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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 05.02.2025

Hatte deutlich mehr erwartet

Shanghai Story
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Ich war sehr gespannt auf „Shanghai Story“, insbesondere, da Juli Min die Geschichte rückwärts erzählt, ähnlich wie Iris Wolff in „Lichtungen“.

Leider scheitert Juli Min meiner Meinung an der Umsetzung ...

Ich war sehr gespannt auf „Shanghai Story“, insbesondere, da Juli Min die Geschichte rückwärts erzählt, ähnlich wie Iris Wolff in „Lichtungen“.

Leider scheitert Juli Min meiner Meinung an der Umsetzung dieser literarisch anspruchsvollen Erzählform. Ich hatte erwartet, dass die Ereignisse in der Zukunft im Laufe des Buches einen tieferen Sinn ergeben, sich durch Geschehnisse aus der Vergangenheit erklären und in irgendeiner Form eine innere logische Erzählstruktur und ein roter Faden erkennbar sind. Dies ist jedoch nicht der Fall. Die Geschichte besteht vielmehr aus zusammenhanglosen einzelnen Episoden. Sämtliche Personen außerhalb der Kernfamilie spielen lediglich auf jeweils einer einzigen Zeitebene eine Rolle, und auch bei den Familienmitgliedern ist kein echter Zusammenhang zwischen den einzelnen Zeitstufen erkennbar.
Der Roman beginnt im Jahr 2040 und ist erstaunlich nah an der jetzigen Realität. Abgesehen von selbstfahrenden Autos lässt sich kein Unterschied zu heute erkennen. Da hätte ich doch etwas mehr erwartet. Sprachlich klingt der Roman zuweilen etwas holprig und weist einige Ungereimtheiten auf. Inwieweit dies der Übersetzung geschuldet ist, lässt sich nicht sagen.

Die Charaktere blieben mir während des gesamten Buches fremd. Besonders ärgerlich fand ich, dass sich sämtliche weibliche Personen vor allem über ihr Äußeres definieren. Alle drei Schwestern wirken ziemlich unsympathisch und verwöhnt, am ehesten konnte ich mich noch in die mathematikbegeisterte Yoko hineinversetzen. Leider wird bei Yoko völlig unnötig das Klischee einer latent autistischen Veranlagung bedient - als ob jede Mathematikbegabung automatisch mit Neurodiversität einherginge.

Die einzige Passage, die mich emotional berühren konnte, betrifft das Kindermädchen der Familie im Jahr 2020. Warum die Autorin die Nanny nicht auch auf weiteren Zeitstufen eingearbeitet hat, erschließt sich mir nicht. Da sie sehr nah an der Familie dran ist, aber dennoch einen Blick von außen einnimmt, wäre das eine sehr interessante Perspektive gewesen.

Ich hatte mir deutlich mehr von diesem Roman erwartet, insbesondere ein schlüssiges Gesamtkonzept innerhalb der rückwärts erzählten Geschichte. Insgesamt bin ich leider enttäuscht.

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Veröffentlicht am 02.02.2025

Wieder ein Meisterwerk von Tommie Goertz

Im Schnee
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Letztes Jahr war „Im Tal“ von Tommie Goertz eines meiner absoluten Lesehighlights, und so konnte ich sein neuestes Werk „Im Schnee“ kaum erwarten.

Max ist über 80 Jahre alt und wohnt im (fiktiven) kleinen ...

Letztes Jahr war „Im Tal“ von Tommie Goertz eines meiner absoluten Lesehighlights, und so konnte ich sein neuestes Werk „Im Schnee“ kaum erwarten.

