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Veröffentlicht am 19.01.2021

Schwer zugängliches Meisterwerk

Schwitters
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Der Begriff "Innere Emigration" bezeichnet Künstler und Intellektuelle, die im Widerstand zum NS-Regime standen, aber nicht ins Exil gingen, also aus Deutschland auswanderten. Der Hannoveraner Künstler ...

Der Begriff "Innere Emigration" bezeichnet Künstler und Intellektuelle, die im Widerstand zum NS-Regime standen, aber nicht ins Exil gingen, also aus Deutschland auswanderten. Der Hannoveraner Künstler (Maler, Dichter, Grafiker, etc.) Kurt Schwitters gehörte laut Geschichtsschreibung in den ersten Jahren der NS-Zeit auch der "Inneren Emigration" an. Der fiktive Schwitters im Buch lehnt diesen Begriff nach dem Krieg, immer noch im Exil, ab. Eine "geschützte Innerlichkeit des Künstlers" (S. 290) könne es innerhalb der menschenverachtenden Diktatur nicht gegeben haben. Es ist also eine Frage der Definition. Der reale Schwitters floh jedenfalls am ersten Tag des Jahres 1937, nachdem seine dadaistischen Werke von den Nazis als "entartet" diffamiert wurden, ins Exil nach Norwegen. Dorthin war sein Sohn Ernst bereits 1936 ausgewandert. Als die Deutschen in Norwegen einmarschierten, emigrierte Schwitters mit Sohn und Schwiegertochter nach Großbritannien. Nach verschiedenen Stationen in Internierungslagern fand Kurt Schwitters seine letzte Heimat in England, wo er 1948 starb.

Ulrike Draesner schenkt uns in ihrem opulenten “Künstlerroman”, der keiner ist, wie sie im Nachwort sagt, Einblicke in Schwitters Leben. Die Kapitel bestehen aus fiktiven Momentaufnahmen, die sich aus der Biografie des Dada-Künstlers speisen. Da "Schwitters" aber vor allem ein Roman der Entwurzelung ist, beginnt die erzählte Handlung mit der Zeit kurz vor Schwitters’ Entscheidung zum Gang ins Exil, beschreibt vor allem die Zeit in Großbritannien, in der er sich in der neuen Lebenssituation zurechtfinden muss und endet mit seinem Nachleben, reflektiert aus der Sicht des Sohnes.

Kurt Schwitters ist als Protagonist genau wie seine Poesie, wie seine Kunst: schwer greifbar, sperrig bis unzugänglich. Kein einfacher Mensch, den die Autorin zur Hauptfigur ihres Romans gemacht hat. Noch dazu im "schwierigen" mittleren Mannesalter, voller Todes- und Existenzängste, sich wie ein Ertrinkender ans Leben klammernd. Eine sehr vielschichtige Künstlerpersönlichkeit, dieser Schwitters, mit einer nicht minder komplexen Gedankenwelt. Dada und Merzbau eben, schwer vorstellbar für den Leser, was das eigentlich ist.

Im Roman gibt es auch Kapitel, die aus der Sicht von Schwitters’ Familienmitgliedern geschrieben wurden. Zum einen aus der Perspektive seiner Ehefrau Helma. Als ihr Mann ins norwegische Exil ging, musste sie in Deutschland bleiben, um sich in Hannover um die alten Mütter der Eheleute sowie um den Immobilienbesitz (u.a. Mietshäuser) zu kümmern. Mir gefällt sehr dass auch sie, die körperlich ewig betrogene Ehefrau, zu Wort kommt und wir als Leser ihren Gedanken und Reflexionen folgen dürfen. Helma Schwitters war Muse und Modell ihres exzentrischen Künstler-Ehemanns, musste aber auch seine zahlreichen Affären und seine Launen verkraften. 1944, kurz vor Ende des Krieges, starb sie an Krebs, ihren Mann und Sohn hatte sie seit Jahren nicht mehr gesehen. Ernst, das einzige überlebende Kind von Kurt und Helma, kommt wie bereits gesagt ebenfalls im fiktiven Rahmen zu Wort. Der 1918 geborene Fotograf arbeitete sich als "Sohn von" an seinem Künstler-Vater ab, verwaltete sein Erbe, profitierte davon und machte in Norwegen, wo er nach 1945 zurückkehrte, eine ganz eigene Karriere. Auch über Schwitters’ letzte Lebensgefährtin, Edith Thomas, genannt Wantee, lernen wir viel im Roman. Sie gibt ihm die menschliche Nähe, die er fernab der Heimat braucht und die Sprache, die ihm anfangs fehlt: Englisch.

