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Veröffentlicht am 07.11.2019

Nicht nur Tee

Fettnäpfchenführer Ostfriesland
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gibt es in Ostfriesland in Hülle und Fülle - nein, man begegnet auch Schönheitswettbewerben sowie sportlichen Aktivitäten der besonderen Art, verspeist mit ein bisschen Glück (und guter Recherche im Vorfeld) ...

gibt es in Ostfriesland in Hülle und Fülle - nein, man begegnet auch Schönheitswettbewerben sowie sportlichen Aktivitäten der besonderen Art, verspeist mit ein bisschen Glück (und guter Recherche im Vorfeld) köstliches Essen und darf den herben Charme der "Ureinwohner" genießen.

Ja, in der Fremde unterscheidet sich vieles vom Leben daheim: man muss nicht unbedingt Landesgrenzen überschreiten, auch in vielen Regionen Deutschlands ticken die Uhren in mancher Hinsicht anders. Und wie!

In dieser Reihe wird gerade dieser Einstieg durch Zugezogene und Touristen veranschaulicht. Hier sind es Sonja aus Schwaben und ihr Freund Max, die sich in Ostfriesland und seine Besonderheiten einfinden wollen - und müssen! Vor allem Sonja, die dort bei einer Zeitung einsteigt - ausgerechnet im Lokalteil und dementsprechend schnell an ihre Grenzen stösst - vor allem bei der Reportage über einen Schönheitswettbewerb, der ganz anders ist als erwartet.
Ihr Freund Max besucht sie dort oft und überlegt, zu ihr zu ziehen. Wie sich die beiden schlagen und ob es dazu kommt, das können sie hier auf sehr unterhaltsame Art und Weise nachlesen und dabei viele der ostfriesischen Eigenarten kennenlernen. Und natürlich einiges an Tipps an die Hand bekommen. Mir standen in diesem Band die beiden Protagonisten ein bisschen zu sehr im Vordergrund, dennoch habe ich ihn sehr gerne und mit viel Freude gelesen.

Dies ist eine gute Vorbereitung bzw. Begleitung für Ostfriesland-Reisende jeder Art oder auch für Menschen, die sich für diesen Landstrich "einfach so" interessieren! Vielleicht wird nach der Lektüre ja mehr daraus!

Veröffentlicht am 04.11.2019

Der Herr der Bienen

Graue Bienen
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Das ist Sergej, der im Donbass, genau auf der Frontlinie, in einem kleinen menschenleeren Dorf lebt - mit seinen Bienenstöcken und mit Paschka, seinem Kindheitsfeind: die beiden, die allein zurückgeblieben ...

Das ist Sergej, der im Donbass, genau auf der Frontlinie, in einem kleinen menschenleeren Dorf lebt - mit seinen Bienenstöcken und mit Paschka, seinem Kindheitsfeind: die beiden, die allein zurückgeblieben sind und daher gezwungen sind, zumindest einen minimalen Kontakt zu halten. Was gar nicht so schlecht klappt und sich mit der Zeit intensiviert. Sergej zumindest - aus seiner Perspektive ist der Roman geschrieben - denkt irgendwann sogar mit einer gewissen Zuneigung, die ihn selbst verwundert, an Paschka.

Ansonsten gibt es Besuche von Soldaten beider Seiten - zu Paschka kommt einer der Separatisten, bei Sergej ist es Petro, der die Ukraine verteidigt. Sergej selbst ist neutral, er fühlt sich nicht als Kriegsführender.

So verlässt er irgendwann mitsamt seiner Bienen den Dobass, um ihnen ein ruhigeres Fleckchen zu gönnen - und möglicherweise mehr und besseren Honig zu gewinnen. " Hinter ihm lag der Krieg, an dem er nicht teilnahm, dessen Einwohner er nur war. Kriegseinwohner." (S. 199)

Wobei ihn die Einsamkeit meist nicht störte "...die Menschenleere half, sich mit dem Leben besser zu verstehen." (S. 247)

Unterwegs macht er in einer Gegend halt, in der er ein ruhiges Fleckchen für seine Bienen und eine nette Frau - seine eigene hat ihn mitsamt der Tochter vor einigen Jahren verlassen - findet und sich wohlfühlt, bis er wortwörtlich mit einem Beil davongetrieben wird. Nicht von der Frau natürlich.

Weiter verschlägt es ihn auf die Krim, wo er seinen Kumpel, den Bienenzüchter Achtem besuchen und dort seine Bienenstöcke für ein Weilchen aufstellen will. Doch er trifft nur Frau und Kinder an - Schreckliches ist hier geschehen und passiert weiterhin, Sergej wird Zeuge der Benachteiligung der Krimtataren, um es mal zivilisiert auszudrücken.

