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Veröffentlicht am 03.10.2025

Schwan oder Gans? Opfer oder Täter? Krimi oder Gesellschaftskritik oder Realsatire?

Schwanentage
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Wieder mal so ein Buch, bei dem ich mir nach Klappentext und Leseprobe etwas anderes vorgestellt hatte. Der Einstieg in die Story ist direkt und fulminant: schon nach wenigen Seiten sitzt man mit dem Kindermädchen ...

Wieder mal so ein Buch, bei dem ich mir nach Klappentext und Leseprobe etwas anderes vorgestellt hatte. Der Einstieg in die Story ist direkt und fulminant: schon nach wenigen Seiten sitzt man mit dem Kindermädchen Yu Ling und ihrem Schützling Kuan Kuang bei einem dubiosen Fahrer in einem kennzeichenlosen Auto, um eine als Frühlingsausflug getarnte Kindesentführung mitzuerleben. Bald gesellt sich auch noch eine Gans dazu, die Kuang Kuang so falsch wie begeistert als Schwan identifiziert. Diese Grundkonstellation schürte in mir die Erwartung eines chinesischen Roadmovies, um dann etwas enttäuscht festzustellen, dass die Reise schon nach kurzer Zeit vorbei ist.
Wie die Autorin im Nachwort erläutert, lautet der Titel dieses Romans im Original „Schwanenhotel“; das hätte wohl besser gepasst und mich gedanklich weniger in die Irre geführt.
Wo wir schon beim Thema sind: lange bleibt unklar, in welche Richtung sich dieser Roman entwickelt. Zu Beginn noch ein als Krimi getarnter Gesellschaftsroman, dann zu Drama tendierend, ein bisschen Realsatire und schließlich noch Thrillerelemente… - was lese ich hier eigentlich?! Dieser etwas wirre Eindruck zauberte mir mehr Fragezeichen als Freude ins Gesicht, genauso wie einige Ungereimtheiten im Plot.
Darüber hinweggesehen ist „Schwanentage“ ein unterhaltsames Buch, das gleichzeitig gesellschaftskritische Fragen aufwirft und aufschlussreiche Blicke in das moderne China zulässt. Sprachlich ist es wunderbar bildreich und plastisch gehalten, was wohl auch an der vorzüglichen Übersetzung von Karin Betz liegt.
Der für mich größte Pluspunkt dieses Romans liegt in meinen Augen jedoch in der vielschichtig gezeichneten Hauptfigur, die man tatsächlich gerne Heldin nennen möchte, obwohl sie über keine Superkräfte verfügt. Yu Ling tut eigentlich nur ihre Pflicht, und sie tut sie manchmal sogar nur widerwillig. Doch genau das macht sie nahbar. Sie vereint die vielen Widersprüchlichkeiten des Lebens in sich: kann ein Opfer selbst Täter werden? Wo hört die Selbstaufgabe auf, wo fängt die Selbstfürsorge an?
Obwohl dieses Buch über weite Teile nur einen ruckeligen Spannungsbogen halten kann, wartet es mit einem furiosen Showdown auf, der mich am Ende nochmals positiv überraschen konnte.
Alles in allem eine nicht ganz runde, aber empfehlenswerte Lektüre, an die man am besten ohne falsche Klappentext- oder Genreerwartungen herangeht. Für mich 3,5 Sterne.

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Veröffentlicht am 03.10.2025

Tiefe Abgründe, hohe Sprachkunst

Die Schrecken der anderen
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Wunderliche Charaktere lässt Clavadetscher da am Rande eines Schweizer Sees aufeinanderprallen: eine „Alte“, die in einem Wohnwagen haust und definitiv mehr über die Bewohner des Dorfes weiß, als diesen ...

