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Veröffentlicht am 13.03.2026

Geschichten aus dem Moor

Spiegelland
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„Spiegelland“ von Rebekka Frank ist ein vielschichtiger, generationenübergreifender Familienroman, der auf drei Zeitebenen spielt. Wir erleben Elias im Jahre 2025, der nach einem schlimmen Vorfall von ...

„Spiegelland“ von Rebekka Frank ist ein vielschichtiger, generationenübergreifender Familienroman, der auf drei Zeitebenen spielt. Wir erleben Elias im Jahre 2025, der nach einem schlimmen Vorfall von zu Hause abhaut und Zuflucht bei seiner Oma sucht. Diese weiht ihren Enkel in die Familiengeschichte ein, insbesondere in die Ereignisse um das Jahr 1999 als sie vor ihrem gewalttätigen Ehemann fliehen musste und sich in einem Haus im Moor niederließ. Die dritte Zeitebene gibt der Geschichte den historischen Kontext und spielt im Jahr 1756, genau in der gleichen Moor-Gegend.

All die Geschichten werden fein und stimmig miteinander verwoben, wie die Fäden des alten, geheimnisvollen Webteppichs, der im Buch eine zentrale Rolle einnimmt und dessen Symbolik wir mit der Zeit entschlüsseln dürfen. Die Handlungsstränge gehen glatt ineinander über, teilweise überlagern sie sich sogar, sodass man das Gefühl bekommt, dass sich bestimmte Ereignisse wiederholen. Dem Leser wird auf diese Weise vor die Augen geführt, dass die Themen wie Gewalt, Männlichkeitsbilder und Unterdrückung von Frauen seit ehe und je existieren. Nur die Protagonisten und die Kulisse ändern sich.

Das Besondere an dem Buch von Rebekka Frank ist, dass die Frauenschicksale so nah und emotional gezeichnet werden, dass man als Leser innerlich aufschreien muss und sich fragt: „Wieso immer noch?“ und „Wie lange noch?“
Mit der Figur von Elias sucht die Autorin nach einer Lösung, wie die Umkehr vom jahrhundertlangen Patriarchat bis hin zur bewusster Sozialisierung gelingen könnte.

Der Roman ist keine leichte Kost. Die angegebenen Trigger-Warnungen sind unbedingt nötig. Dennoch hatte diese Geschichte eine unglaubliche Sogwirkung, natürlich wegen der spannenden Story, aber auch wegen der sehr gut eingebauten Cliffhanger und der kurzen Kapitel, die zum Weiterlesen verleiten. Ein wenig wie bei einer Serie, wo man denkt „Ach, auf die 20-30 Minuten kommt es ja nicht an.“
Ich las das Buch so gern, dass mir jetzt nichts übrigbleibt, als die Lektüre von „Stromlinien“ nachzuholen, um noch einmal in eine Geschichte von Rebekka Frank eintauchen zu können.

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Veröffentlicht am 06.03.2026

Wie ein Gespräch mit einer Freundin.

Ja, nein, vielleicht
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„Ja, nein, vielleicht“ von Doris Knecht hat eine unglaublich starke, symphytische Protagonistin. Ich mochte sie sofort!
Eine Schriftstellerin, die schon länger als Single in einem ländlich gelegenen ...


„Ja, nein, vielleicht“ von Doris Knecht hat eine unglaublich starke, symphytische Protagonistin. Ich mochte sie sofort!
Eine Schriftstellerin, die schon länger als Single in einem ländlich gelegenen Haus in der Nähe von Wien lebt. Die Kinder sind aus dem Haus, sie genießt die Ruhe und die tiefen Freundschaften in ihrem Leben.

Eines Tages taucht auch Friedrich auf, den sie schon von früher kennt. Plötzlich muss sich die Protagonistin fragen, ob er es wert ist, die lieb gewonnene Freiheit und Unabhängigkeit wieder aufs Spiel zu setzen.

