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Veröffentlicht am 05.10.2025

Brillanter Auftakt mit viel britischem Flair

Der Tote im Kamin
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MEINE MEINUNG
„Der Tote im Kamin“ von Denzil Meyrick ist ein atmosphärisch dichter, etwas skurriler Spannungsroman mit viel britischem Humor, der den gelungenen Auftakt zu einer historischen Krimi Reihe ...

MEINE MEINUNG
„Der Tote im Kamin“ von Denzil Meyrick ist ein atmosphärisch dichter, etwas skurriler Spannungsroman mit viel britischem Humor, der den gelungenen Auftakt zu einer historischen Krimi Reihe um den sympathischen Ermittler Inspector Frank Grasby bildet.
Gekonnt entführt uns Meyrick in das verschneite Winteridyll von Elderby, einem abgeschiedenen Dorf in den North York Moors, mitten im Dezember 1952.
Im Mittelpunkt steht Inspector Frank Grasby, der nach einem fatalen Missgeschick in das beschauliche Dörfchen Elderby strafversetzt wird, um dort eine Einbruchserie aufzuklären. Als dem Inspector bei seinen Befragungen zu einem Einbruchsversuch im adligen Herrensitz Holly House eine Leiche aus dem Kamin entgegenstürzt, muss Grasby schon am ersten Tag in einem komplexen Mordfall ermitteln. Doch schon bald erschüttert ein neues rätselhaftes Verbrechen den scheinbar friedlichen Alltag in Elderby. Mit einer weiteren unerwarteten Wendung verwandeln sich Grasbys Ermittlungen immer mehr in ein perfides Katz-und-Maus-Spiel, bei dem niemand mehr wirklich vertrauenswürdig erscheint.

