Gute Unterhaltung für zwischendurch, hat mich aber nicht ganz abgeholt
Fever DreamAuf Elsie Silvers "Fever Dream" war ich sehr gespannt, weil eine Kollegin mir schon länger von dieser Autorin und ihren Büchern vorschwärmt. Daher war meine Freude groß, als ich in der Lesejury-Leserunde ...
Auf Elsie Silvers "Fever Dream" war ich sehr gespannt, weil eine Kollegin mir schon länger von dieser Autorin und ihren Büchern vorschwärmt. Daher war meine Freude groß, als ich in der Lesejury-Leserunde mitmachen durfte. Eine der letzten Leserunden auf der Plattform, wie sich herausstellt: Die Lesejury wird leider eingestellt, aber das ist ein anderes Thema.
Die Prämisse von Fever Dream wurde in der Leseprobe schon deutlich und erinnerte mich durch die Stimmung und das Setting ein bisschen an Lauren Brookes "Heartland", wodurch ich extra neugierig wurde. Mit "Heartland" verbinde ich viele schöne Erinnerungen: Die Bücher haben mich durch die Schulzeit begleitet, bevor ich die Serienverfilmung als Studentin entdeckte. Beide Autorinnen haben außerdem eine Reihe mit dem Namen Rose Hill und eine, die sich mit Cowboys beschäftigt, geschrieben - ein Zufall?
Ich habe mich auf eine emotionale Achterbahnfahrt gefreut, auf das trope Frenemies to Lovers und auf eine charmante Großfamilie mit jeder Menge schrulligen Charakteren. Nur bei einem dieser drei Aspekte habe ich das Gefühl, dass das Versprechen aus Klappentext und Leseprobe gehalten wurde.
Positives
Einerseits war es schön, mal wieder eine Cowboy-Ranch-Lovestory zu lesen, über Menschen mit Geldsorgen, die nicht durch einen Milliardär ganz einfach gelöst werden. Es hat mir gefallen, dass der männliche Part mit Emmett durch und durch gut war und er keine traumatic backstory brauchte, um irgendein Arschlochverhalten zu relativieren. (Ja, es gab tote Eltern und einen miesen Vater, aber das hat Emmetts Charakter scheinbar nicht geschadet.) Consent wurde durchweg groß geschrieben und sobald eine Grenze ignoriert und/oder überschritten wurde, wurde es entsprechend beschrieben und kritisiert.
Besonders die Familiendynamik der Brandts gefiel mir richtig gut. Tatsächlich war ich das ganze Buch hindurch fast mehr an den Beziehungen zwischen den Geschwistern und Großeltern interessiert als an der Liebesbeziehung zwischen Julia und Emmett, die ja eigentlich im Vordergrund stehen sollte.
Ich mag, dass sich die Charaktere mit einigen wenigen Ausnahmen zum Positiven entwickeln, und dass man die negativen Ausnahmen schon meilenweit im Voraus kommen sieht. Gleichzeitig nimmt das viel Potenzial für überraschende Wendungen - und das ist eines meiner größten Probleme mit "Fever Dream".
Negatives
Denn "Fever Dream" bleibt in meinen Augen viel zu oberflächlich und einfach.
Trotz der für mich positiven Grundstimmung und der interessanten Ausgangssituation fehlte mir das gewisse Etwas, das "Fever Dream" besonders gemacht hätte. Die Story plätscherte für mich zu seicht dahin, ohne mich emotional wirklich abholen zu können.
Im zweiten der drei Lese-Abschnitte der Leserunde habe ich geschrieben, dass meine Taschentücher bereit liegen, weil ich mit einer emotionalen Achterbahnfahrt zum Abschluss gerechnet habe. Aber die kam nicht. Beide Hauptfiguren blieben bis zum Schluss für mich unnahbar und distanziert, als ob ich von außen Leute beobachten würde und nicht in ihre Köpfe schauen könnte. Genau das sollten Bücher wie dieses mit wechselnden Perspektiven pro Kapitel aber ermöglichen.
