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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 06.09.2019

Marry me!

Die Verlobungen
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Just einen Tag bevor ich das Buch angefangen habe habe ich selbst einen Heiratsantrag bekommen...das Buch hat mich also thematisch wie die Faust aufs Auge erwischt. Selbst mit einem Diamatring an der Hand ...

Just einen Tag bevor ich das Buch angefangen habe habe ich selbst einen Heiratsantrag bekommen...das Buch hat mich also thematisch wie die Faust aufs Auge erwischt. Selbst mit einem Diamatring an der Hand habe ich also der Werbetexterin und selbst niemals verheirateten Frances bzw. ihrer Geschichte und beruflichen Passion als Werberin der Diamantindustrie gelauscht, die nur eine von mehreren in diesem Buch ist. Sie alle beleuchten von irgendeiner Seite das Thema Ehe als gesellschaftlicher Institution - von den Zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts bis fast in die Gegenwart des Lesers hinein. Sei es eben aus der Perspektive der unverheirateten, berufstätigen Frau (damals noch ein Novum), die sich in ihrem Leben mit wenig anderem als Verlobungen und deren Attribut dem Diamantring befasst hat oder aus der der Frau, die ihren älteren Ehemann für einen Jüngeren verlässt und wiederum selbst betrogen wird (Delphine). Auch die Geschichte von Gerald und Evelyn, die eigentlich Geralds besten Freund hätte heiraten sollen und die nun dabei zusehen muss wie ihr Sohn seine perfekte Frau für eine verlässt, mit der Evelyn nicht mal in einem Raum sein möchte sowie die von Katie, die selbst niemals heiraten will und dem befreundeten schwulen Pärchen Jeff & Toby dabei zusieht wie es von der Idee der Ehe, die ihr so fremd erscheint, wie besessen ist - umkreisen das Thema Ehe und was Mensch von ihr eigentlich hat wie die Erde die Sonne. Die Geschichte von James, dem typischen "Versager" und Sheila, die in den 1980er Jahren spielt, fand ich am wenigsten überzeugend, am meisten hat mich Delphine & ihre Story gefesselt.
Ich fand den Roman typisch amerikanisch, man merkt wie die Autorin mit den Ansichten ihrer Nation zum Thema Ehe über die Jahrzehnte hinweg spielt. Sei es mit der Marketing-Idee dass jede Frau einen Verlobungsring haben müsse, der dem Zukünftigen mindestens zwei Monatsgehälter wert sein sollte. Oder auch mit dem Schwerttun der Amerikaner mit der Öffnung der Ehe gegenüber homosexuellen Paaren oder ihrer bigotten Haltung, dass man treu sein solle und sich dennoch meistens anders verhält sowie mit der Ansicht, dass man heiraten müsse wenn man sich liebt. Was letztlich der Schlüssel zum Glück ist lässt die Autorin offen - ob man heiraten soll oder nicht, das ist eine Sache, die jeder für sich selbst entscheiden müsse. Im Großen und Ganzen suggeriert das Buch dass die Ehe sowohl Schreckgespenst als auch Faszinosum (symbolisiert durch den den Roman durchziehenden Diamantring, den jede der Geschichten gemeinsam hat) ist - ein gesellschaftliches Verhalten, zu dem man sich selbst wiederum irgendwie verhält - für oder gegen das man Position beziehen muss.
Dass der Roman mehrere Handlungsstränge hat hat mich nicht gestört - im Gegenteil, ich finde es hat gut gepasst dieses doch sehr kontroverse Thema, das jeder anders erlebt und an das dennoch so unterschiedliche Erwartungen und Vorstellungen geknüpft sind, von einer anderen Seite so multiperspektivisch zu präsentieren.
Ein guter Roman, der an manchen Stellen vielleicht zu viel Schubladendenken in sich vereint...

Veröffentlicht am 06.09.2019

Kein Vergnügen...

Der Sommer der Freiheit
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Der Markt historischer Romane wird ja momentan mit Büchern überschwemmt, die im frühen 20. Jahrhundert, um den Ausbruch des 1. Weltkriegs herum spielen. Ganz klar, ist es doch etwas mehr als 100 Jahre ...

