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Veröffentlicht am 02.06.2020

Ein Idol und seine Fans

Schwestern im Tod
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Mit „Schwestern im Tod“ legt Bernard Minier den 5. Band einer Serie um Kommissar Martin Servaz vor. Als Berufsanfänger hatte Servaz mit dem Fall der ermordeten Mädchen Ambre, 16 und Alice, 15 zu tun, die ...

Mit „Schwestern im Tod“ legt Bernard Minier den 5. Band einer Serie um Kommissar Martin Servaz vor. Als Berufsanfänger hatte Servaz mit dem Fall der ermordeten Mädchen Ambre, 16 und Alice, 15 zu tun, die an Bäume gefesselt und in Kommunionkleidern im Wald bei Toulouse gefunden wurden. Die Inszenierung erinnert an den Erfolgsroman „Die Kommunikantin“ des Autors Erik Lang, der daraufhin unter Verdacht geriet. Er wurde durch das Geständnis eines anderen Mannes entlastet, der Selbstmord beging. Die beiden jungen Mädchen waren Fans des Autors, schrieben ihm glühende Briefe voller Anzüglichkeiten und trafen sich mit ihm. 25 Jahre später wird Amalia, Langs Ehefrau, tot in seinem Haus aufgefunden, ebenfalls in einem Kommunionkleid. Sie starb am Gift der gefährlichsten Schlangen der Welt, die der Autor in Terrarien hielt. Lang gerät sofort unter Verdacht. Für Servaz und seine Kollegen stellt sich erneut die Frage nach dem Mörder der Schwestern Oesterman 25 Jahre zuvor.
Der Autor erzählt eine Geschichte mit unendlich vielen Komplikationen und überraschenden Wendungen, die keine schlüssige Handlung ergeben. Auch die Auflösung hat mich nicht überzeugt. Der nicht besonders spannende Roman wirkt auf mich einfach nur ziemlich wirr. Für mich war es der erste Roman von Minier. Die anderen vier zu lesen hat sich erledigt, da der Autor wiederholt explizit auf die Vorgänger Bezug nimmt und man die wesentlichen Fakten schon kennt. Ich finde allenfalls die Auseinandersetzung mit der Situation eines Erfolgsautors interessant, dessen Fans geradezu besessen von ihm sind und bereit sind, sehr weit zu gehen, um ihrem Idol ihre grenzenlose Verehrung zu beweisen. Insgesamt bin ich von dem Buch enttäuscht.

Veröffentlicht am 17.05.2020

Es ist nie zu spät für alles

Die Mitte ist ein guter Anfang
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In Franka Blooms Roman „Die Mitte ist ein guter Anfang“ geht es um Liebe und Beziehungskrisen. Eva hat in Spanien mit ihrer Freundin Carla ausgelassen ihren 49. Geburtstag gefeiert und heftig mit einem ...

In Franka Blooms Roman „Die Mitte ist ein guter Anfang“ geht es um Liebe und Beziehungskrisen. Eva hat in Spanien mit ihrer Freundin Carla ausgelassen ihren 49. Geburtstag gefeiert und heftig mit einem gutaussehenden Fremden geflirtet, als Carla ihr ein Päckchen von Evas Partner Arne überreicht. Arne ist seit über 20 Jahren Evas Lebensgefährte und Vater ihrer gemeinsamen Tochter Frida. Jetzt schickt er ihr einen schriftlichen Heiratsantrag und einen wunderschönen Verlobungsring. Eva empfindet nicht unbändige Freude, sondern fragt sich, warum jetzt? Warum überhaupt? Später wird sich herausstellen, dass Arne seine Familie absichern will, bevor er seinen neuen Job in Kiew antritt. Bei Eva löst der Antrag eine Fülle von Fragen und Zweifeln aus. Die Beziehung hat sich im Lauf der Jahre verändert, und sie fragt sich vor allem, wo sie selbst an diesem Punkt ihres Lebens steht. Hat sie das Leben geführt, das sie sich gewünscht hat, und was erwartet sie von der Zukunft?
Die Autorin beschreibt nicht nur die große Krise in der Beziehung von Eva und Arne, sondern parallel dazu auch die Eheprobleme einiger befreundeter Paare und ihrer Eltern. Fast alle wollen sich plötzlich scheiden lassen, und die schwierige 15jährige Frida erlebt ihren ersten Liebeskummer. Trotz aller Probleme laufen die Hochzeitsvorbereitungen auf Hochtouren und werden in allen Einzelheiten dargestellt, inklusive Wahl des Hochzeitskleids, der Location, des Termins, der Gästeliste usw. Das ist nicht besonders spannend. Spannend ist eigentlich nur die Frage, ob die Hochzeit stattfindet oder ob es im Fall von Eva und Arne und von Evas Eltern zu einer neuen Partnerwahl kommt. Ohnehin ist ein Roman über in dieser Breite dargestellte Beziehungsprobleme nicht meine erste Wahl. Diese Art von Frauenroman muss man mögen.

Veröffentlicht am 15.05.2020

Nicht immer alles aufschieben

Der restliche Sommer
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In Max Scharniggs Roman „Der restliche Sommer“ stehen vier Protagonisten im Mittelpunkt, die ihrem Leben eine neue Richtung geben müssen. Paartherapeutin Sonja Wilms hat sich einige Zeit zuvor von ihrem ...