Angelegt ist die Geschichte aus Grasbys retrospektiver Perspektive als „Memoiren eines Ermittlers“, in die bisweilen Polizeiberichte, Zeugenaussagen und Tagebucheinträge als neutrale Perspektiven eingeschoben sind.
Die klug konstruierte Handlung entfaltet sich zunächst in der verschneiten Winterkulisse der North York Moors und nimmt dann allmählich Fahrt auf. Die Spannung baut sich behutsam auf und wird von einem feinen Geflecht aus Verdächtigungen, Täuschungen, dunklen Dorfgeheimnissen und unheilvollen Verwicklungen getragen.
Meyrick gelingt es mit seinen eindrucksvollen Schilderungen hervorragend, ein überzeugendes und teils melancholisches Lokalkolorit einzufangen. Dabei werden nicht nur die unterschiedlichen Schauplätze und die winterliche Atmosphäre der North York Moors lebendig und fesselnd dargestellt, sondern auch das Setting der ländlichen Nachkriegsprovinz wird authentisch und atmosphärisch dicht geschildert. Darüber hinaus versteht er es, ein stimmiges Zeitkolorit sowie ein facettenreiches Gesellschaftsporträt zu zeichnen. Durch detailreiche Beschreibungen wird die eigentümlich angespannte Stimmung der frühen 1950er Jahre greifbar, wobei gesellschaftliche Konventionen, Vorurteile, Klassenbewusstsein, Nahrungsmittelrationierungen und die Sehnsucht nach Stabilität in präzisen Alltagsbeobachtungen und pointierten Darstellungen anschaulich vermittelt werden.
Beeindruckend ist zudem Meyricks Erzählstil, der den Zeitgeist der frühen 1950er Jahre gekonnt einfängt.
Besonders facettenreich und lebensnah ist Meyricks Figurenzeichnung, insbesondere die des vielschichtigen Protagonisten Inspector Frank Grasby. Der etwas unbeholfene, liebenswert-exzentrische Ermittler besticht trotz einiger Schwächen durch britisches Understatement, beeindruckende Entschlossenheit und seinen Charme. Seine Interaktionen mit den eigenwilligen Dorfbewohnern und Zusammenarbeit mit dem narkoleptischen Sergeant Bleaking und der attraktiven Praktikantin Deedee, einer amerikanischen Kriminologie-Studentin, sorgt für so manches humorvolle Missverständnis.
Daneben überzeugen auch die gut ausgearbeiteten, schillernden Nebenfiguren, die mit einer gehörigen Portion schrulligem Charme ausgestattet sind. Neben Grasbys kauziger Vermieterin Mrs. Gaunt und ihrem Raben sorgen auch seine Polizeikollegen sowie eine Vielzahl kurioser Dorfbewohner für humorvolle Momente und spritzige Situationskomik. Ein besonderes Highlight ist der ironische, schwarz-humorige Erzählstil, gepaart mit typisch britischem Understatement und witzigen Dialogen, die immer wieder für zahlreiche Momente zum Schmunzeln bieten.
Was zunächst als klassischer britischer Whodunnit vor nostalgischer Kulisse mit charmantem Cosy-Crime-Flair beginnt, entwickelt sich zunehmend zu einem wendungsreichen Agententhriller im Spannungsfeld des Kalten Krieges. Die Handlung gewinnt an Komplexität und Tiefe, während sich hinter den idyllischen Fassaden politische Intrigen und gefährliche Verschwörungen von weitreichender Dimension verbergen.
Der komplexe Kriminalfall rund um Inspector Frank Grasby lädt nicht nur zum Miträtseln ein, sondern hält dank zahlreicher raffinierter Wendungen den Spannungsbogen durchgängig hoch. Immer neue, verwirrende Enthüllungen führen uns geschickt an der Nase herum und halten uns bis zur letzten Seite in Atem, bis uns schließlich der Autor mit einer vollkommen unerwarteten, aber stimmigen Auflösung überrascht.
Ein wirklich besonderes Leseerlebnis, das Lust auf weitere Fälle mit Inspector Grasby macht.
FAZIT
Ein fesselnder, historischer Spannungsroman, der ein faszinierendes Gesellschaftspanorama der frühen 1950er Jahre zeichnet - voller britischem Witz, faszinierenden Charakteren verblüffenden Twists und stimmigem Zeitgeist.
Ein empfehlenswerter Lesegenuss für Freunde historischer Spannung!

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Veröffentlicht am 26.09.2025

Jenseits des Mythos - Beeindruckende Biografie

Peggy Guggenheim
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MEINE MEINUNG

Mona Horncastle ist mit ihrer faszinierenden Biografie „Peggy Guggenheim – Freigeist, Mäzenin, Femme fatale“ ein facettenreiches Porträt eine der schillerndsten und vielleicht auch widersprüchlichsten ...

MEINE MEINUNG

Mona Horncastle ist mit ihrer faszinierenden Biografie „Peggy Guggenheim – Freigeist, Mäzenin, Femme fatale“ ein facettenreiches Porträt eine der schillerndsten und vielleicht auch widersprüchlichsten Persönlichkeiten der Kunstwelt des 20. Jahrhunderts gelungen. Mit ihrem prägnanten, lebendigen Erzählstil nimmt sie uns mit auf eine fesselnde Entdeckungsreise, die nicht nur bemerkenswerten Aspekte der berühmten Kunstförderin, sondern auch ihre inneren Brüche sichtbar macht.

Ihre Biografie über Peggy Guggenheim bietet einen tiefgründigen und erfreulich vorurteilsfreien Einblick in das Leben und die außergewöhnlichen Leistungen der berühmten Mäzenin, Kunstsammlerin und Förderin moderner Kunst und präsentiert uns vor allem den Menschen hinter dem Mythos. Zum Vorschein kommt eine beeindruckende Frau sowie eine visionäre und couragierte Kämpferin für die Kunst, die zeitlebens mit Humor, Ironie und beeindruckender Selbstreflexion gegen Vorurteile und Klischees ankämpfte.

