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Veröffentlicht am 27.02.2018

Solides Finale

Angelfall - Am Ende der Welt
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Am Ende der Welt ist der finale Band einer Trilogie. Das ist nicht nur gut zu wissen, sondern sehr wichtig. Denn damit ging mir nicht nur „Oh, danach kommt ja gar kein Band mehr.“ durch den Kopf, sondern ...

Am Ende der Welt ist der finale Band einer Trilogie. Das ist nicht nur gut zu wissen, sondern sehr wichtig. Denn damit ging mir nicht nur „Oh, danach kommt ja gar kein Band mehr.“ durch den Kopf, sondern auch „Mal schauen, wo die ganzen losen Fäden enden.“ und „Hoffentlich lässt Susan Ee keinen Handlungszweig ins Leere führen.“ Ich finde nur wenig schlimmer als ein Ende, das mich unzufrieden und frustriert zurück lässt. Also quasi jedes offene Ende, wenn es nicht herausragend gut geschrieben wurde. Das ist also die Einstellung, mit der ich das Buch begonnen habe.

Leider habe ich am Anfang viel zu lange gebraucht, um wieder in die Geschichte zu finden. Ich wusste noch ungefähr, wo der zweite Band geendet hatte, doch der Anfang – ich habe ihn vor dem Schreiben dieser Rezension noch einmal schnell überflogen – ist einfach merkwürdig geschrieben. Apropos Schreibstil:
Ich kann es nicht leiden, wenn zu Beginn eines Folgebands zu viele Wiederholungen auftreten. (Deshalb verzeihe ich den schwierigen Einstieg auch, denn zumindest wurde ich dahingehend verschont.) Noch furchtbarer finde ich es aber, wenn innerhalb des Buches zu viel wiederholt wird. In Am Ende der Welt wurde nicht „nur mal kurz aufgefrischt“, was ein paar Kapitel vorher passiert war – nein, teilweise GLICHEN SICH MANCHE ABSÄTZE FAST WORTWÖRTLICH, und die FOLGTEN DANN AUCH NOCH DIREKT AUFEINANDER! Das sind eindeutig Lückenfüller; ein Mittel, um eine bestimmte Seitenanzahl zu erreichen, und das merkt man leider viel zu deutlich. Es mindert das Tempo extrem und nimmt der Handlung jegliche Spannung. Niemand will zweimal hintereinander denselben halbseitigen Absatz lesen.
Dazu kommen einige Rechtschreibfehler, die durch das deutsche Korrektorat gerutscht sind. Das kann natürlich mal passieren; gerade bei solchen heiß ersehnten Titeln, bei denen die Verlage schnell fertig werden wollen, um die Leserschaft zu bedienen. Niemand ist perfekt. Solche Buchstabenverdreher oder Grammatikfehler sollten sich aber nicht so oft einschleichen, dass man als Leser gar nicht anders kann, als sie zu bemerken. Okay, ich lebe mein Leben und studiere umgeben von Wörtern und Büchern, habe also ein gewisses Radar für solche Fehler. Doch in bin überzeugt, dass auch der Otto Normalverbraucher -leser diese wahrnehmen würde. Auch das wirkt sich negativ auf das Leseerlebnis aus.
Positiv am Schreibstil ist, dass er nach den anfänglichen Schwierigkeiten sehr gut zu lesen ist. Die Autorin ist gut darin, durch treffende Beschreibungen und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen das dystopische Setting sehr gut darzustellen. Zum Vergleich: Obwohl Die Tribute von Panem ebenfalls in einer dystpoischen Zukunft spielten und nicht selten von Mord und Totschlag, Verwüstung, Verzweiflung und absolutem Horror die Rede war, wirkte die Szenerie auf mich irgendwie steril. Die Emotionen kamen nicht richtig durch, mir wurde das Ausmaß der Zerstörung nicht wirklich klar. Dagegen konnte ich mir beim Lesen von Am Ende der Nacht bildlich vorstellen, wie Paiges Narben oder wie blutig manche Angelegenheiten aussehen müssten. Mein Kopfkino lief auf Hochtouren. Die Verzweiflung der Menschen wurde glasklar, ebenso die kleinen hoffnungsvollen Momente. Die Städte, die in Trümmern lagen, die Flotten der Engel am Himmel, deren Schatten nicht nur für Unbehagen, sondern für Panik unter den überlebenden Menschen sorgten. Das hat Susen Ee echt drauf und gleichzeitig lässt sich dieser Stil auch noch sehr flüssig lesen. Ich bin froh, dass nicht das ganze Buch so komisch geschrieben ist wie der Anfang, denn so konnte ich die paar Kapitel schnell verdrängen.


Sehr gut gefiel mir auch die Entwicklung der Charaktere. Besonders Paige und ihre Mum sind mit den schrägen Vögeln aus dem ersten Band Nacht ohne Morgen kaum noch zu vergleichen und lassen es jetzt, in Ermangelung einer treffenderen Formulierung, so richtig krachen. Die Zwillinge Dei und Dum sind ja sowieso meine Lieblingscharaktere in der ganzen Reihe, das ändert sich auch mit diesem finalen Band nicht. Die zwei Scherzkekse erinnern mich sehr an die Weasley-Zwillinge aus Harry Potter, indem sie in der dystopischen Szenerie ein bisschen Freude verbreiten und ihren Schabernack treiben. Das lockert die düstere Stimmung des Buches an genau den richtigen Stellen auf und gibt nicht nur den Figuren, sondern auch mir als Leser einen kurzen Moment zum Durchatmen. Zwiegespalten bin ich bei der Beziehung zwischen Penryn und Raphael „Raffe“. Einerseits finde ich es schön, dass sich endlich etwas tut und sie nicht nur umeinander herumscharwenzeln (Ich habe extra noch mal in den DUDEN geschaut, das Wort gibt es, ehrlich!), ohne einander auch mal wirklich in die Augen zu sehen. Andererseits geht gerade die Welt unter, es herrscht Krieg zwischen Menschen und Engeln – ENGELN! – und eigentlich schlägt jeder jedem den Schädel ein (metaphorisch – na ja, meistens) und die beiden haben keine größeren Sorgen als „er mag mich, er mag mich nicht, er mag mich, …“ beziehungsweise „wie kann ich sie mir vom Leib halten, ich darf nicht, nein, reiß dich verdammt noch mal zusammen, Erzengel“? Also bitte. Natürlich gönne ich jedem sein Glück, aber dieses Hin und Her, wenn doch eigentlich klar ist, wie es ausgehen muss, nervt irgendwann gewaltig. Deshalb fand ich es sehr angenehm, als, wie der Klappentext es formuliert, „Raffe von seiner Vergangenheit eingeholt wird“. Denn das sorgt dafür, dass sich ihre Wege vorerst trennen. Einzeln finde ich das Menschenmädchen und den Erzengel wesentlich erträglicher, um ehrlich zu sein.

