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Veröffentlicht am 06.07.2025

Rhabarberkuchen und Mord - Regionalkrimi am Jadebusen, sprachlich eher schwach und nicht immer logisch

Mord im Wattenmeer
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Femke ist eher widerwillige Pädagogikstudentin und dafür umso passioniertere Hobbyermittlerin mit dem Traum einer eigenen Detektei. Als sie in ihrem Nebenjob als Reinigungskraft von Ferienhäusern in Dangast ...

Femke ist eher widerwillige Pädagogikstudentin und dafür umso passioniertere Hobbyermittlerin mit dem Traum einer eigenen Detektei. Als sie in ihrem Nebenjob als Reinigungskraft von Ferienhäusern in Dangast am Jadebusen auf eine Leiche stößt, ist der Schock groß und gleichzeitig ihre Spürnase für Kriminalfälle geschärft. Mit Unterstützung von Freunden und Bekannten und nicht immer zum Wohlgefallen der örtlichen Polizei nimmt sie sich vor den Todesfall aufzuklären.

Die Story des Kriminalfalls ist interessant und relativ spannend konstruiert, verschiedene Verdächtige tauchen auf, es gibt einige Wendungen. Die Einbettung in die Landschaft um den Jadebusen ist grundsätzlich eine gute Idee, in der Umsetzung wird jedoch zu oft ein Namedropping bekannter Sehenswürdigkeiten daraus, statt atmosphärische Bilder, in die man eintauchen könnte.

Die Figuren im Roman sind überwiegend sympathisch gezeichnet, wenn auch nicht durchgängig wohl ausformuliert. Femke als Hauptfigur wirkt in ihren Lebensumständen sehr konstruiert und wenig authentisch. Warum sie beispielsweise als Pädagogikstudentin nicht in einer WG in Oldenburg wohnt oder in ihrem Heimatdorf bei Oldenburg und stattdessen als Studierende alleine eine 52qm große Zweizimmerwohnung am Jadebusen bewohnt und einen Mini fährt (und sich leisten kann) bleibt vollkommen ohne Erklärung, obwohl es, zumindest jenseits eines privilegierten Milieus, durchaus unüblich ist. Gleichzeitig muss sie vermeintlich als Reinigungskraft arbeiten, um ihr Studium zu finanzieren. Eine konsequentere, nachvollziehbarere Ausformulierung des Charakters hätte die Erzählung sicher bereichert. So verbleibt sie eine Kunstfigur, über die man besser nicht zu viel nachdenken sollte, angesichts der Inkonsistenzen und Lücken in der Darstellung ihres Charakters und Hintergrunds. Die Nachbarin Grete (die eigentlich die Vermieterin ist), wird als Miss Marple bezeichnet, ähnelt jedoch in ihrem Hadern und ihrer Ängstlichkeit nicht im geringsten der berühmten Ermittlerin. Auch die übrigen Charaktere verbleiben oberflächlich sowie teilweise überzeichnet und wirken in Verbindung mit den gestelzten Dialogen oft fast schon ungewollt komisch. Auch wenn es sich um fiktionale Figuren handelt, lebt ein literarisches Werk für mich davon, dass die Figuren nachvollziehbar und im gezeichneten Charakter konsistent bleiben. Dies ist für mich hier leider nicht gelungen.

Die Dialoge sind fast durchgängig flach, hölzern und gestelzt, dadurch verliert die Erzählung leider zusätzlich an Authentizität. Sprachlich wirkt der Krimi oft laienhaft in Satzstruktur und Ausdruck, Füllwörter und -Sätze werden nicht immer logisch sinnvoll verwendet und/oder sind redundant. Auch in der Handlung gibt es zahlreiche offensichtliche Inkonsistenzen und Logikfehler, die das Leseerlebnis leider merklich trüben. Hier würde ich mir nicht nur von der Autorin mehr Empathie für ihre Figuren und Sorgfalt in der Recherche sondern auch vom Lektorat mehr Umsicht und Gründlichkeit wünschen. Bei allem Respekt vor der kreativen Leistung der Autorin, sollte dies umgekehrt auch gegenüber den Leserinnen gelten, denen man Zeit und Geld mit einer solchen Publikation entzieht, was wiederum ein Mindestmaß an Sorgfalt in Recherche, Logik und sprachlicher Qualität implizieren sollte.