Das alles schildert Andrej Kurkow mit einer Warmherzigkeit und einem Augenzwinkern, die mich ein bisschen an "Owen Meany" von John Irving erinnerte - einfach durch die Atmosphäre und Mentalität, die den Roman durchdringt. Sergej ist ein Mann, der sich trotz wiederholter Schicksalschläge dem Leben stellt und versucht, ihm die Hand zu reichen.

Wir begegnen Menschen, die im Einklang mit der Natur leben, bzw. lebten, bis diese sich quasi über ihren Kopf hinweg verändert. Gewissermaßen ist dies also auch ein Ökoroman: mir hat er deutlich gemacht, wie sehr Krieg und Natur aufeinander einwirken. Die Schilderung der Bewohner sowohl des Donbass als auch der Krim sowie des "Dazwischen" hat mich förmlich umgehauen - ich habe noch nie eine so klare Darstellung des Umstandes, dass Menschen trotz unterschiedlicher Religion und Mentalität die gleiche Arbeit machen und sehr ähnliche Ängste und Sorgen haben, gelesen.

Sergej passiert eine Grenze nach der anderen, doch für ihn ist das immer noch ein Land, die Ukraine eben, an die permanenten Kontrollen kann er sich nicht gewöhnen. Und Kurkow wäre nicht Kurkow, wenn er die Gelegenheit auslassen würde, auch die Grenzposten in ihrer Menschlichkeit darzustellen - auf die eine oder andere Art.
Mich selbst gemahnte das an einen ganz anderen Krieg, der auch in weiten Teilen auf dem ehemaligen Gebiet der Sowjetunion ausgetragen wurde und nun schon über 75 Jahre zurückliegt. Vieles ist anders, aber nicht die Not der Menschen. Und auch nicht der Stellungskrieg, jedenfalls nicht wesentlich.

Es gab viele Romane und Ähnliches zum Thema Bienen in letzter Zeit - auch wenn mir viele davon gut gefallen haben, ist dieser mein absolutes Highlight. Denn Hilflosigkeit und Zuversicht in Einklang zu bringen und die Lebewesen - Menschen und Bienen gleichermaßen - und ihre Bedürfnisse in den Vordergrund zu stellen, das kann so nur Kurkow. Vor Jahren hatte mich sein Roman mit Pinguin, also "Picknick auf dem Eis" in Entzücken versetzt. Ich habe noch einiges von ihm gelesen, aber auch wenn ich die direkten Nachfolger sehr mochte, fand er aus meiner Sicht nicht mehr zu dem damaligen Niveau zurück. Jetzt, durch die Bienen, ist es ihm gelungen. Mal sehen, mit welchem Tier bzw. Lebewesen es ihm das nächste Mal gelingt!

Veröffentlicht am 01.11.2019

Ode an eine sperrige Frau

Tante Martl
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Tante Martl war von ihrem Vater nicht gewollt, zumindest nicht in dem Format, in dem sie sich den Eltern bei ihrer Geburt 1925 präsentierte - nein, sie sollte ein Junge werden und stur, wie er war, hat ...

Tante Martl war von ihrem Vater nicht gewollt, zumindest nicht in dem Format, in dem sie sich den Eltern bei ihrer Geburt 1925 präsentierte - nein, sie sollte ein Junge werden und stur, wie er war, hat er sie zunächst beim Standesamt als "Martin" registriert. Dass sie, die Jüngste von drei Schwestern, in eine "Martina" abgeändert werden musste, nahm er ihr zeitlebens übel und ließ es sie büßen - durch permanentes Rumkommandieren bis zu seinem Tod.

Martl, wie sie alsbald von allen genannt wurde, war nie verheiratet und blieb dem Elternhaus stets treu - wenn auch nörgelnd, denn sie war eine Frau, die stets sagte, was sie dachte - wenn sie es auch nicht unbedingt tat, was ihr Leben nicht gerade vereinfachte.

Nun lebt sie nicht mehr und ihre Nichte und Patentochter erinnert sich an sie. Hier passt jedes Wort - der Autorin ist ein Roman gelungen, in dem ich meine eigenen Empfindungen gegenüber gewissen weiblichen Familienmitgliedern der vorhergehenden Generation 1:1 gespiegelt fand - ein zeitweiliges Genervtsein gepaart mit grundlegender Kritik an gewissen Aspekten, eingebettet in bedingungslose Zuneigung. Mit viel Humor und noch mehr Warmherzigkeit hat Ursula März diese absolut stimmige, teilweise auch freche Verneigung vor einer Person, die im Leben der Ich-Erzählerin - ob das nun 1:1 Frau März ist, sei dahingestellt - bis zu ihrem Tod stets präsent war.

Ein köstlicher Roman über eine Frau mit Ecken und Kanten: Tante Martl ist ganz schön schrullig, aber irgendwie kann sich wohl jedermann - Ve

Veröffentlicht am 30.10.2019

Die dunklen Seiten der Nachkriegszeit

Die Zeit der Töchter
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Wir begegnen Maria und Vivien und ihren Töchtern Anna und Antonia, die wir in "Die Stunde der Mütter" durch den Krieg begleiteten, in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre. Anna und Antonia sind zu jungen ...

