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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 27.03.2026

das Leben schaukeln

Der Sommer, der uns blieb
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„Wahrscheinlich hat die Vergangenheit auch ihren Sinn.“ – Rund um diese Aussage dreht sich der Debütroman, der mich als Leserin mit auf eine Reise von Pia, Martin und Britta zwischen Vergangenheit und ...

„Wahrscheinlich hat die Vergangenheit auch ihren Sinn.“ – Rund um diese Aussage dreht sich der Debütroman, der mich als Leserin mit auf eine Reise von Pia, Martin und Britta zwischen Vergangenheit und Gegenwart genommen hat. Die optische Aufmachung finde ich sehr gelungen, vor allem das Symbol der Schaukel kommt am Cover und auch inhaltlich immer wieder vor. Man erfährt als Leser*in aus der Sichtweise der drei Jugendlichen, die in der Gegenwart 20 Jahre älter sind, immer häppchenweise Informationen, was damals passiert ist und wie es zu einer Entfremdung und dem kompletten Kontaktverlust gekommen ist. Aktuell versuchen sie dies mühevoll wieder zu kitten, und in kleinen Schritten ihre Freundschaft mit dem wackeligen Fundament wieder aufzubauen. Dies alles muss schnell gelingen, denn Pia ist an Krebs erkrankt und ihr bleibt nicht mehr viel Zeit.
Ich finde den Umgang mit Pias Krankheit und auch die Beschreibung der Demenzerkrankung von Brittas Vater, vor allem aus Brittas Sicht und auch im Hinblick auf ihre Hingabe und ihre Lebenssituation, die sich von einem Moment auf den anderen komplett ändert, stark. Britta hat sich seit ihrer Jugendzeit am meisten verändert. Auch bei Pia und Martin finde ich es spannend mitzuverfolgen, wie sie sich im Laufe der Zeit und anhand von Schicksalsschlägen mit dem Leben arrangiert und charakterlich verändert haben. Das Thema Tod und Verlustangst hängt immer über der Geschichte der Freundesgruppe, damals wie auch heute wieder, nur der Umgang damit hat sich verändert. Man kann die emotionalen Spannungen beim Lesen sehr gut nachvollziehen und aktiv spüren, obwohl die Erzählweise unaufgeregt und meistens leise ist. Schön finde ich auch, dass am Ende die Kraft der Freundschaft und die auch noch nach Jahren der Entfremdung wieder neu entfachte tiefe Verbundenheit siegt.

Veröffentlicht am 26.03.2026

Zufallsfund mit großer Wirkung

Ostseedämmerung
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Auch der bereits 20. Teil der Ostseekrimi-Serie mit Pia und ihrem Ermittlungsteam überzeugt wieder mit einem komplexen, verstrickten Ermittlungsfall und bietet zusätzlich Einblick in die wunderschöne Natur ...

Auch der bereits 20. Teil der Ostseekrimi-Serie mit Pia und ihrem Ermittlungsteam überzeugt wieder mit einem komplexen, verstrickten Ermittlungsfall und bietet zusätzlich Einblick in die wunderschöne Natur und die örtlichen Gegebenheiten. Der Cold Case um die damals verschwundene Archäologiestudentin wird wieder aufgerollt, nachdem Kinder beim Spielen einen archäologischen Fund machen. Es kommen viele mögliche Verdächtige vor, zwischenzeitlich wird das gesamte Dorf in Betracht gezogen, irgendwie mit dem Verschwinden zu tun zu haben, gleichfalls wie das archäologische Team. Da der Fall noch nicht so lange zurückliegt, können sich die Dorfbewohnerinnen noch ziemlich gut erinnern, aber vieles wird bewusst verschwiegen und vertuscht, sodass sich die Ermittlungen zwischenzeitlich im Kreis drehen und in die Länge ziehen. Etwa ab der Hälfte war mich schon klar, in welche Richtung die Geschichte sich entwickeln wird und wer mitbeteiligt sein könnte, somit hätte man den Mittelteil etwas straffen und kürzen können. Die Auflösung war wiederum spannend und umfangreich, sodass alle offenen Fragen geklärt werden konnten. Gut gefallen hat mir, dass neben dem Ermittlungsfall auch ausreichend Platz für die persönlichen Befindlichkeiten der Ermittlerinnen bleibt und Einblicke in die Privatleben gegeben werden, das macht die Personen für mich nahbarer und menschlicher. Vor allem in Pias Privatleben tut sich einiges, ihr Sohn Felix wird größer und sie genießt die Zeit mit ihm und kann sich gleichzeitig gut in ihre Arbeit einbringen. Gelungen finde ich auch, dass diesmal zwei Kinder wichtige Zeugen im Fall waren, denn es ist erstaunlich, was Kinder unbewusst beobachten, wahrnehmen und zusammenfügen können.

