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Veröffentlicht am 02.11.2025

Action und Hochspannung zur Wendezeit

Kälter
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Amrum, 1989. Acht Jahre sind vergangen, seit Luzy Morgenroth ihrem bisherigen Leben den Rücken kehrte und nun als Inselpolizistin eine ruhige Kugel schiebt. Als der Bruder ihrer besten Freundin eines Abends ...

Amrum, 1989. Acht Jahre sind vergangen, seit Luzy Morgenroth ihrem bisherigen Leben den Rücken kehrte und nun als Inselpolizistin eine ruhige Kugel schiebt. Als der Bruder ihrer besten Freundin eines Abends jedoch spurlos von der Autofähre verschwindet, spürt Luzy instinktiv, dass dies kein Unfall war. Sie bekommt es schon bald mit einem Killerkommando zu tun und muss ihre alten Fähigkeiten und Instinkte reaktivieren. Mitten in den Wirren, die der Zusammenbruch des Ostblocks auslöst, findet Luzy sich in einem unübersichtlichen Geflecht verschiedenster Geheimdienstinteressen wieder, in der ein Dämon aus der Vergangenheit auf sie wartet.

Andreas Pflüger ist mit „Kälter“ ein rasanter, actiongeladener Agententhriller gelungen, der reich an überraschen Wendungen ist. Die Verstrickungen der einzelnen Figuren zwischen MfS, KGB, CIA, BKA, BND und Mossad sind komplex und erfordern Konzentration beim Lesen, sorgen aber bis zur allerletzten Seite für absolute Hochspannung. Viel Raum nehmen die teils recht brutalen Kampfszenen ein, die Pflüger wortreich beschreibt und häufig mit Anspielungen auf Filme, Musikstücke und Literatur verbindet. Immer wieder zitiert er auch Stephen Hawking und zieht Vergleiche zwischen Luzys Wahrnehmung und der Quantenmechanik, die mich als Naturwissenschaftlerin eher nervten. Seine verwendeten Bilder wirken dabei zuweilen etwas effekthascherisch und zogen die Szenen unnötig in die Länge; da wäre weniger mehr gewesen. Die Dialoge sind taff und markig, manchmal zynisch, und gelegentlich blitzt auch Humor durch, der für etwas Auflockerung sorgt.

Wer bereits den preisgekrönten Thriller „Wie Sterben geht“ gelesen hat, kann sich über ein Wiedersehen mit einigen Protagonisten freuen, auch bestimmte Ereignisse darin werden erwähnt. Allerdings sind diese für das Verständnis der Handlung von „Kälter“ nicht von Belang, so dass sich der neue Thriller unabhängig lesen lässt.

Wie immer beeindruckt Pflügler durch seine tiefgehende Recherchearbeit und sein Insider-Wissen. Im Nachwort erwähnt er hierbei auch Quellen vom BND, der Sicherungsgruppe beim BKA und seine Freundschaft mit dem ehemaligen Präsidenten des BKA.

Fazit: Ein sehr empfehlenswerter Thriller für alle, die komplexe Geheimdienst-Plots mit viel Action schätzen und gerne nochmal in die spannende Wendezeit abtauchen möchten.

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Veröffentlicht am 25.10.2025

Spannung und Abenteuer im viktorianischen London

Joshua Jackelby
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London im Jahr 1851. Joshua Jackelby ist Zeitungsjunge und lebt zusammen mit seinen Freuden Leroy und Charlotte und seiner Hündin Hazel, die er aus der Themse gerettet hat, im Bahnhofsgebäude der „Waterloo ...

London im Jahr 1851. Joshua Jackelby ist Zeitungsjunge und lebt zusammen mit seinen Freuden Leroy und Charlotte und seiner Hündin Hazel, die er aus der Themse gerettet hat, im Bahnhofsgebäude der „Waterloo Station“. Als sie eines Tages einen schwer verletzten Mann finden, beginnt ein großes Abenteuer für die drei Freunde, bei dem sie es nicht nur mit einer gefährliche Straßengang zu tun bekommen, sondern auch einen beispiellosen Raub verhindern müssen, der von langer Hand geplant wurde.