Das Buch ist wie ein Gespräch mit einer Freundin. Herzlich, ehrlich, ohne Umschweife. Ich mochte die feinen, präzisen Beobachtungen, das Gefühl des Miteinanders, das Nachdenken übers Älterwerden, Liebe, Beziehungen und Selbstbestimmung. Doris Knecht kann so wunderbar entspannt erzählen und ihre Geschichten mit ganz feinem Humor und einer Prise Ironie würzen. Dieses Buch war ein Vergnügen.

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Veröffentlicht am 05.03.2026

Ehekrise

Was ist in meinem Alter sonst noch üblich?
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„Was ist in meinem Alter sonst noch üblich?“ von Wencke Mühleisen erzählt die Geschichte von Jan und Erika, beide 65 Jahre alt und vor der Frage stehend, wie es nun mit ihrer Ehe weitergeht.

Jan hat ...

„Was ist in meinem Alter sonst noch üblich?“ von Wencke Mühleisen erzählt die Geschichte von Jan und Erika, beide 65 Jahre alt und vor der Frage stehend, wie es nun mit ihrer Ehe weitergeht.

Jan hat nämlich seiner Frau im Italien-Urlaub eröffnet, dass er eine Affäre mit der 15 Jahre jüngeren Marie hat. Obwohl die Beziehung der beiden in den letzten Jahren eher lieblos und eintönig war und das Paar resigniert Seite an Seite lebte, löst dieses Eingeständnis ein großes Gefühlchaos bei Erika aus. Sie verliert sich in Gedankenspiralen rund um ihren Betrug vor 20 Jahren, wirkt verzweifelt, hat Rachegedanken, spürt aber gleichzeig Sehnsucht nach Liebe. Ihre ganze Welt kreist um ihren Mann, sie lässt kaum den Gedanken an einen Neuanfang ohne ihn zu.

Leider fehlt der Geschichte aus meiner Sicht der Perspektivwechsel, trotzt nachvollziehbarer innerer Kämpfe der Protagonistin. Sie dreht sich im Kreis, die Handlung schreit kaum voran. Mich deprimierte diese Stagnation, da das farbenfrohe, optimistisch wirkende Cover das Gegenteil versprach. Erikas Figur wirkte einseitig und unzugänglich. Stellenweise fühlte man auch eine große Distanz zu der Figur, z.B. bei den immer wieder ausufernden und abwertenden Beschreibungen von Marie. Auch das vage, offene Ende war für mich enttäuschend.

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Veröffentlicht am 19.02.2026

(Üb)erfülltes Leben

Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen
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„Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen“ ist ein unglaublich ehrliches und mutiges Buch!

Als ihr Mann stirbt, nimmt Christien Brinkgreve, eine emeritierte Professorin für Soziologie ihre Vergangenheit unter ...

„Ein Versuch, meine Liebe zu ordnen“ ist ein unglaublich ehrliches und mutiges Buch!

Als ihr Mann stirbt, nimmt Christien Brinkgreve, eine emeritierte Professorin für Soziologie ihre Vergangenheit unter die Lupe, allem voran die Beziehung zu ihrem Mann, die ihr Leben maßgeblich bestimmt hat. Obwohl sie beruflich erfolgreich war und ihr eigenes soziales Netzwerk hatte, kam sie kaum gegen ihren Mann an, seine Dominanz, Stimmungsschwankungen und zum Teil das ihr gegenüber beschämende und verletzende Verhalten. Nichtsdestotrotz entschied sie sich dazu, Jahrzehnte lang an seiner Seite zu leben. Die Gründe hierfür legt die Autorin in ihren Memoiren offen.

Christien Brinkgreve ordnet ihre Erinnerungen während sie das gemeinsame Haus aufräumt, dessen Zustand ihr Eheleben widerspiegelt. Zeitweise war es „das Haus von Leuten, die es aufgegeben hatten, Ordnung zu halten, die Dinge im Griff zu haben, einen Ort zu schaffen, an dem man sich gerne aufhielt.“ (S. 10) Es verlor seine Schönheit, wurde vernachlässigt und entwickelte sich schließlich zu einem Ort, an dem man eher vorbei einander als miteinander lebte. Nach dem Tod ihres Mannes versucht die Autorin, ihren Platz im gemeinsamen Haus bewusst einzunehmen.