Ein Highlight war für mich, was für die Handlung zwar von Bedeutung ist, aber nicht wirklich im Fokus liegt. In den beiden vorausgehenden Bänden steht Beliel als der Böse da und zu Beginn von Am Ende der Welt ist er scheinbar DAS große Böse, das besiegt werden muss, wenn man von Uriel absieht. Er ist ein Dämon, er hat Raffe seine Flügel gestohlen, er scheint die Niederträchtigkeit in Person zu sein und man muss ihn bekämpfen. Hier wird nun aber erklärt, warum und wie er zu der Person wurde, die er ist, und dass Raffe nicht ganz unschuldig daran ist, ebenso Penryn. Auf einmal ist Beliel kein gesichtsloser Bösewicht mehr, sondern eine Person, die ich als Leser verstehen konnte – und verstanden habe. Dieser Punkt ist sehr wichtig für mich, denn er zeigt, dass nicht nur schwarz-weiß, gut-böse gedacht wird, sondern eben in Graustufen. Jemand kann im Moment böses tun, aber wer weiß schon, was in seiner Vergangenheit geschah? Für die Handlung von Angelfall ist Beliels Geschichte nur ein Detail, aber für mich ist dieses Detail unheimlich wichtig.

Erwähnenswert finde ich auch das Ende. Es gibt zwar ein paar logische Fehler – oder ich habe die entsprechenden Erklärungen übersehen -, grundsätzlich erfüllte es aber meine Erwartungen. Nicht alle losen Fäden, die ich eingangs erwähnt habe, wurden an ihr Ende geführt, aber man ist diesem Ende nahe genug gekommen, um vermuten zu können, wie diese einzelnen Geschichten ausgehen werden. Mehr erwarte ich gar nicht.

Am Ende der Welt ist das Angelfall-Finale, es wird keine weiteren Bücher geben. (Oder es gibt ein Spin-Off, von dem ich nichts weiß.) Es war schön, Penryn und Raffe durch ihr Abenteuer begleitet zu haben, aber ich bedauere nicht, dass die gemeinsame Zeit mit ihnen hier endet. Stattdessen freue ich mich, dass ich jetzt den Kopf frei habe für neue Abenteuer und neue Helden. Angelfall wird in meinem Regal stehen und wenn ich Lust habe, die Apokalypse zu wiederholen, kann ich jederzeit zugreifen. Für den Moment jedoch verabschiede ich mich vom Widerstand und den wenigen Engeln, die ich liebgewonnen habe. Macht’s gut!

Veröffentlicht am 22.02.2018

"Es war nicht das erste Mal, dass Schokolade mich in Schwierigkeiten gebracht hat."

Stille der Nacht
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Geschichte und Architektur
Mercy Thompson in Prag. Allein dieser kurze Satz sollte in jedem, der die taffe KFZ-Mechanikerin schon kennen lernen durfte, weihnachtliche Gefühle aufkommen lassen. Nicht wegen ...

Geschichte und Architektur
Mercy Thompson in Prag. Allein dieser kurze Satz sollte in jedem, der die taffe KFZ-Mechanikerin schon kennen lernen durfte, weihnachtliche Gefühle aufkommen lassen. Nicht wegen der besinnlichen Stimmung, sondern weil dieses Setting ein wahres Geschenk an die Leserschaft, gerade die europäische, sein könnte. In meinem Fall habe ich es so empfunden und ich kann mir auch sehr gut vorstellen, Mercy zukünftig irgendwo in Deutschland in Aktion zu erleben. (Zees Geschichte wurde zwar schon ganz gut aufgearbeitet, aber genug Stoff für eine weitere Reise über den großen Teich ist bestimmt noch übrig! Aber ich schweife ab.) Mir gefiel die Idee, die Handlung nach Prag zu verlegen auch deshalb sehr gut, weil ich vor einigen Jahren einen Schüleraustausch mit einer tschechischen Schule machen durfte (für jeden, dessen Muttersprache nicht Deutsch ist, ist „tschechische Schule“ bestimmt ein übler Zungenbrecher …) und damals auch einige Zeit in Prag verbrachte. Diese Stadt – oder zumindest die Teile, die ich in der kurzen Zeit anschauen konnte – ist wunderschön und bietet sehr viel Stoff für Legenden und Geschichten – und Schwärmerei über Architektur. Als ich damals den jüdischen Friedhof besucht habe, schossen mir selbst viele Ideen durch den Kopf, und die Altstädter Astronomische Uhr hat nicht dafür gesorgt, dass diese Ideen weniger wurden. Irgendwo habe ich sogar noch mein angefangenes Geschreibsel … Jedenfalls konnte ich mir, nachdem ich den Klappentext gelesen hatte, sehr gut vorstellen, dass Mercy und ihre Großfamilie das eine oder andere Abenteuer in dieser tollen alten Stadt erleben würden. Und dass Patricia Briggs, die nicht nur ein Diplom in Deutsch, sondern auch in Europäischer Geschichte hat, diese Kulisse zu würdigen wüsste. Kurz gefasst: Meine Erwartungen waren goß.

Und – Überraschung! – sie wurden erfüllt! In meiner letzten Rezension zu Licia Troisis Die Eiskriegerin bin ich genauer auf das Worldbuilding eingegangen, das in Fantasyromanen keine unwichtige Rolle spielt. Dazu gehört auch, die Umgebung zu beschreiben und Mythen, die von Bedeutung sind, zumindest so ausführlich wiederzugeben, wie für das Verständnis der Leser notwendig ist. Briggs schreibt mit ihrem tollen Vokabular – oder dem der deutschen Übersetzerin Vanessa Lamatsch – sehr atmosphärisch über die Kopfsteinpflaster und Fassaden Prags, natürlich aus Mercys Sicht: einer Amerikanerin, die noch nie Bauwerke gesehen hat, die mehr als ein paar Jahrhunderte auf dem Buckel haben. Dass sie da etwas ins Schwärmen geriet und das selbst für meinen Geschmack etwas ZU ausführlich wurde, ist nachvollziehbar. Einerseits ließ sich die Autorin von ihrer eigenen Passion hinreißen, andererseits ist es auch nur logisch, dass Mercy von einer vollkommen fremden, altehrwürdigen Umgebung fasziniert ist. Weniger schön, wenn auch verständlich ist für mich, dass bestimmte Legenden oder historische Begebenheiten so ausführlich erzählt wurden. Klar, es erklärt ein paar Details der Handlung genauer, aber wirklich notwendig war es nicht. Das hat leider an ein, zwei Stellen das Tempo gedrosselt, war aber nicht allzu schlimm. Kurz danach ging es wieder mit Volldampf weiter und die etwas langatmigen Szenen waren schnell vergessen.