Ich habe dieses Buch zusammen mit meinem Sohn (11) gelesen, und dank der lebendigen und bildhaften Schreibweise konnten wir tief ins viktorianische London eintauchen. Joshua ist ein empathischer und sensibler Junge, der überlegt handelt, Charlotte („Charlie“) ist mutig und pragmatisch, und Leroy ist gut darin, Dinge zu „organisieren“ und das Überleben der drei zu sichern. Darüber hinaus unterstützt er auch seine kleinen Geschwister, die in prekären Verhältnissen leben. Die Freunde halten fest zusammen und haben früh gelernt, Verantwortung für sich zu übernehmen.
Die Handlung spielt zur Zeit der echten Weltausstellung im Hyde Park, und ganz nebenbei erfährt man interessante historische Details. Überhaupt gelingt es dem Autor Benedict Mirrow hervorragend, ein Gefühl für die damaligen Lebensverhältnisse zu vermitteln und Geschichtliches rund um Medizin (Anästhesie, Cholera-Bekämpfung), technische Erfindungen und gesellschaftliche Aspekte einzuflechten. Insbesondere die Ausbeutung von Arbeitskräften aus den Kolonien, die in Großbritannien als Haussklaven gehalten wurden, Diskriminierung und Rassismus rückt er eindrucksvoll in den Fokus.

Uns beiden hat das Buch richtig gut gefallen. Ich habe den Eindruck, dass es für meinen Sohn besonders toll war, in Joshua und Leroy zwei spannende männliche Protagonisten haben. Viele Neuerscheinungen konzentrieren sich gerade auf weibliche Hauptfiguren, und „Joshua Jackelby“ ist somit gerade für Jungs besonders interessant (und natürlich gibt es auch hier tolle weibliche Charaktere). U.a. auch durch die Konfrontation mit der Straßengang bietet das Buch auch einiges an Action. Körperliche Auseinandersetzungen und auch Polizeigewalt werden thematisiert, aber nicht detailliert beschrieben. Besonders gut gefiel mir hier Joshuas überlegte Art zu handeln, mit der er klassische Freund-Feind-Schemata durchbricht und den Menschen in den Vordergrund stellt.

Im Nachwort ordnet der Autor die Geschichte in den historischen Kontext ein, was mir sehr gut gefällt. Hier hätte ich sogar gerne noch ein bisschen mehr gelesen, insbesondere auch zum „Himmelssegler“. Dieses Fluggerät nimmt im Buch eine zentrale Stellung ein, und es wäre interessant gewesen zu erfahren, ob ein derart angetriebener Apparat tatsächlich einmal gebaut wurde. Gefunden habe ich hierzu auch im Internet nichts.

Fazit: Eine spannende Abenteuergeschichte mit sympathischen Protagonisten, interessanten historischen Hintergrundinformationen zum viktorianischen London und tollen Botschaften. Eine klare Leseempfehlung von uns!

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Veröffentlicht am 22.10.2025

virtuos konstruierte Mischung aus Beziehungsroman, Krimi und Psychothriller

Die Deutschlehrerin
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Die Deutschlehrerin Mathilda und der Schriftsteller Xaver waren 16 Jahre lang ein Paar, bis Xaver eines Tages einfach seine Sachen packt und verschwindet, während Mathilda in der Arbeit ist. Mathilda fällt ...

Die Deutschlehrerin Mathilda und der Schriftsteller Xaver waren 16 Jahre lang ein Paar, bis Xaver eines Tages einfach seine Sachen packt und verschwindet, während Mathilda in der Arbeit ist. Mathilda fällt in ein tiefes Loch und braucht lange, um darüber hinwegzukommen. Viele Jahre später kreuzen sich ihre Wege durch einen Schreibworkshop an Mathildas Schule, für den ihr Xaver als Gastautor zugeteilt wird.

Mathildas und Xaver schreiben sich im Vorfeld des Workshops Emails, die im Wesentlichen die Grundlage des Buches bilden – quasi die moderne Form eines klassischen Briefromans.

Stück für Stück nähern sich die beiden per Mail an die schwierigen, bisher unausgesprochenen Themen ihrer Vergangenheit heran, und es wird klar, dass beide Geheimnisse mit sich tragen. Wortgewandt belauern und umtänzeln sie sich und versuchen, sich wechselseitig aus der Deckung zu locken, ohne selbst zu viel preiszugeben. Fiktive Geschichten, die sie sich erzählen, und Realität werden zu einem kunstvollen Reigen aus Beziehungsdrama, Krimi und Psychothriller verwoben, der einem beim Lesen den Atem anhalten lässt.

Mit jeder Mail bekommen die Charaktere mehr Kontur, und ich hatte Mathilda und Xaver beim Lesen lebendig vor Augen. Mathilda ist eine pragmatische, lebenstüchtige Frau, die in ihrem bürgerlichen Dasein als Lehrerin aufgeht und sich damals sehnlichst ein Kind von Xaver gewünscht hätte, während Xaver jegliche Verantwortung scheute und sich in der Rolle des freien, intellektuellen Künstlers gefiel, der sich in der Bewunderung seines Publikums sonnt. Auf eine bürgerliche Existenz blickt er mit Herablassung, auch wenn er sich von Mathilda während ihrer Beziehung finanziell aushalten ließ.

