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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 31.07.2023

Sehr einfühlsam geschrieben

Irgendwo wartet das Leben
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Obwohl ich eher selten Jugendliteratur lese - es sei denn, ich lese meinem Sohn vor -, bin ich in dieses Buch von der ersten Seite an abgetaucht. Der Autorin Erin Entrada Kelly gelingt es wunderbar, das ...

Obwohl ich eher selten Jugendliteratur lese - es sei denn, ich lese meinem Sohn vor -, bin ich in dieses Buch von der ersten Seite an abgetaucht. Der Autorin Erin Entrada Kelly gelingt es wunderbar, das Leben in einem kleinen Ort im amerikanischen Nirgendwo zu beschreiben, die seit Generationen festgefahren Strukturen, die übersichtlichen Möglichkeiten und die gleichförmige Langeweile. Jeder kennt jeden, jeder weiß alles vom anderen, und die Enge kann erstickend sein. Das spüren in der 7. Klasse vor allem die Außenseiter wie Didi und Greyson. Da taucht mit Orchid eine neue Schülerin auf, geheimnisvoll, weit gereist,  freundlich, offen gegenüber allen. Durch ihre Anwesenheit verändert sich das Gefüge in der Klasse und Festgefahrenes beginnt aufzubrechen. Sehr feinfühlig beschreibt Kelly die Suche der Jugendlichen nach der eigenen Identität, ihren Wunsch nach Individualität, ihre Sehnsüchte und Unsicherheiten. Insbesondere der sensible und ruhige Greyson, der von seinem Bruder und seinem Vater gehänselt wird, wächst durch die Freundschaft mit Orchid und findet den Mut, zu sich selbst zu stehen. Da Kelly immer wieder die Erzählperspektive wechselt, konnte ich als Leserin sehr gut mit den verschiedenen Charakteren mitfühlen und das Geschehen aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten. Immer wieder habe ich mich auch meine eigenen Gefühle als Teenagerin erinnert.

Ein wundervoll geschriebenes Buch, das Mut macht, sich selbst anzunehmen, sich nicht unterkriegen zu lassen und seine Träume zu leben - denn irgendwo wartet das Leben!

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Veröffentlicht am 27.07.2023

Erfrischend und humorvoll

Wilde Jagd
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Prof. Dr. Quintus Erlach ist 53 Jahre alt, Philosophieprofessor in Salzburg, und befindet sich in einer Familienkrise. Er hat sich daher mit dem Familienhund Machtnix in sein leerstehendes Elternhaus in ...

Prof. Dr. Quintus Erlach ist 53 Jahre alt, Philosophieprofessor in Salzburg, und befindet sich in einer Familienkrise. Er hat sich daher mit dem Familienhund Machtnix in sein leerstehendes Elternhaus in einem kleinen Bergdorf zurückgezogen. Dort lernt er Evelina, die Pflegerin von Herwig Zillner kennen, des reichsten Mannes im Dorf. Von ihr erfährt er, dass ihre Vorgängerin Angelika spurlos verschwunden ist, und beide machen sich auf die Suche nach ihr. Evelina scheint übersinnliche Fähigkeiten zu haben, was Erlach, der an die Gesetze der Logik glaubt, gleichzeitig verstört und fasziniert.

Der trocken-humorvolle Schreibstil gefiel mir auf Anhieb, und die ungewöhnliche Geschichte hat mich fasziniert. Da ich übersinnlichen Fähigkeiten gegenüber mehr als skeptisch bin, war ich während des Lesens ähnlich wie Quintus hin- und hergerissen, habe den Roman aber sehr genossen. Mehr möchte ich an dieser Stelle nicht verraten.

"Wilde Jagd" von René Freund ist eine sehr gelungene und unterhaltsame Mischung aus Kriminalroman, einer augenzwinkernd-liebevollen Beschreibung österreichischen Dorflebens und psychologisch-philosophischer Betrachtungen. Was bedeutet Realität, wo liegen die Grenzen unserer Wahrnehmung, und wie interpretieren wir die Dinge, die wir wahrnehmen? Wo endet Intuition, und wo beginnt das Übersinnliche, und gibt es letzteres überhaupt?