Wir begegnen Maria und Vivien und ihren Töchtern Anna und Antonia, die wir in "Die Stunde der Mütter" durch den Krieg begleiteten, in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre. Anna und Antonia sind zu jungen Frauen herangewachsen, die ihr eigenes Leben leben und sich dem Alltag stellen. Ihre Mütter halten immer noch zusammen und stehen ein für die Schwachen: Vivien als energische Schuldirektorin und Maria durch ihr Engagement in der Flüchtlingshilfe.

Sie sind umgeben von einer ganzen Reihe weiterer Charaktere, die mehr oder weniger wichtige Rollen im Leben der vier Frauen spielen.

Ich liebe den atmosphärischen, eleganten Stil und die klugen Recherchen der Autorin Katja Maybach zu immer noch brennenden historischen Themen und konnte somit auch wieder wunderbar in vergangenen Zeiten schwelgen bzw. mich von überraschend vielen negativen Erscheinungen schrecken lassen. Ein wieder mal ausgesprochen gelungener Roman über die Nachkriegszeit, in dem mir diesmal leider ein wenig zuviel Personal vorhanden war. Nicht nur die beiden Mütter/Töchterpaare, sondern weitere Figuren, die zuerst noch einführt werden mussten, standen im Vordergrund. Das war mir insgesamt ein bisschen des Guten zuviel, auch wenn dies eine Kritik auf sehr, sehr hohem Niveau ist: Katja Maybach ist und bleibt eine meiner Lieblingsautorinnen - das hat sich durch die Lektüre dieses Romans nur verstärkt!

Insgesamt also ein keineswegs pessimistischer Roman, der die dunklen Seiten der Nachkriegszeit zutage fördert. Und zeigt, wie stark die Frauen trotzdem waren - sie waren diejenigen, die mutig einstanden für Werte, die auf eine bessere Zukunft hoffen ließen! Erschreckend allerdings ist, wie viele der damals aktuellen Themen wie Fremdenfeindlichkeit und Ausländerhass im Allgemeinen und die Ablehnung von Flüchtlingen im Speziellen heute wieder im Vordergrund der politischen und gesellschaftlichen Debatten stehen!

Die Autorin legt den Finger in die Wunde, ohne jemals plump zu werden, sie rüttelt auf eine besonders markante Weise auf: durch das Aufzeigen des Wiederkehrenden, der Wiederholungen. Ein sehr empfehlenswerter Roman für alle die, die mit beiden Beinen im Hier und Jetzt stehen, denen die Bedeutung der Vergangenheit jedoch bewusst ist.

Veröffentlicht am 30.10.2019

Eine leidende Exzentrikerin

Die Dame hinter dem Vorhang
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Das war Edith Sitwell, die es sowohl aus gesundheitlichen als auch rein optischen - ihre Eltern fanden sie einfach hässlich - nie einfach hatte. Dennoch konnte sie sich das ein oder andere große ...

Das war Edith Sitwell, die es sowohl aus gesundheitlichen als auch rein optischen - ihre Eltern fanden sie einfach hässlich - nie einfach hatte. Dennoch konnte sie sich das ein oder andere große Stück Kuchen von der Sonnenseite des Lebens abschneiden. Denn sie war klug und originell und reüssierte als Autorin sowohl von Poesie als auch von Erzählungen und diversen Berichten, mit denen sie ihr täglich Brot verdiente.

Und zwar nicht nur für sich, sondern auch für ihren Hausstand - ihre frühere Gouvernante und spätere Gesellschafterin Helen und für Jane Banister, ihrem Hausmädchen, einer fiktiven Figur, aus deren Perspektive die Handlung geschildert wird.

Man erfährt so einiges von ihr - sie hielt nicht mit ihrer Meinung hinter dem Berg und tat, was ihr passte. Allerdings ließ sie sich durchaus auch von dem ein oder anderen Zeitgenossen ausnutzen. Nein, ein glücklicher Mensch war sie zeitlebens nicht; schon in ihrer Kindheit wurde sie von ihren Eltern ihren Brüdern gegenüber benachteiligt und das setzte sich auch in späteren Jahren durch.

Veronika Peters hat einen Roman über diese faszinierende Persönlichkeit verfasst, die sowohl von realen als auch fiktiven Figuren umgeben ist. Die Charaktere sind gut gezeichnet, auch Zeit und Raum sind atmosphärisch dargestellt, doch wäre ein stellenweise etwas tiefergehender Ansatz wünschenswert gewesen. Ein unterhaltsamer, ab und an zu wenig Spannung beinhaltender Roman, der dazu einlädt, sich weiter mit der Person Edith Sitwell und einigen ihrer Zeitgenossen zu beschäftigen.