Max ist über 80 Jahre alt und wohnt im (fiktiven) kleinen fränkischen Dorf Austhal. Es ist Winter, Max sieht aus dem Fenster und denkt über das Leben nach. Gerade haben die Totenglocken geläutet, sein bester Freund Schorsch, den er sein Leben lang wie einen Bruder kannte, ist gestorben. Max macht sich auf zur Totenwacht: Abends wachen die Männer, von Mitternacht bis in den Morgen die Frauen. Max bleibt die ganze Nacht, so wie er auch mit Schorsch viel Zeit mit den Frauen des Dorfes verbracht hat, ob beim Besenbinden, Fertigen von Kräutersträußen oder Backen. Tief in Gedanken hängt er seinen Erinnerungen nach an eine Zeit, die nur noch in den Gedanken der Alten lebendig ist, Erinnerungen, die mit ihnen aussterben werden, genauso wie das Dorfleben. Denn das Dorflädchen, den Bäcker, den Schuster, den Metzger und all die anderen alten Gewerke gibt es schon lange nicht mehr. Doch Tommie Goertz verklärt das Dorfleben nicht, die vermeintliche Idylle, die keine ist und nie eine war: „Dieses Dorf (…) ist wie jedes Dorf. Da wohnen Leute, und da gibt es Misthaufen. Und je näher man herankommt, desto mehr stinkt es.“

Wie schon bei „Im Tal“ gelingt es Tommie Goertz auch hier auf unvergleichliche Weise, das Innenleben der Hauptfigur spürbar zu machen und in ihrer Tiefe auszuloten. Wieder ist die Hauptfigur ein stiller, wortkarger Mensch, der seine Gefühle nicht nach außen trägt, aber dennoch tief empfindet. Und in seinen Erinnerungen wird die alte Zeit wieder lebendig, so klar, dass man beim Lesen das Gefühl hat, unmittelbar dabei zu sein. Da ist die eingeschworene Dorfgemeinschaft der Alteingesessenen, die sich gegenseitig hilft. Wenn es etwas zu reparieren gibt, ist immer jemand zur Stelle, man feiert gemeinsam, trifft sich im Wirtshaus, kennt sich von Kindesbeinen an. Der Tee wird aus selbst gesammelten Wildkräutern bereitet, geschlachtet wird auf dem Hof, man ist autark als Gemeinschaft, aber auch hermetisch abgeschlossen ist gegen alles Neue. Die Zugezogenen aus dem Neubaugebiet gehören auch nach 40 Jahren nicht dazu, man bleibt beim „Sie“, lässt sie spüren, dass sie niemals dazugehören werden. Ganz zu schweigen gar von Geflüchteten – da wird lieber über Nacht ein Haus abgerissen, als zu riskieren, dass dort Afrikaner einquartiert werden. Die gegenseitige soziale Kontrolle ist hoch, jeder sieht alles, doch alle sehen auch gerne weg, wenn etwas nicht gesehen werden soll. Misshandlungen, cholerische Patriarchen – da mischt man sich lieber nicht ein. Und über Gefühle spricht man schon gar nicht. Beim Lesen bzw. Hören war die Enge für mich stellenweise geradezu körperlich spürbar.

Thomas Loibl liest „Im Schnee“ wunderbar nachdenklich ein und verleiht diesem leisen Roman genau den richtigen Ton.

Dieses Buch ist ein echtes Juwel, das ich unbedingt weiterempfehlen möchte, ebenso wie „Im Tal“. Sehr, sehr lesens- und hörenswert.

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Veröffentlicht am 02.02.2025

Geniales Buch mit Potential zum Klassiker!

Tinte, Staub und Schatten: Das Buch der Verlorenen
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Minna ist sechzehn Jahre alt und hat gerade die Realschule abgeschlossen. Seit elf Jahren hat sie nur einen Wunsch: Sie will Büchersucherin werden wie ihre Mutter. Diese verschwand damals im geheimnisvollen ...

Minna ist sechzehn Jahre alt und hat gerade die Realschule abgeschlossen. Seit elf Jahren hat sie nur einen Wunsch: Sie will Büchersucherin werden wie ihre Mutter. Diese verschwand damals im geheimnisvollen Bücherlabyrinth, und Minna setzt alles daran, das Verschwinden ihrer Mutter aufzuklären.

In ihrem Debüt „Tinte, Staub und Schatten“ entwirft Alina Metz eine spannende und faszinierende Welt voller Magie: In einem gigantischen unterirdischen Bücherlabyrinth lauern geheimnisvolle Staubwesen, und jeder, der das Labyrinth betritt, läuft Gefahr, auf Nimmerwiedersehen zu verschwinden. Die Alexandrinische Gesellschaft als zentrales Verwaltungsorgan wacht über das Labyrinth, und die Büchersucher sind darin ausgebildet, sich mittels Staubmechaniken im Labyrinth zu orientieren und gegen drohende Gefahren zu verteidigen.

