sechs Parteien bekommen Post vom Vermieter: Das Haus ist zu räumen, es muss einem Neubau weichen und wird abgerissen. Während Dorothy den Brief konsequent ignoriert, geht Joseph auf die Straße und demonstriert. Bis er eines Tages bewusstlos in der Wohnung liegt. Die Spekulationen sprießen: Was ist passiert? War es ein Unfall oder wurde nachgeholfen? Wie geht es nun weiter? Und wer kümmert sich um Reggie? Kat und Dorothy müssen wohl oder übel zusammenarbeiten, auch wenn jede ihre eigenen Interessen verfolgt.

Die meisten, die schon mal zur Miete in einem Wohnblock gelebt haben, dürften jemanden kennen, der ähnlich wie Dorothy über die Einhaltung der Hausordnung wacht und das Verhalten seiner Nachbarn beobachtet. Mir kam jedenfalls auf Anhieb eine frühere Nachbarin in den Sinn, deren Bild ich beim Lesen vor Augen hatte und die uns junge Leute damals ins Visier nahm.

Zu Beginn scheinen die Nachbarn in Shelley House bis auf die Anschrift nichts gemeinsam zu haben, und so kocht jeder sein eigenes Süppchen. Je weiter die Geschichte voranschreitet, desto besser lernt man die einzelnen Charaktere kennen, ihre Ängste, ihre Vergangenheit und die Gründe, warum sie so sind, wie sie sind. Man sieht sie in einem anderen, neuen Licht und entwickelt ein Verständnis für ihr Handeln. Das gilt auch für die Hausgemeinschaft untereinander. Mir hat das sehr gut gefallen und auch zu denken gegeben.

Für mich ist „Ms Darling und ihre Nachbarn“ ein wunderbarer Wohlfühlroman, der auch nachdenkliche, humorvolle und spannende Elemente enthält. Ich empfehle ihn auf jeden Fall sehr gerne weiter!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 11.04.2025

Brilliant!

Die Fletchers von Long Island
0

Die Fletchers sind eine reiche jüdische Industriellenfamilie aus Middle Rock, Long Island. Ein Tag im Jahr 1980 markiert einen Wendepunkt in ihrem Leben, als Carl Fletcher entführt wird. Nach Zahlung eines ...

Die Fletchers sind eine reiche jüdische Industriellenfamilie aus Middle Rock, Long Island. Ein Tag im Jahr 1980 markiert einen Wendepunkt in ihrem Leben, als Carl Fletcher entführt wird. Nach Zahlung eines Lösegeldes kommt er nach einigen Tagen wieder frei, doch die Entführung prägt nicht nur Carl, sondern auch seine Frau Ruth und die drei Kinder Beamer, Nathan und Jenny für den Rest ihres Lebens. Die Familie versucht, dieses Trauma totzuschweigen, jeder geht allein und auf seine Weise damit um, und kommt doch nicht davon los.

Selten hat ein Roman bei mir eine solche Bandbreite an Reaktionen ausgelöst wie „Die Fletchers von Long Island“. Durch die meisten Kapitel bin ich nur so hindurchgeflogen, ein paar wenige haben mich aber eher abgestoßen. Die sado-masochistischen Eskapaden von Beamer hätte ich nicht in dieser Detailtiefe lesen müssen, und ich war ganz froh, als diese Passagen vorbei waren. Allerdings waren sie für die Handlung und das Verständnis der Figur wichtig. Dennoch hätte ich manchmal lieber zwischen den Zeilen gelesen und auf die ein oder andere vulgäre Wortwahl verzichtet. Abgesehen davon hat mich der Schreibstil der Autorin wirklich begeistert, und ich liebe ihren messerscharfen, schwarzen Humor. Auch die Komposition des Romans gefiel mir ausgesprochen gut: Erzählt wird äußerst unterhaltsam aus einer auktorialen Perspektive, die der Reihe nach den Schwerpunkt auf das Leben von Beamer, Nathan und Jenny legt und durch Rückblenden nach und nach deren Werdegang beschreibt. Wie bei einem Mosaik entsteht so Stück für Stück bis zum Schluss ein Gesamtbild.

Taffy Brodesser-Akner zeigt die Auswirkungen nicht aufgearbeiteter Traumata und das übersättigte Leben steinreich geborenen Nachwuchses, dem Lebensziel und Ehrgeiz fehlen. Trotz der eigentlich eher düsteren und traurigen Grundthematik schreibt sie so kurzweilig und humorvoll, dass die stattlichen 576 Seiten wie im Flug vergehen. Eine große Leseempfehlung!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere