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Veröffentlicht am 30.07.2025

Fesselnder Auftakt

Mika Mysteries 1: Der Ruf des Nachtraben
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MEINE MEINUNG
Mit „Der Ruf des Nachtraben“ ist Johan Rundberg ein faszinierender Auftakt seiner historischen Jugendkrimi-Reihe „Mika Mysteries“ gelungen. Im Mittelpunkt steht die zwölfjährige Mika, die ...

MEINE MEINUNG
Mit „Der Ruf des Nachtraben“ ist Johan Rundberg ein faszinierender Auftakt seiner historischen Jugendkrimi-Reihe „Mika Mysteries“ gelungen. Im Mittelpunkt steht die zwölfjährige Mika, die unter entbehrungsreichen Zuständen in einem Stockholmer Waisenhaus lebt und nebenbei als Schankmädchen arbeiten muss.
Die stimmige Mischung aus spannendem Kriminalfall, beklemmender Milieubeschreibung und feinsinniger Sozialkritik entfaltet von Beginn an eine große Sogwirkung.
Rundbergs bildhafter Erzählstil, der auch auf eine jüngere Leserschaft ab 10 Jahren zugeschnitten ist, lässt uns unmittelbar in das historische Stockholm mitten im bitterkalten Winter des Jahres 1880 eintauchen. Der Autor zeichnet ein eindrucksvolles Bild jener düsteren Zeit, in der bittere Armut, soziale Not und täglicher Überlebenskampf allgegenwärtig sind. Es gelingt ihm hervorragend, die recht bedrückende Atmosphäre des späten 19. Jahrhunderts lebendig werden zu lassen, so dass man die Härten und Ungerechtigkeiten des Alltags gut nachempfinden kann.
Als eines Nachts ein Findelkind von einem mysteriösen Unbekannten im Waisenhaus abgegeben wird, wird die clevere, aufgeweckte Mika befragt. Der ermittelnde Kommissar Valdemar Hoff erkennt Mikas scharfen Verstand und außergewöhnliche Beobachtungsgabe und bindet sie in die Ermittlungen zu einem äußerst rätselhaften Mordfall ein, bei dem ein bereits totgeglaubter Serienmörder – der berüchtigte Nachtrabe - erneut sein Unwesen in der Stadt zu treiben scheint. So begibt sich das äußerst ungleiche Ermittlerduo auf eine gefahrvolle und abenteuerliche Spurensuche, bei der nicht nur die Lösung des Falls, sondern auch die gesellschaftlichen Zwänge jener Zeit eine bedeutsame Rolle spielen.
Mit der sympathischen Mika hat Rundberg eine Hauptfigur geschaffen, die sowohl lebensnah als auch vielschichtig ist. Ihre Gefühle, Sorgen und Nöte sind auch für Kinder nachvollziehbar, so dass man sich gut in sie hinein versetzen und mit ihr mitfiebern kann. Aufopferungsvoll kümmert sich Mika um die jüngeren Waisenkinder und bemüht sich, ihnen trotz aller Widrigkeiten Trost zu spenden. Mit Scharfsinn, Witz und Mut stellt sie sich den gesellschaftlichen Zwängen ihrer Zeit entgegen. Doch hinter Mikas Stärke verbergen sich auch nachdenkliche, verletzliche Momente, in denen ihre Zweifel und Einsamkeit spürbar werden, , was ihre Figur besonders einnehmend und glaubwürdig macht.
Auch die Nebenfiguren sind entsprechend ihrer Rollen facettenreich ausgearbeitet. Allen voran der anfangs sehr spröde, vermeintlich hartherzige Kommissar Hoff, der Mika erst abschätzig als „Lumpenfräulein“ tituliert, im Laufe der Ermittlungen aber mehr und mehr Respekt und Wertschätzung für ihre Fähigkeiten entwickelt.
Die realistischen, teils schonungslosen Beschreibungen des historischen Alltags und der dunklen Seiten Stockholms dürften allerdings eher eine erwachsene Leserschaft ansprechen und könnten für Jüngere stellenweise durchaus Angsteinflößend sein. Dennoch wird die düstere, oft bedrückende Stimmung durch humorvolle, scharfzüngige Dialoge zwischen Mika und Kommissar Hoff immer wieder angenehm aufgelockert.
Es entfaltet sich eine clever angelegte, fesselnde Geschichte, die mit überraschenden Wendungen für viel Abwechslung sorgt, und bei der die Spannung bis zur überraschenden Auflösung konstant auf hohem Niveau bleibt.
Viel Neugier wecken zudem die interessant angelegten Nebenstränge, allen voran das Rätsel um Mikas Herkunft, das Lust auf weitere Bände macht.
ZUM HÖRBUCH
Die Film- und Theaterschauspielerin Julia Nachtmann überzeugt mit einer lebendigen und absolut mitreißenden Interpretation der Geschichte. Mit ihrer ruhigen, warmherzigen und nuancenreichen Stimme fängt sie sie dichte Atmosphäre hervorragend ein, sodass auch jüngere Zuhörer mit ausreichend Konzentration den Geschehnissen gut folgen können. Vielschichtig und mit großer Sensibilität transportiert sie dabei die mitunter bedrückende Atmosphäre. Gekonnt erweckt sie das historische Stockholm eindringlich und packend zum Leben.
Durch ihre variantenreiche Stimmgestaltung verleiht Nachtmann den verschiedenen Figuren durch nicht nur Glaubwürdigkeit, sondern auch individuelle Charakterzüge und eine klare Unterscheidbarkeit. Besonders die sympathische Mika wirkt in ihrer gesamten emotionalen Bandbreite lebendig und authentisch. Nachtmann gibt ihr eine eigene, passende Stimme, wodurch Zuhörer ganz unmittelbar an Mikas Sicht auf die Welt teilhaben und eine enge Bindung zu ihr aufbauen können.
Auch Nebenfiguren werden mit ihren jeweiligen Eigenheiten stimmlich gut unterscheidbar interpretiert, was die Handlung besonders lebendig und nachvollziehbar macht.
Insgesamt bietet dieses ungekürzte Hörbuch eine äußerst gelungene Umsetzung des Auftaktbands!

