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Veröffentlicht am 01.05.2018

Gelungener Krimiauftakt mit Fellingers erstem Fall

Eiskalter Hund
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INHALT
Fellinger ist ein kerniger Typ: Grantelig und geradeaus. So, wie die Leute eben sind. Dort, wo er lebt. In einer Kleinstadt im Bayerischen Wald. Fellinger wollte immer Polizist werden. Hat nicht ...

INHALT
Fellinger ist ein kerniger Typ: Grantelig und geradeaus. So, wie die Leute eben sind. Dort, wo er lebt. In einer Kleinstadt im Bayerischen Wald. Fellinger wollte immer Polizist werden. Hat nicht geklappt. Sein Knie. Und überhaupt. Jetzt ist er Lebensmittelkontrolleur. Eines Tages beschwert sich ein anonymer Anrufer über das chinesische Restaurant im Bezirk. Vor Ort stellt Fellinger fest, dass die schwarze Soße eklig, aber unbedenklich ist. Ganz anders sieht es da im Kühlhaus aus. Dort hängt ein toter Hund am Haken. Heikel wird die Sache, als sich herausstellt, dass die Halterin verschwunden ist. Fellinger fängt an zu ermitteln … und hört nicht mehr auf!
(Quelle: Klappentext Heyne Verlag)

MEINE MEINUNG
Regionalkrimis gibt es mittlerweile wie Sand am Meer, da ist es sehr schwierig aus der Masse noch hervorzustechen. Mit „Eiskalter Hund“ ist Oliver Kern dennoch ein überzeugender Krimiauftakt gelungen, der mich köstlich amüsiert und bestens unterhalten hat. Das liegt vor allem an seiner urigen und sympathischen Hauptfigur, dem niederbayerischen Lebensmittelkontrolleur Fellinger, der seinem Freund und Polizisten Lechner etwas auf die Sprünge helfen will und kurzerhand auf eigene Faust Ermittlungen anstellt. Klar, dass er, der eigentlich auch zur Polizei wollte und wegen seines Knies nicht genommen wurde, sich dabei voll reinhängt. Mit seinem richtigen Riecher und untrüglichen „Jucken“ zwischen den Schultern gerät er allerdings auch bald in Gefahr.
Die im Bayerischen Wald angesiedelte Krimihandlung präsentiert sich durchaus komplex und verwickelt, was sicherlich auch an Fellingers nicht ganz konsequenter Vorgehensweise bei seinen Nachforschungen liegt. Der Autor versteht es, in den skurrilen, aber spannenden Fall einige überraschende Wendungen und jede Menge witzige, äußerst unterhaltsame Episoden aus Fellingers Privatleben einzuflechten. Hinzu kommt reichlich Lokalkolorit mit sehr stimmungsvollen und lebendigen Schilderungen der verschiedenen Schauplätze. Besondere Würze und Authentizität erhält das Ganze noch durch den eingeflochtenen, wohl dosierten Dialekt – doch keine Angst, für nicht Bayuwaren ist am Buchende ein kleines Glossar zum Nachschlagen der wichtigsten Begriffen angehängt. Locker und sehr humorvoll geschrieben ist dieser Krimi angereichert mit viel Wortwitz. Neben der sehr gelungen Hauptfigur mangelt es auch nicht an etlichen skurrilen und liebevoll ausgearbeiteten Nebenfiguren, über die man gerne noch mehr erfahren möchte.
Ein besonderes Highlight sind zudem die witzigen Kapitelüberschriften wie „Arschbackentwist“ oder „Celluliteschenkel“, die einfach perfekt zum Inhalt passen.
FAZIT
Ein gelungenes, sehr unterhaltsames Krimidebüt mit einem verzwickten Fall, urigen Figuren, viel Humor und dem richtigen Schuss Lokalkolorit! Ich habe mich bestens amüsiert und freue mich schon auf Fellingers neuen Fall!

Veröffentlicht am 01.05.2018

Verhängnisvolles Begehren

Alles Begehren
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INHALT
1985: Der 39-jährige Callum McGregor ist ein glücklich verheirateter Familienvater. Als er die junge, attraktive 21-jährige Studentin Kate kennenlernt, beginnen sie eine leidenschaftliche und zunehmend ...

