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Veröffentlicht am 20.03.2026

Sommer. Erste Liebe. Katastrophe.

Schwarzer September
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Sommer 1972 – da werden eigene Erinnerungen wach, die sich gar nicht so sehr von denjenigen des zwölfjährigen Gigio unterscheiden. Ein warmer Sommer, Ferien, Unbeschwertheit, die erste Liebe, Chaos im ...


Sommer 1972 – da werden eigene Erinnerungen wach, die sich gar nicht so sehr von denjenigen des zwölfjährigen Gigio unterscheiden. Ein warmer Sommer, Ferien, Unbeschwertheit, die erste Liebe, Chaos im Kopf und in der Seele. Das Erwachsenwerden ist halt universell und lässt den jungen Italiener ebenso wie unsereinen in die Pubertät purzeln. Da gilt es nicht nur das plötzlich außer Kontrolle geratene Haar zu zähmen und dem Friseur ein Schnippchen zu schlagen, um an die anstößigen Hefte unter der Theke zu gelangen. Da erwachen Gefühle, unbekannte, wunderschöne, schmerzliche, begleitet von der Musik von David Bowie und Cat Stevens. Herrlich, wie Sandro Veronesi die Stimmung des Sommers und die Gefühlslage des in die ein Jahr ältere Astel verliebten Jungen einfängt, auch wenn er dabei gelegentlich Längen in Kauf nimmt und sich im Erzählen zu verlieren scheint. Eine gewisse Spannung auf das Kommende bleibt, denn der Protagonist macht schon frühzeitig klar, dass er davon erzählen will, was ihm „so früh, so unerwartet, so überstürzt, so brutal und so unwiderruflich geschah“. Den älteren Leser:innen ist vielleicht die Schach-Weltmeisterschaft mit legendärer Partie nicht mehr präsent, dafür aber umso mehr das entsetzliche Olympia-Attentat der Terrorgruppe „Schwarzer September“. Auch in Gigios Leben bricht eine brutale Tat ein, dieser Sommer verändert sein Leben in jeder Hinsicht. Das Cover wirkt nur auf den ersten Blick idyllisch und unbeschwert. Doch die Idylle und Gigios kindliche Unbeschwertheit weichen einem harten Erwachen. Sandro Veronesi versteht sie, die Kunst des Erzählens, und dabei „hört“ man ihm gerne zu.

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Veröffentlicht am 17.11.2025

Wenn aus Notgemeinschaft Liebe wird

In den Scherben das Licht
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1946. Hamburg-Eimsbüttel. Trümmer, Not, Kälte, Entbehrungen allüberall.
Gert Endes, 16, von der Schulbank weggerissen, um als Hitlers letzte Blutreserve zu dienen. Er ist dem Inferno entkommen und haust ...

1946. Hamburg-Eimsbüttel. Trümmer, Not, Kälte, Entbehrungen allüberall.
Gert Endes, 16, von der Schulbank weggerissen, um als Hitlers letzte Blutreserve zu dienen. Er ist dem Inferno entkommen und haust im Keller der ehemaligen Theaterschauspielerin Friede Wahrlich. Durch ein kaputtes Kellerfenster fällt ihm buchstäblich Gisela Ladelund,14, vor die Füße. Beide Jugendlichen sind völlig entwurzelt, ohne jegliche familiäre Bande. Für sie geht es ums Überleben, das einzige Ziel ihrer Zweckgemeinschaft. Aber beide spüren mehr und mehr, dass der andere ihm guttut. Aus der Notgemeinschaft wird Freundschaft, aus Freundschaft Liebe. Ihre Traumata verbinden und schweißen sie zusammen.
Vor der historischen Kulisse des zerstörten Hamburgs erzählt Carmen Korn in ihrem neuen Roman das Leben zahlreicher Personen vom Herbst 1946 bis zum Winter 1955, fügt mosaikartig ihre Schicksale Stück für Stück zusammen zu einem stimmigen Ganzen. Wir begegnen fiktiven Personen, denen aus unterschiedlichen Gründen das Leid des schwärzesten Kapitels deutscher Geschichte auf den Schultern lastet. Die grausame Realität und die hässliche Fratze des Nazi-Regimes bleiben dabei stets präsent. So werden die fiktiven Protagonisten mit historischen Ereignissen und prominenten Personen kombiniert. Da treffen die Verfolgten und Leidtragenden auf die Ewiggestrigen, die etwa Veit Harlan, den Regisseur des unsäglichen filmischen Machwerks „Jud Süß“ nach dessen richterlicher „Entnazifizierung“ auf ihren Schultern jubelnd aus dem Gerichtssaal tragen. Wie bemerkt Gert so treffend: Kaum Täter im Land.
Man spürt beim Lesen deutlich die Faszination der Autorin, über die Nachkriegsgeschichte zu erzählen, spürt ihre Empathie für die von ihr erschaffenen Personen. Zwischen den Zeilen blitzt bei aller Tragik immer auch feiner Humor auf, der angesichts des Elends und der persönlichen Katastrophen sarkastisch wirkt, aber auch der Hoffnung auf eine lebenswerte Zukunft Platz einräumt.
Wer Carmen Korns bisherige Romane gerne gelesen hat, wird auch von „In den Scherben das Licht“ nicht enttäuscht sein.