Bewusst verzichtet die Autorin die Darstellung von Peggys skandalisiertem Privatleben und oberflächlichen Klatschgeschichten über ihre zahlreichen Affären mit berühmten Persönlichkeiten, sondern konzentriert sich auf eine nuancierte Betrachtung ihrer vielschichtigen Persönlichkeit und ihres Lebenswerks. Besonders eindrucksvoll gelingt Horncastle der Balanceakt zwischen dem glamourösen Image der Kosmopolitin und den psychologischen Abgründen hinter der Fassade – ihren wechselvollen Liebesbeziehungen, seelischer Krisen und den oft widersprüchlichen Entscheidungen ihres Lebens. Berührend beschreibt Horncastle auch die zerrissenen familiären Beziehungen, insbesondere Peggys komplizierte Rolle als Mutter, ohne jedoch von ihrem Hauptanliegen abzuschweifen. Gerade in diesem Spannungsfeld zwischen ihrer Verletzlichkeit und ihres mutigen Engagements für die Moderne Kunst zeigt sich die faszinierende Komplexität dieser Frau.

Horncastle widmet sich insbesondere auch der Frage, wie Guggenheims Lebensleistung losgelöst von Geschlechterklischees beurteilt würde. Sie macht eindrucksvoll deutlich, dass viele Anfeindungen und Vorurteile gegenüber Peggy auf ihr Frausein und ihre Rolle in einer männlich dominierten Kunstwelt zurückzuführen sind. Anschaulich porträtiert sie Peggy als emanzipierte Frau, die sich gegen die vorherrschenden Zwänge ihrer Epoche durchsetzte und unbeirrbar ihren Weg ging. Die Autorin legt großen Wert auf eine wissenschaftlich fundierte Einbindung der Biografie in die komplexen kulturhistorischen und gesellschaftlichen Kontexte der jeweiligen Epoche, insbesondere der Umbrüche in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Gekonnt lässt sie dabei Peggys Leben in verschiedenen Episoden lebendig werden. So folgen wir ihren Spuren von den privilegierten Ursprüngen in der New Yorker Guggenheim-Dynastie über die ersten Schritten als junge Frau in der kosmopolitischen Pariser Avantgarde der 1920er Jahre. Zudem erfahren wir über ihren mutigen Einsatz als Fluchthelferin zur Rettung vieler Künstler und ihrer Werke vor dem Zugriff den Nazis. ihrer prägenden Rolle als Förderin und Impulsgeberin moderner Kunst in New York sowie schließlich dem Aufbau ihres kulturellen Vermächtnisses mit ihrem Museum in Venedig. Eindrucksvoll arbeitet Horncastle auch weniger bekannte Aspekte heraus. So unterstützte Guggenheim nicht nur avantgardistische Kunstschaffenden wie Marcel Duchamp, Max Ernst oder Jackson Pollock sondern förderte auch Künstlerinnen wie Leonora Carrington. Ihr außergewöhnliches Gespür für innovative Strömungen und ihre Risikobereitschaft prägten die moderne Kunst maßgeblich.

Mit beeindruckender Faktenfülle, zahlreichen Briefzitaten und einer Vielzahl präzise eingebundener Namen gelingt Mona Horncastle eine außergewöhnlich dichte Dokumentation von Peggy Guggenheims facettenreichem Leben und Wirken. Ihre umfassende, packend erzählte Biografie weckt Neugier auf weitere Entdeckungen rund um diese widersprüchliche und inspirierende Frau, die verletzlich und couragiert, visionär wie exzentrisch war – und deren kompromissloses Engagement die Kunstwelt auch heute noch enorm inspirierend ist.


FAZIT

Eine rundum gelungene Biografie mit einem differenzierten, eindrucksvollen Porträt von Peggy Guggenheim als faszinierende komplexe Persönlichkeit und außergewöhnliche Kunstmäzenin.