INHALT
1985: Der 39-jährige Callum McGregor ist ein glücklich verheirateter Familienvater. Als er die junge, attraktive 21-jährige Studentin Kate kennenlernt, beginnen sie eine leidenschaftliche und zunehmend rücksichtslose Affäre, die schließlich von Callums Frau Belinda aufgedeckt und abrupt beendet wird.
2002: Kate Andrews ist inzwischen eine berühmte Schauspielerin mit einem liebevollen Ehemann Matt und hat eine süße, kleine Tochter Tallulah. Nach außen hin ist ihr Leben perfekt. Bei einem PR-Besuch in einer schottischen Schule begegnet sie Callum zufällig wieder.
17 Jahre später stehen die beiden nun vor der Wahl, die Vergangenheit ruhen zu lassen oder das Risiko einzugehen, herauszufinden, was hätte sein können. Wofür werden sie sich entscheiden?

MEINE MEINUNG
Mit ihrem Roman „Alles Begehren“ hat die walisische Schauspielerin und Drehbuchautorin Ruth Jones ein unglaublich fesselndes Debüt vorgelegt, das man einfach nicht mehr aus der Hand legen kann. In ihrer Geschichte entwirft sie ein bewegendes Portrait über das Leben mit seinen Höhen und Tiefen, erzählt über die verschiedenen Spielarten von Leidenschaft, Lust, Liebe und sexueller Begierde und lässt uns gemeinsam mit ihren Figuren eine emotionale Achterbahnfahrt durchleben. Als zentrales Thema ihres Romans kreiert Jones ein spannendes „Was-wäre-wenn“-Szenario, in dem die Protagonisten in ihrem späteren Leben per Zufall die einmalige Möglichkeit bekommen, die Weichen ihrer Zukunft neu zu stellen – eine zweite Chance also für eine vor 17 Jahren gescheiterte Liebesbeziehung zwischen zwei Menschen, die glauben füreinander bestimmt zu sein.
Untergliedert ist der Roman in drei Teile, die im Wechsel einerseits von den Ereignissen im Jahr 1985 und zum anderen 2002 erzählen und dem Leser schrittweise aufschlussreiche Einblicke in die Ereignisse in Gegenwart und Vergangenheit geben. Unglaublich rasch zieht die verhängnisvolle, leidenschaftliche Liebesaffäre von Kate und Callum den Leser mit seiner Intensität und seinen Entwicklungen in seinen Bann. Schon bald fragt man sich, ob dies nun wirklich die wahre, große Liebe ist oder ein zügelloses Begehren, eine Obsession nach dem, was man nicht haben darf.
Sehr einfühlsam und anschaulich vermittelt die Autorin die charakterlichen Schwächen ihrer Figuren und fängt die menschlichen Abgründe ein, die hinter ihrem Handeln stecken, ohne moralisch zu werten. Gekonnt schildert sie die vielfältigen Konsequenzen von Lügen, Vertrauensbruch, Verrat und Untreue und zeigt zudem die katastrophalen Folgen für die Betrogenen und von der Affäre betroffenen Menschen, den Partnern und ihren Kindern als unschuldige Opfer, auf. Als sehr gelungen habe ich den versöhnlichen und authentischen Ausklang dieses vielschichtigen Romans empfunden, der das aufwühlende, moderne Drama zu einem stimmigen Ende führt.
