Hunger nach der Welt im bürgerlichen Paris!
Memoiren einer Tochter aus gutem HauseIn "Memoiren einer Tochter aus gutem Hause" hält Simone de Beauvoir ihre Kindheit und Jugend fest, bis kurz nach ihrer Begegnung mit Jean-Paul Sartre.
Sie beginnt mit ihrer Geburt und nimmt sich bei den ...
In "Memoiren einer Tochter aus gutem Hause" hält Simone de Beauvoir ihre Kindheit und Jugend fest, bis kurz nach ihrer Begegnung mit Jean-Paul Sartre.
Sie beginnt mit ihrer Geburt und nimmt sich bei den Schilderungen ihrer Kindheit sehr viel Zeit. Für mich hat sich das sehr gezogen und ich bezweifle stark, dass de Beauvoir als Kind über eine solch starke Selbstreflexionsgabe verfügt hat und ob diese nicht eher das ist, was sie als Erwachsene in ihre Kindheit reininterpretiert.
Dadurch, dass de Beauvoir so ausschweifend ihr Leben erzählt und sich viel Zeit nimmt, ihr soziales Umfeld vorzustellen, lernen wir ihre Freund*innen und Jugendlieben sehr genau kennen und was ich sehr toll fand, ist auch, dass de Beauvoir hin und wieder Zukunftsausblicke gibt, was im Erwachsenenleben aus diesen Menschen wird (auch wenn ich das bei manchen [Jaques] im Nachhinein vielleicht lieber nicht gewusst hätte). In dieser Autobiorgraphie ist nicht nur de Beauvoir für mich die Sympathieträgerin, sondern auch ihre beste Freundin Zaza. Den Punkt, den de Beauvoir als Ende für diese Memoiren (und damit sinnbildlich für ihre Jugend) gewählt hat, fand ich sehr bewegend und musste doch etwas schlucken.
In diesen Memoiren bekommt man einen spannenden Einblick in das bürgerliche Pariser Milieu im frühen 20. Jahrhundert mit seinen Gepflogenheiten, politischen Ansichten und der vorherrschenden konservativen Welthaltung. De Beauvoir schildert, wie dieses Umfeld sie geprägt hat und wie sie sich nach und nach von dessen Einfluss löst, Freiheit und Vergnügungen sucht und in das Milieu der intellektuellen Linken gerät. Das fand ich sehr spannend. Wie vermutlich alle Jugendlichen hat de Beauvoir einen außerordentlich großen Hunger nach der Welt, was ich als sehr bewegend und authentisch empfinde.
Auch historische Ereignisse zur damaligen Zeit bindet sie mit ein. De Beauvoir berichtet, wie sie als junges Mädchen den Ersten Weltkrieg erlebt hat und die Berichterstattung zur Russischen Revolution.
Trotz der vielen Längen (100 bis 200 Seiten weniger hätten dem Buch gut getan) kann de Beauvoir fantastisch schreiben und ich habe mir einige Stellen in dem Buch markiert. Ich kann "Memoiren einer Tochter aus guten Hause" empfehlen, wenn mensch sich für de Beauvoir interessiert und bereit ist, sich die Zeit dafür zu nehmen. Ein kleines Manko ist jedoch für mich, dass viele französische Begriffe, Romantitel, Äußerungen etc. in der deutschen Ausgabe vorkommen, zu denen keine Übersetzung angegeben ist. Ich finde es passend für Authentizität, dass sie enthalten sind, aber für alle, die der französischen Sprache nicht mächtig sind, hätte mensch hier mit Übersetzungen im Anhang oder als Fußnoten arbeiten können.