FAZIT
Ein anspruchsvoller und außergewöhnlich atmosphärischer Jugendkrimi vor historischem Hintergrund, der mit einer liebenswerten, starken Protagonistin und vielschichtigem Kriminalfall überzeugt!
Ein rundum gelungener Auftakt, der jugendliche wie auch erwachsene Fans von historischen Krimis begeistern wird!

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  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 13.07.2025

Eine fesselnde Rückkehr ins Wien der Jahrhundertwende

Der Totengräber und die Pratermorde (Die Totengräber-Serie 4)
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MEINE MEINUNG
Mit „Der Totengräber und die Pratermorde“ - dem bereits vierten Band seiner erfolgreichen historischen Krimireihe rund um den jungen, charismatischen Inspektor Leo von Herzfeldt, die ambitionierte ...

MEINE MEINUNG
Mit „Der Totengräber und die Pratermorde“ - dem bereits vierten Band seiner erfolgreichen historischen Krimireihe rund um den jungen, charismatischen Inspektor Leo von Herzfeldt, die ambitionierte Journalistin und Fotografin Julia Wolf sowie den eigenwilligen Totengräber Augustin Rothmayer – legt Oliver Pötzsch eine mitreißende Fortsetzung vor und entführt uns erneut ins quirlige Wien der Jahrhundertwende.
Vorkenntnisse aus den vorherigen Bänden sind für das Verständnis der Handlung nicht zwingend erforderlich. Dennoch empfehle ich allen Liebhabern historischer Krimis, auch die früheren Geschichten dieser absolut lesenswerten Reihe kennenzulernen.
Auch im aktuellen Band beweist Pötzsch sein außergewöhnliches Talent als Erzähler und hat einen spannenden, höchst komplexen Kriminalfall entworfen, der mich auf ganzer Linie überzeugen konnte.
Der neue, knifflige Fall spielt im Jahr 1896 und lässt uns in die faszinierende Welt des Wiener Praters eintauchen - mit seinen Artisten, Schaustellern, aber auch den dunklen Seiten der Vergnügungen.
Der auf mehreren Handlungssträngen angelegte Krimi beginnt mit einem spektakulären Auftakt. Während der Premierenvorstellung des berühmten Zauberers Charles Banton und seinem neuesten Zaubertricks „Die zersägte Jungfrau“ kommt es vor den Augen des Publikums zu einer tragischen und schockierenden Katastrophe - die junge Assistentin kommt dabei tatsächlich auf der Bühne ums Leben. Die für die Lokalpresse schreibende Reporterin Julia ist vor Ort und beginnt sogleich mit eigenen Nachforschungen.
Die offiziellen Ermittlungen zu dem rätselhaften Todesfall übernimmt wieder Inspektor Leopold von Herzfeldt. Doch schon bald verdichten sich zudem Hinweise auf das spurlose Verschwinden von jungen Frauen rund um den Prater. Nur gut, dass Leo bei seinen schwierigen Ermittlungen auf die Unterstützung seines hochgeschätzten Weggefährten Augustin Rothmayer und dessen speziellem Fachwissen zählen kann.
Pötzsch überzeugt mit einem temporeichen, lebendigen und mit feinem Humor gewürzter Schreibstil. Die detailreich beschriebenen Schauplätze und sorgfältig recherchierten historischen Hintergründe, die geschickt in die Handlung eingeflochten werden, lassen das historische Wien gekonnt lebendig werden und vermitteln ein besonderes, nostalgisches Flair.
Neben dem authentischen Zeitkolorit und der stimmungsvoll eingefangenen Atmosphäre lebt der Roman vor allem von seinen vielschichtigen und liebevoll gestalteten Figuren. Besonders das unkonventionelle Ermittlerteam aus dem engagierten Inspektor, der cleveren Julia Wolf und dem skurrilen Totengräber Rothmayer ist einem inzwischen ans Herz gewachsen und sorgt für allerlei Abwechslung und Charme. Neben den facettenreichen Ermittlungen sind natürlich auch das Privatleben der Hauptfiguren und ihre persönlichen Entwicklungen wichtiger Bestandteil der Geschichte. Rothmayers Wiener Charme, aber auch seine Hilflosigkeit angesichts seiner pubertierenden Ziehtochter Anna bringen immer wieder humorvolle und unterhaltsame Momente in die fesselnde Handlung. Schön ist es auch, die Weiterentwicklung der Beziehung zwischen Leo und Julia mitzuerleben.
Die zahlreichen Nebenfiguren sind abwechslungsreich und originell gestaltet und bereichern die Geschichte zusätzlich.
Die Handlung ist durchweg spannend und voller unerwarteter Wendungen, sodass man beim Miträtseln und Mitfiebern mit den vielschichtigen Charakteren voll auf seine Kosten kommt. Das packende Finale hält einige Überraschungen bereit, und die Aufklärung der Fälle sowie die Motive werden schlüssig und nachvollziehbar präsentiert.
Ich freue mich schon sehr auf weitere Bände dieser farbenfrohen und unterhaltsamen historischen Krimireihe und hoffe, den liebgewonnenen Charakteren bald wieder zu begegnen.
FAZIT
Eine unterhaltsame und rundum gelungene Fortsetzung der historischen Krimireihe – atmosphärisch und mitreißend erzählt mit authentischem Zeitkolorit, lebendigen Figuren und einer packenden Krimihandlung!
Ein Muss für Fans historischer Krimis!

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  • Handlung
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Veröffentlicht am 03.06.2025

Eine bewegende Familiensaga

Das Licht in den Wellen
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MEINE MEINUNG
Mit „Das Licht in den Wellen“ ist dem Bestseller-Autor Janne Mommsen erneut ein facettenreicher Wohlfühlroman gelungen, der auf beeindruckende Weise das Herz berührt und zum zugleich zum ...

MEINE MEINUNG
Mit „Das Licht in den Wellen“ ist dem Bestseller-Autor Janne Mommsen erneut ein facettenreicher Wohlfühlroman gelungen, der auf beeindruckende Weise das Herz berührt und zum zugleich zum Nachdenken anregt. Mommsen nimmt uns mit auf eine fesselnde und emotionale Reise und führt uns mit seiner bewegenden Lebensgeschichte nicht nur durch vergangene Epochen, sondern auch geografisch von der nordfriesischen Insel Föhr bis in die faszinierende Metropole New York.
Gekonnt erzählt Mommsen eine vielschichtige Geschichte gelungen über Mut, Charakterstärke, Neuanfang, die Macht der Erinnerungen sowie die Bedeutung familiärer Bindungen und den Umgang mit Verlusten und verpassten Chancen.
Im Mittelpunkt steht die beeindruckende Protagonistin Inge Martensen, die kurz vor ihrem 100. Geburtstag gemeinsam mit ihrer Urenkelin Swantje von ihrer Heimatinsel noch einmal nach New York aufbricht – an den Ort, an den sie vor über acht Jahrzehnten als junge Frau auswanderte.
Geschickt hat Mommsen die Rahmenhandlung der Gegenwart mit Inges Rückblicken in die Vergangenheit verwoben. Eindrucksvoll schildert er, wie sich Inge ihrer Urenkelin während der Atlantiküberquerung allmählich öffnet und prägende Erlebnisse aus ihrem bewegten Leben offenbart. Trotz anfänglicher Unsicherheiten und Schwierigkeiten findet die unbedarfte Bauerntochter ihren Platz in der pulsierenden Weltstadt, arbeitet sich hoch und avanciert schließlich mit ihrer berühmten Kartoffelsalat-Kreation zur gefeierten Gastronomin mit eigenem Restaurant. Ihre Erzählung ist geprägt von persönlichen Erfahrungen des Aufbruchs und des Heimwehs, von Triumphen und Niederlagen, von Freundschaft und Liebe – und lässt zugleich ein faszinierendes Kapitel Zeitgeschichte lebendig werden. Wie im ausführlichen Nachwort erläutert, wurde der Autor während seiner umfassenden Recherchen durch die zahlreichen Lebensgeschichten von Föhrern, die in die USA ausgewandert sind, inspiriert und hat diese in seinen Roman einfließen lassen.
Mommsen versteht es hervorragend, die verschiedenen Schauplätze und die Atmosphäre der so gegensätzlichen Welten sehr bildhaft und mit viel Liebe zum Detail einzufangen. So kann man sich nicht nur mühelos in das raue, ländlich geprägte friesische Inselleben, sondern auch in den turbulenten Melting pot von Manhattan hineinversetzen kann. Besonders gelungen sind zudem die eingestreuten historischen Informationen und interessanten Hinweise auf die Auswanderungstradition der Föhrer Insulaner, die auch in der Fremde stets zusammenhielten.