Mit ihrem fesselnden, gefühlvollen Schreibstil versteht Jones es hervorragend, vielfältige Emotionen beim Leser zu wecken.
Eine detaillierte Figurenzeichnung der vielen, unterschiedlichen Charaktere ist der Autorin recht gut gelungen. Sehr lebensnah wird Kates facettenreiche, schwierige Persönlichkeit gezeichnet, von der man anfangs noch sehr fasziniert ist. Im Laufe der Handlung fällt es einem jedoch zunehmend schwer, ihr Sympathien entgegen zu bringen. Einerseits bedauernswert mit ihren psychischen Problemen als berühmte Schauspielerin, die mit Depressionen, Eßstörungen und Alkoholproblemen zu kämpfen hat, ihrer Verletzlichkeit und inneren Zerrissenheit wird sie in ihrer grenzenlosen, rücksichtslosen Selbstbezogenheit, mit ihren Intrigen und ihrem manipulativen Verhalten immer unsympathischer und abstoßender. Voller Egoismus und Ignoranz ist sie unfähig die Konsequenzen ihres Verhaltens zu reflektieren. Geblendet von ihrem übergroßen sexuellen Begehren kann sie nicht verstehen, was wahre Liebe ausmacht.
Allerdings wirkt Kate als Protagonistin in ihrer angedeuteten Komplexität wegen fehlender Einblicke in ihr Innenleben und ihre Gedankenwelt erstaunlich blass und lässt eine nachvollziehbare Charakterentwicklung vermissen. Die Hintergründe für ihren schwierigen Charakter sind leider nur verschwommen dargestellt. Auch der männliche Protagonist Callum hätte für meinen Geschmack etwas schärfere Konturen durchaus vertragen können. Mit seiner Persönlichkeit wirkte er etwas unterbelichtet und bisweilen sehr klischeehaft.
Äußerst gelungen hingegen sind viele sympathische und teilweise sehr vielschichtig angelegte Nebenfiguren wie beispielsweise Matts herzensgute Jugendfreundin Hetty oder Callums interessante Ehefrau Belinda, über die ich gerne noch wesentlich mehr erfahren hätte.
Sehr anschaulich und fesselnd führt die Schauspielerin und Drehbuchautorin Ruth Jones als Kennerin der Szene ebenfalls die vielfältigen Schattenseiten des TV-Ruhms und die damit verbundene Einsamkeit, den permanenten Erfolgsdruck und die Oberflächlichkeit des TV-Geschäfts dem Leser vor Augen.
FAZIT
Ein fesselnder, nachdenklich stimmender Debütroman über die zweite Chance im Leben und verhängnisvolle Leidenschaften. Sehr anschaulich und gefühlvoll erzählt – lesenswert trotz einiger Abstriche!