Schokolade
(Na, habe ich eure Aufmerksamkeit?) ?

Dieser Band unterscheidet sich dahingehend von den bisherigen Titeln der Reihe, dass die einzelnen Kapitel nicht nur aus verschiedenen Perspektiven geschrieben sind, sondern sich zeitlich auch überschneiden oder auf andere Weise nicht linear verlaufen. So wird die Zeitlinie etwas durcheinander gebracht, aber kurze Kommentare von Mercy am Anfang eines jeden Kapitels entwirren die Gedankenknoten schnell wieder. Tatsächlich ist der Kommentar vor dem ersten Kapitel eines meiner Lieblingszitate aus Stille der Nacht:

Es war nicht das erste Mal, dass Schokolade mich in Schwierigkeiten gebracht hat.

Er gefällt mir nicht nur wegen des Inhalts so gut – ich meine, Schokolade, hallo? -, sondern auch, weil mit diesem einen Satz der Rahmen für das ganze Buch gegeben wird. Was ich damit meine, werdet ihr verstehen, sobald ihr es gelesen habt.

Das gewisse Etwas
Wer meine Instagram-Stories verfolgte, als ich Stille der Nacht gelesen habe, wird sich vielleicht an das Bild rechts erinnern. Bevor die Handlung überhaupt richtig in Fahrt kam, war ich schon wieder hin und weg von Briggs’ Schreibstil und ihren wunderbaren Charakteren. Die Geschichte beginnt an einem sogenannten Piratenabend des Werwolfrudels: jeder spielt einen virtuellen Piraten in einem Computerspiel. Ziel ist es, der letzte Überlebende zu sein – und Jesse, die Teenagertochter des Alphas, scheint auf dem besten Weg zu sein, zu gewinnen, was natürlich die großen, starken Werwölfe nicht einfach so hinnehmen können. Allen noch lebenden „Piraten“ ist es außerdem untersagt, einander mit dem Real-Life-Namen anzusprechen oder generell normal, nicht „piratig“, zu reden. Wie amüsant die Dialoge während dieser Szenen waren, kann sich jetzt jeder selbst ausmalen … Ich jedenfalls konnte mir das Lachen mehrfach nicht verkneifen.
Ich würde jetzt gern schreiben „An anderer Stelle verging mir das Lachen sehr schnell“, doch das würde einfach nicht der Wahrheit entsprechen. Der Ton blieb die ganze Zeit über humorvoll und einfach großartig. Damit meine ich nicht, dass die Handlung einfach seicht vor sich hin plätscherte oder alles ach so witzig war. Nein, es gab durchaus ernste Szenen und Momente, die alles andere als lustig daher kamen. Aber es gibt diesen ganz besonderen Unterton, den ich nicht genauer definieren kann und für Patricia Briggs’ höchst eigenen Stil halte. Dieser Stil ist es, der mich die Mercy Thompson-Reihe so lieben lässt – neben den Charakteren, natürlich.

Charaktere
Mercy kennen wir ja bereits als Überlebenskünstlerin, die alles andere als auf das Werwolfrudel ihres Mannes angewiesen ist. Auf einem fremden Kontinent und in Gefangenschaft auf sich allein gestellt zu sein, ist allerdings eine ganz andere Hausnummer. Wie sie diese Situation meistert, werde ich nicht verraten, nur so viel: Sie ist ganz Mercy.
Adam zeigt mal wieder, dass Diplomatie nicht seine Stärke ist, er aber durchaus darauf zurückgreifen kann, wenn es sein muss – und diesmal kommt er wirklich nicht darum herum!
Ich liebe diese beiden einfach. Hier zeigen sie ganz unabhängig voneinander, was sie draufhaben und ich bin einfach nur begeistert. Allerdings gestehe ich, die Mercy-Kapitel immer wieder herbeigesehnt zu haben, da ich die Handlung dort einfach spannender fand. (Vampir-) Politik ist einfach nicht mein Ding … Das heißt aber nicht, dass Adams Kapitel langweilig waren, ganz und gar nicht! Gerade die neuen Charaktere, die wir aus Adams Perspektive kennen lernen durften, waren ziemlich spannend. Ich hoffe, dass sie weiterhin von Bedeutung bleiben werden. So langsam wächst die Gruppe an liebenswerten Figuren zu einer beachtlichen Masse heran. Ich freue mich über jeden einzelnen Neuzugang und bin sehr gespannt, was noch kommt!

Handlung
Stille der Nacht befasst sich mit einer der bekanntesten Prager Legenden und ohne jetzt genau zu verraten, worum es geht, sei nur so viel gesagt: Dem historischen Wert des Mythos wird die Geschichte absolut gerecht und bringt ihren eigenen Touch so ein, dass das Ergebnis einfach großartig in den Rest der Mercy Thompson-Reihe passt. Es fällt mir fast schwer, die eigentliche Legende von Briggs’ Fantasie zu trennen. Das ist ebenfalls ein Aspekt, den ich sehr an ihren Büchern liebe.
Außerdem tritt eine Figur, die bereits seit dem ersten Band Ruf des Mondes namentlich bekannt ist, endlich auch in Fleisch und Blut in Erscheinung und nimmt eine wichtige Rolle im Verlauf dieser Geschichte ein. Sie gehört nicht zu meinen Lieblingscharakteren, aber ich freue mich, sie endlich „persönlich“ kennen zu lernen.
Das Setting in Europa bringt einen tollen Tapetenwechsel mit sich und auch neue Herausforderungen, denen sich unsere Helden stellen müssen. So sehr ich diese Reihe auch liebe – wenn sich nur immer alles um die Tri-Cities dreht, ist irgendwann die Luft raus. Briggs hat an genau der richtigen Stelle für frischen Wind gesorgt und diese Veränderung des Schauplatzes super eingesetzt. Wie eingangs schon kurz erwähnt hoffe ich, dass es Mercy und ihr erweitertes Rudel irgendwann mal nach Deutschland verschlägt und sich so das „Das kenne ich, da war ich schon mal!“-Gefühl, dass ich beim Lesen der Szenen in Prag hatte, noch verstärkt. In Deutschland gibt es schließlich auch genug Legenden, denen man auf den Grund gehen könnte bzw. die zum Leben erwachen und Mercy an den Kragen wollen könnten … Just saying.

