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Veröffentlicht am 13.04.2026

Was heißt schon normal?

Pina fällt aus
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Pina Luxen, Mitte 40, versorgt ihren 20jährigen Sohn Leo allein. Leo hat eine Entwicklungsstörung im Autismus-Spektrum und sein Leben ist bestimmt von Routinen und festen Ritualen. Von Beginn an tauche ...

Pina Luxen, Mitte 40, versorgt ihren 20jährigen Sohn Leo allein. Leo hat eine Entwicklungsstörung im Autismus-Spektrum und sein Leben ist bestimmt von Routinen und festen Ritualen. Von Beginn an tauche ich in Pinas und Leos Alltag ein und verstehe schnell Pinas ständigen Stress, ihre Angst vor Unvorhergesehenem, das Chaos in Leos Kopf verursacht, die Magenschmerzen, die ihr schon länger zusetzen. Einen Nachmittag pro Woche bleibt Leo für anderthalb Stunden bei Inge, einer älteren Nachbarin im Mietshaus, während Pina für Inge mit einkauft. Doch diesmal kommt Pina nicht zurück, sie ist auf der Straße zusammengebrochen und landet im Krankenhaus, sie fällt aus.

Inge und die anderen Nachbarn in der Hansastraße haben ihre eigenen Probleme und fühlen sich nicht zuständig, sie kennen Leos Schwierigkeiten mit der Welt nicht und sind anfangs völlig überfordert. Die 86jährige Inge verlässt ihre Wohnung nicht mehr und hat eigentlich mit ihrem Leben abgeschlossen, der einsame Wojtek hat keine sozialen Kontakte und arbeitet im Homeoffice und die 16jährige Zola ist voller Wut, hat Schule und auch Ausbildung abgebrochen, zockt nachts an der Spielekonsole und verschläft den Tag und wurde von ihrem Vater, dem Hausbesitzer, praktisch hierher abgeschoben.
Während Pina auf der Intensivstation lange im Koma liegt und selbst ihre Träume sich um Leo drehen, versuchen die Nachbarn, Leo zu verstehen und seinen Alltag aufrecht zu erhalten und sie verändern sich dabei, entwickeln sich, verstehen und unterstützen einander und werden zu einer Gemeinschaft, der auch Leo etwas geben kann. Ich komme den drei Charakteren immer näher, habe Verständnis für ihre jeweilige Situation und freue mich über ihre Entwicklung, ihr neues Miteinander und ihren Zusammenhalt.
Alle Protagonisten sind realistisch dargestellt, sie sind vielschichtige glaubhafte Charaktere, deren Figurenzeichnung auch durch wechselnde Perspektiven ein rundes Bild ergibt.

Vera Zischke schreibt einfühlsam, eindringlich und emotional, trotz der Schwere des Themas ist ihr Stil unterhaltsam und humorvoll, es gibt situationskomische Szenen, die mich zum Schmunzeln und Lachen gebracht haben. Die Autorin erzählt glaubhaft und authentisch, sie hat offensichtlich Erfahrung mit Autismus-Spektrum-Störungen und macht die Belastung pflegender Eltern sehr deutlich und auch die Berührungsängste mit Menschen, die 'anders' sind und 'trotzdem' Platz in unserer Gesellschaft haben müssen, denn sie sind eine Bereicherung.

Der direkte Blick der Frau auf dem Cover des Buches, intensiv, hilfesuchend, passt zu Titel und Geschichte. 'Pina fällt aus' hat mir rundum sehr gut gefallen und ich kann das Buch jedem Menschen uneingeschränkt empfehlen.

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  • Cover
  • Erzählstil
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  • Charaktere
Veröffentlicht am 06.04.2026

Rasant, spannend, mit ungewöhnlichem Protagonisten

The Mailman
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Mercury Carter ist selbstständiger Kurier, er ist der Mailman. Er stellt Lieferungen grundsätzlich nur dem Empfänger persönlich zu und lässt sich davon durch nichts abhalten. Selbst wenn ihm Gangster im ...

Mercury Carter ist selbstständiger Kurier, er ist der Mailman. Er stellt Lieferungen grundsätzlich nur dem Empfänger persönlich zu und lässt sich davon durch nichts abhalten. Selbst wenn ihm Gangster im Wege stehen, die Rachel, die Adressatin seiner aktuellen Lieferung, als Geisel nehmen und entführen.

Carter erweist sich beim Kampf mit den Geiselnehmern als einfallsreich und unerschütterlich, er handelt überlegt und gewieft und scheint auf alles vorbereitet. Zusammen mit Rachels Ehemann macht er sich an die Verfolgung der Entführten und gerät in eine gefährliche Situation nach der anderen.