Veröffentlicht am 01.05.2018

Mitreißender, nachdenklich stimmender Krimi

Das Meer löscht alle Spuren
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MEINE MEINUNG
Mit ihrem Kriminalroman „Das Meer löscht alle Spuren“ hat die dänische Autorin Lone Theils einen fesselnden zweiten Fall für die Journalistin Nora Sand vorgelegt. Die London-Korrespondentin ...

MEINE MEINUNG
Mit ihrem Kriminalroman „Das Meer löscht alle Spuren“ hat die dänische Autorin Lone Theils einen fesselnden zweiten Fall für die Journalistin Nora Sand vorgelegt. Die London-Korrespondentin der größten dänischen Zeitung „Globalt“ muss diesmal einer heiklen Story rund um die verschwundene Frau eines bekannten, aus dem Iran geflohenen Dichters nachgehen. Die Autorin hat sich in ihrem neuesten Buch an eine topaktuelle, aber wenig beachtete Problematik herangewagt. Noras Nachforschungen nehmen uns mit in den Alltag illegaler Einwanderer und engagierter, ehrenamtlicher Flüchtlingshelfer und führt uns zugleich die schockierenden Auswüchse vor Augen, denen Migranten in hermetisch abgeriegelten, britischen Abschiebelagern ausgeliefert sind, die von skrupellosen, privaten Dienstleistern und dubiosen Sicherheitsfirmen geführt werden.
Während Noras Recherchen zu den Hintergründen des Verschwindens und dem Aufenthaltsort der Ehefrau Amina sehr behutsam vorangehen, baut sich schon bald enorme Spannung durch einige recht rätselhafte Geschehnisse in ihrem privaten Umfeld auf, denen sie zunächst kaum große Beachtung schenkt. Als Leser man ahnt bereits, dass die Geschichte weitaus bedeutendere und für Nora unerwartete, aber recht bedrohliche Dimensionen annehmen wird. So gerät sie bald in den Fokus von skrupellosen, profitgierigen Menschen, die für ihre üblen Machenschaften bereit sind über Leichen zu gehen.
Lone Theils hat mit ihrer Hauptfigur Nora Sand eine interessante, vielschichtige Persönlichkeit entworfen, die einerseits sehr zielstrebig und taff ist, andererseits aber auch jede Menge Ecken und Kanten hat. Im Privatleben ist sie sehr verletzlich und handelt manchmal alles andere als professionell, was sie insgesamt sehr lebensnah und sympathisch macht. Auch in diesem Band rückt ihre Liebesgeschichte mit ihrem Jugendfreund Andreas immer wieder in den Mittelpunkt, die sich jedoch in eine andere Richtung entwickelt als erhofft und sie emotional stark in Anspruch nimmt. Sehr faszinierend ist es, Nora bei ihrer professionellen, engagierten Recherchearbeit zu begleiten, bei der sie alles gibt, die kleinsten Spuren verfolgt und nicht locker lässt, um die Wahrheit aufzuspüren. Bei ihrem hohen Einsatz ist sie zuweilen sogar bereit, große Risiken einzugehen, achtet aber darauf ihren ethisch-moralischen Prinzipien stets treu zu bleiben. Die übrigen Nebenfiguren sind sehr gelungen und entsprechend ihrer Rolle in der Geschichte angemessen und interessant ausgearbeitet.
Lone Theils eingängiger Schreibstil ist sehr angenehm zu lesen, und der Autorin gelingt es hervorragend, ihre Leser mitzunehmen. Erzählt wird aus Noras Perspektive in der dritten Person, wodurch man als Leser das Geschehen gemeinsam mit der Protagonistin hautnah miterlebt und sich stets auf dem gleichen Wissensstand wie sie befindet. Nach zahlreichen Wendungen und einigen überraschenden Entwicklungen gipfelt der Fall schließlich in einem rasanten Showdown. Die Auflösung des Falls, die uns die Autorin schließlich präsentiert, ist zwar in sich realistisch und schlüssig, war für meinen Geschmack in einigen Aspekten allerdings doch etwas zu überspitzt und unglaubwürdig. Leider wurden zum Ende hin auch manche Nebenaspekte des Falls nicht aufgeklärt, so dass hoffentlich einige der im Dunkeln bleibenden Hintergründe in nachfolgenden Fällen noch näher erläutert werden.
Dennoch ist Das Meer löscht alle Spuren insgesamt eine gelungene Fortsetzung der vielversprechenden Serie mit einem mitreißenden, nachdenklich stimmenden Fall, der die Flüchtlingsproblematik aufgreift, und einer facettenreichen, sympathischen Protagonistin, von der ich gern noch mehr lesen möchte.
FAZIT
Ein gelungener zweiter Fall für die sympathische die Journalistin Nora Sand - mit ein paar kleinen Schwächen zwar, aber fesselnd erzählt und zum Nachdenken anregend.

Veröffentlicht am 24.04.2018

Ein ausgezeichneter, eindringlicher Roman

Kleine Feuer überall
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INHALT
Shaker Heights, ein wohlhabender Vorort von Cleveland, ist eine idyllische Gemeinde, in der nicht nur der Außenanstrich der Häuser vorgeschrieben ist, sondern auch das Alltagsleben seiner Bewohner ...