Mit der 100-jährigen Inge hat Mommsen eine wundervoll lebendige, vielschichtige Protagonistin geschaffen. Mit ihrer außergewöhnlichen Persönlichkeit, ihrer Lebensfreude und Tatkraft beeindruckt sie auf der ganzen Linie, denn sie lässt sich trotz herber Rückschläge und Lebenskrisen nie unterkriegen. Mit ihrer lebensklugen, humorvollen und manchmal auch eigensinnigen Art wächst sie einem schnell ans Herz. Mommsen versteht es, ihren Rückblick auf ein langes, erfülltes Leben mit all seinen dunklen Flecken und Geheimnissen feinfühlig und glaubwürdig zu schildern. Recht authentisch ist zudem ihre enge Beziehung zu Swantje dargestellt, die sich an einem Wendepunkt ihres Lebens befindet und auf der Suche nach Sinn und Identität ist. Etwas blass bleiben leider die Nebenfiguren, denen etwas mehr Tiefe gut getan hätte.
Auch wenn Mommsen ein sehr idealisiertes Bild des American Dream zeichnet und Inges märchenhafter Aufstieg in New York insgesamt etwas zu überzeichnet wirkt, konnte mich die warmherzig erzählte Familiengeschichte dennoch gut unterhalten. Für alle, die mehr gesellschaftskritische Nuancen oder überraschende Wendungen schätzen, dürfte der Roman jedoch insgesamt zu vorhersehbar und mit seinen Wohlfühlmomenten als zu harmonisch wirken.
Das etwas überstürzt wirkende Ende des Romans deutet bereits darauf hin, dass die turbulente Familiengeschichte noch nicht zu Ende ist: Im April 2026 erscheint mit „Das Salz in der Luft“ die Fortsetzung, in der weitere spannende Kapitel aus Inges bewegter Lebensgeschichte erzählt werden.
FAZIT
Eine unterhaltsame, warmherzige Familiensaga, die von der Kraft der Erinnerung, dem Mut zum Neuanfang und der Bedeutung von Familie erzählt und durch ihre authentische, sympathische Protagonistin auf ganzer Linie überzeugt.
Wer auf der Suche nach einem inspirierenden, emotionalen Roman mit viel Herz ist, wird hier voll auf seine Kosten kommen!

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Veröffentlicht am 24.05.2025

Liebevolle Irland-Hommage

Das ist Glück
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MEINE MEINUNG
Mit seinem Roman „Das ist Glück“ ist Niall Williams eine außergewöhnliche literarische Hommage an Irland und an das Leben in all seinen Facetten.
Der Autor verbindet philosophische Betrachtungen, ...

MEINE MEINUNG
Mit seinem Roman „Das ist Glück“ ist Niall Williams eine außergewöhnliche literarische Hommage an Irland und an das Leben in all seinen Facetten.
Der Autor verbindet philosophische Betrachtungen, humorvolle und poetische Passagen gekonnte zu einer berührenden Geschichte über das Erwachsenwerden, über Gemeinschaft, Glauben, Tradition sowie über Liebe, Verlust und Vergebung, die gleichermaßen zum Nachdenken wie zum Schmunzeln einlädt.
Mit einem warmherzigen Blick auf die Eigenheiten der Dorfbewohner und einer tiefen Verbundenheit zur irischen Kultur gelingt es Williams, den Zauber vergangener Tage einzufangen und uns auf eine atmosphärische Zeitreise mitzunehmen.
Die Geschichte ist im verschlafenen irischen Dorf Faha Ende der 1950er Jahre angesiedelt. Es ist ein vom Wetter und zeitloser Beschaulichkeit geprägter Ort am Übergang zwischen Tradition und Moderne. Mit der Elektrifizierung kündigt sich nun ein Wandel für das fast ein wenig aus der Zeit gefallene Dorf an.
Der 78-jährige Ich-Erzähler Noel "Noe" Crowe erzählt rückblickend über den für sein weiteres Leben prägenden Sommer seiner Jugend. Wegen einer Glaubenskrise hat der damals 17-Jährige kurzerhand das Priesterseminar verlassen und ist zu seinen Großeltern Ganga und Doudy nach Faha gezogen. Dort begegnet er Christy, der während der Elektrifirierungsarbeiten als Untermieter bei seinen Großeltern wohnt. Dieser geheimnisvolle, weitgereiste Mann mit bewegter Vergangenheit, dessen wahre Absichten sich erst allmählich offenbaren, wird für Noe zum Freund und Mentor. Während Noe erste romantische Gefühle entdeckt und beginnt, die Welt um ihn herum neu zu begreifen, sucht Christy nach Vergebung und innerem Frieden, indem er alte Wunden zu heilen versucht. Während das Dorf sich langsam verändert, entwickelt sich die fein verwobene Geschichte in einem bedächtigen Tempo und beleuchtet geschickt die kleinen Glücksmomente des Alltags und grundlegenden Fragen des Lebens.