Die Autorin stellt Minna interessante Charaktere zur Seite: Da sind unter anderem die unkonventionelle Staubmechanikerin Litotes, Minnas grummeliger Lehrherr Raban Krull, sein tollpatschiger Sohn Gulliver und Jascha. Gulliver und Jascha sind ebenfalls Büchersucherlehrlinge. Jascha wird zudem als androgyne, queere Person dargestellt. Hier fand ich besonders gelungen, dass Jascha damit völlig selbstverständlich umgeht und das selbst auch gar nicht groß thematisiert, jedoch immer wieder mit entsprechenden Zuschreibungen und Klischees von außen konfrontiert wird und hierdurch auch genervt ist. Das wirkt auf mich sehr realitätsnah.

Das Bücherlabyrinth mit all seinen Facetten bietet sehr viel erzählerisches Potential und erinnert darin an Genre-Klassiker wie Cornelia Funkes Tintenwelt. „Tinte, Staub und Schatten“ ist als Dilogie konzipiert, und zwei Bände wirken fast ein wenig knapp bemessen, um dieses Potential komplett auszuschöpfen. So kommt die Ausbildung der Büchersucherlehrlinge durch Raban für mich im ersten Band etwas zu kurz. Bereits nach wenigen Tagen kann Minna die Staubmechaniken kontrollieren, und Lehreinheiten finden quasi nicht statt. Von den drei geisterhaften Patronen des Labyrinths kommt in Band 1 bisher nur einer nennenswert vor. Hier bin ich gespannt, ob in Band 2 die beiden anderen noch eine größere Rolle spielen dürfen.

Ich habe das Buch zusammen mit meinem knapp elfjährigen Sohn gelesen. Von Beginn an hat uns der lebendige und auch humorvolle Schreibstil richtig gut gefallen. Ich konnte mich sofort in Minna hineinversetzen und mir auch die weiteren Charaktere lebhaft vorstellen. Die Handlung ist bis zur letzten Seite voller spannender Wendungen und Abenteuer, so dass wir das Buch regelrecht verschlungen haben. Wir freuen uns schon sehr auf den zweiten Band und können es kaum erwarten zu erfahren, wie die Geschichte weitergeht!

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Veröffentlicht am 02.02.2025

spannender Thriller mit realistischen Charakteren

They Are Everywhere: Ein Near-Future-Thriller mit Sogfaktor!
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Wir befinden uns im Jahr 2055. Die 16-jährige Hannah aus Deutschland lebt zunehmend in der Onlinewelt Metaverse, in der Realität fühlt sich der unsichere Teenager zunehmend unwohl. Ihre Eltern schicken ...

Wir befinden uns im Jahr 2055. Die 16-jährige Hannah aus Deutschland lebt zunehmend in der Onlinewelt Metaverse, in der Realität fühlt sich der unsichere Teenager zunehmend unwohl. Ihre Eltern schicken sie daher in den Ferien auf Digital-Entzug auf eine Farm in Ohio. Dort lernt sie Jarrett kennen, der auch mit ihr auf der Farm leben wird. Kaum angekommen, spielen alle Maschinen verrückt – Hausroboter, Fahrzeuge und Drohnen wenden sich plötzlich gegen die Menschen, und eine tödliche Jagd beginnt…

Nachdem ich vom Autor Andreas Langer bereits „Schneekinder“ gelesen hatte, war ich sehr gespannt auf seinen neuen Roman. Auf den ersten Blick ein ganz anderes Setting, aber auch hier liegt der Fokus wieder auf der Entwicklung der Charaktere angesichts einer Extremsituation. Wie verhalten sich Hannah und Jarrett in dieser Apokalypse, welche Entwicklung machen sie, einzeln für sich und zusammen, durch?

