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Veröffentlicht am 26.07.2020

Abschied von einem cholerischen Loser

Das Meer in meinem Zimmer
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Pax ist tot - nein, er war längst nicht in dem Alter, in dem man normalerweise geht: es war Krebs. Und auch noch vieles, vieles andere dazu.

Pax: Ehemann (von Constanze, Psychologin) und Vater (zweier ...

Pax ist tot - nein, er war längst nicht in dem Alter, in dem man normalerweise geht: es war Krebs. Und auch noch vieles, vieles andere dazu.

Pax: Ehemann (von Constanze, Psychologin) und Vater (zweier wohlgeratener Töchter: Jolanda, 19 und Lilli, 9). Wenn man das alles so liest, fragt man sich, wie sie es mit ihm aushalten konnten. Denn er war nicht nur alles andere als einfach, er war...

Nein, das lesen Sie bitte schön selbst. Aber wenn Ihnen der Ausdruck Despot etwas sagt, dann können sie schonmal rätseln, was genau es wohl auf sich hat.

Der Roman ist aus der Sicht von Jolanda, der älteren Tochter geschrieben und schreibt mir in vielerlei Hinsicht aus dem Herzen. Denn auch ich habe meine Eltern (beide) verloren, als ich in einem ähnlichen (jungen) Alter war. Diese Hilflosigkeit, diese Unfähligkeit, sich an Schmerz und Verlust überhaupt heranzutasten - das kam mir sehr, sehr bekannt vor. Und die Autorin Jana Scheerer stellt es sehr passend dar. Vielleicht nicht einfühlsam (zumindest nicht für jedermann), vielmehr drastisch. Aber: ist es nicht drastisch, wenn der Vater so früh von uns geht? Auch wenn es hier zumindest aus der Sicht des Außenstehenden recht verständlich ist.

Denn Pax war - mit Verlaub - ein Loser. Einer der ersten Kategorie. Ich möchte nicht zu viel verraten, aber lebenstüchtig - das ist ein Adjektiv, das so gar nicht auf ihn zutrifft.

Autorin Scheerer hat - so glaube ich - viel Kraft aufbringen müssen für diesen Roman. Der voller Schmerz ist, aber auch voller Ironie. Und beides passt. Allerdings kann ich nicht garantieren, dass es beim Lesen nicht ans Eingemachte geht.

Ein heftiger Roman. Einer, den nicht jeder lesen kann oder will. Aber einer, der geschrieben werden musste.

Veröffentlicht am 26.07.2020

Modisches Italien

Die Modeschöpferin
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Rom zu Beginn der 1960er Jahre: Simonetta de Rosa ist seit einigen Jahren die erfolgreichste Modeschöpferin der Stadt und leitet ein großes Atelier. Wir dürfen eintauchen in die Welt der Mode, die Vorbereitungen ...

Rom zu Beginn der 1960er Jahre: Simonetta de Rosa ist seit einigen Jahren die erfolgreichste Modeschöpferin der Stadt und leitet ein großes Atelier. Wir dürfen eintauchen in die Welt der Mode, die Vorbereitungen auf die nächste Modenschau erleben und den Neid der anderen erfahren - es wird sogar kriminell.

Zudem hat Simonetta ein Geheimnis, das sie sorgsam hütet - wird es ihr möglicherweise zum Verhängnis?

Ein Konzept, das nicht neu ist bei Katja Maybach, doch der historische und auch dramatische Kontext ist wie jedesmal vollkommen unterschiedlich zu den Gegebenheiten der vorherigen Romane und wird wie immer eindringlich geschildert.Wie immer bei Katja Maybach - und das mag ich ganz besonders gern - sind es die Frauen, denen eine ganz besondere Rolle und Relevanz zukommt.

Katja Maybach ist eine Autorin, auf die man sich verlassen kann, sowohl hinsichtlich der historischen Einbettung als auch der Erzählkunst, die so gekonnt ist, dass es schwer ist, die Lektüre vor dem eigentlichen Ende zu unterbrechen. Was ich noch an den Romanen von Katja Maybach schätze: ihre Protagonisten sind keineswegs durchgehend Sympathieträger. Wobei das diesmal eher auf Nebenfiguren zutraf - zumindest aus meienr Sicht.

Diesmal weicht die Autorin ein wenig von ihren Gepflogenheiten ab. Anders als sonst so oft hat mich der Abschluss des Romans nochmal ziemlich überrascht - in einer ganz bestimmten, sehr zentralen Angelegenheit.
Alles in allem macht dieses Buch große Lust auf weitere Roman von Katja Maybach, soweit man diese noch nicht alle verschlungen hat. Ich habe jedesmal, wenn ich einen ihrer Romane in die Hand nehme, das Gefühl, ich treffe eine langjährige (beste) Freundin im neuen Kleid oder mit einer neuen Frisur! All das Vertraute, was ich an der Autorin Maybach so gerne mag, ist komplett vorhanden, doch es fehlt auch nicht an Neuem, Besonderem, womit ich mich bei einem neuen Buch gerne überraschen lasse.