INHALT
Shaker Heights, ein wohlhabender Vorort von Cleveland, ist eine idyllische Gemeinde, in der nicht nur der Außenanstrich der Häuser vorgeschrieben ist, sondern auch das Alltagsleben seiner Bewohner festgelegten Regeln folgt. In den Augen von Elena Richardson, einer Kolumnistin für die Lokalzeitung, ist es der ideale Wohnort für ihre Familie, bestehend aus ihrem Mann, Partner einer Anwaltskanzlei und ihren vier jugendlichen Kindern Trip, Moody, Lexie und Izzy. Nun steht das Haus der Richardsons in Flammen. Laut Feuerwehr handelt es sich um Brandstiftung. Mit dem Feuer scheint sich auch Elenas so perfektes Leben in Rauch aufgelöst zu haben.
MEINE MEINUNG
Wie bereits mit ihrem Debüt und Bestseller-Roman «Was ich euch nicht erzählte» konnte mich die amerikanische Autorin Celeste Ng auch mit ihrem grandiosen, zweiten Roman «Kleine Feuer überall» vollauf überzeugen.
Die Handlung des Romans ist angesiedelt in den 1990er Jahren und beginnt mit der Schilderung eines dramatischen Katastrophenszenarios, das mich sofort gefesselt und mit vielen Fragen zurückgelassen hat. Die Familie Richardson muss zusehen, wie ihr luxuriöses Haus einem tosenden Flammenmeer zum Opfer fällt. Zudem ist die jüngste Tochter Izzy, das Schwarze Schaf der Familie, spurlos verschwunden und wird von allen als Brandstifterin verdächtigt.
Mit einem Rückblick auf die Anfänge der verhängnisvollen Ereignisse erzählt die Autorin äußerst behutsam ihre mitreißende, bewegende und äußerst viel schichtige Geschichte. Geschickt hat Ng einen auktorialen Erzählstil gewählt, der Distanz schafft, aber den Leser zugleich zum Augenzeugen der Handlung macht und ihn emotional immer tiefer in die Geschehnisse hineinzieht. Eingestreute Andeutungen über den weiteren Verlauf erzeugen beim Leser ein ungutes Gefühl, und implizierte Vorahnungen steigern ungemein die Spannung.
Im Mittelpunkt steht der aufkommende Konflikt zwischen zwei Familien, die unterschiedlicher nicht sein könnten – auf der einen Seite die wohlhabende Vorzeigefamilie Richardson, im progressiven Shaker Heights etabliert, mit ihren vier Teenagern und auf der anderen Seite die eigenwillige freischaffende Künstlerin und Fotografin Mia mit ihrer 15jährigen Tochter Pearl, die mehrere Nebenjobs hat und ein eher unstetes, unkonventionelles Leben führt.
Sehr langsam entwickeln sich Beziehungen und Freundschaften untereinander, die schließlich an beachtlicher Eigendynamik hinzugewinnen, je mehr die Familienmitglieder miteinander interagieren und ihre Loyalitäten innerhalb des labilen Familiengefüges sich zu verschieben beginnen.
Von Kapitel zu Kapitel enthüllen schrittweise immer neue Details, wie verschiedene, verhängnisvolle Ereignisse und unglückliche Verkettungen in einer Tragödie münden konnten. Schließlich ergibt sich aus den vielen Puzzlesteinchen ein nachdenklich stimmendes Gesamtbild, das erklärt, wie die so wohlgeordnete Welt in Shakers Height aus den Fugen geriet. Hervorragend gelungen sind der Autorin ihre unterschiedlichen Charaktere, die sie sehr vielschichtig, lebendig und mit nuancierten Persönlichkeiten ausgearbeitet hat, so dass ihre Entscheidungen und Handlungen stets sehr nachvollziehbar und glaubwürdig sind. Sehr gut gefallen hat mir insbesondere ihre sehr authentische Darstellung von typischem Teenager-Verhalten und ihren bisweilen irrationalen Verhaltensweisen. Mit außerordentlich gutem, psychologischem Feingespür enthüllt sie menschliche Sehnsüchte, Wunschdenken, fatale Fehleinschätzungen und allzu menschliche Irrtümer.
Ng versteht sich in ihrem Roman meisterhaft darauf, sehr nuanciert Fragen zu Rasse, Identität und Stellenwert von Mutterschaft in der Gesellschaft zu beleuchten, und wirft zudem viele interessante Fragen zu Mutter-Kind-Beziehungen auf.
FAZIT
Ein ausgezeichneter, eindringlicher Roman über verborgene Familiengeheimnisse und menschliche Abgründe. Großartig geschrieben und sehr lesenswert!

Veröffentlicht am 23.04.2018

Lesenswerter Auftakt einer neuen Krimi-Serie in Kopenhagen

Krokodilwächter
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INHALT
Die junge, erst kürzlich nach Kopenhagen gezogene Literaturstudentin Julie ist Opfer eines brutalen Mords geworden. Der Täter hat das Gesicht der jungen Frau mit einem rätselhaften Muster von Schnitten ...