Ein sehr erfrischender, abwechslungsreicher, humorvoller Roman mit interessanten Gedanken, den ich auf jeden Fall weiterempfehlen möchte!

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Veröffentlicht am 27.07.2023

Bewegend, schockierend, unvergesslich

Kontur eines Lebens
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"Kontur eines Lebens" von Jaap Robben hat mich emotional sehr aufgewühlt. Was Frieda in den 60er Jahren durchmachen musste, als sie unverheiratet und ungewollt schwanger wurde, hat mich beim Lesen fassungslos ...

"Kontur eines Lebens" von Jaap Robben hat mich emotional sehr aufgewühlt. Was Frieda in den 60er Jahren durchmachen musste, als sie unverheiratet und ungewollt schwanger wurde, hat mich beim Lesen fassungslos gemacht, wütend und traurig. Zugleich war ich tief beeindruckt von ihrer Entschlossenheit und ihrem Mut.

Jaap Robben erzählt in zwei Handlungssträngen.  Der erste spielt in der Gegenwart der inzwischen 81-jährigen Frieda, und der zweite lässt Frieda auf ihr Leben als junges Mädchen in den 60er Jahren zurückblicken. Beide Frauen sind glaubhaft und detailliert gezeichnet, die Gebrechen des Alters und das Verschwinden in den Erinnerungen an frühere Zeiten ebenso wie die Lebenslust und die schmerzvollen Erlebnisse der jungen Frau. Durch Trauer und Verlust, die Frieda im Alter erlebt, wird lange Verdrängtes aus Friedas Jugend wieder lebendig, und sie stellt sich ihren Gefühlen. Je mehr man über die junge Frieda erfährt, desto besser versteht man als Leser*in auch die ältere Frieda.

Bemerkenswert finde ich, dass dieses Buch, das aus der weiblichen Ich-Perspektive Friedas Erlebnisse, Gedanken und Gefühle schildert, auch rund um eine Schwangerschaft und Geburt, von einem Mann verfasst wurde. Jaap Robben gelingt es hervorragend, Friedas Seelenleben und ihre körperlichen Empfindungen zu beschreiben, und man spürt, dass er hier sorgfältig recherchiert hat und fachlich beraten wurde (im Nachwort erwähnt er u.a. eine Gynäkologin und eine Geburtshelferin).

Dieses Buch ist alles andere als einfach zu verdauen, aber ungemein wichtig, um zu zeigen, wie Frauen noch vor gerade einmal 60 Jahren stigmatisiert, geächtet und ausgegrenzt wurden, wenn sie ohne Trauschein schwanger wurden. Es drohte der komplette soziale Abstieg, der Verlust von gesellschaftlicher Stellung, Wohnung, Arbeit, Familie,  Freundeskreis. Auch die Rolle der katholischen Kirche ist alles andere als rühmlich, und von Barmherzigkeit und Nächstenliebe ist wenig zu spüren.

Dieses Buch hat mich richtig gefesselt, ich habe mit Frieda gelitten, getrauert und mitgefiebert. Es wird mir sicher noch sehr lange in Erinnerung bleiben, und ich möchte es von ganzem Herzen weiterempfehlen.

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Veröffentlicht am 27.07.2023

Tierisch gut!

Kater Chaos – Au Backe, ein Hamster!
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In "Kater Chaos - Au Backe, ein Hamster" von Katja Reidle erzählt der aufgeweckte Kater Pommes vom Leben mit seiner Menschenfamilie, die aus den Eltern Julia und Moritz und den Kindern Pauline und Jonah ...