Williams’ Schreibstil ist poetisch, detailverliebt und oft verschachtelt. Zusammen mit feinen philosophischen Betrachtungen und einem subtilen Humor verleiht er der Geschichte eine ganz eigene, wundervolle Dynamik. Die Handlung entfaltet sich in einem gemächlichen Tempo, lädt zum Innehalten ein und eröffnet Raum für eigene Gedanken über die Essenz des Lebens.
Williams versteht es, sowohl die Schönheit der irischen Landschaft in all ihren Nuancen, als auch die irische Mentalität eindrucksvoll einzufangen: ein Leben im Einklang mit der Natur, getragen von einer Gelassenheit und einer tiefen Verbundenheit der Gemeinschaft zu überlieferten Bräuchen und Traditionen.

Ein besonderes Highlight ist die feinfühlige und vielschichtige Zeichnung der Charaktere.
Williams gelingt es hervorragend, die Dorfbewohner von Faha mit all ihren Stärken und skurrilen Eigenheiten auf beeindruckende Weise lebendig, glaubwürdig und liebenswert zu porträtieren. Mit feinem Gespür für Details und einem ausgeprägten Sinn für Humor verleiht er seinen Figuren eine bemerkenswerte Authentizität, die für zahlreiche amüsante und berührende Momente sorgt.
Ob nun Noes wundervolle Großeltern mit ihrer stillen Lebensklugheit oder der faszinierende Christy mit seiner bewundernswerten persönlichen Mission - sie alle verkörpern eindrucksvoll die Herausforderungen, Hoffnungen, Sehnsüchte und Glücksmomente, die das menschliche Leben ausmachen.
FAZIT
Ein humorvoller und berührender Roman über die kleinen und großen Momente des Glücks und eine wundervolle Hommage an Irland und das Leben!
Ein literarischer Glücksfall voller Weisheit, Poesie und Warmherzigkeit – eine absolute Empfehlung für Liebhaber anspruchsvoller Literatur!

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Veröffentlicht am 24.05.2025

Ein brisanter Blick hinter die Kulissen von Medienmacht und Moralverfall

Der Einfluss der Fasane
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MEINE MEINUNG
In ihrem beeindruckenden, neuen Roman "Der Einfluss der Fasane" erzählt die Autorin Antje Rávik Strubel eine vielschichtige und hochaktuelle Geschichte über Machtstrukturen, mediale Inszenierung ...