Die Grundidee des Falls hat durchaus Potenzial, die Umsetzung konnte mich jedoch nicht überzeugen. Die Ansiedlung des Krimis in Dangast war für mich mit netten Erinnerungen verbunden, da ich selbst lange in der Region gelebt und gearbeitet habe, und ihr noch immer durch Freunde und Familie verbunden bin. Vor dem Hintergrund dieser Erfahrung wirkten die Figuren auf mich nicht unbedingt authentisch. Auch sprachlich konnte der Krimi mich nicht überzeugen. Defizite in Ausdruck, Logik und Semantik haben das Buch für mich stark geschwächt, sodass ich es leider, wenn überhaupt, nur für begeisterte Urlauberinnen der Region empfehlen würde, die sehr leichte Unterhaltung wünschen und über Logikfehler und flache Dialoge hinwegschauen können. Freunden und Bekannten aus der Region konnte ich das Buch leider nicht guten Gewissens weiterempfehlen. Anderen Regionalkrimis und - Autorinnen gelingt aus meiner Sicht der Spagat zwischen malerischen Landschaftsansichten, authentischen Figuren und einem spannenden Fall in Verbindung mit lockerer Unterhaltung deutlich besser. Ich hatte mich sehr auf den Fall am Wattenmeer gefreut und bleibe nach der Lektüre ziemlich enttäuscht und verärgert über die Lesezeit, die ich darin investiert habe, zurück. Allen Interessierten sei ein Besuch in (Ost)Friesland, nicht nur dem schönen Dangast, und der leckere Rhabarberkuchen jedoch uneingeschränkt und unbedingt ans Herz gelegt. Hier verspricht der Krimi, trotz seiner Schwächen, nicht zu viel! Bereits mit sehr viel Wohlwollen, und im fairen Vergleich zu anderen Publikationen, kann ich leider nicht mehr als 1,5 Punkte für diesen Krimi geben.

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Veröffentlicht am 06.07.2025

Authentischer Einblick in eine Südtiroler Jugend - sensibel und mitnehmend erzählt

Aufstehen
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Nick lebt in Bozen und ist gerade in den letzten Zügen seiner Schulzeit. Er fristet ein eher isoliertes Dasein, Menschenmengen und Angebertum sind ihm verhasst, sein großer Halt sind seine besten Freunde ...

Nick lebt in Bozen und ist gerade in den letzten Zügen seiner Schulzeit. Er fristet ein eher isoliertes Dasein, Menschenmengen und Angebertum sind ihm verhasst, sein großer Halt sind seine besten Freunde Emilia und Noah.

Bereits früh im Roman gibt es erste Hinweise, dass Nick im Leben sowohl in der Vergangenheit als auch der Gegenwart familialen Belastungen ausgesetzt ist. Der Roman lässt die Leserin hier lange im Dunkel, deutet immer wieder nur an, bleibt aber vage, was ich als sehr gelungen empfunden habe.

So bedrückend wie sich Nicks Alltag zuweilen liest, so gelungen schafft der Autor über die Freundschaft der drei Jugendlichen, die gegenseitiges Verständnis, Unterstützung und Freude verspricht, Momente der Erleichterung und des Lichts in den dunklen Alltag einzubauen. Ein Licht, das auch Nick darin spürt und der Autor für die Leserinnen fast fühlbar macht. Die Beschreibungen der Gesellschaft und Natur auf der nahen Seiser Alm, am Kalterer See und im städtischen Bozen versprechen einen wohlwollenden, jedoch nicht unkritischen Blick auf aktuelle gesellschaftliche Strömungen, ebenso wie gelebte Traditionen. Koler porträtiert so nicht nur seine Generation, sondern auch deren Blick auf ihre Herkunft, die Traditionen, Herausforderungen, sowie Eigenheiten und auch Liebenswürdigkeiten.