Der Markt historischer Romane wird ja momentan mit Büchern überschwemmt, die im frühen 20. Jahrhundert, um den Ausbruch des 1. Weltkriegs herum spielen. Ganz klar, ist es doch etwas mehr als 100 Jahre her, seit dieser durch das Attentat am österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajewo seinen Ausbruch nah. Auch mich interessiert diese Zeit, wie mein Blog- und Internetname schon sagt, bin ich ein Fan des großen Buches, das die Gemütsstimmung dieser Zeit wie kein anderes getroffen hat. Natürlich kann man nicht immer nur den "Zauberberg" von Thomas Mann lesen und guckt sich auch gerne mal nach anderer Lektüre, die - freilich retrospektiv und ohne die Zeit selbst erlebt zu haben - von heutigen Autoren stammt. Heidi Rehn hat mich angelacht und ihr Buch "Der Sommer der Freiheit" schien nach der Leseprobe nach meinem Geschmack: ein Frauenroman im Stil des 19. Jahrhunderts, mit zentraler Hauptfigur, die von der Sommerfrische in Baden-Baden aus die Welt entdeckt. Leider hat sich dieses Buch als ziemlicher Reinfall erwiesen: die Handlung ist einfach nur gähnend langweilig, obwohl stets versucht wird durch pseudospannende Intrigen und dramatische Konstellationen den Leser bei der Stange zu halten. Die Figuren sind einfach nur lächerlich, haben keinerlei Tiefe und sind auch sonst alles andere als dreidimensional. Ihr Handeln ist absurd, aber nicht wie es realisitisch und der Kontingenz des Lebens geschuldet wäre-es ist einfach nur absurd und entbehrt jeden Realismus. Die Dialoge sind hölzern und kitschig. Ich sage nicht, dass die Autorin nicht schreiben kann, doch, schreiben kann sie schon, aber ihre Charaktere, die einen Roman ja ausmachen, sind leider völlig daneben. Selma, Constanze, Robert und Gero - ach, was hätte man nur alles daraus machen können! Wenn die Figuren Tiefe gehabt hätten, hätte dies ein packender Roman werden können, so ist es einfach nur eine Soap mit bemüht historischem Setting, das vorgibt authentisch zu sein ohne Witz, ohne Verve und ohne Spannung. Ich habe mich wirklich ziemlich geplagt diesen Roman zu Ende zu lesen und muss sagen, dass es sich leider nicht gelohnt hat. Zwei Sterne aber für das erzählerische Durchhaltevermögen der Autorin, die diese blutarmen Charaktere bis in die Zwanziger Jahre und über 600 Seiten geschleppt hat.

Veröffentlicht am 06.09.2019

Tristesse par excellence...

Das Glück, wie es hätte sein können
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Ich bereits "In diesem Sommer"gelesen und weil es mir - trotz einer gewissen Ereignisarmut - gut gefallen hat, wollte ich auch dieses Buch von Veronique Olmi lesen, das mit seinem Titel "Das Glück, wie ...

Ich bereits "In diesem Sommer"gelesen und weil es mir - trotz einer gewissen Ereignisarmut - gut gefallen hat, wollte ich auch dieses Buch von Veronique Olmi lesen, das mit seinem Titel "Das Glück, wie es hätte sein können" einiges an dieser typisch französischen Stimmung zu vermitteln verspricht. In der Tat ist der neue Roman von Olmi durchtränkt von der "tristesse" oder Melancholie, wie wir sie aus französischen Filmen und der literarischen Tradition Frankreichs kennen: das Leben wird immer mit einer gewissen Bitterkeit gesehen und wo Fröhlichkeit, Liebe und Fülle ist denkt man doch auch immer kurzzeitig an deren Vergänglichkeit. In "Das Glück, wie es hätte sein können" wird eine kurzzeitige Liaison zum reinigenden Gewitter, zur Explosion, die das Leben von drei - eigentlich sogar mehr - Menschen für immer verändert. Suzanne, die bodenständige Klavierstimmerin, lernt über ihren Beruf den alternden Immobilienjongleur Serge kennen. Zunächst eigentlich das teure Klavier, das für seinen untalentierten Sohn von seiner Frau Lucie angeschafft wurde. Zunächst beschreibt Olmi in kurzen, momentaristisch geprägten Kapiteln, wie das Leben von Serge und Suzanne abläuft, wie sie im Alltag sind...dann läuft es langsam auf die Begegnung der beiden zu, die die Initialzündung zu ihrer Affäre sein wird. Aus dem "menage a quatre"-Roman wird aber immer mehr die Selbstfindungsgeschichte des 60jährigen Serge, der Suzanne mit seinen Lebenslügen konfronitiert...
Das Buch ist literarisch hervorragend, von der Thematik her aber eher schwer und zuweilen beliebig. Tausendmal schon gehört man man eine solche Geschichte zu haben, die Vorgeschichte von Serge wirkt stellenweise sehr konstruiert und man wähnt sie einem Groschenroman entnommen zu haben. Trotz der etwas seichten Story ist das Buch aber von einer besonderen Intensität, die vor allem durch die Beschreibung kleiner Details und eindrücklicher Szenereien zustande kommt. Man wähnt sich wirklich an einem Herbsttag in Paris, dieses spezielle Licht, der Geruch, die Atmosphäre in den Straßen - man meint sie wirklich zu spüren. Veronique Olmi ist eine hervorragende Autorin und diese Geschichte, die das Leben spielt, ist eigentlich auch genau ihre Thematik, wenn die theatralisch-pathetische Vorgeschichte wenig abgeschwächter wäre, würde ich volle 5 Sterne geben.