Draesners Roman ist ein Sprachkunstwerk, voller rhetorischer Stilmittel und Erzählweise, "zusammentapeziert" wie eine Collage. Sie hat eine kraftvolle, bildhafte, poetische Sprache, die Stimmung erzeugt, eine ganz eigene Atmosphäre. Draesner versucht uns verschiedene Facetten dieses vielschichtigen Künstlermenschen Schwitters nahezubringen. Um die Komplexität seiner Persönlichkeit und der Welt, in der er lebte, zu erfassen, greift sie häufig auf das Stilmittel der Accumulatio zurück. Aber auch sonst entlehnt sie Sprachbilder aus Schwitters’ Kunstrichtung, dem Dadaismus, für ihre Romanbiografie. Sie weist in einem Nachwort darauf hin, dass alles, was sie schreibt, Fiktion ist (bis auf die belegbaren Daten und Fakten natürlich).

"Schwitters" ist mit Sicherheit das anspruchsvollstes Buch, welches kein Klassiker ist, das ich seit langem gelesen habe. Ich habe mit dem Buch gehadert, mich teilweise durchgequält und Passagen überblättert. Dennoch käme es mir schändlich vor, es nicht mit fünf Sternen zu bewerten. Was will ich einfache Leserin schon eine so versierte Schriftstellerin wie Ulrike Draesner kritisieren? Mir fehlte jegliche Legitimation. Überdies ist DADA ebenso unzugänglich wie Draesners Roman es stellenweise ist. Ich denke es ist die Intention der Autorin dass ihr Roman enigmatisch, sperrig und unzugänglich wie ein dadaistisches Kunstwerk und gleichzeitig wunderbar poetisch und paradiesisch schön wie eine Landschaftsmalerei von William Turner ist.

Man sollte sich dessen bewusst sein, wenn man es zur Hand nimmt. Ein intellektueller Roman über einen Intellektuellen und eine Geschichte der Entwurzelung eines Künstlers, die sehr berührt. In diesem Roman steckt wahnsinnig viel Kreativität, Kunstfertigkeit und Arbeit, insofern steht er dem Werk von Kurt Schwitters in nichts nach. Der Roman ist opulent und collagenhaft, manchmal nur schwer greifbar. Ein großartiges Werk, aber ich darf und kann eben nicht verhehlen, dass es nicht einfach zu lesen war.

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Veröffentlicht am 16.01.2021

Königliche Unterhaltung

Das Windsor-Komplott
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Ältere englische Damen stehen ja spätestens seit Agatha Christies legendärer Jane Marple und der Autorin selbst gerne mal im Verdacht, die perfekten Krimi-Ermittlerinnen zu sein. Nun gesellt ...

Ältere englische Damen stehen ja spätestens seit Agatha Christies legendärer Jane Marple und der Autorin selbst gerne mal im Verdacht, die perfekten Krimi-Ermittlerinnen zu sein. Nun gesellt sich zu dieser illustren Runde auch noch die wahrscheinlich berühmteste ältere englische Dame der Welt hinzu: Queen Elizabeth II. höchstpersönlich. Die Idee, die Queen zur Protagonistin eines Cosy-Krimis zu machen finde ich einfach wunderbar, zudem beschäftige ich mich ganz gern mit den Royals und deswegen durfte ich mir “Das Windsor Komplott” natürlich nicht entgehen lassen.