Notizen
In meinen Notizen, die ich vor dem Verfassen dieser Rezension geschrieben habe, stehen jetzt nur noch ein paar Stichpunkte, die ich unmöglich in Sätze verpacken kann. Deshalb lasse ich sie einfach mal so, wie sie sind, hier stehen und für sich selbst sprechen:

ICH LIEBE MERCY UND DAS RUDEL!!!
Lachen, weinen, alles dabei.
Absolut großartiger Schreibstil, ich liebe diese Autorin!
Kann ich einen eigenen Adam haben, bitte? Und Ben? Und Stefan und Warren, wenn wir schon dabei sind? Pretty please?
Tatsächlich habe ich beschlossen, dass die Reihe um Mercy Thompson spätestens jetzt Harry Potter als meine Lieblingsbuchreihe ablöst. Harry Potter gefällt mir immer noch sehr und besonders die vielen Details, die mir gerade bei Re-reads immer wieder neu auffallen und andeuten, wie viele Gedanken sich J. K. Rowling beim Schreiben gemacht haben muss, begeistern mich sehr. Doch Mercy reißt mich inzwischen mehr mit und ich bin Hals über Kopf ihrer Geschichte verfallen.



Liebe Patricia Briggs, ich liebe Mercy. Ich liebe Adam. Ich liebe Jesse. Ich liebe das ganze Rudel. Und Stefan. Und überhaupt irgendwie alle! Sogar die Bösewichte haben einen gewissen Charme und Witz. Und die kleinen Exkurse in Geschichte, Mythologie und Sprache machen das einfach nur noch besser, ohne die Handlung unnötig in die Länge zu ziehen. Ich liebe diese Reihe und habe jetzt auch meine Schwester „gezwungen“, sie zu lesen, damit ich endlich jemanden habe, dem ich begeistert davon erzählen kann und der dann auch versteht, wovon ich spreche. Danke, danke, DANKE für diese tolle Romanreihe!

PS: Bitte schreiben Sie noch viel, viel mehr Bände! Bis dahin werde ich endlich die Alpha & Omega-Reihe lesen, die ja ebenfalls ins „Mercyverse“ gehört …

Veröffentlicht am 08.02.2018

Toller Auftakt mit einer großartigen Protagonistin!

Die Eiskriegerin
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Licia Troisi kenne ich bereits aus Reihen wie Die Drachenkriegerin, Die Schattenkriegerin oder Die Feuerkriegerin und an den Titeln lässt sich unschwer erkennen, dass meist eine Frau oder ein Mädchen im ...

Licia Troisi kenne ich bereits aus Reihen wie Die Drachenkriegerin, Die Schattenkriegerin oder Die Feuerkriegerin und an den Titeln lässt sich unschwer erkennen, dass meist eine Frau oder ein Mädchen im Mittelpunkt der Handlung steht – und dass sie gut auf sich selbst aufpassen kann, denn sonst würde man den Begriff „Kriegerin“ ja wohl kaum verwenden. Mit Die Eiskriegerin, oder im italienischen Original Le Lame Di Myra, also Die Klingen von Myra, steigt Troisi in die neue Dominium-Saga ein. Diese Reihe ist nach dem Kontinent benannt worden, auf dem sich unsere Helden und Bösewichte aufhalten. Eine Karte des Dominiums ist vorn im Buch eingezeichnet und erleichtert die Orientierung während des Lesens etwas. Allerdings hätte sie für meinen Geschmack noch etwas detailreicher sein können – manche für mich wichtige Orte sind gar nicht genauer verzeichnet.

Die Eiskriegerin dreht sich um Myra, eine junge Frau, die als Mädchen mit ansehen musste, wie ihr Vater brutal ermordet wurde. Ihr Leben sah seitdem selten schön aus – Sklaverei eingeschlossen -, aber nun ist sie als erfolgreiche Schwertkämpferin an der Seite eines großen Heerführers unterwegs, um die Zukunft des Dominiums zu verändern. Dann erfährt sie, dass der Grund der Ermordung ihres Vaters doch nicht ganz so eindeutig zu sein scheint, wie sie es jahrelang angenommen hatte. Myra macht sich auf, um endlich die Wahrheit zu erfahren, trifft dabei nicht nur auf Überraschungen, sondern auch auf unerwartete – und anfangs auch unerwünschte – Weggefährten und entdeckt ein ganz neues Schicksal.

Myra ist einerseits eine typische Fantasy-Heldin: eine starke Kriegerin, im Kampf ausgebildet und mit einem Ziel vor Augen, das es zu verfolgen gilt, außerdem scheint sie etwas Besonderes zu sein, wodurch sie sich von der Masse abhebt. Andererseits ist sie ein Mensch wie du und ich. Myra zweifelt und ist sich unsicher, wie sie mit Informationen umgehen oder welchen Weg sie einschlagen soll. Welche Situationen erlauben es, über ihre Moralvorstellungen hinweg zu sehen? Es fällt ihr schwer, ihren Weg zu gehen und wie jeder junge Mensch hat auch sie ihre schwachen Momente. Sie hat außerdem als eine Art Selbstschutz gelernt, Menschen auf Distanz zu halten – Ausnahmen bestätigen die Regel – und keinerlei Übung im Prinzip „Freundschaft“, weshalb sie Fremden und auch Bekannten gegenüber oft eiskalt rüberkommt (See what I did there?). Myra ist alles andere als perfekt, aber bereit und in der Lage, zu lernen. Das macht für mich einen Großteil ihres zweifelhaften Charmes aus. Ihr Charakter entwickelt sich weiter und ist am Ende dieses ersten Bandes kaum noch mit der Person in Einklang zu bringen, die wir zu Beginn kennen lernen.