Eine Anmerkung noch zum Titel: Interessant ist, dass der französische Titel "Nous étions faits pour être hereux" übersetzt eigentlich "Wir sind dazu gemacht, glücklich zu sein" und nicht "Das Glück, wie es hätte sein können." Was sagt uns die freie Übersetzung? Dass die Franzosen vielleicht bei aller tristesse doch optimistisch(er) sind?

Veröffentlicht am 06.09.2019

Genialer Historienroman

Falken
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"Falken" bzw. "Bring up the Bodies" ist das beste Buch, das ich über die Tudors gelesen habe - getoppt werden kann es allenfalls noch von seinem Nachfolger, der noch nicht erschienen ist und der die Trilogie ...

"Falken" bzw. "Bring up the Bodies" ist das beste Buch, das ich über die Tudors gelesen habe - getoppt werden kann es allenfalls noch von seinem Nachfolger, der noch nicht erschienen ist und der die Trilogie um Thomas Cromwell komplett machen wird.
Ich muss sagen die Intensität und Nüchternheit, mit der die physisch und psychisch brutalen Vorgänge rund um die Hinrichtung von Anne Boleyn geschildert werden, sucht sicher ihresgleichen. Ein derat visuelles Leseerlebnis ist mir in einem historischen Roman eigentlich noch nicht untergekommen.
Während "Wolf Hall" viel Cromwell-zentrierter und gemächlicher daherkommt, geht es nun im Wesentlichen um die Zeit, in der Heinrich VIII seine Beziehung zu Anne Boleyn zu legitimieren versucht. Es geht um seine "Trennung" von Katharina von Aragon, die Annäherung an Anne und deren Aufstieg zur Königin von England. Die Ablösung Heinrichs von der katholischen Kirche, die in der Gründung der Anglikanischen Kirche gipfelt, ist dabei nicht wirklich vordergründig. Vielmehr geht es um den royalen Menschen und menschlichen Royal Heinrich, der einfach nur verzweifelt ist, weil er keinen männlichen Erben bekommt. Die Zukunft in Form seiner Töchter Mary und Elisabeth, die beide - wie der Leser ja bereits weiß - einmal England als selbstständige MonarchINNEN regieren werden, steht bereits am Horizont und lässt das Verhalten des strauchelnden Königs Heinrich nur noch verzweifelter und absurder erscheinen. Besonders wenn man bedenkt, dass vor allem Elisabeth England wie kaum ein anderer Souverän England prägen und das berühmte "Goldene Zeitalter" bestimmen wird... Jedenfalls wird der Aufstieg und Fall der Anne Boleyn in "Bring Up the Bodies" durch die Augen Thomas Cromwells - des bürgerlichen Emporkömmlings - gefiltert.
Natürlich wissen wir alle, was passieren wird, aber dennoch jagt es einem beim Lesen einen Schauer über den Rücken. Die Klarheit der Worte trifft auf die Grausamkeit der Vorgänge und konfrontiert den Leser mit einem Innuendo, das man nicht so schnell wieder vergisst...
Auch weniger Geschichtsinteressierte werden von diesem wahnsinnig intensiven Historienroman gepackt werden, den ich nur wirklich jedem empfehlen kann!

