Was heißt schon normal?
Pina fällt ausPina Luxen, Mitte 40, versorgt ihren 20jährigen Sohn Leo allein. Leo hat eine Entwicklungsstörung im Autismus-Spektrum und sein Leben ist bestimmt von Routinen und festen Ritualen. Von Beginn an tauche ...
Pina Luxen, Mitte 40, versorgt ihren 20jährigen Sohn Leo allein. Leo hat eine Entwicklungsstörung im Autismus-Spektrum und sein Leben ist bestimmt von Routinen und festen Ritualen. Von Beginn an tauche ich in Pinas und Leos Alltag ein und verstehe schnell Pinas ständigen Stress, ihre Angst vor Unvorhergesehenem, das Chaos in Leos Kopf verursacht, die Magenschmerzen, die ihr schon länger zusetzen. Einen Nachmittag pro Woche bleibt Leo für anderthalb Stunden bei Inge, einer älteren Nachbarin im Mietshaus, während Pina für Inge mit einkauft. Doch diesmal kommt Pina nicht zurück, sie ist auf der Straße zusammengebrochen und landet im Krankenhaus, sie fällt aus.
Inge und die anderen Nachbarn in der Hansastraße haben ihre eigenen Probleme und fühlen sich nicht zuständig, sie kennen Leos Schwierigkeiten mit der Welt nicht und sind anfangs völlig überfordert. Die 86jährige Inge verlässt ihre Wohnung nicht mehr und hat eigentlich mit ihrem Leben abgeschlossen, der einsame Wojtek hat keine sozialen Kontakte und arbeitet im Homeoffice und die 16jährige Zola ist voller Wut, hat Schule und auch Ausbildung abgebrochen, zockt nachts an der Spielekonsole und verschläft den Tag und wurde von ihrem Vater, dem Hausbesitzer, praktisch hierher abgeschoben.
Während Pina auf der Intensivstation lange im Koma liegt und selbst ihre Träume sich um Leo drehen, versuchen die Nachbarn, Leo zu verstehen und seinen Alltag aufrecht zu erhalten und sie verändern sich dabei, entwickeln sich, verstehen und unterstützen einander und werden zu einer Gemeinschaft, der auch Leo etwas geben kann. Ich komme den drei Charakteren immer näher, habe Verständnis für ihre jeweilige Situation und freue mich über ihre Entwicklung, ihr neues Miteinander und ihren Zusammenhalt.
Alle Protagonisten sind realistisch dargestellt, sie sind vielschichtige glaubhafte Charaktere, deren Figurenzeichnung auch durch wechselnde Perspektiven ein rundes Bild ergibt.
Vera Zischke schreibt einfühlsam, eindringlich und emotional, trotz der Schwere des Themas ist ihr Stil unterhaltsam und humorvoll, es gibt situationskomische Szenen, die mich zum Schmunzeln und Lachen gebracht haben. Die Autorin erzählt glaubhaft und authentisch, sie hat offensichtlich Erfahrung mit Autismus-Spektrum-Störungen und macht die Belastung pflegender Eltern sehr deutlich und auch die Berührungsängste mit Menschen, die 'anders' sind und 'trotzdem' Platz in unserer Gesellschaft haben müssen, denn sie sind eine Bereicherung.
Der direkte Blick der Frau auf dem Cover des Buches, intensiv, hilfesuchend, passt zu Titel und Geschichte. 'Pina fällt aus' hat mir rundum sehr gut gefallen und ich kann das Buch jedem Menschen uneingeschränkt empfehlen.