In "Kater Chaos - Au Backe, ein Hamster" von Katja Reidle erzählt der aufgeweckte Kater Pommes vom Leben mit seiner Menschenfamilie, die aus den Eltern Julia und Moritz und den Kindern Pauline und Jonah besteht. Eines Tages bekommt die Familie Zuwachs: Der Hamster Mimi zieht ein und Pommes ist davon alles andere als begeistert. Doch er und Mimi werden schnell Freunde, und wenn es um darum geht, "ihren" Menschen zur Seite zu stehen,  halten die beiden fest zusammen. Ob ein Besuch von Paulines verwöhnter Freundin, Papas Männerabend, Jonas vergeigter Mathetest, ein drohender Streit oder Jonahs Gruselparty - die beiden sind immer für eine Überraschung gut.

Das Buch enthält viele schöne, durchgehend farbige Illustrationen von Alexandra Helm, die den Text auflockern und auch kleine Lesemuffel bei der Stange halten. Auch die Einteilung in 10 jeweils abgeschlossene Kapitel ist für Leseanfänger ab der zweiten Klasse ideal. Für jüngere Kinder ab ca. 4 Jahren eignet sich das Buch wunderbar zum Vorlesen.

Wer Lust auf ein kurzweiliges Buch über zwei sympathische und gewitzte Haustiere hat, das nette und unterhaltsame Geschichten aus dem Familienalltag bietet, ist hier genau richtig!

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Veröffentlicht am 23.07.2023

Sehr konstruierter Fall

Mord auf der Insel Gokumon
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Mit "Mord auf der Insel Gokumon" erscheint nach "Die rätselhaften Honjin-Morde" der zweite Band um den Privatdetektiv Kosuke Kindaichi des japanischen Autors Seishi Yokomizo erstmals auf Deutsch. Yokomizo ...

Mit "Mord auf der Insel Gokumon" erscheint nach "Die rätselhaften Honjin-Morde" der zweite Band um den Privatdetektiv Kosuke Kindaichi des japanischen Autors Seishi Yokomizo erstmals auf Deutsch. Yokomizo verstarb bereits 1981, und die japanische Erstausgabe des Bandes erschien 1971.

Ich kenne den ersten Band nicht, doch da die Fälle in sich abgeschlossen sind, ist es problemlos möglich,  mit Band 2 einzusteigen.

Die leicht altertümliche Erzählweise und der aufwendig konstruierte Fall erinnern mich etwas an Agatha Christie und Arthur Conan Doyle. Doch während bei Poirot und Sherlock Holmes meist ein Ich-Erzähler zu Wort kommt und sich die Geschichten sehr vergnüglich lesen, verwendet Yokomizo eine auktoriale Perspektive. Zusammen mit seinem recht spröden Sprachstil bewirkte dies, dass ich zu allen Charakteren auf Distanz blieb und auch mit Konsuke Kindaichi nicht richtig warm wurde. Die meisten Figuren waren mir sehr unsympathisch, so dass ich nicht mit ihnen mitfühlen und tief in die Geschichte eintauchen konnte. Die Lösung des Falles erschien mir sehr abstrus und weit hergeholt, und es bleiben bei näherer Betrachtung Ungereimtheiten. Dass mir die Motive sehr abwegig erscheinen, liegt möglicherweise auch daran, dass ich mit der japanischen Kultur nicht vertraut bin.

Hilfreich war diesbezüglich der Anhang, in dem die wichtigsten japanischen Begriffe erläutert wurden. Leider wurden diese im Text des Ebooks nicht mit Links hinterlegt, was das Nachschlagen deutlich erleichtert hätte. Mir ist nicht klar, warum nach wie vor viele Verlage diese technische Möglichkeit nicht nutzen.

Wer sich das Buch lieber vorlesen lassen möchte, kann zum Hörbuch greifen, das vom Schauspieler und Sprecher Dennis Moschito mit sehr angenehmer Stimme eingelesen wurde.

Insgesamt fand ich es interessant, Einblicke in japanische Bräuche und gesellschaftliche Konventionen Ende der 1940er Jahre zu erhalten. Der Kriminalfall und der etwas umständliche Erzählstil mit vielen Wiederholungen konnten mich jedoch nicht überzeugen, und ich werde diese Reihe nicht weiter verfolgen.

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