Veröffentlicht am 06.09.2019

Schiller auf dem Weg zu sich selbst

Die Stunde der Räuber
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Udo Weinbörner hat sich der Herausforderung gestellt, einen historischen Roman über eine historische Persönlichkeit zu schreiben. Will man sich einer solchen Persönlichkeit nähern und ihre Lebensgeschichte ...

Udo Weinbörner hat sich der Herausforderung gestellt, einen historischen Roman über eine historische Persönlichkeit zu schreiben. Will man sich einer solchen Persönlichkeit nähern und ihre Lebensgeschichte in eine erzählende Form bringen, muss man zunächst Wissen anhäufen. Quellenstudium heißt die Devise. Ist die Person, die erzählerisch abgebildet werden soll auch noch Schriftsteller oder Künstler, muss man sich das Werk ganz genau anschauen, am besten auch noch das der Zeitgenossen.

In dieser Disziplin zu reüssieren ist sicher nicht eine der leichtesten Übungen, zumal die Persönlichkeit, über die im vorliegenden Fall geschrieben wurde keine geringere ist als Friedrich Schiller, der neben Goethe größte Dichter und Dramatiker der Deutschen.

Der Roman "Die Stunde der Räuber. Der Schiller-Roman. Erster Teil" ist als Ganzes bereits im Schiller-Gedenkjahr 2005 erschienen und wurde nun im Rahmen einer Taschenbuchausgabe in zwei Bänden neu aufgelegt, Teil 2 erscheint im Jahr 2020. Der Autor hat neue Szenen hinzugefügt und wohl einiges umgearbeitet.

Wir lernen “Fritz” als sehr jungen Mann kennen, der gerade dabei ist das Elternhaus unfreiwillig zu verlassen. Herzog Carl Eugen von Württemberg will ihn als Eleven für seine “Militärische Pflanzschule”. Er soll also eine militärische Beamtenlaufbahn auf Gnaden des Herzogs einschlagen, wofür dieser im Gegenzug absolute Dankbarkeit und Unterwerfung einfordert. Die Fürstenwillkür oder überhaupt der Absolutismus der Mächtigen, den Schiller in seinen Werken anprangern wird, kommt hier zum Tragen. “Gedankenfreiheit” wird zum Schlüsselwort in Schillers Innenwelt, denn in der Außenwelt wird diese systematisch unterdrückt.

Zum Glück gibt es die Mitschüler und einen wohlgesonnenen Lehrer, die Literatur in der Schule zirkulieren lassen. So war es dem jungen Schiller möglich die älteren Zeitgenossen, Lessing, Goethe und Klopstock und auch den großen Shakespeare zu lesen und zu verinnerlichen.

Langsam aber sicher wird Schiller zum Schriftsteller, der neben der Ausbildung schreibt, auch um nicht an den widrigen Umständen zu zerbrechen. Die Geschichte des Schriftstellerkollegen Schubart zeigt was passiert, wenn man sich mit Worten gegen die Mächtigen auflehnt. Sein Schicksal wird für Schiller zum Antrieb und Damoklesschwert zugleich.

Das Freundschaftsideal des “Sturm und Drang”, das Schiller rigoros praktiziert, wird beschrieben. Dann seine relativ kurze Zeit als Militärarzt, seine ersten Schritte auf Freiersfüßen in Richtung des anderen Geschlechts, seine desolate wirtschaftliche Situation. Letztlich steuert die Handlung auf den Höhepunkt des ersten Teils zu: Schillers heimlicher Ausflug nach Mannheim, die Aufführung der “Räuber” und damit sein erster Erfolg als Dramatiker, die Ernüchterung ob der finanziellen Lage und schließlich der Weggang aus Württemberg.

Viele Begebenheiten sind wirklich gut erzählt und man hat durchaus das Gefühl, man hat Teil an etwas Großem, dass man einen Schlüsselmoment in Schillers Persönlichkeitsentwicklung hautnah mitbekommt. Sehr lebendig ist die Szene, in der Schiller den Herzog imitiert und zuhört, als über die Weltpolitik (hier: der amerikanische Unabhängigkeitskrieg) diskutiert wird.

Seinem Charakter kommt man vor allem im Zusammenspiel mit seinen Freunden durchaus nahe. Wenn er für seine Werke um Anerkennung bei seinen Mitschülern buhlt, so kommt sein Geltungsdrang, seine mangelnde Kritikfähigkeit und auch seine Verletzlichkeit heraus. Auch wenn Schiller sich von seinem Freund Scharffenstein abwendet, gibt es einen Moment tatsächlicher zwischenmenschlicher Interaktion.