Obwohl auch typische Teenagerherausforderungen, wie Freundschaft, Liebe, erster Sex und Drogen thematisiert werden, wird der Roman nie banal. Koler hat einen Blick für die Zwischentöne menschlicher Interaktion und fasst Stimmungen und Gefühle in eingängige, manchmal überraschende, literarische Bilder.

Sprachlich waren für mich phasenweise zu viele bewusste Ausformulierungen von Situationen und Gedanken vorhanden. Hier könnte der Autor aus meiner Sicht durchaus mehr Mut beweisen und Situationen für sich stehen und wirken lassen ohne diese bis ins Detail zu erklären und auszuformulieren. Die Eskalation und das Ende der Erzählung kam für mich wiederum etwas zu plötzlich. Zehn bis zwanzig Seiten zusätzlich hätten einer noch kohärenteren Gesamterzählung sicher zugetragen. Diese Kritikpunkte fallen jedoch angesichts des jungen Alters des Autors und der Tatsache eines Debüts kaum ins Gewicht und können den positiven Gesamteindruck nicht trüben.

Laurenz Koler gibt in Aufstehen seiner Generation und Region eine authentische, junge Stimme und hat diese in einen überzeugenden Roman verwandelt, der das Potential hat jüngere wie ältere Leserinnen gleichermaßen zu begeistern und zum Nachdenken anzuregen.

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Veröffentlicht am 02.07.2025

Ein Blick auf 100 Jahre bewegtes Leben, von Föhr nach New York und zurück

Das Licht in den Wellen
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Inge lebt bereits rund ein Jahrhundert und hat noch einen letzten Wunsch - noch einmal nach New York. Dorthin ist sie einst mit Mitte 20 als junge Frau von der Insel Föhr aus ausgewandert. Nicht ohne Widerstand ...

Inge lebt bereits rund ein Jahrhundert und hat noch einen letzten Wunsch - noch einmal nach New York. Dorthin ist sie einst mit Mitte 20 als junge Frau von der Insel Föhr aus ausgewandert. Nicht ohne Widerstand ihrer Söhne macht sich die resolute alte Dame gemeinsam mit ihrer Urenkelin Swantje auf eine Reise in die USA und dabei auch in lebendige Erinnerungen.

Im Blick in die Vergangenheit begleitet der Roman Inges erste Reise nach New York, die Überfahrt, Aufregung, Ängste und den Neuanfang als Angestellte im Diner eines Bekannten. Obwohl so vieles neu für Inge ist, begegnet sie auch viel Vertrautem und weiteren Menschen aus ihrer Heimat.

Der Kontrast zwischen dem ländlichen einsamen Föhr und der Großstadt New York wird im Roman zum Leben erweckt. Sowohl die bäuerlich geprägte Kindheit und Jugend, als auch das vibrierende Leben im Big Apple werden in den Zeilen zum Leben erweckt. Immer wieder werden friesische Begriffe bzw. föhrer Mundart Fering eingestreut und verleihen der Erzählung Authentizität.

Inges Emanzipation in New York zu verfolgen, hat durchaus einen Reiz, ebenso wie die Einblicke in die friesische Community dort. Die Umsetzung konnte mich jedoch insgesamt leider nicht überzeugen. Die Handlung und Figuren erschienen mir nicht wohl genug ausformuliert, wirklich fesseln konnte mich der Roman nicht. Selbst Inge, die im Mittelpunkt der Handlung steht, bleibt seltsam blass, echte Emotionen treten hinter der Aufzählung von Handlungen zurück. Die Erzählung plätschert so leider etwas vor sich hin, wie eine Aneinanderreihung von Erlebnissen ohne, dass diese in eine konsistente Gesamterzählung geführt würden. Das Geheimnis um Inges Grund für die Auswanderung bleibt nach einer Andeutung lange im Hintergrund, kann jedoch letztlich keine Spannung oder Überraschung erzeugen, die die Erzählung entscheidend bereichern würde.