Eine anregende und bereichernde Lektüre für alle, die sich für Kunst, Kulturgeschichte und besonders für die Rolle starker Frauen in der Modernen Kunst interessieren.

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Veröffentlicht am 25.09.2025

Zwischen den Welten – Eine berührende Familiengeschichte

Onigiri
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MEINE MEINUNG
Yuko Kuhns beeindruckender Debütroman „Onigiri“ erzählt die bewegende Geschichte einer deutsch-japanischen Familie.
Im Mittelpunkt steht die Ich-Erzählerin Aki, die nach dem Tod der in Japan ...

MEINE MEINUNG
Yuko Kuhns beeindruckender Debütroman „Onigiri“ erzählt die bewegende Geschichte einer deutsch-japanischen Familie.
Im Mittelpunkt steht die Ich-Erzählerin Aki, die nach dem Tod der in Japan lebenden Großmutter mit ihrer an fortschreitender Demenz erkrankten Mutter Keiko eine letzte Reise in deren Heimatstadt nach Kobe unternimmt. Diese Reise bildet den erzählerischen Rahmen für eine emotionale Spurensuche, die uns behutsam in eine zerrissene Familiengeschichte eintauchen lässt und die kulturellen Unterschiede eindrucksvoll sichtbar macht. Gekonnt lässt Kuhn gegenwärtige Geschehnisse und die Vergangenheit in fragmentarischen Rückblenden und persönlichen Erinnerungen ineinanderfließen.
Kuhns Erzählstil zeichnet sich durch eine bewusst zurückhaltende und offene Gestaltung aus, bei dem wichtige Momente oft nur angedeutet werden und dem nicht Ausgesprochenen viel Raum gelassen wird. Trotz prägnanter, minimalistischer Sprache gelingt es ihr hervorragend, die feinen Facetten und leisen Gesten ihrer Figuren einzufangen. Es entfaltet sich eine atmosphärisch dichte, bisweilen melancholische Stimmung, die uns allmählich tief in die Welt ihrer Protagonisten zieht.
Frei von Klischees und mit großem Einfühlungsvermögen gelingt Kuhn eine differenzierte Darstellung der deutschen und japanischen Mentalitäten, eine komplexe Melange zwischen deutscher Strenge und japanischer Zurückhaltung. Die Handlung kreist um das Aufwachsen und Leben zwischen zwei Kulturen und legt ein besonderes Augenmerk auf die inneren Konflikte, kulturellen Spannungen in der Familie und das Gefühl des Andersseins. Feinfühlig zeigt Kuhn auf, wie Aki sich trotz kultureller und persönlicher Brüche um Verständigung bemüht und zugleich auf einer kontinuierlichen Suche nach eigener Identität ist.
Ein besonderes Highlight ist die einfühlsame und zugleich realistische Darstellung von Keikos Demenz, die mit all ihren Herausforderungen, Veränderungen und kleinen Hoffnungsschimmern den Alltag prägt. Kuhn zeichnet ein authentisches Bild der komplexen Beziehung zwischen Mutter und Tochter, die rasch zwischen Zuneigung, Fürsorge, Überforderung und Unverständnis schwankt. Besonders die kleinen Beobachtungen wie etwa beim Essen, im alltäglichen Umgang miteinander oder beim Suchen nach passenden Worten, machen den Roman lebendig und glaubwürdig. Trotz des fortschreitenden Verfalls des Gedächtnisses erleben wir Keiko stets als eine vielschichtige, eigenständige Persönlichkeit, deren schwankende Erinnerungsfähigkeit auch für neue Formen von Nähe und Verbundenheit eröffnen.
Besonders eindrucksvoll ist auch das wiederkehrende Motiv des „Onigiri“, ein kunstvoll geformtes japanisches Reisbällchens, das nicht nur die tiefe Verbindung zwischen Mutter und Tochter symbolisiert sondern auch Geborgenheit, familiäre Wärme und kulturelle Identität. Inmitten beständigen Wechsels von Verlust und Nähe erhält das einfache, alltägliche Ritual des Kochens und Essens für sie eine stille, kraftvolle Bedeutung, die auch ohne Worte wirkt.
Die raschen Perspektivwechsel, die detailreichen Schilderungen sowie der fragmentarische Erzählstil erfordern jedoch ein hohes Maß an Aufmerksamkeit und aktivem Mitdenken. Diese Erzählweise bildet gekonnt das zentrale Thema von Erinnerung, Vergessen und Widersprüchlichkeiten des Erinnerns ab, wobei die Bruchstücke und das Unausgesprochene ureigener Bestandteil jeder Familiengeschichte sind. Gekonnt zeigt sie auf, dass Fragmente, Leerstellen und stille Momente mehr als jedes ausgesprochene Wort die Komplexität familiärer Beziehungen erfahrbar machen. Obwohl ein klassischer Spannungsbogen fehlt, ist der Autorin eine feinfühlige, bewegende Annäherung an eine Familie gelungen, deren Geschichte von Verlusten, Entwurzelung und generationsübergreifender Verletzlichkeit geprägt ist.
FAZIT
Ein sehr einfühlsamer, tiefgründiger Roman, der eine berührende deutsch-japanische Familiengeschichte und über das Leben zwischen zwei Kulturen erzählt. Eine durch den fragmentarischen Erzählstil recht anspruchsvolle, aber tief bewegende Lektüre, die uns über Krankheit, Verlust, Nähe und das leise Band familiärer Verbundenheit sowie die Fragilität von Erinnerung und Identität nachdenken lässt.