Die technischen Aspekte der Cyber-Katastrophe stehen hingegen im Hintergrund. An manchen Stellen treffen für mich recht viele Zufälle aufeinander, und die Auflösung geht mir etwas zu schnell. Dennoch bleibt die Handlung bis zum Schluss hochspannend, und dank des flüssigen und sehr lebendigen Schreibstils möchte man das Buch gar nicht aus der Hand legen. Für mich punktet die Geschichte ganz besonders in der Figurenzeichnung, und gerade in Hannah konnte ich mich von Anfang an besonders gut hineinversetzen. Die Ängste, Sorgen und Unsicherheiten von Hannah und Jarrett gleichen denen heutiger Jugendlicher, die sich auf der Suche nach ihrer Identität befinden, und die Zielgruppe ab 14 Jahren wird sich sicherlich in den beiden wiederfinden.

Die Altersempfehlung finde ich aufgrund einiger blutiger Szenen als sehr passend und würde sie nicht unterschreiten.
Fazit: Ein actionreicher, aber auch nachdenklich stimmender Thriller, den ich gerne weiterempfehle.

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Veröffentlicht am 28.01.2025

ungewöhnliche Bilder, leckere Rezepte

Suppenkult - Deutscher Kochbuchpreis Gold in der Kategorie Foodfotografie
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Suppen und Eintöpfe gehen bei uns gerade in der kühleren Jahreszeit immer, und so war ich sofort neugierig auf das Buch „Suppenkult“.
Das Buch ist eingeteilt in 6 Kapitel: Brühen, Frühling, Sommer, Herbst, ...

Suppen und Eintöpfe gehen bei uns gerade in der kühleren Jahreszeit immer, und so war ich sofort neugierig auf das Buch „Suppenkult“.
Das Buch ist eingeteilt in 6 Kapitel: Brühen, Frühling, Sommer, Herbst, Winter und Einlagen/Toppings. Die jahreszeitliche Zuordnung ist eine sehr gute Idee, bevorzugt man im Frühling und Sommer doch eher leichtere und fruchtige Suppen, und auch die Zutaten sind meist saisonal gewählt.
Auffällig sind die eher kühl, retro und reduziert anmutenden Foodfotos zu den einzelnen Suppen, die gelegentlich ergänzt werden durch ungewöhnliche Nahaufnahmen eines Speiseausschnittes. Bei den Fotos scheint zuweilen eher der künstlerische Aspekt im Vordergrund zu stehen als die Praxistauglichkeit, etwa, wenn sich auf dem Teller mit der Wurzelgemüsesuppe komplette Kartoffeln, Karotten und ganze Knollen Roter Beete wiederfinden. Ich muss ehrlich sagen, dass mir die Bilder etwas zu trist und nüchtern sind, um richtig Appetit zu wecken, dies ist jedoch – im wahrsten Sinne des Wortes – Geschmackssache. Leider sind auch nicht alle Rezepte bebildert.
Neben klassischen Suppen wie Borschtsch und Pichelsteiner Eintopf sind viele Rezepte mit überraschenden Aromakombinationen enthalten, etwa eine Zucchinisuppe mit gebackenen Apfelringen oder eine Zitronensuppe mit Quarkklößchen. Auch die Zutaten variieren über eine große Bandbreite – von „hab ich immer zu Hause“ bis exotisch und aufwendiger zu beschaffen ist alles dabei. Ausprobiert habe ich bisher die Rotkohlsuppe und die Apfel-Kartoffelsuppe mit Zwiebelringen, die beide sehr lecker waren. Wir werden definitiv noch weitere Rezepte nachkochen.
Die Beschreibung der einzelnen Rezepte ist eher knapp gehalten, aber für alle mit etwas Kocherfahrung ausreichend. Ich vermisse leider Angaben zu Zubereitungszeiten. Auch Piktogramme zu veganen oder vegetarischen Gerichten wären schön gewesen, um diese auf den ersten Blick erfassen zu können. Bei den Einlagen und Toppings war für mich bis auf die Gemüsechips nichts Neues dabei, dieses Kapitel hätte gerne etwas umfangreicher ausfallen dürfen.
Insgesamt eine sehr interessante Sammlung teils außergewöhnlicher Suppenrezepte, die Abwechslung auf den Tisch bringen.

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