Das Besondere an dem Buch ist, dass die Autorin mit ihrer Geschichte zeigt, dass der Neuanfang auch im späteren Leben möglich ist, wenn man der Wahrheit ins Gesicht sieht, die Muster entlarvt, deren Gefangene man lange Zeit war. Mit der Aufräumarbeit im Inneren und im Äußeren wird eine Schicht nach der anderen frei gelegt, man findet zu sich selbst, kann sich neu definieren.

Die Ereignisse werden nicht wirklich chronologisch erzählt. Man hat den Eindruck, dass man einer durchdachten und gefühlvollen Reflexion einer weisen Frau folgen darf, die beschlossen hat, die Karten offen zu legen, um sich dadurch von der Last der Vergangenheit zu befreien. Als Leser fühlt man mit der Protagonistin mit und überdenkt dabei all die Konventionen, nach denen die Frauen früher gelebt haben und zum Teil immer noch leben.

Das Buch zeigt eindrucksvoll, was für eine Herausforderung es für Frauen ist, ihren selbstbestimmten Platz innerhalb der Familie und der Gesellschaft zu finden. Christien Brinkgreve gesteht ihre Fehler ein, zeigt uns, worauf wir unseren Blick richten könnten und ermutigt, für sich selbst einzustehen.

Ich habe das Buch sehr gern gelesen, Neues über Dynamiken in Beziehungen gelernt und im Nachhinein auch über die Wirkung der Räume, in denen wir leben, nachdenken müssen.

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Veröffentlicht am 18.02.2026

Toxische Beziehungen

Half His Age
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„Half his age“ von Jennette Mc Curdy ist unglaublich direkt und provokativ.

Im Zentrum der Geschichte steht Waldo, eine 17-jährige, die sich zum Ziel gemacht hat, eine Beziehung mit ihrem verheirateten ...

„Half his age“ von Jennette Mc Curdy ist unglaublich direkt und provokativ.

Im Zentrum der Geschichte steht Waldo, eine 17-jährige, die sich zum Ziel gemacht hat, eine Beziehung mit ihrem verheirateten Collage-Lehrer Mr. Korgy einzugehen. Nicht dass sie besonders verliebt in ihn wäre, er wurde eher eine Art Herausforderung, die sich zu einer Obsession entwickelte.

Die Charaktere sind gut gezeichnet. Man baut jedoch keine Beziehung zu ihnen auf. Sie wirken abstoßend, was vermutlich die Faszination hervorrufen sollte. Waldo ist in ihren Mustern verfangen und von der Suche nach einem Dopaminkick besessen, sei es durch Sex, Shoppen oder Konsum. Mr. Korgy scheint auch sehr labil zu sein und ohne jegliche Begeisterung durch sein Leben zu gehen, bis er sich auf die Affäre mit Waldo einlässt.

Das Buch punktet durch die subtile Beschreibung der Ursachen für das fragwürdige Verhalten der beiden Protagonisten. Warum wurden sie zu den Menschen, die sie heute sind? „Half his age“ ist somit eine unterschwellige Studie über toxische Beziehungen, emotionalen Missbrauch, Manipulationen, Armut, soziale Herkunft und daraus resultierende Probleme.

Ich fand es schade, dass das Buch so überlagert von all den zum Teil zu expliziten Sex-Szenen wurde und weniger Raum der inneren Leere beider Hauptcharaktere sowie ihrer Sehnsucht nach wahrer Verbundenheit ließ. Hinter der Fassade aus Stärke, Coolness und Abgeklärtheit spürte man nämlich Einsamkeit und Verletzlichkeit. Diese Facetten kamen leider zu kurz.

Der Schreibstil ist obszön, roh, brutal ehrlich und nicht besonders anspruchsvoll. Ich kann mir vorstellen, dass ich die Geschichte nicht wirklich gern als Buch lesen würde. Als Hörbuch war es dank der gut transportierten Dramatik und der Stimmung in der Ausarbeitung von Paula Hans interessanter.

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