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Veröffentlicht am 23.03.2026

Hunger nach der Welt im bürgerlichen Paris!

Memoiren einer Tochter aus gutem Hause
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In "Memoiren einer Tochter aus gutem Hause" hält Simone de Beauvoir ihre Kindheit und Jugend fest, bis kurz nach ihrer Begegnung mit Jean-Paul Sartre.
Sie beginnt mit ihrer Geburt und nimmt sich bei den ...

In "Memoiren einer Tochter aus gutem Hause" hält Simone de Beauvoir ihre Kindheit und Jugend fest, bis kurz nach ihrer Begegnung mit Jean-Paul Sartre.
Sie beginnt mit ihrer Geburt und nimmt sich bei den Schilderungen ihrer Kindheit sehr viel Zeit. Für mich hat sich das sehr gezogen und ich bezweifle stark, dass de Beauvoir als Kind über eine solch starke Selbstreflexionsgabe verfügt hat und ob diese nicht eher das ist, was sie als Erwachsene in ihre Kindheit reininterpretiert.

Dadurch, dass de Beauvoir so ausschweifend ihr Leben erzählt und sich viel Zeit nimmt, ihr soziales Umfeld vorzustellen, lernen wir ihre Freund*innen und Jugendlieben sehr genau kennen und was ich sehr toll fand, ist auch, dass de Beauvoir hin und wieder Zukunftsausblicke gibt, was im Erwachsenenleben aus diesen Menschen wird (auch wenn ich das bei manchen [Jaques] im Nachhinein vielleicht lieber nicht gewusst hätte). In dieser Autobiorgraphie ist nicht nur de Beauvoir für mich die Sympathieträgerin, sondern auch ihre beste Freundin Zaza. Den Punkt, den de Beauvoir als Ende für diese Memoiren (und damit sinnbildlich für ihre Jugend) gewählt hat, fand ich sehr bewegend und musste doch etwas schlucken.

In diesen Memoiren bekommt man einen spannenden Einblick in das bürgerliche Pariser Milieu im frühen 20. Jahrhundert mit seinen Gepflogenheiten, politischen Ansichten und der vorherrschenden konservativen Welthaltung. De Beauvoir schildert, wie dieses Umfeld sie geprägt hat und wie sie sich nach und nach von dessen Einfluss löst, Freiheit und Vergnügungen sucht und in das Milieu der intellektuellen Linken gerät. Das fand ich sehr spannend. Wie vermutlich alle Jugendlichen hat de Beauvoir einen außerordentlich großen Hunger nach der Welt, was ich als sehr bewegend und authentisch empfinde.
Auch historische Ereignisse zur damaligen Zeit bindet sie mit ein. De Beauvoir berichtet, wie sie als junges Mädchen den Ersten Weltkrieg erlebt hat und die Berichterstattung zur Russischen Revolution.

Trotz der vielen Längen (100 bis 200 Seiten weniger hätten dem Buch gut getan) kann de Beauvoir fantastisch schreiben und ich habe mir einige Stellen in dem Buch markiert. Ich kann "Memoiren einer Tochter aus guten Hause" empfehlen, wenn mensch sich für de Beauvoir interessiert und bereit ist, sich die Zeit dafür zu nehmen. Ein kleines Manko ist jedoch für mich, dass viele französische Begriffe, Romantitel, Äußerungen etc. in der deutschen Ausgabe vorkommen, zu denen keine Übersetzung angegeben ist. Ich finde es passend für Authentizität, dass sie enthalten sind, aber für alle, die der französischen Sprache nicht mächtig sind, hätte mensch hier mit Übersetzungen im Anhang oder als Fußnoten arbeiten können.

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Veröffentlicht am 23.03.2026

Ein herausforderndes Leseerlebnis!

Die Dinner Party
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"Die Dinner Party" handelt von der niederländischen Literaturstudentin Franca, die aus Einsamkeit zu dem reichen Andrew von Utrecht nach England zieht, kurz nachdem sie sich kennengelernt haben. Franca ...