Wunderliche Charaktere lässt Clavadetscher da am Rande eines Schweizer Sees aufeinanderprallen: eine „Alte“, die in einem Wohnwagen haust und definitiv mehr über die Bewohner des Dorfes weiß, als diesen lieb ist, einen Archivar mit Angststörung, der in Gegenwart der Alten wieder durchatmen kann, einen fehlsichtigen Investor mit einer pflegebedürftigen Mutter im Obergeschoss, die hartnäckig auf die Zeugung eines Erben besteht.
Doch was heißt da aufeinanderprallen? Zuerst einmal stolpert nur allzu neugieriger Schüler auf dem zugefrorenen See über ein Stück Stoff und entdeckt damit eine Leiche. Dieser Fund sorgt dafür, dass Schibig die Alte kennenlernt, doch was Kern damit zu tun haben könnte, das wird erst viel später aufgedeckt. Nur so viel: der Aufbau der Geschichte, der die Charaktere zunächst parallel zueinander entwickelt, ist bis ins Detail durchdacht. Manche Verbindung lässt sich früh erahnen – und doch steckt in fast jedem Kapitel ein neuer Aspekt, eine Überraschung, eine Wendung, was die Lektüre sehr fesselnd macht.
Vor allem aber ist „Die Schrecken der Anderen“ ein sprachlicher Hochgenuss, bei dem jeder Ausdruck exakt gewählt ist und einfach jeder Satz sitzt. Die Beschreibungen sind knapp und doch absolut auf den Punkt. Die Dialoge machen oft Spaß – trotz der düsteren Stimmung, welche früh erahnen lässt, dass hier unangenehmen Wahrheiten an die Oberfläche drücken.
Ja, Clavadetscher hat sich in diesem Roman eines unliebsamen Themas angenommen. Dass sie in dieser Sache so ausdrücklich Position bezieht, ist einerseits sehr mutig – doch gegen Ende wurde mir diese Moral dann doch etwas zu platt und glatt in die Figuren und die Story gedrückt, gerade auch im Vergleich zum geschickt in Graubereichen spielenden Einstieg.
Trotz dieses Wermutstropfens eine sehr empfehlenswerte Lektüre, die ein wenig bekanntes Stück Schweizer Geschichte mit einer sprach- und bildgewaltigen fiktiven Umsetzung in die öffentliche Diskussion rückt.

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Veröffentlicht am 16.09.2025

Catchy Klappentext, enttäuschende Ausführung

Plant Lady
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Wer bitte lässt sich schon ein Buch entgehen, das mit feministischem Grundton, kriminalistischer Spannung und einem Pflanzen-Shop als Handlungsort aufwartet? Eben. Dacht ichs mir doch.

Doch leider habe ...

Wer bitte lässt sich schon ein Buch entgehen, das mit feministischem Grundton, kriminalistischer Spannung und einem Pflanzen-Shop als Handlungsort aufwartet? Eben. Dacht ichs mir doch.

Doch leider habe ich von dem angekündigten „raffinierten Katz- und Mausspiel“ zwischen einer mordenden Gärtnerin und dem Detective nur ein paar herumschleichende graue Katzen wahrgenommen. Wo bitte war dieses Buch spannend? Wo gab es überraschende Wendungen? Wo bitte war die Raffinesse? Wahrscheinlich alle in der Erde im Hof des Pflanzen-Shops vergraben. Zusammen mit den Charakteren, die ihren Namen verdienen, nachvollziehbaren Handlungen und einer des Themas würdigen Hintersinn.

Ja, okay, das Cover und die Aufmachung des Buches ist toll. Ja, okay, die Idee wäre wirklich gut gewesen. Ja, okay, die Mensch-Pflanzen-Symbiose macht was her. Ja, okay, ein paar äußerst morbide Beschreibungen bleiben im Gedächtnis, in meinem Fall jedoch eher negativ.

Ansonsten springt die Handlung trotz der äußerlich gut strukturierten, jeweils einer Pflanze gewidmeten Kapitel, auf unlogische Weise zwischen verschiedenen Perspektiven und Zeiten hin und her und hinterlässt zusammen mit den für europäische Augen ungewöhnlichen Namen ein hohes Maß an Verwirrung. Alles wirkt grobschlächtig, der Aufbau, die Figuren, die Themen. Oder aber, ich konnte die Feinheiten und Spitzfindigkeiten nicht herauslesen – auch eine mögliche Variante.