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Veröffentlicht am 25.09.2025

Eine berührende Spurensuche

Anna oder: Was von einem Leben bleibt
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MEINE MEINUNG
Mit seinem biografischen Essay „Anna oder: was von einem Leben bleibt“ begibt sich der Journalist Henning Sußebach auf eine faszinierende Spurensuche nach dem Leben seiner Urgroßmutter Anna, ...

MEINE MEINUNG
Mit seinem biografischen Essay „Anna oder: was von einem Leben bleibt“ begibt sich der Journalist Henning Sußebach auf eine faszinierende Spurensuche nach dem Leben seiner Urgroßmutter Anna, das für ihn lange nur aus spärlichen anekdotischen Überlieferungen fast vollständig im Dunkeln lag, deren Lebensgeschichte für die damalige Zeit aber alles andere als gewöhnlich war.
Anhand nur weniger persönlicher Erinnerungsstücke, wie Fotos, Briefen, einem Poesiealbum, Verlobungsring und einigen Alltagsgegenständen, bemüht sich Sußebach ihre Biografie zu rekonstruieren und bedeutsame Episoden ihres Lebens nachzuzeichnen.
Mit großem Feingefühl und viel Empathie entwirft er das berührende und lebendige Portrait einer außergewöhnlich resilienten, eigenwilligen und selbstbestimmten Frau, die in ihrem Leben neben einigen Höhen auch tragische Verluste gemeistert hat.
Geschickt verwebt Sußebach die persönlichen Spuren von Annas Lebensweg mit dem zeitgeschichtlichen Kontext, den er sorgsam recherchiert und umfangreich zusammengetragen hat. So entsteht allmählich ein facettenreiches Bild, das nicht nur Annas individuelle Biografie zeigt, sondern auch den gesellschaftlichen Wandel im Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert eindrucksvoll greifbar macht.
Anna Kalthoff (1866 – 1932) lebte in einer bewegten Epoche voller einschneidender Krisen und Entwicklungen, die ihren Lebensalltag stark prägten und in der Frauen strengen gesellschaftlichen Regeln und Einschränkungen unterworfen waren. So erlebte sie politische Umwälzungen, Kriege, Inflation, Industrialisierung, den beginnenden technischen Fortschritt, aber auch vielfältige soziale Umbrüche und sich wandelnde Rollenbilder.
Im Jahr 1887 trat Anna eine Stelle als 20jährige Lehrerin im kleinen Dorf Cobbenrode im Sauerland an. Als junge Frau musste sie sich in einer von Männern dominierten Welt zurechtfinden, die ihr viele enge Grenzen setzte, kaum Rechte und wenig Selbstbestimmung zubilligte. Sußebach zeigt eindrücklich, wie Anna diese widersprüchlichen Welten erlebte und sich darin behauptete. Nach dem tragischen Unfalltod ihres Ehemanns baute sie sich eine neue Existenz auf, wurde Gastwirtin, Unternehmerin und leitete das Postamt ihres Dorfs. Mutig und selbstbestimmt gelang es ihr als junge Mutter und Witwe, die Herausforderungen ihrer Zeit zu meistern und ihren eigenen Lebensweg zu verfolgen. Sie scheint sich vielen gängigen Konventionen widersetzt zu haben, nicht zuletzt indem sie Eigenständigkeit, Liebe und beruflichen Ehrgeiz selbstbewusst vertrat.
