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Veröffentlicht am 07.08.2023

Kein Nekrolog

Simone
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Die Journalistin Anja Reich spürt ihrer Freundin Simone nach, die vor langer Zeit - nämlich 1996 - Selbstmord beging, indem sie sich aus ihrem Mietshaus stürzte. Leider war es hoch genug.

In ...

Die Journalistin Anja Reich spürt ihrer Freundin Simone nach, die vor langer Zeit - nämlich 1996 - Selbstmord beging, indem sie sich aus ihrem Mietshaus stürzte. Leider war es hoch genug.

In diese Reminiszens an Simone ist einiges an Themen, an Textarten eingeflossen, es ist ein vielseitiges, keineswegs nur trauriges Werk geworden: unter anderem eine Art Sozialgeschichte der späten DDR bzw. der Übergangsjahre in die Wiedervereinigung bezogen auf die Generation der jungen Erwachsenen, eine Liebeserklärung an die Freundin, verbunden mit Erinnerungen.

Auch die Suche nach Ursachen, nach Gründen: die Autorin hat sich tief hinein begeben in diese Fragestellungen in Bezug auf den Suizid, hat verschiedene Theorien studiert, mit Therapeuten gesprochen und vieles mehr.

Es ist ein kluges und sehr persönliches Buch geworden, ein sehr ungewöhnliches Werk, man könnte es auch ein Lebenswerk nennen, hat Anja Reich doch so viel von sich selbst hineingepackt.

Ich verneige mich vor ihrem Mut, ihrer Bereitschaft, sich selbst darzulegen, den Lesern zu präsentieren, denn die Erinnerungen an Simone sind gleichzeitig welche an sich selbst. Sie sind nicht schonungslos - ich finde es sehr gelungen, dass hier nicht im herkömmlichen Sinne gewertet und schon gar nicht abgestraft wird - das macht das Buch trotz des schweren Themas auf gewisse Weise leicht zu lesen. Eine ausgesprochen lohnenswerte Lektüre für Leser, die nicht vor Extremen in jeder Hinsicht zurückschrecken.

Veröffentlicht am 29.07.2023

Ein ungewöhnliches Dorf

Nincshof
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ist es, das uns hier vorstellt wird, Nincshof nämlich, ein österreichisches Dorf in fußläufiger Entfernung zur ungarischen Grenze. Die Menschen, die dort leben, tun es gern, sie genießen die ...

ist es, das uns hier vorstellt wird, Nincshof nämlich, ein österreichisches Dorf in fußläufiger Entfernung zur ungarischen Grenze. Die Menschen, die dort leben, tun es gern, sie genießen die Ruhe und Zurückgezogenheit.

Und so soll es auch bleiben, denn niemand soll sie daran hindern, wie bisher heimlich in des Nachbars Pool zu schwimmen, was leider Erna Rohdiebl, der ihr loses Mundwerk wieder einmal zum Verhängnis wurde, nicht mehr möglich ist. Dafür wurde sie in die Runde der Oblivisten - einer Gruppierung von Patrioten, die ihr Dorf aus dem Fokus der Öffentlichkeit streichen wollen - aufgenommen, ganz gleich, ob sie wollte oder nicht

Auch die Geschichten, die im Dorf so kursieren - bspw. über eine Dame, die vielleicht Ernas Oma ist, vielleicht aber auch nicht, sollten zurückgehalten werden. Finden die Oblivisten. Erna hingegen freut sich über das Interesse der Hinzugezogenen, die zudem noch Irrziegen, eine besondere Art aus den südamerikanischen Anden, züchten.

Wer wird gewinnen - neu oder alt? Wird das Dorf in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gelangen oder im Gegenteil daraus getilgt werden?

Ein unterhaltsamer Roman, der jedoch nicht mit den Ergüssen einer Vea Kaiser - oder auch, wenn man nach Deutschland blickt, einer Verena Kessler mithalten kann. Verwegen in Ansätzen, so würde ich den Stil bezeichnen.

Veröffentlicht am 26.07.2023

Einen ziemlich heftigen Auftrag

Mord auf der Insel Gokumon
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Nämlich, seine Schwestern zu beschützen, gibt der sterbende Kriegskamerad Chimata Kito seinem Freund Kosuke Kitaichi mit auf dem Weg, verbunden mit dem Auftrag, sein Elternhaus auf der Insel ...

Nämlich, seine Schwestern zu beschützen, gibt der sterbende Kriegskamerad Chimata Kito seinem Freund Kosuke Kitaichi mit auf dem Weg, verbunden mit dem Auftrag, sein Elternhaus auf der Insel Gokumon zu besuchen.

Der zweite ins Deutsche übersetzte japanische Krimi mit dem absoluten Burner von Detektiv, den sich der Autor Seishi Yokomizo bereits in den 1940er Jahren hat einfallen lassen. Nämlich Kosuke Kitaichi, der diesmal - 1945 und damit acht Jahre nach seinem ersten Fall bereits vor getaner Tat vor Ort weilt. Wird er die Morde an drei Schwestern verhindern können?
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Gokumon ist eine eigenartige Insel, bewohnt von Fischern und den Nachkommen ehemaliger Strafgefangener. Die Menschen, die hier wohnen, leben sehr abgeschieden und genießen keinen guten Ruf. Die Akteure werden sorgfältig eingeführt, aber glauben Sie nicht, dass Ihnen das beim Rätseln und Kombinieren weiterhilft!

