Die Suche nach dem Leben - und wie man "was wird"
Statt aus dem Fenster zu schauenAus einer Laune heraus kauft Sophie ein altes, verfallenes Haus im Osten Deutschlands und ehe sie sich versieht, findet sie sich in der absoluten Einöde wieder, mit einer Ruine, die nur mehr entfernt an ...
Aus einer Laune heraus kauft Sophie ein altes, verfallenes Haus im Osten Deutschlands und ehe sie sich versieht, findet sie sich in der absoluten Einöde wieder, mit einer Ruine, die nur mehr entfernt an ein Haus erinnert. Nach anfänglichen Zweifeln beschließt Sophie, diese zu renovieren und sich dem Landleben zu stellen und mit jeder Herausforderung, die sich ihr stellt, lernt sie Dinge, mit denen sie zuvor nie konfrontiert war. Fernab der Zivilisation entdeckt Sophie nach und nach, was im Leben wirklich zählt und während sie ihr neues Leben in Angriff nimmt und mit dem Unverständnis ihrer leistungsorientierten Mitmenschen kämpft, stellt sie sich immer wieder die Frage, wie man denn wirklich "was wird".
Anna Katharina Scheidemantel hat mit "Statt aus dem Fenster zu schauen" einen sehr tiefgründigen, zugleich aber unglaublich unterhaltsamen Roman geschrieben. Von Beginn an gewinnt die Protagonistin Sophie die Sympathie der Leser*innen und während man anfangs wohl eher zu der Fraktion der verständnislosen Mitmenschen zählt, taucht man nach und nach mit Sophie in ihr neues Leben ein. Mit viel Wortwitz schildert Scheidemantel die Situationen, in denen sich die Studentin Sophie wiederfindet und Seite für Seite wächst die Bewunderung für die junge Frau, die sich ihren Herausforderungen stellt, bis man ihren neuen Lebensweg immer besser nachvollziehen kann.
Ohne Strom, fließendes Wasser und mit einem undichten Dach über dem Kopf kämpft sich Sophie in ihr neues Leben und sie macht das großartig. Während sie diese äußeren Umstände nach und nach zu regeln vermag, tun sich für Sophie immer mehr Zweifel an ihrer bisherigen Lebensführung auf und je länger sie das tut, desto mehr Zweifel kommen ihr, ob denn ihr bisheriger Weg, wo ihr Ziel war "etwas zu werden", der einzig wahre war. Schnell beginnt sie Definitionen zu hinterfragen und mit Stolz kann sie plötzlich auf Dinge zurück blicken, die sie zuvor nicht zu meistern in der Lage gewesen wäre.
"Statt aus dem Fenster zu schauen" ist ein Roman über die Dinge, die im Leben wirklich zählen. Er lässt Oberlächliches unbedeutend erscheinen und lässt die Normen der Gesellschaft neu hinterfragen. Auf kurzweilige Art und Weise und mit pointierten Aussagen, die oft zum Schmunzeln anregen, bringt der Roman immer wieder zum Nachdenken. So vieles findet sich zwischen den Zeilen, das bewegt und das einen anregt, auch selbst zu überdenken, ob weniger nicht manchmal mehr wäre, ob ein anderer Weg nicht ebenso gut und richtig wäre und ob es wirklich so wichtig ist, einmal "das" zu werden, was die Gesellschaft von uns erwartet.
Anna Katharina Scheidemantel belehrt nicht in ihrem Roman, sie unterhält. Sie tut das aber mit einer Präzision und einer Offenheit, die "Statt aus dem Fenster zu schauen" zu einem ganz großen Lesevergnügen machen. Das Buch hat mit seiner Offenheit, Tiefgründigkeit und seiner absolut großartig gewählten Sprache das Potential ein ganz großes Lesehighlight zu werden und ich empfehle es sehr gerne allen weiter, die nicht nur unterhalten werden wollen, sondern ein Buch lesen wollen, das auch noch nachwirkt.