Das gleiche trifft auch auf die meisten Nebencharaktere zu. Anstatt mit reinen Stereotypen um sich zu werfen, hat die Autorin jeder wichtigen Figur mehrere Schichten verpasst: Je länger man eine Figur begleitet, desto mehr Schichten lassen sich abpellen und desto mehr Eigenschaften werden deutlich, desto eher lässt sich eine Entwicklung erkennen. Gleichzeitig sind die Figuren auch stabil, in Ermangelung eines besseren Wortes. Sie erfüllen im Rahmen der Geschichte einen bestimmten Zweck und sind in ihrer Entwicklung nicht ZU wankelmütig, aber eben auch nicht nur stumpfe Stereotypen. Es fällt mir schwer, hierfür die richtigen Worte zu finden; vermutlich müsst ihr das Buch einfach selbst lesen, um zu verstehen, was genau ich meine. Oder ihr kennt Troisis Stil schon, denn dieselben Merkmale lassen sich auch in ihren älteren Büchern finden.

Apropos Stil: Licia Troisi ist bekannt für ihr detailliertes Worldbuilding. Auch diese Medaille hat zwei Seiten, wie Myras Charakter. Einerseits sind die Beschreibungen der Welt, in der wir uns aufhalten, toll geschrieben und sehr bildlich formuliert – ich hatte beim Lesen ständig exakte Bilder vor Augen und mein Kopfkino lief auf Hochtouren: großartig! – und auch zwingend notwendig, um das Dominium und seine Politik und Gesellschaft, die eine nicht unwesentliche Rolle spielen, verstehen zu können. Andererseits sind diese Beschreibungen und Erklärungen an einigen Stellen schlicht zu lang, weshalb trotz des ständig präsenten roten Fadens der Spannungsbogen beeinträchtigt und das Tempo merklich gedrosselt wurde. Auch das hat Vor- und Nachteile. (Ihr merkt schon, ich bin bei diesem Aspekt in meiner Meinung ziemlich zwiegespalten.) Es ist beim Lesen durchaus etwas lästig, immer wieder ausschweifende Landschaftsbeschreibungen und Erklärungen, warum eine bestimmte Handlung in der Politik wie ausgeführt werden konnte, serviert zu bekommen. (Wobei ich hier der Autorin hoch anrechne, dass es kaum Wiederholungen gab und wenn doch, dann nur, sofern die erste Erwähnung einer Gegebenheit schon viele Kapitel zurück lag.) Ich würde sagen, mit 30 Seiten weniger hätte man die Durchhänger vermeiden können.

Diese langen Worldbuilding-Momente sorgten aber auch dafür, dass ich mir die Zeit genommen habe, sie zu würdigen. Die Geschichte, so spannend und aufreibend sie auch stellenweise sein mochte, wurde so entschleunigt. Das habe ich sehr entspannend empfunden. Normalerweise lese ich Romane in einem Rutsch, an einem, maximal zwei Tagen, je nach Seitenzahl und Stimmung. Die Eiskriegerin hat für gut zwei Wochen vorgehalten (auch, weil die Weihnachtstage und damit einige Familienangelegenheiten dazwischen kamen), weil ich einfach langsamer gelesen habe. Ich habe nicht nur gelesen, um schnell in der Handlung voran zu kommen, um möglichst rasch all den Rätseln auf die Spur zu kommen, die die Geschichte stellt, sondern den Text selbst wahrgenommen, die Worte, die Welt. Das ist mir schon recht lange nicht mehr passiert. Nicht, weil ich keine guten Bücher gelesen hätte, sondern eher, weil viele der Romane auf meinem „Speiseplan“ davon leben, mit hohem Tempo und viel Action die Leser bei Laune zu halten – Dystopien, New Adult, Urban Fantasy. Die Eiskriegerin würde ich meinem Gefühl nach in der High Fantasy einordnen: Auch Tolkiens Werke oder Markus Heitz‘ Die Zwerge hatten diese entschleunigende Wirkung auf mich.

Ein weiteres Merkmal des Schreibstils sind die vielen Zeitsprünge, mit denen Troisi Myras Vergangenheit Stück für Stück aufrollt. Zuerst war ich verwirrt, warum an genau dieser Stelle so wichtig ist, was Myra zu diesem anderen bestimmten Zeitpunkt in der Vergangenheit passiert ist. Das wurde aber jeweils schnell deutlich. Die Sequenzen aus der Vergangenheit sind optisch klar erkennbar, weshalb es da zu keinen Verwechslungen kommen kann. Ich finde es extrem gelungen, wie sich so ein Rätsel nach dem anderen von selbst aufklärt. Wir Leser werden eine ganze Weile über die verschiedensten Dinge im Dunkeln gelassen und erfahren so nach und nach gewisse Hintergründe, die wie Puzzlestücke irgendwann ein ganzes Bild ergeben. Das ist eine tolle Art, die Geschichte der Eiskriegerin zu erzählen, wenn ihr mich fragt!

Noch ein dicker Pluspunkt sind die Wendungen, die in 90 Prozent der Fälle für mich unerwartet kamen. Besonders rückblickend bin ich schwer beeindruckt, sowohl von der Kunstfertigkeit der Autorin als auch von meinen eigenen Scheuklappen: Viele Dinge wurden schon so früh und dann immer wieder angedeutet, während es mir erst in dem Moment klar wurde, den die Autorin für die jeweilige Enthüllung vorgesehen hat. Ich bin einfach in die Fallen getappt, in die ich treten sollte, und habe erst kurz vor dem finalen Plottwist, der gleichzeitig auch der Cliffhanger vor dem nächsten Band ist, vermutet, was passieren könnte. Schon allein hierfür LIEBE ich dieses Buch und seinen tollen Stil.

Oh. Eins noch: Es gibt Magie. UND DRACHEN! Wenn all meine Schwärmerei bisher noch nicht ausreichte, um euch zu überzeugen, Die Eiskriegerin zu lesen, dann doch bestimmt dieses kleine Detail. ?

Licia Troisi hat mit Die Eiskriegerin wieder einmal eine junge Frau auf die Reise ihrer Bestimmung geschickt, ihren Weg mit Stolpersteinen und Hürden bestückt und diese Geschichte kunstvoll verpackt.
Die entschleunigte Lektüre unterhält mit detailreichem Worldbuilding und überzeugt durch Charaktere, die über sich hinauswachsen. Ich freue mich schon auf Band 2 und vergebe ohne Zweifel 5 von 5 Sternen!
(Am liebsten noch mit Sternchen, aber, na ja, es sind ja schon Sterne …)

Veröffentlicht am 30.01.2018

Eine tolle Ergänzung zur ursprünglichen Reihe

Throne of Glass – Celaenas Geschichte
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Seit Oktober 2016, als ich hat Sarah J. Maas mich von Celaena Sardothien und ihrer Geschichte durch Throne of Glass begeistert. Die ursprüngliche Reihe beginnt mit Celaena, die als Sklavin in den Salzminen ...