Die multiperspektivisch erzählte Geschichte enthält auch Rückblenden zu Carters Leben, seine Fähigkeiten verdankt er der Ausbildung bei der polizeiähnlichen Behörde US Postal Inspection Service und er zeigt seit einer schweren Kopfverletzung autistisch anmutende Verhaltensänderungen.

Der US-amerikanische Journalist und Autor Andrew Welsh-Huggins schreibt klar und lakonisch, dabei humorvoll, auch ironisch, schafft schräge Situationen und witzige Dialoge, und er schont weder seinen Protagonisten noch den Leser. Der Hintergrund der Krimihandlung ist komplex, es gibt viele Beteiligte und es erfordert Konzentration, um den Überblick zu behalten.
Die Geschichte ist voller Überraschungen und Wendungen, legt ein hohes Tempo vor und ist spannend. Bildhaft, wie ein Actionfilm, macht 'The Mailman' viel Spaß, ist zwar unrealistisch, aber sehr kurzweilig und äußerst unterhaltsam.

Mercury Carter ist schon in Kurzgeschichten aufgetaucht und beeindruckt im vorliegenden Auftaktband einer Reihe als außergewöhnlicher, sympathischer, recht spezieller Antiheld, von dem ich gern mehr lesen würde.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
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  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 29.03.2026

Eine junge Frau sucht ihren Weg

Statt aus dem Fenster zu schauen
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Die 25jährige Sophie steigt aus dem Hamsterrad aus. Lässt Studium, Leistungsdruck und langweiliges Praktikum hinter sich und kauft kurzentschlossen im Internet ein baufälliges Haus in der ostdeutschen ...

Die 25jährige Sophie steigt aus dem Hamsterrad aus. Lässt Studium, Leistungsdruck und langweiliges Praktikum hinter sich und kauft kurzentschlossen im Internet ein baufälliges Haus in der ostdeutschen Provinz. Sophie investiert ihre gesamten Ersparnisse von 3000 Euro und macht sich noch am selben Tag mit Rad und Bahn auf den Weg von München nach Mecklenburg-Vorpommern, Schlüsselübergabe ist schon am nächsten Nachmittag.

Von Anfang an ist Sophie hin- und hergerissen, ist das Haus eine gute Idee oder eine idiotische? Erzählt wird aus Sophies Ich-Perspektive, so dass ich ihre Überlegungen und Gefühle teile und oft schmunzeln muss über ihre Selbstironie.
Anna Katharina Scheidemantel schreibt einfühlsam und humorvoll, berührend tiefgründig und dennoch mit einer herzerfrischenden Leichtigkeit, und ich kann Sophies Zweifel am Haus-Projekt und an dem, was sie eigentlich will, sehr gut nachvollziehen. Die Figurenzeichnung ist gelungen, Sophie und auch Nebencharaktere erscheinen authentisch und lebensnah. Die bildhafte, atmosphärische Beschreibung von Sophies neuem Alltag hat mich teilhaben lassen und ich habe mich mit der jungen Frau an ihren ersten Renovierungserfolgen und beglückenden Momenten in Haus und Garten gefreut, mit ihr gemerkt, wie sie sich im Lauf der arbeitsreichen und einsamen Monate verändert, lernt, sich frei zu machen von den Erwartungen anderer und ich war gespannt, ob sie heraus finden kann, wie ihr Leben weitergehen soll. Sophies Erkenntnisse, was Abhängigkeiten, Verpflichtungen und Erwartungen angehen, haben mich nachdenklich gemacht.

Mir hat Scheidemantels Roman mit dem schönen Bild von Sophies Garten als Cover sehr gut gefallen und ich würde mich freuen, mehr von ihr zu lesen.

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Veröffentlicht am 26.03.2026

Eine ungewöhnliche Liebesgeschichte

Solange ein Streichholz brennt
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Bohm lebt seit fünf Jahren auf der Straße und wird von der Journalistin Alina Alev angesprochen, die eine Dokumentation über Obdachlosigkeit drehen will. Über Bohms Hintergrund erfährt man zunächst nur, ...

Bohm lebt seit fünf Jahren auf der Straße und wird von der Journalistin Alina Alev angesprochen, die eine Dokumentation über Obdachlosigkeit drehen will. Über Bohms Hintergrund erfährt man zunächst nur, dass er trinkt, um abends einschlafen zu können und oft Albträume hat. Alinas anfangs vielversprechende Karriere ist ins Stocken geraten und ihre Mitarbeit an einem neuen Format ihres Fernsehsenders ihre wahrscheinlich letzte Chance, im Rahmen von Sparmaßnahmen nicht entlassen zu werden.
Bohm wird sich eine Woche lang tagsüber von Alina begleiten lassen, er braucht die angebotenen 1000 Euro.