MEINE MEINUNG
In ihrem beeindruckenden, neuen Roman "Der Einfluss der Fasane" erzählt die Autorin Antje Rávik Strubel eine vielschichtige und hochaktuelle Geschichte über Machtstrukturen, mediale Inszenierung und die zerstörerische Dynamik öffentlicher Diskurse. Eindrucksvoll greift die Autorin in ihrem Roman sowohl die #MeToo-Debatten als auch die Dynamik von Skandalisierung und Empörungskultur auf.
Der für ihren präzise Schreibstil und gesellschaftskritische Themen bekannten Buchpreisträgerin, gelingt in ihrem Roman erneut eine tiefgründige Auseinandersetzung mit persönlicher Schuld, moralische Grauzonen, die Abgründe von Machtmissbrauch und gesellschaftlicher Selbstüberschätzung.
Im Mittelpunkt der fesselnden Geschichte steht die erfolgreiche Feuilletonchefin einer großen Zeitung Hella Karl, deren Leben durch einen Skandal völlig aus den Fugen gerät.
Die Handlung beginnt mit der verstörenden Nachricht über den überraschenden Suizid des gefeierten Theaterintendanten Kai Hochwerth kurz nachdem Hella einen brisanten Enthüllungsartikel über diesen charismatischer Künstler aber auch fragwürdigen Machtmenschen veröffentlicht hatte. Unversehens wird sie zur Zielscheibe der öffentlichen Empörung und für seinen Tod verantwortlich gemacht.
Strubel versteht es mit diesem dramatischen, bühnenstückreifen Auftakt hervorragend, uns auf in ihre facettenreiche Geschichte über Medienmacht und moralische Fragilität hineinzuziehen und eine intensive Atmosphäre von Spannung und Ungewissheit zu schaffen. Gekonnt beleuchtet sie die Doppelrolle der Medien im digitalen Zeitalter als vermeintliche Wahrheitshüter und skrupellose Skandalmaschinerie, die längst jegliche moralischen Maßstäbe verloren hat. Hellas anfängliche Überzeugung, durch ihre Enthüllungen Gerechtigkeit zu schaffen, zerschellt an der Realität eines Shitstorms, der sie zur Projektionsfläche gesellschaftlicher Hysterie macht. Die einst meisterhaft von ihr gesteuerten Medien wenden sich völlig gegen sie. Eindringlich schildert Strubel, wie Hella zunächst noch verbissen versucht, die Kontrolle über ihr Leben zu behalten, aber beruflich und auch privat in eine fatale Abwärtsspirale gerät. An einem Punkt völligen Scheiterns angelangt beginnt Hella schließlich, ihre Entscheidungen, ihre Vergangenheit und ihr Selbstbild kritisch zu hinterfragen.
Mit ihrem klaren, prägnanten Schreibstil gelingt es Strubel hervorragend, die allmählich die Hintergründe der Geschichte zu enthüllen und gleichzeitig ein vielschichtiges Bild der medialen Landschaft mit Cancel Culture und den erschreckenden Dynamiken sozialer Netzwerke zu zeichnen.
Besonders eindrucksvoll ist die Gegenüberstellung von Hellas innerem Monolog mit den externen Medienstimmen aus Social Media und Zeitungskommentaren. Durch die Perspektivwechsel entsteht ein faszinierender Kontrast zwischen Hellas nach außen gezeigter professioneller Distanz und ihrer emotional aufgewühlte Verfassung und oft panischen Gedankensprüngen. Dies sorgt für eine unwiderstehliche Sogwirkung und spiegelt gleichzeitig die Komplexität moderner Mediendiskurse wider.
Mit ihrer Protagonistin Hella hat die Autorin einen vielschichtigen Charakter geschaffen. Sie versteht es sehr gut, Hellas interessante, widersprüchliche Persönlichkeit anschaulich und psychologisch stimmig zu vermitteln, so dass man sich gut in ihre komplexe Gedankenwelt und schwierige Lage hineinversetzen kann.Aufgrund ihres distanzierten, ambivalenten Charakters fällt es allerdings schwer, Mitgefühl für Hella zu entwickeln. Einerseits selbstbewusst, durchsetzungsstark und egozentrisch, erleben wir die Protagonistin hinter ihrer starken Fassade der Selbsttäuschung andererseits auch orientierungslos, höchst verletzlich und unfähig die Menschen in ihrem Umfeld richtig einzuschätzen. Durch fehlende Selbstreflexion uund mangelnde Einsichtsfähigkeit sowie als Opfer ihrer eigenen Machtbesessenheit fällt es ihr schwer einen Ausweg aus ihrer desolaten Situation zu finden.

Bewusst lässt Strubel viele Fragen unbeantwortet – sowohl in Bezug auf die journalistische Integrität der Protagonistin Hella Karl als auch hinsichtlich der moralischen Verfehlungen des verstorbenen Theaterintendanten Kai Hochwerth. Diese Offenheit zwingt uns, unsere eigenen Überzeugungen und Urteile zu hinterfragen. Statt klare Antworten zu liefern, entwirft Strubel ein vielschichtiges Bild voller Ambivalenzen, das die Komplexität der Themen widerspiegelt.
In einer Zeit, in der schnelle Urteile und öffentliche Empörung durch soziale und traditionelle Medien dominieren, setzt sie mit ihrem Roman ein starkes Zeichen, indem sie dazu auffordert, innezuhalten, differenziert zu denken und sich nicht von der Dynamik digitaler Pranger mitreißen zu lassen.

FAZIT
Nicht nur eine fesselnd erzählte Geschichte, sondern auch ein subtiles politisches Statement über unsere Verantwortung im Umgang mit Wahrheit und Macht.

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