Bereits 2014 habe ich „Die Deutschlehrerin“ erstmals gelesen und auch 10 Jahre später zieht mich Judith Taschlers literarisch virtuos konstruierter Roman wieder in seinen Bann. Für mich ist dies das beste Werk der Autorin und ich kann es nur wärmstens weiterempfehlen!

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Veröffentlicht am 22.10.2025

sehr unterhaltsam und informativ

Die Weltgeschichte in zwölf Bohnen
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Kurz und knackig wirft Joël Broekaert auf 176 Seiten einen höchst ungewöhnlichen Blick auf die Weltgeschichte: In dreizehn Kapiteln erzählt er anhand von zwölf Bohnen (die Ackerbohne hat zwei Auftritte) ...

Kurz und knackig wirft Joël Broekaert auf 176 Seiten einen höchst ungewöhnlichen Blick auf die Weltgeschichte: In dreizehn Kapiteln erzählt er anhand von zwölf Bohnen (die Ackerbohne hat zwei Auftritte) und deren Einfluss kurzweilige, lehrreiche, oft ungewöhnliche historische Episoden und zeigt, wie eng verwoben Geschichte, Politik, Kultur und Ernährungsgewohnheiten sind.

Besonders gut gefiel mir das Kapitel über die Antike und die Ackerbohne, in dem der Autor etwa darüber sinniert, warum Pythagoras ein strikter Bohnen-Verweigerer war und ganz nebenbei die Wortverwandtschaft der Bohne in verschiedenen Sprachen erläutert. Diese Gedanken lesen sich höchst vergnüglich, und die Vorstellung des geräuschvoll Bohnen verdauenden Diogenes in seiner Regentonne brachte mich zum Lachen.

Für geschichtsinteressierte Leserinnen und Leser eine informative und äußerst unterhaltsame Lektüre; auch ein sehr schönes Geschenk!

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Veröffentlicht am 22.10.2025

eher gewaltvolles Familienepos als Thriller

Adama
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Adama ist ein epischer Familienroman, der über mehrere Generationen hinweg erzählt wird, in meinen Augen jedoch weder ein Kriminalroman noch ein Thriller. Die Erzählweise mag stellenweise Thrillerelemente ...

Adama ist ein epischer Familienroman, der über mehrere Generationen hinweg erzählt wird, in meinen Augen jedoch weder ein Kriminalroman noch ein Thriller. Die Erzählweise mag stellenweise Thrillerelemente aufweisen, auch das Gewaltpotential im Buch ist hoch, wer Spannung oder Suspense erwartet, wird jedoch enttäuscht werden.

Stattdessen erzählt Lavie Tidhar achronologisch die Geschichte von Ruths Familie zwischen 1945 und 2009, die eng verwoben mit der gewaltvollen Gründungsgeschichte Israels ist. Der Autor deutet hier mehr an, als dass er erklärt und auserzählt, ein beträchtliches historisches Vorwissen wird also vorausgesetzt. Das war kein Problem für mich, jedoch bleiben auch bestimmte kriminelle Machenschaften und deren Auftraggeber im Dunkeln, so dass es teilweise bis zum Schluss nicht klar wird, wer auf welcher Seite für wen arbeitet. Das mag symptomatisch für die turbulente Anfangszeit des Staates Israels sein, ich empfand es jedoch als sehr unbefriedigend.

Die Charaktere sind klar gezeichnet, ambivalent und meist knallhart. Als Identifikationsfiguren eignen sie sich nicht, ich blieb zu allen auf Distanz und merkte beim Lesen, dass mir ihr Schicksal im Grunde egal war und dadurch für mich weder Spannung noch Emotionen aufkamen. Hierbei sticht besonders die sehr unerbittlich wirkende ungarischstämmige Zionistin Ruth heraus, die für das höhere Ziel eines Staates Israel buchstäblich über Leichen geht, auf brutale Rache sinnt und niemals vergeben kann. Als eine der ersten Siedlerinnen hat sie den Kibbuz Trashim mit aufgebaut und ordnet der Gemeinschaft alles unter. Das hier beschriebene Leben im sozialistischen Kibbuz fand ich sehr interessant (wenn auch für mich als Individualistin im höchsten Maße abschreckend), und machte für mich den besonderen Reiz des Buches aus. Der Blickwinkel ist stark zionistisch geprägt, da Leid der arabischen Bevölkerung durch die Nakba klingt nur schwach am Rande an.

Alles in allem ein durchaus gut geschriebenes und lesenswertes Buch, aber leider nicht mein Geschmack.

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