Die Handlung des Romans beginnt im April 2016, den die Monarchin in ihrem geliebten Schloss Windsor verbringt, wohin sie sich traditionell jedes Jahr für einen Monat im Frühling zurückzieht. Nach einer Abendgesellschaft, zu der zahlreiche Gäste geladen sind, wird ein junger russischer Pianist tot in seinem Gästezimmer auf dem Schloss aufgefunden. Der MI5 stellt fest, dass der junge Mann ermordet wurde und wittert eine russische Verschwörung. Die Monarchin, die gerade kurz vor ihrem 90. Geburtstag steht, beginnt auf eigene Faust zu ermitteln, mit der Hilfe ihrer toughen neuen Privatsekretärin Rozie: Wer wollte den jungen attraktiven Maksim Brodsky töten und: hat die russische Mafia etwas damit zu tun oder war es doch ganz anders?

Obwohl das Setting mit Schloss Windsor nicht urenglischer oder aristokratischer sein könnte, ist die Handlung des Krimis doch recht modern und erinnert eher an einen Spionageroman als an einen Landhauskrimi von Agatha Christie. Durch die Perspektive der Königshaus-Angestellten Rozie, und natürlich die der Queen selbst, fühlt man sich auch etwas an die TV-Serie "Downton Abbey" erinnert: Man bekommt sowohl die "Upstairs"-Perspektive der Adeligen als auch die "Downstairs"-Seite des Personals präsentiert.

SJ Bennett zeichnet die Queen als sehr menschlichen, klugen Charakter, mit einem wachen Blick und viel Empathie für die Probleme anderer. Überhaupt nicht abgehoben oder weltfremd, sondern interessiert und sehr sympathisch. Ihre immer noch andauernde Verliebtheit in Prinz Philipp, der unverblümt die Dinge beim Namen zu nennen pflegt, ist zudem sehr rührend und romantisch.

Die bezaubernden Corgis und Dorgis (bitte googeln) auf den Zwischenkapitel-Seiten, sind ein niedliches optisches Gimmick und passen natürlich perfekt, da die Vorliebe der Queen für diese Hunderasse(n) auch im Roman thematisiert wird.

Die Handlung war mir, wie bei einem klassischen Agenten-Roman, stellenweise etwas zu verworren. Ich hatte teilweise Probleme, die Perspektiven und Personen (nicht die realen, sondern die fiktiven) auseinander zu halten. Wer hat jetzt was mit wem gemacht und wieso?

Dennoch ein unterhaltsamer Cosy-Krimi mit ermittelnder Queen, der viele Einblicke ins Leben
der berühmten Monarchin bietet und dennoch der Vorstellungskraft Raum lässt. Teil 2 soll auf Deutsch im Januar 2022 erscheinen. In diesem Sinne also: God save the Queen!


  • Cover
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Veröffentlicht am 10.01.2021

Schneideblock für Vorschulkinder (eher ab 4-5)

Im Kindergarten: Allererstes Schneiden
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Schneiden ist eine Fähigkeit, die einen wichtigen motorischen Entwicklungsschritt im Leben eines Kindes markiert. Die Handhabung der Schere zu lernen ist essentiell und für viele Kinder gar nicht so einfach ...

Schneiden ist eine Fähigkeit, die einen wichtigen motorischen Entwicklungsschritt im Leben eines Kindes markiert. Die Handhabung der Schere zu lernen ist essentiell und für viele Kinder gar nicht so einfach zu meistern. Auch meine vierjährige Tochter hatte bis vor kurzem kein Interesse am Schneiden und es nach kurzer Zeit aufgegeben. Neulich allerdings hat sie von sich aus angefangen, einfache Schnitte ins Papier zu machen. Dinge ausschneiden um sie aufzukleben aber musste ich für sie. Da kam mir der neue Block "Allererstes Schneiden" von Ravensburger aus der Reihe “Im Kindergarten” (wir haben bereits “Farben und Formen” sowie “Schau genau” zu Hause) wie gerufen. Mit diesem interaktiven Lernblock können laut Klappentext bereits Kinder ab 3 Jahren Formen ausschneiden und sie zusammenkleben oder an anderer Stelle im Block einkleben.