Veröffentlicht am 25.03.2026

gesehen werden

Mit anderen Augen
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„Wie kann es sein, dass überall auf der Welt Frauen verschwinden und niemand was dagegen unternimmt?“ – Mit dieser Frage und noch vielen weiteren beschäftigt sich der Roman auf kreative Weise, teilweise ...

„Wie kann es sein, dass überall auf der Welt Frauen verschwinden und niemand was dagegen unternimmt?“ – Mit dieser Frage und noch vielen weiteren beschäftigt sich der Roman auf kreative Weise, teilweise mit Humor und einem Augenzwinkern, aber es sind durchwegs auch ernstere Töne dabei und Fragen, die zum Nachdenken und Reflektieren anregen, vielleicht sogar auch einen Anstoß für Veränderungen geben.
Tilda ist 52 Jahre alt, geschieden, hat zwei erwachsene Töchter und ist beruflich mit ihrem eigenen Unternehmen erfolgreich unterwegs. Eines Tages bemerkt sie, wie plötzlich ihr kleiner Finger, dann ihr Ohr, ihre Nase und mit der Zeit weitere Körperteile von ihr verschwinden. Bei ihr wird die Unsichtbarkeitserkrankung – Morbus Invisibilis – diagnostiziert, die vor allem ältere Frauen betrifft. Zuerst fühlt sich Tilda von ihrem langsamen Verschwinden überfordert, ist wütend, will sich noch weiter verstecken, aber durch die Hilfe ihrer besten Freundin Leith und mit therapeutischer Unterstützung beginnt sie hart an sich und ihrer Einstellung und an ihrer Sichtweise über sich selbst zu arbeiten. In einer Selbsthilfegruppe lernt sie weitere Betroffene kennen und es ist erstaunlich, wie unterschiedlich die Frauen mit ihrer Unsichtbarkeit umgehen, teilweise sogar Vorteile darin sehen. Alle Frauen haben ihre eigene Lebensgeschichte und ihre Probleme zu tragen, aber eines haben sie gemeinsam: Sie werden von der Gesellschaft nicht mehr gesehen, nicht mehr wahrgenommen, weil sie auch selbst nicht gut zu sich sind.
Mir gefällt die positive Grundstimmung, trotz der ernsten Themen, die Veränderungen in Gang setzt. Auch wenn jede Frau selbst entscheiden muss, was sie machen möchte und was ihr guttut. Der Ansatz, dass es einen emotionalen, tiefsitzenden Konflikt oder Grund für das Verschwinden geben muss, zeigt auf der anderen Seite auch, dass man diesen überwinden und selbst wieder gestärkt aus der Situation hervorkommen kann. Wichtig ist auch die intensive Beschäftigung mit sich selbst und das neu kennenlernen, was man wirklich möchte und was mich als Person ausmacht, nicht wie andere mich haben möchten oder wie andere das sehen.
Tilda stellt sich mutig ihrer Vergangenheit, ihrer Geschichte mit ihrem verstorbenen Vater, die sie neu schreibt, sie hat Unterstützung von lieben Menschen, die immer zu ihr stehen und sie entwickelt eine Energie, die viele weitere positive Effekte auslöst. Schön finde ich, dass sie sich wieder mehr mit Dingen beschäftigt, die ihr Freude bereiten und die sie gerne macht und zudem auch noch als Vorbild und Unterstützung für viele betroffene Frauen wirkt. Man merkt auch die Kraft, die entsteht, wenn Frauen sich gegenseitig unterstützen, diese nimmt eine außergewöhnliche Stärke an. Den Schluss habe ich besonders schön empfunden und alle vorkommenden Frauen wirken viel präsenter und sind nicht mehr zu übersehen.

Veröffentlicht am 24.03.2026

spannende Geschichte - unpassender Schluss

Die Schwester des Serienkillers
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Der Abschluss der Serienkiller-Trilogie ist spannend geschrieben, umfasst in der Gegenwart nur vier Tage, die als Countdown bis zum markanten Datum angelegt sind und er gibt auch kurze Rückblenden in die ...