Seit Oktober 2016, als ich hat Sarah J. Maas mich von Celaena Sardothien und ihrer Geschichte durch Throne of Glass begeistert. Die ursprüngliche Reihe beginnt mit Celaena, die als Sklavin in den Salzminen von Endovier festgehalten wird. Aber wie kam die einst größte Assassinin von Ardalan in diese missliche Lage? Warum hasst sie ihren Ziehvater Arobynn so und was genau ist damals eigentlich mit Sam, ihrer ersten großen Liebe, passiert? Diese und andere Fragen werden in den fünf Novellen, die in Celaenas Geschichte aus Vorgeschichte zusammengefasst sind, beantwortet.

Die Novellen umfassen jeweils ca. 50 – 100 Seiten, weshalb sich dieses Buch wunderbar häppchenweise lesen lässt – und ich hatte kein schlechtes Gewissen, wenn ich es zwischen den einzelnen Kurzgeschichten auch mal beiseite gelegt habe. Jede Geschichte führt Celaena in ein neues Abenteuer und lässt mich als Leserin besser verstehen, warum sie zu Beginn von Die Erwählte so ist, wie sie ist. Warum sie Arobynn abgrundtief hasst. Wie sehr sie Sam geliebt hat.

Es kommen viele Figuren vor, die später in der ursprünglichen Reihe Throne of Glass auftauchen und deshalb schon bekannt sind, die Kurtisane Lysandra zum Beispiel, oder der Piratenkönig Rolfe. Besonders letzterer hat es mir angetan, ich hätte mir mehr Handlung mit seiner Figur gewünscht – da es aber doch zentral um Celaena geht, verstehe ich, dass die anderen Storylines kurz gehalten werden mussten. Vielleicht gibt es ja einmal eine andere Gelegenheit, mehr über Rolfe zu erfahren.
Auch viele unbekannte Charaktere traten auf. Die Stillen Assassinen gefielen mir sehr und erinnerten mich ein bisschen an die Liga der Assassinen aus der Serie Arrow.

Verglichen mit der ursprünglichen Throne of Glass-Reihe wird in Celaenas Geschichte relativ wenig Worldbuilding betrieben. Das zeigt ganz deutlich, dass diese Kurzgeschichten nach Beginn der Reihe entstanden und für Leser geschrieben worden sind, die die Welt um Adarlan schon kennen. Das finde ich aber ziemlich gut, denn jede längere Erklärung hätte den Spannungsbogen überreizt und zerstört. So sind die Novellen kurz und knackig – jedenfalls überwiegend: Die letzte und mit Abstand längste der fünf Novellen fand ich etwas ZU lang. Sie hatte ein paar Durchhänger – eben genau an den Stellen, an denen die Autorin die Handlung durch zu viele Erklärungen in die Länge gezogen hat. 20 Seiten weniger hätten dieser Kurzgeschichte gut getan. Insgesamt ist Celaenas Geschichte jedoch in Maas’ gewohnt angenehmen Schreibstil verfasst und lässt sich flüssig lesen.

Ich finde es schade, dass der geniale Originaltitel The Assassin’s Blade nicht übernommen bzw. mit Das Schwert der Assassinen übersetzt wurde, denn unter diesem Titel ist Celaena in Adarlan bekannt und diese fünf Novellen erzählen, wie eben dieses menschliche Schwert geschmiedet und geschliffen wurde, bis es das tödliche Werkzeug war, das wir in Die Erwählte kennen gelernt haben. Die Nicht-Übersetzung und stattdessen die Verwendung des schon irgendwie langweiligen Titels Celaenas Geschichte ist aus meiner Sicht verschenktes Potential vonseiten des Verlags.

Zum Schluss ein paar Worte zum Cover: Wie alle Taschenbuchausgaben dieser Reihe trägt auch Celaenas Geschichte auf dem Cover die kampfbereite Titelheldin mit ihren Schwertern und einem wunderschönen Kleidungsstück, in diesem Fall einen Umhang. Das passt perfekt zu der Figur. Besonders raffiniert finde ich, dass auf der U4-Seite jedes Bandes, also auch hier, die Rückseite des Titelbildes zu sehen ist, zusammen mit einer kräftigen Farbe. Damit die Schwerter sichtbar bleiben, hat man hier den Umhang auf der Rückseite weggelassen, was aber nicht schlimm ist. Dieses Konzept, Buchcover und U4 ( = Rückseite) eines Buches auf diese Weise zu verbinden, finde ich sehr gelungen und ich habe noch kein anderes Buch gesehen, bei dem es auf die gleiche Weise umgesetzt wurde.

Für Fans von Throne of Glass sind diese Novellen eine tolle Ergänzung zur ursprünglichen Reihe im bekannten Stil der Autorin und geben uns Lesern einen interessanten Einblick in die Entstehung der Figur Celaena Sarthodien.

Schön zu lesen, spannend und sicherlich nicht das letzte Buch, das ich von Sarah J. Maas lesen werde! (See what I did there? ? )

Veröffentlicht am 24.12.2017

Der Griff ins metaphorische Klo

Zeitkurier
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Ein paar Worte vorweg: Ich habe diese Rezension lange vor mir her geschoben, da mein Frust sich noch nicht wirklich gelegt hatte und ich nicht anfangen wollte, während ich noch sauer war. Ich vermute allerdings ...

Ein paar Worte vorweg: Ich habe diese Rezension lange vor mir her geschoben, da mein Frust sich noch nicht wirklich gelegt hatte und ich nicht anfangen wollte, während ich noch sauer war. Ich vermute allerdings stark, dass während des Schreibens alles wieder zurück kommt, was ich erfolgreich verdrängt hatte … Ihr dürft euch also auf einen Rant einstellen. Aber ich mag die deutsche Version für „Rant“ lieber, daher stellt euch auf eine Tirade ein, und zwar eine LANGE Schimpftirade.
Wer diesen Blog schon eine Weile verfolgt, wird festgestellt haben, dass nur wenige Science Fiction-Werke ihren Weg zu mir finden. Zeitkurier ist eines der Bücher, deren Klappentexte mich neugierig machen und deren Cover mich begeistern konnten, weshalb ich wirklich gespannt war und mich sehr darauf gefreut habe. Leider sind Cover und Klappentext auch schon fast alles, was ich diesem Buch abgewinnen konnte.