Wie sah die Realität aus? Nun, leider hat sich meine Tochter nicht wie erhofft sofort auf das Heft gestürzt, sie fand Cover und Beschreibung laut eigener Aussage zwar "toll", aber hat es dann erstmal links liegen lassen. Also habe ich mir den Block zunächst alleine angesehen. Die Blätter bzw. Aufgaben sind ganz ohne Erklärungen oder anderen Text versehen. Die Kinder sollen sich hier “selbsterklärend” alles erschließen können, heißt es im Werbeslogan für die Reihe. Es gibt nette begleitende Tier-Bildchen, die einen optischen Hinweis darauf geben, was gemacht werden muss. Hinten auf dem Blatt ist entweder jeweils eine Schere oder ein Klebestift oder beides abgebildet. Manchmal gehören zwei aufeinanderfolgende Seiten zusammen. Auf der ersten Seite ist dann etwas zum Ausschneiden, das man auf der nächsten Seite aufkleben muss. Das sieht man anhand der Form des auszuschneidenden Objekts bzw. an einem kleinen “Umblätter”-Symbol rechts unten. Diesen Zusammenhang muss ein Kind erstmal herstellen können. Auch dass gestrichelte Linien dazu gedacht sind, um an ihnen entlang zu schneiden, ist nicht selbstverständlich und muss erklärt werden. Oder dass man den unteren Teil eines Bildes umknicken und auf ein anderes Blatt kleben kann, so dass man quasi ein stehendes ausgeschnittenes Objekt hat. Manche Schneide-Aufgaben finde ich außerdem für ein dreijähriges Kind viel zu anspruchsvoll - ich finde sie als grobmotorische Erwachsene schon knifflig - und würde daher die Altersangabe für diesen Block für mein Empfinden etwas anheben.

In der Reihe "Im Kindergarten" ist auch ein Block namens "Schneiden und Kleben" verfügbar, für Kinder ab 4 Jahren. Diesen Block werde ich zum Ausbau der in "Allererstes Schneiden" erworbenen Fähigkeiten - wenn sie ihn denn mal benutzt hat - ebenfalls für meine Tochter besorgen. Außerdem interessiert mich, wie anspruchsvoll die Aufgaben dort sind und ob sie auf in “Allererstes Schneiden” gestellten Aufgaben aufbauen.

Fazit: Ein guter Lernblock, bei dem meines Erachtens nicht alles so intuitiv gemacht werden kann wie angepriesen und der außerdem eher für ältere Kleinkinder (ab 4-5) funktioniert.

Veröffentlicht am 07.01.2021

Spannende Unterhaltung mit - statt von - Alexandre Dumas

Die Romanfabrik von Paris
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Die Romane "Der Graf von Monte Christo", "Die drei Musketiere" oder "Der Mann in der eisernen Maske" sind weltberühmt und haben als Abenteuerromane und Populärliteratur des 19. Jahrhunderts ihren angestammten ...