Sußebach präsentiert uns jedoch keine klassische, chronologisch erzählte Biografie, sondern vielmehr eine facettenreiche Mischung aus akribischer historischer Recherche, biografischer Spurensuche, Spekulationen und imaginierten Lebensmomenten, die uns eindrucksvoll ein authentisches Bild jener Zeit vermittelt. Äußerst nuanciert und glaubhaft zeichnet er ihren Charakter mit all ihren Widersprüchen und Schwächen und verzichtet bewusst auf eine Idealisierung ihrer Stärken.
Immer wieder pausiert er seine Erzählung zum Reflektieren und legt uns offen die Unwägbarkeiten und Leerstellen seiner Recherche dar, die stets nur eine vage Annäherung an die Persönlichkeit von seiner Urgroßmutter sein kann. Mit viel Feingefühl fügt er Annas Lebensgeschichte auch plausible fiktive Elemente hinzu, um ein möglichst lebendiges Bild entstehen zu lassen, wobei er stets eine respektvolle Haltung zu wahren versteht.
Gekonnt entführt er uns so auch in die längst vergangene Welt unserer Vorfahren, deren Lebenswirklichkeit aus heutiger Sicht bisweilen fremd und ungewohnt erscheint. So regt er uns dazu an, über das fragile Gleichgewicht von Erinnerung und Vergessen nachzudenken sowie über die Bedeutung persönlicher Geschichten vor dem Hintergrund großer historischer Geschehnisse. So verdeutlicht er uns, dass in jeder Familie vielleicht eine unsichtbare Heldin wie Anna zu finden ist, eine widerstandsfähige und selbstbestimmte Frau, die sich von den Herausforderungen ihrer Zeit nicht hat brechen lassen und deren beeindruckende Lebensgeschichte inzwischen in Vergessenheit geraten ist.
Über die individuelle Erinnerung hinaus regt Sußebach zur Auseinandersetzung mit der eigenen Familiengeschichte an. Dieses Buch ist somit nicht nur eine liebevolle Hommage an eine außergewöhnliche Vorfahrin, sondern auch eine Einladung, den vergessenen Lebenswegen unserer Vorfahren nachzuspüren. Abgerundet wird das Buch durch zahlreiche eingefügte Schwarz-Weiß-Fotografien, die vor allem aus dem Familienbesitz stammen, sowie einer kurzen Danksagung und einem Nachwort des Autor.
FAZIT
Eine einfühlsame Hommage an eine zu Unrecht vergessene Urgroßmutter und zugleich ein bewegendes Plädoyer für die Bedeutung von Erinnerungskultur! Es erinnert daran, wie wichtig es ist, persönliche Geschichten zu bewahren und dadurch das kollektive Gedächtnis lebendig zu halten.