„Plant Lady“ hinterlässt bei mir einen schalen Geschmack. Ein Roman, bei dem für mich irgendwie nichts zusammengepasst hat und der – eventuell auch aufgrund von Mängeln in der Übersetzung – deutlich hinter seinem Potenzial zurückbleibt.

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Veröffentlicht am 04.09.2025

No pain, no gain, Mädels!

Gym
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Auf, auf, Mädels, keine Ausreden mehr, schlüpft in was Bequemes, etwas, das bei den Squats nicht kneift, oh, du hast nichts Passendes, hier, bestell was Nettes, Buntes, Glänzendes - benutz Promocode GYM25! ...

Auf, auf, Mädels, keine Ausreden mehr, schlüpft in was Bequemes, etwas, das bei den Squats nicht kneift, oh, du hast nichts Passendes, hier, bestell was Nettes, Buntes, Glänzendes - benutz Promocode GYM25! Danke! - oh, hier sogar vereinzelt Herren der Schöpfung, seid ihr etwa Feministen?!, ha, nein, okay, kommt ruhig näher, alle, KLATSCH KLATSCH, es gibt was Neues von Verena, das wird sicher gut, auf, lasst euch vom Cover nicht abschrecken, wobei, immerhin erinnern die Schriftfarben an diverse Körperausscheidungen, da wird man ja schon mal aufs Kommende eingestimmt, harhar, es beginnt aber eher gemütlich und unverfänglich, ja, lass es ruhig angehen, hast du nicht vor Kurzem erst entbunden, na, also, dann sind die paar Speckröllchen okay, wichtig ist nur, dass du dran bleibst, und das tust du doch gerne, Verena führt dich durchs Programm, die hat das drauf, ja, es zwickt schon mal hier und da, also, diese Lüge, da ahnt man irgendwie, dass es nicht lange gutgehen kann, und schon sind wir im zweiten Abschnitt, aber hallo, und wenn du dich jetzt so im Spiegel betrachtest, ohooo, merkst du, wie sich da was ändert?, ja, genau, hoch, runter, uuuund nochmal!, hoch, runter, hoch runter, ja, der Schweiß, der läuft, auf, auf, sweat, sweat, Sweat-lana, haha, das gehört dazu, aber auch die bewundernden Blicke, die auf deine wohlgeformten Schenkel -…, los, los, nicht aufgeben, das sieht doch schon super aus… ja, zeigt es mir, hopp, hopp, was, noch mehr, da geht noch mehr, schon, aber wieviel mehr, was meinst du?, mehr von allem, mehr Muskeln, mehr Aufmerksamkeit, mehr Ehrgeiz…- mehr, du willst mehr und mehr und kannst irgendwie gar nicht aufhören, bis zu – hey, HEY, Stop!, da gruselt es mich jetzt doch ein wenig, puh, das war mal ne groteske Steigerung, komm mal runter, ja, so ists recht, atmen… tief einatmen durch die Nase… ja, doch, ich versteh das irgendwie schon, mit dieser Vergangenheit, das ist nicht ohne, und wenn dann noch die Ansprüche…, die Gesellschaft, die Erwartungen und so…, hm, so gesehen, gibt es einiges, worüber man vielleicht mal nachdenken - , habt ihr auch an den Beckenboden gedacht? Weil, ihr wisst schon… - aber hey, erst mal atmen, puh, Mädels, die 190 Seiten gingen ja viel fixer rum als gedacht, da hat Verena diesmal ganz schön was rausgehauen, oder?!, wobei, schön ist wohl der falsche Ausdruck, das war zwischendurch eher … hm, etwas hinüber, gell, aber ok, ihr wisst schon, ein bisschen weh muss es tun, no pain no gain, so, dann gönnt euch euren Shake am Tresen, Pina-Cool-Downa ist im Angebot, denkt an die Proteine, Geschmack steht an zweiter Stelle, schließlich gehört auch Ekel überwinden zum Programm, wenn ihr es wirklich ernst meint… und tschüss, ihr Lieben, oho, das Top steht dir, vor allem, wenn du denn Reißverschluss noch ein bisschen - … also, cheers und tschüss, bis zum nächsten Mal mit Verena, ich bin wieder dabei!