Auch in seinem zweiten Fall lässt der junge Privatdetektiv sich von nichts beeindrucken, stellt eine Menge absurd wirkender Fragen und löst den Fall im Stil von Hercule Poirot oder Miss Marple.

Herrlich! Zumal der Autor über jede Menge Humor verfügt, den er an geeigneten Stellen des Romans immer wieder durchblitzen lässt. Dazu kommen Fakten zur japanischen Geschichte, die zwar nur erläuternd erwähnt werden, aber dennoch den Fall sehr bereichern. Ich habe mit Kosuke Kitaichi einen neuen Lieblingsermittler und kann nur hoffen, dass bald weitere der insgesamt 77 Fälle mit dem klugen, aber manchmal schlampigen Detektiv übersetzt werden!

Veröffentlicht am 25.07.2023

Was macht die Liebe mit einem?

First Love
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Also mit mir, wenn sie mich zum ersten Mal erwischt? Oder nur einen anderen erwischt, der oder die mich nun liebt. Ich diese Person aber nicht? Sondern eine andere?

Ach Mann, das alles ist ...

Also mit mir, wenn sie mich zum ersten Mal erwischt? Oder nur einen anderen erwischt, der oder die mich nun liebt. Ich diese Person aber nicht? Sondern eine andere?

Ach Mann, das alles ist so verwirrend und so schön und gleichzeitig so furchtbar, dass ich eine Riesenangst davor habe.

In meiner eigenen Jugend in den 1970er Jahren gab es hauptsächlich Zeitschriften wie "Bravo" oder "Mädchen", die sich mit diesen Themen befassen und damals kam es mir so vor, dass alle in meinem Alter (so 11-13 Jahre) schon viel weiter waren als ich und bereits auf ein reichhaltiges Liebesleben zurückblicken konnten.

Was natürlich so wenig der Fall war, wie es das heute ist. Die Palette der Erfahrungen ist heute ebenso bunt, wie sie damals war und selten gibt jemand aus der erwähnten Altersklasse seine Erfahrungen in Gänze preis.

Ich finde ja, man sollte sich in solchen Texten auch etwas mehr auf beide Extreme (sehr erfahren und noch gar nichts wissend) einstellen, denn die in der Mitte, die kommen meist am ehesten zurecht.

Aber ich hatte damals befürchtet, dass man von mir erwartet, schon mit 11, 12 Jahren einen Freund zu haben, obwohl ich mich eigentlich noch sehr kindlich fühlte.

Man sollte auch hier etwas klarstellen, denn ich glaube, dass es heute zwar schon viel offener zugeht, aber immer noch nicht alles Notwendige abgedeckt ist. Auch nicht mit diesem Buch.

Veröffentlicht am 22.07.2023

Buch ohne Grenzen

Treacle Walker
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Ich hatte mich zunächst gewundert, warum nicht auf dem Titel eine Kategorisierung wie "Roman" oder "Novelle" angegeben ist. Doch als ich die Lektüre aufnahm, wurde mir schnell klar, dass eine ...

Ich hatte mich zunächst gewundert, warum nicht auf dem Titel eine Kategorisierung wie "Roman" oder "Novelle" angegeben ist. Doch als ich die Lektüre aufnahm, wurde mir schnell klar, dass eine solche Eingrenzung für dieses Werk unpassend wäre. Dazu kommt, dass die Handlung sich fernab von Raum und/oder Zeit, wie wir es kennen, vollzieht.

Worum es geht: Der junge Joe, ein Freund von Comics diverser Art, vernimmt einen Ruf vom Hof seines Hauses, wo er Treacle Walker kennenlernt, mit dem er einen merkwürdigen Tauschhandel vollzieht, wodurch sich ihm seine Augen - mit denen er ohnehin schon Probleme hat - und Sinne für neue Welten bzw. Sphären öffnen. Vielleicht auch "nur für neue Begegnungen, denn neben Treacle Walker trifft er auch Thin Amren und irgendwann auch sich selbst in einer zweiten Ausgabe.

Seine neuen Bekanntschaften sitzen - je nach individuellen Bedürfnissen - im Kamin oder draußen im Feuchten und schwadronieren Verwirrendes. Auch übereinander, man könnte es als eine Art fantastischen Klatsch bezeichnen.

Alle Akteure fallen dadurch auf, dass sie ausgesprochen erklärungsunfreudig sind. "Machs halt" oder "es ist eben so" sind Wendungen, die in den Dialogen der Figuren nicht selten vorkommen. Für mich war das wenig hilfreich, denn das Wesen der Dinge eröffnete sich mir nicht. Als Leserin die äußerst selten zu Fantasy greift, lautet meine Erkenntnis nach der Lektüre des Buches: Fantastisches ist etwas für sehr kluge oder sehr flexible Leser. Ich bin beides nicht. Jedenfalls nicht in der HInsicht, die hier vonnöten ist. Interessant war es aber trotzdem!