Wir haben für meinen Geschmack zu wenig über Julia und Emmett gelernt. Über Julia weiß ich quasi nur, wie sie aussieht, dass ihr Vater tot ist, was sie arbeitet, dass sie Pflanzen mag und dass sie eine traumatische Erfahrung machen musste. Aber wer ist sie, wenn sie nicht arbeitet? Welche Musik hört sie, hat sie überhaupt Freunde außerhalb ihrer Arbeit, was macht sie zum Abschalten oder welche ist ihre Lieblingspflanze? Weil sich die gesamte Geschichte rund um ihre Arbeit abspielt, habe ich nicht das Gefühl, Julia wirklich kennengelernt zu haben - und kann mir deshalb auch kaum vorstellen, dass Emmett sie wirklich kennt, was für mich die gesamte Liebesgeschichte oberflächlich wirken lässt.
Emmett sagt mehrfach, dass er nur bei Julia er selbst sein kann, verletzlich und ein guter Mensch, im Gegensatz zu seinem publicity-Ego als Cowboy, das er dem Rest der Welt zeigt. Aber auch über Emmett erfahren wir kaum Dinge, die über seine Familiengeschichte oder seinen Charakter hinaus gehen. Warum ist sein Haus so spartanisch eingerichtet? Welche Musik hört er im Auto, wenn er einkaufen fährt? Welches ist sein Lieblingsbuch? Wo hält er sich am liebsten in der Stadt auf, wenn er nicht in der Natur unterwegs ist?
Wir wissen einfach nichts, was diese beiden menschlich macht oder Gemeinsamkeiten erlaubt. Julia wird als Arbeitstier beschrieben und Emmett als Rampensau, die eigentlich ganz anders ist. Mir drängt sich der Eindruck auf, dass diese Geschichte von Anfang an als Reihe mit mehreren Bänden angelegt wurde und dass man die Charaktere über alle Bände hinweg besser kennenlernen soll. Es soll wahrscheinlich eine slow burn-Geschichte sein, nicht nur in Bezug auf die Liebesbeziehung dieses Paares, sondern auch, wenn man das Buch bzw. die Reihe als Ganzes betrachtet.
Das kann man natürlich durchaus machen, besonders in Fantasy- oder Science-Fiction-Reihen ist das meiner Erfahrung nach nichts Außergewöhnliches. Doch in einem Romance-Buch wie diesem erwarte ich schon, dass im ersten Band zumindest die Hauptcharaktere genau genug vorgestellt werden, um uns Lesende mitfühlen zu lassen. Julia und Emmett bleiben für mich Fremde, über die ich etwas erzählt bekam. Klar, ab und zu war das unterhaltsam, aber insgesamt hat mich diese Story ziemlich kaltgelassen.
Genauso die Spice-Szenen. Sollen Emmett und Julia doch übereinander herfallen, wo immer sich die Gelegenheit bietet - es hat mich schlicht nicht berührt, und es passte auch nicht immer zum jeweiligen Moment. Ein Kuss hier und eine Berührung da, geschenkt. Aber in der Sattelkammer übereinander herzufallen, während draußen ein ganzes Drehteam auf einen wartet und man mit einer fadenscheinigen Ausrede vielleicht 4 Minuten herausgeschlagen hat - und der Erfolg der Show nicht nur über meine eigene finanzielle Zukunft bestimmt, sondern über die meiner gesamten Familie -, ist doch einfach dämlich bei dem großen Risiko, einfach alles zu verlieren. So beherrscht, wie Emmett beschrieben wird, passt diese Szene - und noch ein paar andere - weder zu seinem Charakter, noch zum Moment. Warum also existiert diese Szene? Hoffentlich nicht nur, um eine Portion spice mehr im Buch zu haben und damit dem TikTok-Trend hinterher zu laufen, zum Nachteil der Geschichte ...