Das Licht in den Wellen bleibt für mich hinter meinen Erwartungen eines unterhaltsamen, historisch geprägten Sommerromans zurück. Selbst als leichte Unterhaltung am Strand konnte es mich nicht durchgängig einnehmen und hatte leider einige Längen, die die Lektüre haben zäh werden lassen.

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Veröffentlicht am 02.07.2025

Was Traumata und Sprachlosigkeit mit einer Familie machen

Heute kein Abschied
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Oskar ist auf dem Weg nach Portugal, um eine paar Tage zu entspannen. Doch den Urlaub soll er nicht mehr genießen können, denn am Flughafen Schiphol bricht er plötzlich zusammen und verstirbt noch vor ...

Oskar ist auf dem Weg nach Portugal, um eine paar Tage zu entspannen. Doch den Urlaub soll er nicht mehr genießen können, denn am Flughafen Schiphol bricht er plötzlich zusammen und verstirbt noch vor dem Abflug. Zurück lässt er drei erwachsene Kinder, Tessel, Moor und Cat, seine Ex-Frau Elise und eine Vergangenheit von der selbst seine engste Familie kaum etwas wusste, die jedoch sein Leben, wie seine Rollen als Vater und Ehemann maßgeblich beeinflusst hat.

Zum Zeitpunkt des Todes blickt der Autor in die Leben von Tessel, der Erstgeborenen, Schriftstellerin, deren letzter Erfolg viele Jahre zurückliegt, in einer unglücklichen Partnerschaft. Moor, der einzige Sohn, lebt eine Art Aussteigerleben und schlägt sich mehr schlecht als recht durch. Und Cat, das Nesthäkchen, die ein vordergründig erfolgreiches Leben mit Aufbaustudium in New York führt, deren Dasein jedoch seltsam atomisiert wirkt. Die ehemals enge Beziehung zwischen den Geschwistern ist brüchig, mit wenig Kontakt und auch zum Vater hat lediglich Tessel, mehr aus Pflichtgefühl, noch regelmäßig eine Beziehung gepflegt.

Der Tod Oskars und die Trauer bilden den Rahmen für eine tiefere Erzählung, über den Zerfall einer Familie und wie sie konfrontiert mit dem Unglück versucht Vergangenes aufzuarbeiten, diesem einen Sinn zu geben und so vielleicht wieder zueinander zu finden und damit jedes einzelne Familienmitglied auch wieder ein Stück weiter zu sich selbst zu bringen. Stück für Stück trägt der Autor einzelne Schichten der Familienhistorie ab, beschreibt aus den verschiedenen Perspektiven der Familienmitglieder die Vergangenheit und macht so die Gegenwart begreifbarer. Die Prägung Oskars durch seine eigene Vergangenheit, arbeitet der Autor dabei genauso sensibel heraus, wie Oskar die Leben seiner Kinder und Ex-Frau beeinflusst hat. Dieser Prozess spielt sich nicht nur für die Leserinnen ab, sondern ebenso für die Figuren selbst, sodass diese auch in der Gegenwart des Romans eine Entwicklung durchmachen, als Individuen, jedoch auch als Familie in der neuen Konstellation, ohne Oskar.

Das Thema Sprachlosigkeit und fehlende Kommunikation ist sehr dominant im Roman, und hat letztlich einen großen Erklärungsgehalt für Konflikte zwischen den Eltern, Geschwistern und den Generationen. Gekonnt und zurückhaltend zugleich, dabei jedoch nicht weniger eindringlich, zeigt der Autor auf, wie umfassend und tief dies in die Beziehungen hineinwirkt, und sich scheinbar potenziert, von Oskars Sprachlosigkeit in die Beziehung zu Elise, von dort auf die Kinder und ihre Beziehungen untereinander. Jedes Kind versucht auf seine Art damit umzugehen, dieser Prägung zu entfliehen. Heute kein Abschied wird so zu einer Art Chronologie eines sich verselbständigenden Traumas.