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Veröffentlicht am 02.11.2025

Eine verkorkste Familie

Wenn die Sonne untergeht
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So bezeichnet Autor Florian Illies die Manns an einer Stelle seines neuen Buches „Wenn die Sonne untergeht“. Als da wären die Eltern Katia und Thomas Mann, letzterer seines Zeichens Rituale liebender Literaturnobelpreisträger, ...

So bezeichnet Autor Florian Illies die Manns an einer Stelle seines neuen Buches „Wenn die Sonne untergeht“. Als da wären die Eltern Katia und Thomas Mann, letzterer seines Zeichens Rituale liebender Literaturnobelpreisträger, der sich gegen seine Neigung zu jungen Männern früh eine „Verfassung“ gegeben hat, mit der erstere sich arrangiert, um den Schein zu wahren. Die Kinder: Erika und Klaus, die ältesten, die wie Kletten aneinanderhängen und ihre homoerotischen Neigungen ausleben. Beide drogenabhängig, Klaus fühlt sich vom Vater verraten und wird später den Freitod wählen. Für Golo wird der Tod des übermächtigen Vaters zur Befreiung werden. Monika, die nach traumatischem Schicksal ihren Eltern noch gehörig auf die Nerven gehen wird. Elisabeth, Lieblingskind, das einzige der Kinder, das Urvertrauen geschenkt bekommt und ihre gesamte Familie überleben wird. Michael, der Jüngste, erfährt später durch die Tagebücher des Vaters, dass die Eltern ihn am liebsten abgetrieben hätten, ihn nie geliebt haben. Tod durch Suizid.
Eine verkorkste Familie!? Und wir, die Leserinnen und Leser? Wir sind Beobachter der Manns und ihres illustren Bekanntenkreises der Zweigs und Feuchtwangers nach der „Vertreibung ins Paradies“ Sanary-sur-Mer, dem französischen Exil. Nach einer Vortragsreise kehren die Manns nicht nach München zurück, ihnen droht von den neuen braunen Machthabern Gefahr für Leib und Leben. Deutschland schlittert in die Katastrophe, während für Thomas Mann die Bahnfahrt ins französische Exil mit einer herben Enttäuschung beginnt: Es gibt kein Waggon-Restaurant und somit kein warmes Getränk für „cher mâitre“. Ärgerlich? Misslich? Nein, für ihn ist es „eine schlimme Behagensminderung“. So werden wir auf unterhaltsame, anekdotenreiche und detailfreudige Art zu Zeugen der Ereignisse im Sommer 1933. Wie Florian Illies uns an die Hand nimmt, reich an sprachlichen Bildern und wortgewandt durch die Höhen und Tiefen, Sorgen und Absurditäten des Mann’schen Kosmos‘ führt, faktenreich und mit fiktiven Ausschmückungen, wird zum absoluten Lesegenuss. Die Monatskapitel von Februar bis September, unterteilt in kurzweilige Abschnitte mit anekdotischen Einsprengseln sind eine hervorragend gelungene Behagenssteigerung. Der Anhang „Danach“ wirft einen unschätzbar informativen Blick auf alle beteiligten Personen und ihre Schicksale. Im höchsten Maße lesenswert!

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Veröffentlicht am 05.09.2025

Ein grandioses Stück Literatur

Lázár
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Das Feuilleton feiert ihn schon als neuen Thomas Mann. Zuviel der Vorschusslorbeeren? Keineswegs. Nelio Biedermann ist auch für mich ein Ausnahmetalent. Mit gerade einmal zweiundzwanzig Jahren einen Roman ...


Das Feuilleton feiert ihn schon als neuen Thomas Mann. Zuviel der Vorschusslorbeeren? Keineswegs. Nelio Biedermann ist auch für mich ein Ausnahmetalent. Mit gerade einmal zweiundzwanzig Jahren einen Roman vorzulegen, der sprachlich scheinbar so leichtfüßig und dennoch mit unglaublicher Wucht daherkommt – alle Achtung! Mit „Lázár“ ist ihm ein grandioses Stück Literatur gelungen, dessen Veröffentlichung in mehr als zwanzig Ländern absolut verständlich ist. Aber nicht nur sprachlich ist sein Werk ein Vergnügen, auch inhaltlich hat er spannenden Lesestoff zu bieten. Im Mittelpunkt: das Schicksal von Nelio Biedermanns ungarischer Adelsfamilie über drei Generationen hinweg. Mit der Geburt Lajos von Lázárs, dem Kind mit der durchsichtigen Haut, beginnt eine Familiengeschichte, die von Anfang an zu fesseln vermag. Die Personen, ihre Charaktere, die Ereignisse, Traumata, Glück und Katastrophen werden so präzise, radikal und empathisch geschildert, dass man das Gefühl hat, mittendrin dabei zu sein. Da stimmt jedes Wort, da ist nichts Überflüssiges, unnötig Ausschmückendes zu beobachten. Man freut sich beim Lesen mit, man leidet mit, nie ist man nur stiller Beobachter der Szenerie. Ich werde das Gefühl nicht los, dass es einer der kraftvollsten Romane des Jahres sein könnte!