Christian Huber schreibt bildhaft und atmosphärisch, er wertet nicht, beobachtet genau und lässt an Alinas beruflichen Sorgen, die sie nicht mehr schlafen lassen, genau so teilhaben wie an Bohms Leben auf der Straße mit Kälte, der täglichen Suche nach einem sicheren Schlafplatz, der Ablehnung durch andere Menschen, die der Alkohol abmindert, wie er auch beim Einschlafen hilft.
Alina verändert Bohms einsame Welt, es gibt beglückende Momente, Empfindungen, die er sich sofort verbietet, und auch bei Alina entwickeln sich unerwartete Gefühle.
Der Beschreibung dieser sehr menschlichen Beziehung stehen die ebenso glaubhaften wie erschreckenden Einblicke in die Ziele und das skrupellose Vorgehen des kommerziellen Fernsehsenders gegenüber, die der Autor vermittelt.

Alle Charaktere erscheinen authentisch, die Figurenzeichnung ist durchweg gelungen. Erzählt wird abwechselnd aus Bohms und Alinas Perspektive, beide Protagonisten sind nahbar und ich erlebe Bohm als fürsorglichen Menschen mit Zweifeln, die niemandem fremd sind. Die zarte Liebesgeschichte entwickelt sich glaubhaft und kommt ohne Kitsch aus.

Christian Hubers neuer Roman hat mir sehr gut gefallen und mich bei allem Lesevergnügen auch nachdenklich gemacht.
Das Cover gefällt mir von den Farben her, die parallel angeordneten Linien könnten Streichhölzer sein, genau so gut auch Gitterstäbe... die Bedeutung des brennenden Streichholzes wird im Lauf der Geschichte klar.

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Veröffentlicht am 17.03.2026

Packend und spannend

Das Muster des Todes
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Der obdachlose Bobby nimmt seinen ganzen Mut zusammen und wendet sich an die Liverpooler Polizei. Er erklärt DI Sheridan Holler, dass sein Freund Kenny, der ebenfalls auf der Straße gelebt hatte, nicht ...

Der obdachlose Bobby nimmt seinen ganzen Mut zusammen und wendet sich an die Liverpooler Polizei. Er erklärt DI Sheridan Holler, dass sein Freund Kenny, der ebenfalls auf der Straße gelebt hatte, nicht Selbstmord begangen haben kann, da er körperlich eingeschränkt war. Sheridan überwindet ihre Skepsis und sieht sich noch einmal Todesfälle an, vorgebliche Selbstmorde am gleichen Tag, dem 22. Juli.

Sheridan ist sehr aufmerksam und schaut genau hin, sieht Kleinigkeiten, die andere übersehen. Menschen gegenüber ist sie sowohl beruflich als auch im Privatleben freundlich und mitfühlend. Sie stößt an einem Fundort auf ein merkwürdiges Detail, aber es gibt keine weiteren Spuren, die Ermittlungen sind umfangreich und mühsam, es scheint kein Motiv und keine Verbindungen zwischen den eventuellen Opfern zu geben. Das Team steht unter Zeitdruck, denn bald ist wieder der 22. Juli.

Die Ermittlungsarbeit wird glaubhaft beschrieben, hier profitiert die realistische Darstellung von der langjährigen Erfahrung der Autorin in der britischen Strafjustiz. Der Zusammenhalt in Sheridans Team ist groß, manche der Kollegen sind auch Freunde und jeder kann sich auf den anderen verlassen. Kraft schöpft DI Holler auch aus ihrer Partnerschaft mit der immer verständnisvollen Sam, zur Familie gehört ebenfalls Maud, die Katze.

Neben dem komplexen Fall beschäftigt Sheridan auch der selbst nach über 30 Jahren nicht aufgeklärte Tod ihres Bruders, bei dem sich neue Zeugenaussagen ergeben. Gibt es endlich Gewissheit für Sheridan und ihre Eltern?

Erzählt wird überwiegend aus Sheridans Perspektive, T. M. Paynes Schreibstil ist klar, angenehm zu lesen und auch humorvoll, vor allem in Sheridans Umgang mit ihren Kollegen, ihrer Chefin und ihrer Frau. Die Figurenzeichnung ist gelungen, die Charaktere sind glaubwürdig und haben durch ihre Hintergrundgeschichte Tiefe.
Der vierte Band um DI Sheridan Holler ist ein durchgehend spannender, clever aufgebauter Thriller mit unerwarteten Wendungen bis zum Schluss und hat mir sehr gut gefallen. Ich kann die ganze Reihe unbedingt empfehlen.

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