Die Romane "Der Graf von Monte Christo", "Die drei Musketiere" oder "Der Mann in der eisernen Maske" sind weltberühmt und haben als Abenteuerromane und Populärliteratur des 19. Jahrhunderts ihren angestammten Platz in der Literaturgeschichte. Ihr Autor, Alexandre Dumas der Ältere (nicht zu verwechseln mit seinem Sohn A. D. d. Jüngere, der "Die Kameliendame" schrieb), war mir zwar durch sein Werk, nicht aber so sehr durch sein Leben bekannt. Ich wusste wenig bis nichts über seine Biografie. Nach der Lektüre der "Romanfabrik von Paris" und des lohnenden Nachworts ist mir die Lebensgeschichte von Alexandre Dumas aber nun schon sehr vertraut - von 0 auf 100 sozusagen. Wir kommen durch “Die Romanfabrik von Paris” ganz nah an die Persönlichkeit Dumas heran - selbstverständlich im Rahmen einer fiktiven Geschichte, die sich nur an die Realität anlehnt.
Worum geht's? Wir schreiben das Jahr 1851 und Alexandre Dumas lebt als Schriftsteller in seinem Schlösschen, dem “Chateau Monte Christo” außerhalb von Paris. Dort entstehen im Rahmen der "Romanfabrik" seine beliebten Romane, die er von Lohnschreibern aufschreiben lässt, die Ideen und Geschichten aber kommen von ihm. Die fertigen Werke publiziert er als Fortsetzungsgeschichten in der Zeitung. Er hat es neben großer Popularität auch zu vielen Neidern und einigen Feinden gebracht. Die LeserInnen aber lieben seine Geschichten, in denen es um Rache und Liebe, Intrigen, Mord und Totschlag geht. Auch der Humor und der Genuss haben in den Abenteuerromanen ihren angestammten Platz und versüßen so manchem Franzosen den harten Alltag. Der Bonvivant Dumas gibt das Geld, das er durch seine Schriftstellerei verdient, gerne mit vollen Händen aus - für Reisen, Essen, Luxus, etc. Der gutherzige Lebemann Dumas ist ein erfolgreicher Glücksritter und liebt das Leben, wobei er auch gerne neue Ideen für seine Abenteuerromane sammelt.
Die deutsche Gräfin Anna von Dorn ist die weibliche Protagonistin des Romans. Nach dem Tod ihres adeligen Mannes kommt sie als Privatlehrerin nach Paris. Sie sitzt im Rollstuhl - warum, sei an dieser Stelle noch nicht verraten. Als sie bei einer Familie, in der sie unterrichtet, die Fortsetzungsromane von Dumas kennenlernt, ist sie empört. Die lose Moral und mangelnde Gottesfürchtigkeit sind für die belesene Lehrerin ein Graus. Sie stellt Dumas zur Rede und muss dabei feststellen, dass die beiden ungleichen Personen ein gemeinsamer Gegenspieler verbindet: der Magnetiseur Lemaitre.
Mit einer actiongeladenen Handlung, allerlei Intrigen, plötzlichen Wendungen und ganz vielen Zufällen ist dieser historische Roman ein amüsanter Parforceritt durch das Europa des mittleren 19. Jahrhunderts. Neben Paris spielt die Handlung auch in Brüssel, London und Moskau. Wie es sich für einen richtigen Abenteuerroman gehört, jagt ein Handlungselement das nächste. Der Leser hat kaum Zeit zum innehalten, aber dafür ist dieser Roman auch wirklich nicht gedacht. Gelegentlich schon sehr abgedreht, ist die Handlung aber stets unterhaltsam und lebendig. Ich habe durch dieses Buch selbst Lust bekommen, die Romane von Dumas, die ich nur als Verfilmungen kenne, einmal zu lesen. Fazit: Ein sehr lesenswerter historischer Abenteuerroman für lange Wintertage (der zufällig auch im Winter spielt)!

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Veröffentlicht am 04.01.2021

Das Drama des modernen (Herr-)Mann(e)s

Herrmann
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Das Drama einer Existenz in der österreichischen Provinz hat keiner so gut beschrieben wie Thomas Bernhard. Da er aber ja nun mal leider tot ist, müssen andere diese "Lächerlichkeit", wie er gesagt hätte, ...