INHALT
Die junge, erst kürzlich nach Kopenhagen gezogene Literaturstudentin Julie ist Opfer eines brutalen Mords geworden. Der Täter hat das Gesicht der jungen Frau mit einem rätselhaften Muster von Schnitten entstellt. Die Polizeiassistenten Jeppe Kørner und Anette Werner ermitteln in dem schockierenden Fall und suchen nach einem Motiv für die Tat. Schon bald kommt heraus, dass Julies Vermieterin Esther, eine emeritierte Professorin, die sich als Krimiautorin versucht, an einem Manuskript gearbeitet hat, das auffällige Übereinstimmungen mit dem Mordfall aufweist. Während Esther in den Focus der Ermittlungen gerät, gehen die mörderischen Spielchen weiter …
MEINE MEINUNG
Mit „Krokodilwächter“ ist der dänischen Autorin Katrine Engberg ein vielschichtiges und fesselndes Debüt gelungen, das zugleich Auftakt einer neuen, in Kopenhagen angesiedelten Reihe ist. Auch wenn das Buch als Thriller beworben wird, handelt es sich doch eher um einen soliden Krimi, in dem die Ermittlungsarbeit sehr wohltuend im Vordergrund steht und viele Informationen zum eigenen Miträtseln und Spekulieren geliefert werden. Gekonnt verarbeitet die Autorin in ihrem Krimi auch Themen wie den Stellenwert der Bindung zwischen Kindern und Eltern, Verlust, Schuld, Versagen sowie Machtansprüche, Loyalität und fatale Abhängigkeiten.
Für ihren Krimi hat die Autorin einen hochinteressanten Ausgangspunkt gewählt, denn schon bald stellt sich heraus, dass der Mörder offenbar Esthers Entwürfe für ihren Kriminalroman als exakte Vorlage für seinen brutal inszenierten Mord benutzt hat. Durch einen geschickten Wechsel der Perspektiven und die verstreut in die Handlung eingebundenen Auszüge aus dem Manuskript baut sich rasch enorme Spannung auf. Nach und nach erfahren wir zum einen durch die laufenden Ermittlungen, aber auch durch die im Manuskript enthaltenen Beschreibungen immer neue Details aus dem Leben des Mordopfers, die verschiedenste Motive wahrscheinlich werden, und auch einige dringend Tatverdächtige in den Focus der Ermittler rücken lassen. Engberg versteht es, in ihre raffiniert konstruierte Handlung verschiedene Hinweise zur Lösung des rätselhaften Falls und so manche unvorhersehbare Wendung einzustreuen. Erst allmählich schälen sich klare Zusammenhänge aus den verwirrenden Details heraus und man beginnt zu ahnen, welches Motiv sich hinter allem verbirgt und wer der Täter ist. Zum Ende hin zieht die Spannung noch einmal stark an und der Krimi gipfelt in einem packenden Finale. Die Aufklärung des komplizierten Falls war insgesamt sehr schlüssig und nachvollziehbar, auch die Bedeutung des Titels wird genauer erläutert und doch bleiben noch einige Fragen zum Fall unbeantwortet.
Die Autorin hat ihre Figuren insgesamt zu sehr nuancenreichen und lebensnahen Charakteren ausgearbeitet, so dass ihre Handlungen für mich weitgehend plausibel waren. Sehr begeistern konnte mich vor allem die tiefgründige Charakterisierung der überaus sympathischen emeritierten Professorin und Möchtegern-Autorin Esther mit all ihren Ecken und Kanten.
Der Erzählstrang mit den ausführlich geschilderten Mordermittlungen ist geschickt verknüpft mit Einblicken in das Privatleben des Ermittlerteams. Wie für skandinavische Krimis üblich stehen vor allem die massiven persönlichen Probleme des vielschichtig angelegten Protagonisten, Polizeiassistent Jeppe Kørner im Mittelpunkt. Dieser befindet sich in einer psychischen Krise, nachdem er von seiner Frau wegen ihres unerfüllten Kinderwunsches verlassen wurde, und hat während der Ermittlungen so manches Mal mit seinen Unzulänglichkeiten und inneren Dämonen zu kämpfen, worunter zum Glück aber die Aufklärung des Falls nicht wirklich zu leiden hat. Richtig warm geworden bin ich leider mit den beiden Hauptfiguren des Ermittlerteams Jeppe Kørner und Anette Werner nicht, auch wenn sie sicher sehr interessante, sympathische Seiten haben und als Team trotz ihrer gegensätzlichen Charaktere hervorragend miteinander harmonieren. Man darf auf jeden Fall schon gespannt auf ihre weitere Entwicklung im neuen Band sein und wird sicher noch viele neue Aspekte an ihnen kennen lernen.
FAZIT
„Krokodilwächter” ist ein unterhaltsamer, vielschichtiger und fesselnder Auftakt einer neuen Krimi-Reihe, die vor allem auch sprachlich äußerst gelungen ist!