"Die Dinner Party" handelt von der niederländischen Literaturstudentin Franca, die aus Einsamkeit zu dem reichen Andrew von Utrecht nach England zieht, kurz nachdem sie sich kennengelernt haben. Franca setzt ihr Studium nicht fort, die beiden verloben sich und Franca lebt von nun an ein häusliches Leben, versorgt von Andrew. Bei wem schrillen noch nicht sämtliche Alarmglocken?
Andrew bittet Franca, für ihn und seine Arbeitskollegen spontan eine Dinnerparty zu organisieren, bei der alles aus dem Ruder läuft. Die Handlung spitzt sich rasant zu, als Franca mit ihrer Vergangenheit und ihren Entscheidungen konfrontiert wird und zu einem Messer greift...

Die Handlung wird nicht linear erzählt, sondern wir haben drei verschiedene Zeitebenen. In der Gegenwart lebt Franca in Berlin und befindet sich in Therapie, da sie sich nicht an diesen verhängnisvollen Moment mit dem Messer erinnern kann. Ihre Therapeutin rät ihr deshalb, einen Brief über das alles an eine geliebte Person zu schreiben, um das Erlebte verarbeiten zu können. So ist dieser Roman, den wir lesen, der Brief an Harry (eine wichtige Person aus Francas Vergangenheit), in dem Franca ihre Vergangenheit schildert. Das ist richtig cool gemacht!
Der Schreibstil ist sehr vulgär, was gut zu dieser verstörenden Geschichte passt, da auch auf sprachlicher Ebene nichts beschönigt wird.

Keine der Figuren war mir sonderlich sympathisch, bis auf Harry und die Therapeutin Stella. Franca tat mir einfach nur leid und ich habe sehr mit ihr mitgefühlt. Sie macht Furchtbares durch und versucht nun, alles zu verarbeiten. Ich habe ihre Figur als sehr realistisch empfunden. Auf Andrew habe ich einen richtigen Hass entwickelt und die anderen Gäste der Dinnerparty (Andrews bester Freund Evan und ein alter, weißer, männlicher Literaturkritiker namens Gerald) betrachte ich ambivalent.

Die Spannung wurde so doll gesteigert, dass es kaum auszuhalten war. Ich wollte unbedingt wissen, was genau mit dem Messer passiert ist, an das Franca sich nicht erinnern kann und warum sie jetzt in Berlin ist. Ich bin irgendwann nicht mehr mitgekommen bei dem was real war und was nicht. Das war sehr anstrengend zu lesen und hat Francas Gefühl der Überforderung für mich spürbar gemacht.
Und dann diese Plottwists! Ich habe so vieles nicht kommen sehen und ab einem bestimmten Punkt, sieht man das Buch mit ganz anderen Augen. Ich wurde mit meiner normativen Sicht konfrontiert, die die Autorin auf großartige Weise dekonstruiert! Ich ziehe meinen Hut vor dieser Frau! Gleichzeitig bringt sie Diskussionen über einen Literaturkanon auf grandiose Weise in die Handlung mit ein. Das heißt, wir haben hier viele feministische Themen drin, die miteinander verwoben werden.

Generell habe ich das Leseerlebnis als unbequem und herausfordernd wahrgenommen. Es ist ganz sicher nicht das, was ich von dem Buch erwartet habe, aber es ist absolut genial! Definitiv etwas, über das ich noch sehr lange nachdenken werde. Jetzt brauche ich aber erstmal Erholung davon... Ich kann "Die Dinner Party" sehr empfehlen, allerdings sollte man sich vorher unbedingt mit den Content Notes auseinandersetzen, denn das Buch hat es echt in sich und es war auch für mich teilweise sehr hart zu lesen. Großen Katzenliebhaber:innen rate ich eher vom Lesen ab, da hier die Gewalt gegen ein Haustier schon sehr arg ist.

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Veröffentlicht am 22.03.2026

Eine Wohlfühlgeschichte!

Louisa May Alcott, Little Women. Betty und ihre Schwestern - Erster und zweiter Teil. Schmuckausgabe mit Goldprägung
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Die „Little Women“ Verfilmung von Greta Gerwig ist mein absoluter Lieblingsfilm, daher war es für mich ein Muss, dieses Buch zu lesen!

Wir begleiten die vier March Schwestern beim Aufwachsen während des ...