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Veröffentlicht am 22.09.2025

Humorvolle Abenteuer mit unserem Freund und Helfer Aspro

Man sieht nur mit der Schnauze gut
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MEINE MEINUNG

Mit seinem höchst unterhaltsamen Werk „Man sieht nur mit der Schnauze gut“ zeigt sich der bekannte Thrillerautor Bernhard Aichner von einer gänzlich neuen, humorvollen Seite und überrascht ...

MEINE MEINUNG

Mit seinem höchst unterhaltsamen Werk „Man sieht nur mit der Schnauze gut“ zeigt sich der bekannte Thrillerautor Bernhard Aichner von einer gänzlich neuen, humorvollen Seite und überrascht mit einem originellen Perspektivwechsel. Erzählt wird aus Sicht seines Protagonisten Aspro, einem liebenswerten Mischlingshund mit einem untrüglichen Gespür für Recht und Ordnung. In insgesamt 26 kurzen, amüsanten Episoden begleiten wir den aufgeweckten Vierbeiner auf seinen kriminalistischen Streifzügen. Mit lockerem Ton, feiner Ironie und einer ordentlichen Portion Sprachwitz lässt uns Aichner in Aspros aufregende Welt eintauchen. Nach einem missglückten Apportier-Manöver, bei dem Aspro sein Herrchen verliert, findet er  bei einer couragierten Polizistin ein neues Zuhause und wird liebevoll in ihre wachsende Familie aufgenommen. Schon bald darf er seine Chefin dank seiner untrüglichen Spürnase und seinen beeindruckenden Talenten als „Undercover-Profi“ im Streifendienst begleiten. Ob Aspro nun bei seinen Einsätzen Diebe entlarvt, dubiose Charaktere durchschaut, Drogen aufspürt , Menschen aus brenzligen Situationen rettet oder mit seinem großen mitfühlenden Hundeherz bisweilen sogar als Seelentröster einspringt – Aspro meistert fast jede Herausforderung mit Spürsinn, Witz und echtem Hundeverstand. Mit gewohntem Charme und einem kräftigen Schuss Augenzwinkern lässt Aichner seinen tierischen Erzähler die Menschenwelt mal erstaunt und  mal entlarvend betrachten. Dabei macht er sich nicht selten erstaunlich tiefgründige Gedanken über ihre kuriosen Eigenheiten, Widersprüche und allzu menschlichen Marotten. Natürlich schlagen zwischendurch immer mal wieder Aspros Instinkte und seine Hundeseele durch. Sein unersättlicher Magen und seine feine Spürnase bringen ihn zuverlässig in die eine oder andere missliche Lage bringen. Aspro ist und bleibt ein verschlafener Genießer mit großem Appetit, beeindruckendem Selbstbewusstsein und einer erstaunlich sensiblen Seite – ein rundum liebenswerter Vierbeiner, den man nur ins Herz schließen kann.

Aichner versteht es hervorragend, Aspros Gedankenwelt glaubhaft und berührend zu vermitteln. Seine Begeisterung, Zuneigung und unerschütterliche Loyalität kommen ebenso lebendig zum Ausdruck wie Momente der Enttäuschung und des Schmerzes, die durchaus zum Nachdenken über die sensible Hundeseele anregen.

Die unterhaltsamen Abenteuer aus der Hundeperspektive werden so authentisch geschildert, dass man als Hundefreund viele vertraute Eigenschaften wiedererkennt und mit einem Schmunzeln und einer gewissen Nachsicht an die kleinen Eskapaden der eigenen Vierbeiner erinnert wird.

FAZIT
Eine gelungene Zusammenstellung von kurzweiliger Krimimalgeschichten aus Hundeperspektive- warmherzig, mit viel Humor und tollem österreichischem Charme erzählt!
Nicht nur Hundeliebhaber werden an Aspros Abenteuern und seiner liebenswerten Sicht auf die Welt viel Freude haben.

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