Neben der hervorragend ausgearbeiteten Studie der Familiendynamik, taucht der Autor über Oskars und Elises Lebensweg auch in die Geschichte der Niederlande ab den 1950er Jahren ein und lässt die Leserinnen an der bedrückenden Stimmung in der Nachkriegszeit und dem Aufbruch im Amsterdam der 1970er teilhaben.

Heute kein Abschied ist ein moderner Familienroman, der sensibel den Weg von Kindheitstraumata in die nächste Generation verfolgt, Trauer und Verlust thematisiert und gleichzeitig Einblicke in die jüngere niederländische Geschichte gewährt. Ganz klare Empfehlung!

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Veröffentlicht am 24.06.2025

Der Weg in Depression und Burnout und erschütternde Einblicke in das Gesundheitssystem

Emotional Female
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Wenn Frauen für sich eintreten, werden sie emotional genannt, wenn Männer dies tun, gelten sie als durchsetzungsstark. Mit diesem Dilemma ist auch Yumiko Kadota auf ihrem Weg als Ärztin konfrontiert. Doch ...

Wenn Frauen für sich eintreten, werden sie emotional genannt, wenn Männer dies tun, gelten sie als durchsetzungsstark. Mit diesem Dilemma ist auch Yumiko Kadota auf ihrem Weg als Ärztin konfrontiert. Doch dies ist nur die Spitze des Eisbergs. Emotionalität und mit ihr Empathie machen Yumiko zu einer besseren Ärztin und doch wird ihr dies in einem kompetitiven System als Schwäche ausgelegt. Dies sagt letztlich mehr über das System aus, als über Kadota, denn was bedeutet es, auch für Patientinnen, wenn Ärztinnen wie Yumiko Kadota in diesem nicht gesund bestehen können? In Emotional Female gibt die Autorin tiefe Einblicke in das australische Gesundheitssystem und lässt an ihren Erfahrungen als Ärztin und ihren Weg in eine schwere Depression sowie Burnout darin teilhaben.

Über ihre Schulzeit in Singapur, London und Sidney, das Medizinstudium in Australien und ihre Ausbildung zur Assistenzärztin fühlen wir Yumikos Traum Chirurgin zu werden zum Leben erwecken und verfolgen ihren oft steinigen, beschwerlichen Weg dahin. Die Hürden stellen dabei nicht nur ein durch und durch kompetitives und von Diskriminierung wie Ausbeutung durchdrungenes Ausbildungs- und Gesundheitssystem dar. Schon früh wird deutlich, dass auch Yumikos Persönlichkeitsstruktur, der Drang immer die Beste sein zu wollen, immer gemocht zu werden und zu gefallen, ebenso ein kulturell geprägter Leistungsethos aus ihrer japanischen Sozialisation, eine destruktive Allianz mit dieser Berufswahl einzugehen scheinen.

Als sehr positiv empfinde ich, dass die Autorin mit ihren Zeilen realistische Einblicke in das australische Gesundheitssystem und die Lebensrealität junger Ärztinnen darin vermittelt: Sexismus, Misogynie, Rassismus, Ausbeutung und Leistungsdruck sind die Variablen, die den Alltag Yumikos bestimmen. Parallelen zu europäischen und dem deutschen Gesundheitssystem sind hier sicher nicht zufällig, verschiedene Situationen habe ich zumindest schon sehr ähnlich in Krankenhäusern beobachten können. Ob hier immer alle geschilderten Patientinnenkontakte, Erkrankungen und Konflikte mit Kollegen im Detail notwendig für die Gesamterzählung sind, bleibt dahin gestellt. Für mich hatten die Schilderungen durchaus ein paar Längen.