Das Drama einer Existenz in der österreichischen Provinz hat keiner so gut beschrieben wie Thomas Bernhard. Da er aber ja nun mal leider tot ist, müssen andere diese "Lächerlichkeit", wie er gesagt hätte, fortschreiben. Bettina Gärtner ist kein Thomas Bernhard, aber sie hat es mit "Herrmann" geschafft, ganz tief in das menschliche Drama der österreichischen Provinzialität einzutauchen. Es ist eine moderne Tragikomödie in Romanform, die Gärtner hier abliefert. Herrmann ist Pendler, zerrissen zwischen langweiligem Bürojob in der Finanzbranche in der Bundeshauptstadt und kümmerlichem Privatleben als Single in seinem dörflichen Heimatort. Letzteres besteht im Wesentlichen aus der vom - kurz vor Beginn der Handlung verstorbenen - Vater geerbten Jagdhundezucht, seinem Jagdrevier, der freiwilligen Feuerwehr und dem Rest seiner Herkunftsfamilie, bestehend aus der bald vierzigjährigen Schwester Lindi, die nach Trennung von ihrem Freund Anselm "vorübergehend" wieder zu Hause eingezogen ist, und der Mutter, einer pensionierten Lehrerin. Als Herrmanns Jugendfreund Orban aus England zurückkehrt, ist es mit der Lethargie in Herrmanns Leben vorbei. Die Vergangenheit holt den Mittvierziger ein und wir erleben eine Woche in Herrmanns Leben, die selbiges auf den Kopf stellen wird.
Gärtner hält der entmenschlichten Business-Gesellschaft unserer Gegenwart einen Spiegel vor. Sie beschreibt nuanciert und mit stets ironischem Unterton die Banalitäten eines Büroarbeitstages, die intriganten Strukturen der heutigen Berufswelt und die ermüdende Pendelei hin und zurück zum Arbeitsplatz (erst mit dem Auto zum Park-and-Ride am Bahnhof der Bezirkshauptstadt, dann mit der Schnellbahn in die Bundeshauptstadt bzw. vice versa).
In "Herrmann" geht es aber auch um das Private und damit vor allem um die Vergangenheitsbewältigung des namensgebenden Protagonisten. Er sinniert darüber nach, warum die Beziehung zu seiner Lebensgefährtin Rieke in die Brüche ging, wie die enge Freundschaft zu Orban scheiterte und über andere vergangene Ereignisse, die ihn geprägt haben. "Die meisten Vorboten erkennt man erst im Nachhinein" (S. 157) heißt eine Sentenz im Buch. Überhaupt wird viel mit Worten, mit Redewendungen gespielt - was ist die eigentliche Bedeutung einer dahingeworfenen Aussage, einer gern verwendeten Floskel. Sowas gefällt mir sehr, wenn ein Text sich stets selbst reflektiert und sich seiner Wortwahl mehr als bewusst ist. Die pseudo-lexikalischen Zwischenkapitel, in denen in der Handlung erwähnte wichtige Begriffe erklärt werden, sind ein Teil dieser metafiktionalen Komponente des Romans.
Herrmann ist ein klassischer Antiheld, ein unscheinbarer Jedermann, der sich nur in Bezug auf andere definiert - seine Mutter, Schwester, den verstorbenen Vater, seine Arbeitskollegen, seine Lehrer, seinen ehemaligen Freund Orban, etc. - und dabei gar nicht so genau weiß, wer er selbst eigentlich ist ("Er hätte gern gewusst, was er wollte…", S. 275). Dazu kommt noch sein Status als Single und Mann in der Midlife-Crisis, der endlich mal etwas für seine Gesundheit und gegen die späte Familienlosigkeit tun sollte. Der soziale Druck aber führt bei Hermann erst recht zu Angstzuständen, Depressionen und Tagträumen, die er aber so gut es geht unterdrückt. Der Vorname Herrmann setzt sich aus zwei Begriffen zusammen, die beide Mann bezeichnen - semiotisch clever, denn die Ironie des Ganzen ist, dass der männliche Hermann gnadenlos an den Anforderungen scheitert, die die Gesellschfat an den modernen Mann von heute stellt.
Bettina Gärtner ist mit "Herrmann" eine absolut grandios geschriebene Chronik eines scheiternden Mittvierzigers gelungen. Ein wunderbar feinsinniger und gescheiter Roman des Jahres 2020, der viel mehr Beachtung und LeserInnen verdient hätte.

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