Der Abschluss der Serienkiller-Trilogie ist spannend geschrieben, umfasst in der Gegenwart nur vier Tage, die als Countdown bis zum markanten Datum angelegt sind und er gibt auch kurze Rückblenden in die Zeit, die die Jugendlichen im Kinderheim verbracht haben. Den Hauptpart nimmt Anna ein und es stellt sich auch die Frage, ob sie in die Taten verwickelt ist oder davon gewusst hat oder ob sie das nächste potenzielle Opfer darstellen könnte. Annas Art ist einerseits unüberlegt und spontan, auf der anderen Seite ist sie sehr bedacht und gibt keine Familiengeheimnisse preis. Zusätzlich belasten Anna einerseits berufliche Schwierigkeiten und auch ihre Beziehung zu ihrem Ehemann ist am Auseinanderdriften, daher steht sie unter enormem Druck. Den zweiten großen Part nimmt DI Walker ein, der die laufenden Ermittlungen leitet und in engem Austausch mit Anna ist. Es gibt immer wieder falsche Fährten und Bedrohungen sowie zahlreiche Wendungen, wobei ich diese zumeist nachvollziehbar finde und auch nicht allzu überraschend. Am besten haben mir die Einblicke in die Zeit im Heim gefallen, wie sich Anna und Kirsty miteinander angefreundet haben und auch ihre Beziehung zu ihren beiden kleineren Brüdern. Daher sind der Schluss und die Aufklärung am Ende für mich unverständlich und nicht plausibel. Ich kann hier nicht näher ins Detail gehen, da ich nicht spoilern möchte, aber unter Berücksichtigung der letzten Kapitel, ist der restliche Aufbau unpassend. Rückblickend betrachtet, sind die Personen nicht die, die sie vorgeben zu sein, aber hätte das nicht die eine oder andere Person bemerken müssen?

Veröffentlicht am 21.03.2026

das Beste aus beiden Welten

Statt aus dem Fenster zu schauen
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Der Roman ist ein ehrlicher und ungeschönter Coming-of-Age-Roman, der die aktuelle Lebensgeschichte von Sophie, Mitte 20, erzählt, die sich momentan eine spontane Auszeit vom hektischen Leben ohne Sinn ...

Der Roman ist ein ehrlicher und ungeschönter Coming-of-Age-Roman, der die aktuelle Lebensgeschichte von Sophie, Mitte 20, erzählt, die sich momentan eine spontane Auszeit vom hektischen Leben ohne Sinn nimmt. Was zuerst als eine unüberlegte Handlung beginnt, indem Sophie spontan ein Haus um 3.000 Euro mitten im Nirgendwo kauft, das sehr baufällig ist, entwickelt sich immer mehr zur Sinnfindung. Abseits von Uni, Leistungsdruck, Praktikum und der Meinung von anderen, renoviert Sophie das Haus in kleinen Schritten und in mühevoller Handarbeit selbst, züchtet Hühner und legt einen eigenen Garten an. Zuerst haben sie Aussagen wie „Die Sophie, aus der wird was.“ unter Druck gesetzt, aber das Landleben lernt sie, kleine Schritte zu planen, alles in einem anderen Kontext zu betrachten und auch ihre romantische Vorstellung von Natur abzulegen. Die Einsiedlerin Mone macht ihr klar, dass man auch ein bisschen Vertrauen haben muss. Mit der Zeit wird Sophie immer selbstbewusster, nachdem sie sieht, was sie alles schaffen kann, ganz ohne Druck, in ihrem eigenen Tempo, nach ihren eigenen Vorstellungen. Trotzdem ist das Landleben oft hart, Dauerregen, Einsamkeit, ein Fuchs, der eines ihrer Hühner tötet, bringt sie fast an ihrer Entscheidung zu zweifeln. Kontakt aus ihrem alten Umfeld hat sie nur noch zu Moritz, der sie gelegentlich besucht und zu ihrer langjährigen besten Freundin Pauline. Nach einem Vortrag, zu dem sie Moritz in die Stadt begleitet, werden ihr Fragen gestellt, wie „Was machst du so?“ – Auszeit – „Und danach?“ – als würde das jetzt nicht zählen, als müsste man immer ein Ziel vor Augen haben und verfolgen, immer ein Besser, ein Vorwärts, ein Höher, ein Schneller – das ist nicht mehr Sophies Lebenseinstellung. Kann man in einer Welt, in der es schon zu viel gibt, Neues schaffen?
Auf Dauer ist das Einsiedlerleben auch nicht gedacht, aber als Auszeit vom stressigen Alltag, kann es heilende Wirkung erzielen. Kann Sophie dieses Gefühl von Freiheit wieder ganz aufgeben? – Diese und noch viele weitere Fragen stellt sie sich und am Ende findet sie, wie ich finde, für sich und auch für ihre Freunde einen zufriedenstellenden und erfüllenden Kompromiss.