Das Konzept der Zeitreisen begegnet uns in der Literatur nicht zum ersten Mal. Tatsächlich finde ich es unglaublich spannend, wie verschieden die Ansätze hierzu sind, wie unterschiedlich die Autoren denken und sich diese Technik vorstellen. Man kann Wesley Chus futuristische Science Fiction zum Beispiel überhaupt nicht mit Diana Gabaldons Outlander-Saga vergleichen. Es liegen Welten dazwischen! (Pun intended.) Deshalb neige ich dazu, bei Zeitreisen zuzuschlagen, wenn sie mir in Büchern begegnen. Einfach, um neue Versionen kennen zu lernen und meinen Horizont zu erweitern. Mir ist nur selten ein und dieselbe Idee bei zwei verschiedenen Autoren begegnet.
Auch der Zeitkurier hat wieder eine (für mich) neue Art des Zeitreisens gefunden. Genau genommen basiert die gesamte Gesellschaft dieser Welt auf dem Zeitreisen, aber nur wenige Privilegierte sind in der Lage dazu. Dieses Konzept ist durchaus interessant, das muss ich Wesley Chu lassen. Der Haken an der Sache ist aber der, dass im Grunde alles, was mit der Zeitreisetechnik – und eigentlich mit JEDER Technik – zu tun hat, extrem verwirrend ist und nie wirklich erklärt wird. Und, dass eben alles auf dieser Technik aufbaut. Was dazu führt, dass die Wissenschaft, die Technik, die Gesellschaft, jede Entscheidung, die von wichtigen Charakteren im Zusammenhang mit den Zeitreisen – die ja im Fokus der Geschichte liegen – getroffen wird und auch jedes größere Problem (wie die Verschmutzung der Ozeane und der Rohstoffmangel) extrem verwirrend ist. Die Zusammenhänge sind oft unklar und wie verschiedene Dinge funktionieren ist ein großes Rätsel – denn der Protagonist weiß es teilweise selbst nicht (und es interessiert ihn auch nicht – aber dazu später mehr) und kann dementsprechend nicht viel erklären. Ich als Leserin möchte aber schon ganz gern wissen, wie Situation A mit Technik B zusammenhängt und warum Person X die Entscheidung Y zum Zeitpunkt Z trifft und nicht zum Zeitpunkt L – oder gar die Entscheidung M. Manche Szenen habe ich mit dem Gedanken „ich muss etwas übersehen haben, dass kann doch so nicht hier stehen“ doppelt und dreifach gelesen – geholfen hat es nicht, denn es wurde schlicht nicht genauer erklärt, was da gerade passierte.

Ich habe mich dann damit abgefunden, vieles nicht zu verstehen. Vielleicht war das ja auch die Absicht des Autors: so viel futuristische Technik einbauen, dass der Leser genau so wenig davon versteht, wie die Menschen im Buch, die sie verwenden. Nach dem Motto „so kann man sich viel besser in die Geschichte hineinversetzen!“ Tja. Das hat mein Leseerlebnis aber auch nicht besser gemacht. Zusätzlich zu all der Verwirrung kommt der schleppende Schreibstil. Hier kann ich allerdings nicht mit hundertprozentiger Sicherheit sagen, dass es am Autor liegt, denn es kann genau so gut eine schlechte Übersetzung sein. Trotzdem war die gesamte Story sehr, sehr, seeeeeeeeehr langatmig. Um es konkret zu sagen: Die gesamte erste Hälfte und noch einige Kapitel darüber hinaus hatte die Geschichte kein klares Ziel. Die Rettung von Elise, der Frau, die im Klappentext erwähnt wird, findet auch erst auf Seite 138 statt! Bis dahin passiert einfach gar nichts, das irgendwie wichtig für die Entwicklungen danach wäre und, wie ich ja schon sagte, die Technik wird vorher auch nicht erklärt. Für mich haben diese ersten knapp 140 Seiten also absolut keinen Sinn. Warum macht man das? Ich war zu dem Zeitpunkt schon so gelangweilt, dass ich mich überwinden musste, das Buch wieder in die Hand zu nehmen. Da habe ich schon seit etwa einem Monat mit dem Zeitkurier gekämpft. Ein Monat für 140 Seiten!

Aber das ist noch nicht alles, was mich störte. Denn auch nach diesem kleinen Wendepunkt, der im Klappentext gespoilert wird (ups, kann ja mal passieren, das fällt den Lesern bestimmt nicht auf), der aber in der Geschichte selbst groß aufgebauscht wird und scheinbar so richtig überraschend kommen sollte, passiert nicht viel. Kurz ist es tatsächlich mal spannend, aber dann folgen wieder kapitelweise Lückenfüller, bis wieder eine kurze spannende Szene kommt, nur um wieder mit zig Seiten voller Nichts fortgesetzt zu werden. Es war echt zum Haare raufen. (Ich hätte nicht gedacht, dass ich diese Redewendung wirklich mal verwenden würde, aber sie passt hier wie nichts anderes. Und ich habe mir teilweise wirklich vor die Stirn geschlagen – das ist doch nah genug an den Haaren dran, oder?)

Was der Zeitkurier neben den ab und an recht spannenden Szenen und dem interessanten Zeitreisekonzept sehr gut hinbekommen hat, ist das dystopische Setting. Die beschriebene Gegenwart ist geprägt von Kolonisation auf anderen Planeten, weil die Erde selbst keinen Lebensraum mehr bietet: Wasser, Luft, Erde – einfach alles ist verschmutzt und von Krankheiten befallen. Es gibt noch Siedlungen, zum Beispiel in Chicago, doch das Leben dort ist alles andere als schön. Grundsätzlich ist alles dreckig grau, braun und irgendwie farblos, die allgegenwärtige Technik funktioniert nur mit bestimmten Rohstoffen – die aber nur in der Vergangenheit produziert werden können, weshalb die Zeitkuriere eine so große Rolle spielen, da sie durch Reisen in die Vergangenheit eben diese Rohstoffe besorgen. Die omnipräsente Stimmung in der Gegenwart ist Hoffnungslosigkeit, und die bringt Wesley Chu sehr gut rüber.
Übrigens, die im Klappentext erwähnten Antworten, die die Zeitkuriere in der Vergangenheit suchen, kommen in der Geschichte nicht wirklich vor. Stattdessen sind die Zeitkuriere so etwas wie Grabräuber: Mal von der staatlichen Zeitreisefirma (deren Namen ich direkt wieder vergessen habe), mal von privaten Firmen (die die Zeireisefirma gut im Griff haben) finanziert werden sie in die Vergangenheit geschickt, um bestimmte Rohstoffe, Maschinen und andere Dinge zu holen. Zum Beispiel auch das Bernsteinzimmer (das war eins der Kapitel, die mir gefielen – es erklärt das Verschwinden dieses Kunstwerks auf eine ganz neue Weise).