Schön fand ich auch das erste Aufeinandertreffen mit Goethe bzw. die Auseinandersetzung also Abarbeitung Schillers am 10 Jahre älteren Goethe, der schon ein großer Name war. Auf seiner Abschlussfeier treffen sie aufeinander. "Goethe schien kaum hinzuhören, wirkte unbeeindruckt vom zeremoniellen Stumpfsinn seiner Umgebung (...) Ein großer Geist ist wahrhaft frei, dachte Schiller, fast ein wenig neidisch." (S. 173) Dass es zwischen den beiden eine “Freundschaft” gegeben haben soll, diesen Mythos will Weinbörner demontieren, im zweiten Teil dann, denn erst dann spielt der “Antipode” in Weimar eine Rolle jenseits der Rezeption seiner Werke.

Ein Paukenschlag ist schließlich der Showdown am Ende des zweiten Buchs, die Auseinandersetzung mit dem Herzog, kurz bevor Schiller Württemberg den Rücken kehrt.
Der Autor baut hier und da “witzige” Szenen oder Elemente ein, also eine Art von “comic relief”, das dem Leser zur Aufheiterung dienen soll. Zum Beispiel als Schiller, dem Pathos ergeben, weil er sich von seinen Freunden unverstanden fühlt, Shakespeare zitiert und die Freunde finden: “Das ist genialisch! [...]” “Das ist aus Hamlet , antwortete Schiller [...]” (S.152) Oder wenn Christophine ihren Bruder schimpft, weil er sein Zimmer nicht aufgeräumt hat, obwohl doch die ganze Welt nunmehr bei ihm vorbeischaut. Solche Szenen oder die sehr humorvoll gezeichnete Figur “Kronenbitter” lockern die Handlung, die doch einen ernsten Grundton hat, etwas auf.

Immer dann, wenn Schiller zweifelt oder verzweifelt, zeigt er sich dem Leser von seiner verletzlich-menschlichen Seite. Wie zum Beispiel, wenn er müde und psychisch am Ende um das Leben eines seiner Patienten bangt. "Er schrie, sprang auf, griff nach allem, was auf dem Tisch lag. [...] Er war allein mit sich und seinen Ängsten." (S. 245). Selbstzweifel und Verlorensein in der Welt - das alles ist nicht das, was man vom großen Schiller gemeinhin so kennt.

Auch am absoluten Höhepunkt des Buches, der Aufführung von Schillers Räubern, erlebt man nicht den triumphierenden Genius, der restlos davon überzeugt ist dass sein Stück - auch nach der Umarbeitung - ankommt, nein, er zweifelt bis zu dem Zeitpunkt, an dem die Ekstase des Publikums alle Bedenken im Jubelgeheul erstickt.
Ich ziehe meinen Hut vor dem Autor, es ist ihm gelungen trotz der Vielzahl an Sekundärliteratur und zeitgenössischen Quellen das Wichtigste herauszukristallisieren und dem Leser einen neuen Blickwinkel auf Schiller zu eröffnen. Sehr gut finde ich auch, dass wichtige Namen, Schlagworte und Werke fett gedruckt sind, so fallen sie einem beim Lesen gleich ins Auge. Zitate sind erfreulicherweise kursiv gesetzt.

Die Kritik, die ich trotz allem habe, bezieht sich auf die mangelnde "Erklärung" von Szenarien (also dass viele Namen und Orte sowie Institutionen nicht erklärt werden), das hohe Erzähltempo und vor allem die raschen Szenenwechsel, die ohne größere Absätze erfolgen.
Es ist für mich eher ein “biographischer Roman” als alles andere, das tatsächlich erlebte Leben gibt die Handlung vor und es erfolgen wenige Seitenblicke, fiktive Spielereien (wie z.B. die Jesuitenszene - wobei genau dieses Thema für mich eher abschreckend ist) oder Inneneinsichten in Schillers Psyche.

Man sollte also schon ein Grundinteresse für den Menschen Schiller mitbringen, wenn man das Buch lesen möchte. Aber: wie könnte man nicht? Schiller war einfach ein sehr vielschichtiger, interessanter Charakter und Weinbörner vermag es diese Tatsache zu unterstreichen.