Das vorliegende ist wärmstens zu empfehlen für jeden, der gerne mal einen hochwertigen, ausgezeichnet recherchierten historischen Roman liest und beim sich beim Lesen nicht nur in vergangene Zeiten, sondern auch in fremde Länder entführen lässt. Ein sehr dichtes, kluges, anschauliches und spannungsreiches Buch, das eher die weibliche Leserschaft adressiert, doch aufgrund der atmosphärischen Schilderung und der vorzüglichen Rechercheleistung auch dem ein oder anderen historisch interessierten Herren - sofern er einer süffigen Erzählweise mit romantischen Elementen nicht abgeneigt ist - eine interessante Lektüre bescheren könnte. Diesmal empfand ich besonders einige der Nebenfiguren als sehr kraftvoll und lebendig dargestellt. Sie waren die eigentliche Überraschung für mich an diesem stimmungsvollen, atmosphärischen Roman, der mich in ein Rom ohne Corona versetzte, das ich hoffentlich in der Zukunft bald wieder real erleben kann. Ich fühle mich sowohl bewegt als auch in vielerlei Hinsicht bereichert und fiebere schon dem nächsten Maybach-Roman entgegen!

Veröffentlicht am 20.07.2020

Zusammentreffen auf Beaumont

Ein Wort, um dich zu retten
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Die kleine Mittelmeerinsel Beaumont gilt als Insel des Rückzugs - zumindest für den ehemaligen Bestsellerautor Nathan Fowles, der dort sehr zurückgezogen lebt. Bis er - sicher nicht das erste Mal - Besuch ...

Die kleine Mittelmeerinsel Beaumont gilt als Insel des Rückzugs - zumindest für den ehemaligen Bestsellerautor Nathan Fowles, der dort sehr zurückgezogen lebt. Bis er - sicher nicht das erste Mal - Besuch bekommt und zwar gleich zweimal: einmal vom jungen hoffnungsvollen Autor Raphael Bataille, der bemüht ist, den Erfolgsautor zur Lektüre seines neuesten Manuskripts zu bewegen und dann von der Journalistin Mathilde Monney, die seinen Hund zurückbringt, was aber nicht der eigentliche Grund ihres Besuches ist.

Klar, dass Fowles (fast) alles tut, um die beiden abzuwimmeln, aber das ist gar nicht so einfach. Zumal alsbald auf der Insel eine Leiche aufgefunden wird. Kann es sein, dass einer der drei etwas damit zu tun hat und wenn ja, was?

Es beginnt eine lange Reihe weitschweifiger - und leider auch noch abschweifender - Rückblicke, die ein ganzes Heer an Nebenfiguren in Szene setzt und mich zumindest zeitweilig den Faden in diesem eigentlich recht vielversprechenden Spannungsroman verlieren ließ. Aber irgendwann hatte ich wirklich keine Lust mehr, war mir bei Spannungsromanen eigentlich selten passiert. Aber hier wurden die Enden derart umständlich zusammengefügt, dass ich irgendwann einfach keine Lust mehr hatte. Obwohl ich Mussos Werke eigentlich schätze, kann ich dieses leider nicht so recht weiterempfehlen!

Veröffentlicht am 15.07.2020

Ein Blick über den Tellerrand

Ein Sonntag mit Elena
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Wie soll ich ihn nennen, den Protagonisten dieses Romans? Denn im Buch ist er grundsätzlich "mein Vater", denn die Erzählerin ist Giulia, seine iüngere Tochter, das mittlere von drei Kindern ...

Wie soll ich ihn nennen, den Protagonisten dieses Romans? Denn im Buch ist er grundsätzlich "mein Vater", denn die Erzählerin ist Giulia, seine iüngere Tochter, das mittlere von drei Kindern und das, mit dem ihn sein sehr emotionales und gleichzeitig schwieriges Verhältnis verbindet. Ich werde ihn also mit Blick auf die Erzählerin als "Giulias Vater" bezeichnen.

Dabei ist sie gar nicht bei allem, was sie uns, den Lesern verrät, zugegen. Aber wie auch immer, sie weiß es und sorgt dafür, dass uns genug Hintergrundwissen über die Familie vermittelt wird.

Eine originelle Konstellation also, aus der ein ausgesprochen atmosphärischer Roman entstanden ist, bei dem der besagte Sonntag nicht ganz so zentral ist, wie es durch den Titel vermittelt wird. Oder vielleicht doch, aber auf andere Art und Weise.

Giulias Vater ist nämlich vor recht kurzer Zeit verwitwet , vor acht Monaten erst, unerwartet noch dazu. Er, der bis vor kurzem als Ingenieur an internationalen Brückenbauten überall in der Welt beteiligt und mehr unterwegs als zu Hause war, sucht nun nach einem neuen Platz, einer neuen Bestimmung im Leben - und findet sich in der Situation einer Hausfrau. Er hat nämlich - zum ersten Mal überhaupt in seinem Leben - für einen Teil seiner Familie gekocht und erwartet sie zum Sonntagsessen, kurzfristig erfolgt eine Absage.

Durch Zufall trifft er Elena, eine junge Frau - nur wenig älter als seine eigenen Kinder - mit ihrem Sohn Gaston im Park, es kommt zu einem gemeinsamen Mahl in seiner Wohnung. Die etwas in jedem der drei Beteiligten anstößt. Auf eine gewissermaßen beiläufige Art, wie es oft so im Leben ist.

Der Autor Fabio Geda macht deutlich, dass sich die Bedeutung dieser gemeinsamen Zeit erst im Nachhinein zeigt. Wie es so oft im Leben der Fall ist. Aber ich habe es noch nie so lebensah dargestellt in einem Roman erlebt. Wenngleich ich die technischen Beschreibungen, wenn es um den Job des Vaters ging, jetzt nicht so spannend fand. Und einiges andere auch nicht. Insgesamt aber ein lebendiger, farbiger Roman über das Leben als solches - und darüber, wie sich gewisse Gemengelagen von einem auf den anderen Moment verschieben, einfach so, bei jedem von uns. Das ist mir im Rahmen dieser Lektüre erst so richtig klar geworden!