Eine Perspektive, die die Autorin nicht dezidiert einnimmt und nur am Rande immer wieder aufscheint, aber auf die das von ihr beschriebene System, aus Macht, Konkurrenz und Diskriminierung auch Auswirkungen hat, ist die Versorgung der Patienten. Wenn die eigene Karriere und männliche Machtdemonstrationen den Alltag bestimmen und eben nicht das Wohl der behandelnden Patientinnen im Mittelpunkt steht, leiden nicht nur Jungärztinnen wie Yumiko, sondern insbesondere auch die Patientinnen.

Sehr schwer auszuhalten war für mich jedoch ab einem bestimmten Punkt die mangelnde Reflexion der Autorin, inwiefern ihre eigene Persönlichkeitsstruktur die beschriebene Entwicklung begünstigt hat - ihr Drang immer alles richtig zu machen, immer und überall die Beste zu sein und die repetitive, inflationäre Erwähnung dieses Musters über rund 400 Seiten wirkten zunehmend redundant auf mich, zumal es keine echte Entwicklung auf dieser Ebene gibt. Im Gegenteil beginnt man schon sehr früh in ihrer Laufbahn und den Schilderungen zu ahnen, dass das nicht gut gehen kann und auf eine Katastrophe zuläuft. Und so lesen sich die über 400 Seiten auch fast wie eine Chronologie dieser Katastrophe. Dabei verharrt die Autorin über weite Teile ihrer Ausführungen auf einer Stufe der Empörung, echte Lösungsorientierung und Selbstermächtigung, um aus den destruktiven Mustern auszubrechen, finden sich erst am Ende im Nachhinein und die Katastrophe wird so umso unausweichlicher. Damit im Zusammenhang fällt auch das völlige Fehlen von Solidarisierung und dem Bewusstsein für politische Handlungsmacht, um Veränderungen anzustoßen, in den Ausführungen auf. Die Autorin geht an die Öffentlichkeit, erst als sie nichts mehr zu verlieren hat.

Emotional Female wird so weniger eine wohl formulierte Systemkritik, als eine persönliche Chronik zur Aufarbeitung und Abrechnung Yumikos mit dem australischen Gesundheitssystem vor dem Hintergrund der Unfassbarkeit, wie es so weit kommen und ausgerechnet ihr dies passieren konnte. So wichtig auch Erfahrungsberichte sind, hätte ich mir gerade vor dem Hintergrund der im Rückblick verfassten Zeilen eine analytischere Betrachtung und Einordnung ihrer Erlebnisse in einen größeren gesellschaftlichen und gesundheitspolitischen Kontext gewünscht. Auch den Untertitel finde ich nicht ganz glücklich gewählt, denn die Autorin hat letztlich eine schwere Depression entwickelt. Der Begriff Burnout mag zwar catchy sein, sollte jedoch nicht über die schwere psychische Erkrankung über die Kadota berichtet hinwegtäuschen.

Eine allgemeine Empfehlung für das Buch auszusprechen fällt mir schwer. Ich bin der Autorin dankbar, dass sie über ihre Erfahrung berichtet hat, denn ihr Buch zeigt deutlich massive Missstände in westlichen Gesundheitssystemen auf und kann so vielleicht Veränderung anregen. Gleichzeitig sollte sich jede Leserin zuvor bewusst sein, dass gut 75% des Buchs die Chronologie einer Katastrophe sind und im Detail Yumikos Weg in die Depression beschreiben. Echte Handlungsmacht und Selbstermächtigung kommen aus meiner Sicht zu kurz, sodass man diese Schilderungen und ihre Dramatik und Destruktivität tatsächlich auch aushalten können muss. Analytische und in das Gesamtsystem einordnende Daten und Fakten fehlen vollständig, sodass Emotional Female primär eine Aufarbeitung und Vergangenheitsbewältigung der Autorin ist. Vor diesem Hintergrund empfehle ich Emotional Female gern allen Interessierten, die sich dessen bewusst sind und der Lektüre gewachsen fühlen.

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