Kommen wir zu den Charakteren. Hier zeigt sich ein Schema, das mir leider viel zu oft begegnet: Die Protagonisten finde ich ganz furchtbar, während relativ unwichtige Nebenfiguren wesentlich sympathischer sind und einfach mehr Sinn ergeben, sodass ich mich ärgere, dass diese so wenig „Screentime“ bekommen. Da gibt es einmal Smitt. Er organisiert die Zeitreisen des Protagonisten James und ist durch eine Art Intercom seine Verbindung zur Gegenwart. Er ist extrem wichtig für das Gelingen eines Zeitsprungs, da er das Timing etc. kontrolliert. Smitt ist schlagfertig, meistens gut drauf und steht seinem Kumpel James immer zur Seite. Auf seine Auftritte habe ich mich immer gefreut. Grace ist mir auch positiv in Erinnerung geblieben. Sie hat in der Vergangenheit die Regeln der Zeitsprünge aufgezeichnet und ist dadurch in die Geschichte eingegangen. Sie ist extrem intelligent, lässt das aber auch ständig heraushängen und hält sich für etwas besseres als alle anderen (zugegeben, das ist sie auch) und macht sich dadurch nicht unbedingt beliebt. Trotzdem mag ich sie noch mehr als die beiden Protagonisten. Denn Elise ist zwar sehr sympathisch mit ihrem Vorhaben, die Welt doch noch zu retten, obwohl ihr Versuch in der Vergangenheit gescheitert ist und es für sie allein eigentlich unmöglich ist, die über das Wasser der gesamten Erde verbreitete Seuche zu heilen, und der Tatsache, dass sie James eins auf den Deckel gibt, wenn er sich unmöglich verhält – aber davon abgesehen hat sie keinerlei Ecken und Kanten. Sie ist ohne ihre Vergangenheit als Wissenschaftlerin eine vollkommen farblose Figur. Keine Macken, keine komischen Angewohnheiten, keine großen Probleme, sich der vollkommen neuen Welt, in die sie plötzlich katapultiert wurde, anzupassen.
Und James ist eine Kategorie für sich. So ein merkwürdiger Protagonist ist mir lange nicht mehr untergekommen. Er geht mir total auf den Geist. Sein Charakter ist irgendwie unfertig, er strebt höhere Ziele an, ist gleichzeitig aber nur am Herumnölen und hängt durch, er zweifelt an der Chefetage, folgt aber bereitwillig (und ohne Hintergedanken) den Aufträgen der Zeitreisefirma, er ist extrem selbstsüchtig und egoistisch, mag seine Mitmenschen aber doch auch irgendwie, er ist herrisch und gleichzeitig auch irgendwie weich, besonders im Umgang mit Elise. Mir scheint, als ob Wesley Chu den Charakter nie fertig entworfen hat und jede Szene so schrieb, wie es gerade in den Plan passte (der mir auch nachträglich noch nicht wirklich klar ist). James Äußeres wird blass und unscheinbar, schon fast unansehnlich beschrieben – er hat eben selten die Sonne gesehen (nur auf der Erde, und die ist ja vollkommen vom Smog bedeckt, also kommt nicht viel Licht dort an) und hielt sich mehr in Raumschiffen als irgendwo sonst auf. Ich finde, sein Äußeres passt sehr gut zu seinem Charakter: farblos, ohne besondere Merkmale und sehr komisch anzusehen, wenn man normale Menschen gewohnt ist.

Ihr merkt schon, begeistert hat mich der Zeitkurier nicht. All diese Dinge sind aber noch halbwegs erträglich. (Nein, eigentlich nicht. Ich würde dem Buch aber wegen der paar guten Szenen, der grundsätzlich interessanten Idee und dem wirklich hübschen Cover noch einen Stern geben.) Was das Fass zum Überlaufen bringt, ist das Ende.
In diesem Buch gibt es nicht nur verschiedene Erzählperspektiven (deren Zweck ich auch jetzt noch nicht begreife – denn eine Perspektive ist nicht von Elise, sondern des Chefs der Zeitreisefirma – what?!), sondern auch viele lose Fäden der Handlung. An den unterschiedlichsten Stellen werden neue Gedankengänge begonnen, die nie beendet werden; Handlungsstränge, die irgendwo beginnen, aber nie zu irgendeinem Ziel führen. Ich würde es gern konkreter sagen, aber das wäre ein extremer Spoiler. Und obwohl ich wirklich niemandem empfehlen möchte, dieses Buch zu lesen, mag ich euch den Frust am Ende dann doch nicht vorwegnehmen. Die Geschichte wird scheinbar als Trilogie fortgesetzt (was ich beim Lesen nicht wusste, da das auf der Verlagshomepage nirgendwo steht und auch im Buch nicht deutlich wird, weshalb ich noch mal extra frustriert war), ich kann also schon irgendwie verstehen, dass nicht alle Fragen beantwortet werden und kaum ein Handlungsstrang seinen Endpunkt findet. Aber trotzdem stellt mich das Ende nicht zufrieden, denn auch einen richtigen Cliffhanger oder ein offenes Ende gibt es nicht. Stattdessen ist das Ende genauso unfertig wie James Charakter und die gesamte Geschichte. Unfertig und nicht zufriedenstellend.

So ein schlechtes Buch wie den Zeitkurier habe ich seit Ewigkeiten nicht gelesen – ehrlich gesagt kann ich mich an kein einziges Buch erinnern, das mir so sehr NICHT gefallen hat.

Fazit
Es kann natürlich sein, dass ich schlicht zu doof für dieses Buch und seine möglicherweise hochtrabenden Ziele und philosophischen Ansichten über eine mögliche dystopische Zukunft bin. Für wahrscheinlicher halte ich es allerdings, dass Zeitkurier einfach nicht besonders gut geschrieben und die Idee dahinter auch nicht wirklich ausgegoren ist. Aus meiner Perspektive ist dieses Buch auf jeden Fall ein Griff ins metaphorische Klo.