Die „Little Women“ Verfilmung von Greta Gerwig ist mein absoluter Lieblingsfilm, daher war es für mich ein Muss, dieses Buch zu lesen!

Wir begleiten die vier March Schwestern beim Aufwachsen während des amerikanischen Bürgerkriegs. Besonders toll finde ich, dass die Schwestern als sehr verschieden dargestellt werden. Meg träumt von einem häuslichen Leben, Jo von Unabhängigkeit und davon, eine berühmte Autorin zu werden, Amy liebt das Malen und träumt von einem reichen Mann, während die schüchterne Betty Musik liebt und eher zurückgezogen und kränklich ist. Allen Schwestern wird viel Raum zur Entwicklung gegeben, was schön zu lesen ist.

Das ganze könnte man oberflächlich als „christliches Selbstoptimierungsbuch für junge Frauen“ bezeichnen, da es viel um die christliche Erziehung der Pfarrerstöchter geht, aber es steckt so viel mehr darin, nämlich die Träume dieser Mädchen und ihren Weg, diese zu erreichen. Der Klassiker ist aus heutiger Zeit, was das Frauenbild und das Bild der Ehe angeht, nicht mehr zeitgemäß und einige Stellen haben mich aufgeregt, aber man muss sich beim Lesen vor Augen führen, dass das Buch zur damaligen Zeit durchaus feministisch war, heute die Maßstäbe allerdings zum Glück andere sind.

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Veröffentlicht am 22.03.2026

Eine Rundreise durch die Geschichte der Philosophie

Sofies Welt
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Dieses Buch ist perfekt, wenn man sich für Philosophie interessiert und mit etwas vorhandenem Vorwissen tiefer in diese Welt einsteigen möchte. Denn hier bekommt man viele Anknüpfungspunkte geliefert, ...

Dieses Buch ist perfekt, wenn man sich für Philosophie interessiert und mit etwas vorhandenem Vorwissen tiefer in diese Welt einsteigen möchte. Denn hier bekommt man viele Anknüpfungspunkte geliefert, mit denen man sich später selbst weiter beschäftigen kann.

„Sofies Welt“ ist wie ein Buch in einem Buch aufgebaut, denn die junge Sofie erhält Briefe von einem rätselhaften unbekannten Philosophen, der ihr Philosophieunterricht erteilt. Wir beginnen mit den Philosophen der Antike und arbeiten und chronologisch bis in die Gegenwart vor. Das Lesen erfordert die volle Aufmerksamkeit, da man einerseits viele Informationen aufnimmt und andererseits mit Sofie rätselt, was da genau passiert. Die Handlung wird nach und nach immer absurder und mit jedem Philosophen kommt eine weitere Metaebene hinzu, was die Komplexität der Philosophie verdeutlichen soll, gleichzeitig aber schwer zu folgen ist. Wer bereit für diese Denkleistung ist, der wird Spaß an „Sofies Welt“ haben!

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Veröffentlicht am 20.03.2026

Atmosphärisch!

Das Herz des Verräters
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„Das Herz des Verräters“ setzt nahtlos an den ersten Band „Der Kuss der Lüge“ an. Prinz und Attentäter sind enttarnt und Lia wird ins scheinbar barbarische Königreich Venda entführt. In diesem grausamen ...

„Das Herz des Verräters“ setzt nahtlos an den ersten Band „Der Kuss der Lüge“ an. Prinz und Attentäter sind enttarnt und Lia wird ins scheinbar barbarische Königreich Venda entführt. In diesem grausamen und harten Umfeld muss sie sich behaupten und anpassen, um zu überleben.

Dieser Band unterscheidet sich vom Vibe her stark von Teil 1. Statt einer kleinen Taverne in einem süßen Küstenstädtchen bekommen wir dunkle Festungen und Hunger. Doch auch hier entdeckt Lia das Schöne und mit ihr verliere auch ich mein Herz ein Stück weit an die herzlichen Begegnungen, die Lia in Venda macht. Dieser Band ist schwer mit Teil 1 zu vergleichen, da im wahrsten Sinne des Wortes eine Weltreise zwischen ihnen liegt.

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