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Veröffentlicht am 31.08.2025

Zwei verschiedene Versionen, aber beide deprimierend

Im Leben nebenan
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Toni wacht eines Tages plötzlich als Antonia auf. „Im Leben nebenan“ ist sie nicht mehr die, die in der Stadt mit Jakob zusammenlebt und sich mit ihm ein Kind wünscht, sondern eine frischgebackene Mama ...

Toni wacht eines Tages plötzlich als Antonia auf. „Im Leben nebenan“ ist sie nicht mehr die, die in der Stadt mit Jakob zusammenlebt und sich mit ihm ein Kind wünscht, sondern eine frischgebackene Mama auf dem Land, eine, die ihren Ursprungsort nie verlassen und sogar ihre Jugendliebe geheiratet hat. Abwechselnd wird nun erzählt, wie sich ihr Leben mit Kinderwunsch beziehungsweise mit Baby entwickelt: ein höchst raffinierter Aufbau, denn so ziemlich jede Frau wird sich die Frage schon gestellt haben: Wie würde mein Leben aussehen, wenn ich (Mutter) keine Kinder hätte? Wenn ich (kinderlos), doch Kinder hätte? Bekommen würde?
Ein Gedankenspiel, dass Anna Sauer in ihrem Debütroman konsequent verfolgt, jedoch in beiden Fällen deprimierende Szenarien ausbreitet. Von dem im Klappentext erwähnten Humor habe ich jedenfalls nichts gespürt, im Gegenteil, sowohl Toni als auch Antonia waten durch ihren trüben Alltag wie durch nebliges Sumpfgebiet. Die Beschreibungen sind definitiv alltagsnah, und ja, Alltag ist halt oft Grau in Grau, doch diese Lektüre hatte für mich einen so negativen Grundton, dass ich mich durch einige Kapitel regelrecht durchkämpfen musste.
Bei der Stange gehalten hat mich Anne Sauers Schreibstil: frisch, modern, eigen, gerade die unfertigen Sätze, deren Ende man sich ersparen kann, weil darum halt, haben mir gut gefallen. Außerdem versprach die Erzählstruktur eine gewisse Spannung mit der im Klappentext erwähnten „entscheidenden Abzweigung“; dumm nur, dass diese Abzweigung, welche wiederum die weiteren Entwicklungen der unterschiedlichen Leben erklärt, nie auftaucht. Die Chance war gegeben, denn Antonia landet in ihrem neuen Leben mit dem Wissen, einmal ein Leben als Toni gehabt zu haben, aber ohne Wissen über ihr Leben als Antonia, so wie auch die Lesenden, und die Autorin hätte Antonia nun Stück für Stück die verpasste Story rekonstruieren lassen können. Tut sie nicht, die Dinge sind einfach, wie sie sind, und Antonia keine Privatdetektivin, sondern im Wochenbett. Das vielversprechende Parallelwelt-Konstrukt ist also wirklich nur dazu da, zwei Lebensversionen zu vergleichen.
Leider hat mich aber auch diese Gegenüberstellung nicht gänzlich überzeugt. Erfreulicherweise ist sie sehr wertungsfrei gestaltet und schreibt niemandem vor, ob ein Leben mit oder ohne Kind erstrebenswerter ist. Leider geht hierbei aber einiges an Tiefenschärfe und Komplexität verloren, was vor allem daran liegt, dass weder Toni noch Antonia ihr Schicksal großartig hinterfragen und reflektieren. Am Ende gibt es zwar in beiden Leben diese Silberstreifen am Horizont, die ich mir schon für die vorhergehenden Kapitel gewünscht hätte, aber kaum eine Charakterentwicklung und nur wenig neue Erkenntnisse.

Fazit: Das Potenzial dieses großartigen Parallelleben-Pitches mit Kinderwunsch- und Wochenbett-Version wurde nicht ausgeschöpft. Der Schreibstil ist ansprechend, kann dem Roman aber nicht über die Mankos in Leichtigkeit, Entwicklung und Reflektion hinweghelfen.

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