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Veröffentlicht am 28.08.2025

Auserzählt

Mit kalter Hand
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Michael Tsokos legt mit „Mit kalter Hand“ seinen dritten Band der Reihe um die Rechtsmedizinerin Sabine Yao von der Spezialeinheit „Extremdelikte“ des BKA vor. Im Mittelpunkt diesmal: der „Pferderipper ...


Michael Tsokos legt mit „Mit kalter Hand“ seinen dritten Band der Reihe um die Rechtsmedizinerin Sabine Yao von der Spezialeinheit „Extremdelikte“ des BKA vor. Im Mittelpunkt diesmal: der „Pferderipper von Lübars“. Ihn gilt es möglichst schnell zu stellen, hegt man doch die Befürchtung, erst töte er Tiere, später Menschen.
Auch dieser Band folgt dem (bewährten) dramaturgischen Muster seiner beiden Vorgänger: überwiegend kurze Kapitel, schneller Wechsel von Schauplatz und Handlung, Cliffhanger, Mischung aus Realität und Fiktion sowie teils drastischen Schilderungen rund um die Pathologie, einschließlich des entbehrlichen Fotos auf der Innenseite des vorderen Covers. Was hier als weiterer Rechtsmedizin-Thriller klassifiziert wird, lässt beim Lesen nicht wirklich Spannung aufkommen. Der Pferderipper nimmt einen breiten, oft weitschweifigen Raum ein und endet in einer eher banalen Auflösung. Die psychologische Begründung für die Motivation des Täters kann mich nicht überzeugen. Sehr sporadisch erscheint dazwischen ein onlinesüchtiger Mann aus Pankow, der seine perversen Fantasien in die Tat umsetzen will und sich einer Erotikplattform bedient, um Kontakt zu seinen künftigen Opfern aufzunehmen. Funde von Leichenteilen im Spandauer Forst bereiten diesen Handlungsstrang vor, der aber erst zum Ende hin aufdreht, getreu dem Motto: Da war doch noch was?!
Ich weiß nicht, ob die Reihe um Sabine Yao als Trilogie angelegt ist. Es wäre ihr zu wünschen, hier dominiert Masse statt Klasse, reine Konfektionsware. Ich werde das Gefühl nicht los: Ihr geht die Luft aus!

Auserzählt
Michael Tsokos legt mit „Mit kalter Hand“ seinen dritten Band der Reihe um die Rechtsmedizinerin Sabine Yao von der Spezialeinheit „Extremdelikte“ des BKA vor. Im Mittelpunkt diesmal: der „Pferderipper von Lübars“. Ihn gilt es möglichst schnell zu stellen, hegt man doch die Befürchtung, erst töte er Tiere, später Menschen.
Auch dieser Band folgt dem (bewährten) dramaturgischen Muster seiner beiden Vorgänger: überwiegend kurze Kapitel, schneller Wechsel von Schauplatz und Handlung, Cliffhanger, Mischung aus Realität und Fiktion sowie teils drastischen Schilderungen rund um die Pathologie, einschließlich des entbehrlichen Fotos auf der Innenseite des vorderen Covers. Was hier als weiterer Rechtsmedizin-Thriller klassifiziert wird, lässt beim Lesen nicht wirklich Spannung aufkommen. Der Pferderipper nimmt einen breiten, oft weitschweifigen Raum ein und endet in einer eher banalen Auflösung. Die psychologische Begründung für die Motivation des Täters kann mich nicht überzeugen. Sehr sporadisch erscheint dazwischen ein onlinesüchtiger Mann aus Pankow, der seine perversen Fantasien in die Tat umsetzen will und sich einer Erotikplattform bedient, um Kontakt zu seinen künftigen Opfern aufzunehmen. Funde von Leichenteilen im Spandauer Forst bereiten diesen Handlungsstrang vor, der aber erst zum Ende hin aufdreht, getreu dem Motto: Da war doch noch was?!
Ich weiß nicht, ob die Reihe um Sabine Yao als Trilogie angelegt ist. Es wäre ihr zu wünschen, hier dominiert Masse statt Klasse, reine Konfektionsware. Ich werde das Gefühl nicht los: Ihr geht die Luft aus!

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