Die Dating-Show
Apropos Drehteam und Dating-Show. Anfangs war ich ein bisschen skeptisch, ob ein Buch mit einer Dating-Show im Zentrum für mich interessant sein könnte. Ich mag solche Formate nicht - zumindest ist mir noch nicht eines untergekommen, das gut genug klang, um es wirklich anzuschauen - und die Sorge war groß, dass sich alles nur um das Drama fürs Fernsehen drehen würde.
Es überraschte mich daher sehr positiv, dass die Show zwar den gesamten Rhythmus der Story beherrschte und viele Faktoren bestimmte, die wiederum Einfluss auf die frische Beziehung zwischen Julia und Emmett nahmen; dass aber sehr wenige Szenen der Dreharbeiten ausführlich beschrieben wurden. Stattdessen wurden ganze Drehtage in knappen Memos an den Produzenten effizient zusammengefasst.
Es ließ sich aber nicht vermeiden, dass in der Show und bei allem, was damit zusammenhängt, Manipulation, Machtmissbrauch - und Missbrauch allgemein - groß geschrieben werden. Falsche Versprechen, um Menschen zu einem bestimmten Verhalten zu drängen; Druckerzeugung durch Geldsorgen; illegales Eindringen in persönliche Räume; sexuelle Nötigung - das sind nur einige der Elemente in diesem Buch.
Und am Ende weiß ich nicht, was die Autorin mir damit sagen möchte. Sind alle Dating-Shows falsch und die Menschen, die daran beteiligt sind, böse? Darf man nicht nach dem sprichwörtlichen Strohhalm greifen, wenn die Geldsorgen immer größer werden, weil man nie weiß, was hinter den Kulissen passiert? Oder soll es einfach nur eine Lektion für die beiden Hauptfiguren sein, nicht für uns Lesende? Dürfen wir einfach die Unterhaltung genießen, während für einige der Charaktere aus "Fever Dream" die Welt zusammenbricht? Es kommt mir so leer, so nichtssagend vor, während gleichzeitig so viel Unnötiges passiert. Eine perfekte Beschreibung von Dating-Shows im Allgemeinen also? Ach, ich weiß einfach nicht, was ich mit diesem Story-Element anfangen, wie ich es einordnen soll.
Immerhin sorgt Emmett am Ende dafür, dass die meisten Leute ein Happy End bekommen, die es verdient haben. (Obwohl diese Lösung für mich dann wieder zu simpel war. Ein weiterer Moment, in dem es für mich zu oberflächlich blieb, zu einfach war.)
Fazit
Ich schaue zwiegespalten auf "Fever Dream" zurück: Das Element der Dating Show holte mich überhaupt nicht ab, das war aber zu erwarten und spielt daher keine so große Rolle in meiner Wertung. Daher ist es gut, dass die Show im Buch keinen so großen Raum einnimmt. Hier habe ich bewusst über meinen Tellerrand geschaut und mir, wie befürchtet, ein bisschen die Finger verbrannt. Was mich stattdessen sehr viel mehr stört, ist die Oberflächlichkeit der ganzen Geschichte und dass die Hauptfiguren für mich Fremde bleiben. Es war für mich nicht möglich, mit ihnen mitzufühlen, weil durchweg eine unüberwindbare Distanz blieb.
Gleichzeitig habe ich das Setting der Ranch geradezu genossen und mich über die schrulligen Charaktere in Emmetts Familie amüsiert. Auch Emmett und Julia hatten ein paar unterhaltsame Momente, sodass ich das Buch insgesamt recht gern gelesen habe - besonders, weil der Schreibstil sehr angenehm zu lesen ist.
Trotzdem ist da eine gewisse Enttäuschung: Ich könnte so viele plot holes oder eine langweilige Handlung "verzeihen", wenn man so will, wenn zumindest die Chemie zwischen dem Paar stimmt und ich mit den Hauptfiguren mitfühlen kann. Das war in "Fever Dream" für mich einfach nicht der Fall.