In Max Scharniggs Roman „Der restliche Sommer“ stehen vier Protagonisten im Mittelpunkt, die ihrem Leben eine neue Richtung geben müssen. Paartherapeutin Sonja Wilms hat sich einige Zeit zuvor von ihrem Mann Paul Neulich scheiden lassen und sucht im Schreiben ein neues Betätigungsfeld. Paul Neulich alias August Sternberg hat viele Jahre als Benimmpabst eine Kolumne für eine Zeitung geschrieben, in der er antiquierte Ratschläge für das Binden eines Windsorknotens oder den Gebrauch von Kragenstäbchen gab. Seine Zeit ist jedoch abgelaufen. Der Unmut der Leser über seine als reaktionär empfundenen Ansichten wächst. Zu diesem Zeitpunkt befindet er sich seit fast einem Jahr auf Reisen mit Sara Almeida, seiner neuen Liebe. Sara war als Schülerin eine alles überstrahlende Persönlichkeit, der man eine große Karriere voraussagte. Tatsächlich ist sie als Künstlerin gescheitert und hat lediglich einen enormen Verschleiß an Männern aufzuweisen. Das Paar hält sich an der portugiesischen Atlantikküste auf. Dann wird Paul in Ufernähe von einem giftigen Fisch gebissen, während Sara ohnehin bereits ein neues Leben ohne ihn plant. Der von Sara verlassene Partner Martin Hasenglock genannt Tin liegt derweil im Krankenhaus, wo die bei einem Bombenanschlag in der Abfertigungshalle des Flughafens erlittenen Verletzungen behandelt werden oder auch nicht. Die Ärzte sprechen von einer Darmkrebsoperation und von einer Rettung in letzter Minute. Im Krankenhaus lernt er die 19jährige Tove Boll kennen, die in einer angesagten Bio-Bäckerei bei der Arbeit mit einer veralteten Brotschneidemaschine zwei Finger verloren hat oder auch nicht. Tin, ein Weltmeister im Liegen und einer antriebslosen Lebensführung entwickelt neuen Schwung und trifft noch im Krankenhaus Entscheidungen für sein weiteres Leben.
Scharnigg hat eine ungewöhnliche, auch sprachlich hervorragende Geschichte über Lebensplanung und immer wieder hinausgeschobene Entscheidungen geschrieben. Er zeigt, dass wir nicht davon ausgehen können, dass immer noch genug Zeit bleibt, sondern dass wir hier und jetzt etwas ändern müssen, wenn unser Leben nicht an uns vorbeilaufen soll. Ein fesselnder Roman, der mich positiv überrascht hat.

Veröffentlicht am 07.05.2020

Die Liebe stellt keine Fragen, sie passiert einfach

Wie uns die Liebe fand
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In Claire Stihlés Debütroman „Wie uns die Liebe fand“ blickt die 92jährige Madame Nanon auf ihr Leben im fiktiven Ort Bois-de-Val im Elsass zurück. Nach dem frühen Tod ihres geliebten Mannes Bernard hat ...

In Claire Stihlés Debütroman „Wie uns die Liebe fand“ blickt die 92jährige Madame Nanon auf ihr Leben im fiktiven Ort Bois-de-Val im Elsass zurück. Nach dem frühen Tod ihres geliebten Mannes Bernard hat sie ihre vier Töchter allein aufgezogen. Als Ich-Erzählerin berichtet sie schwerpunktmäßig über eine Phase 40 Jahre zuvor, also über das Jahr 1979, als ihre Töchter Coraline, Chloé, Anne und Marie 10-20 Jahre alt waren. Die Älteste hat in dem Algerier Malou ihre große Liebe gefunden, die jüngere Tochter Anne kommt wenig später mit Jérôme zusammen. Dann passieren große Veränderungen im Leben der Familie. Der Nachbar Monsieur Boberschram überlässt ihnen seinen heruntergekommenen Lebensmittelladen, und Malou stellt mit Marie zusammen Liebesbomben her, die zu einem großen Verkaufserfolg werden und das Leben der Dorfbewohner entscheidend verändern. Madame Nan hat sich in ihren Nachbarn verliebt, der sich ihr gegenüber jedoch sehr distanziert zeigt. Als sie es mit den Liebesbomben versucht, passiert eine Panne. Zwischen ihnen stehen jedoch auch Ereignisse aus der Vergangenheit, die Monsieur Boberschram sein Leben lang belastet haben. Erst als er sich ihr offenbart, kann sich etwas ändern.
Die Autorin erzählt eine interessante, berührende Geschichte, in der sie den Leser immer wieder direkt anspricht (…, „das kann ich Ihnen sagen“ oder „Das hätten Sie mal sehen sollen“). Der Roman besticht durch die Darstellung des familiären Zusammenhalts ebenso wie durch das elsässische Ambiente mit Dialektausdrücken und Rezepten aus der regionalen Küche. Die Autorin lässt aber auch die wechselvolle Geschichte des Elsass nicht aus – gehörte dieser Landstrich doch abwechselnd zu Frankreich und zu Deutschland, erlebte die Besatzungszeit und die nachfolgenden gegen Kollaborateure gerichteten Säuberungsaktionen. Ein schönes, einfühlsam erzähltes Buch.

Veröffentlicht am 03.05.2020

Die Gier nach Geld und Besitz

Die Herren der Zeit
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Mit „Die Herren der Zeit“ legt Eva García Sáenz den dritten Band ihrer Trilogie um Inspector Unai López de Ayala, genannt Kraken und seine Kollegin Inspectora Estíbaliz Ruiz de Gauna, genannt Esti sowie ...

Mit „Die Herren der Zeit“ legt Eva García Sáenz den dritten Band ihrer Trilogie um Inspector Unai López de Ayala, genannt Kraken und seine Kollegin Inspectora Estíbaliz Ruiz de Gauna, genannt Esti sowie ihre Chefin Subcomisaria Alba Díaz de Salvatierra, die zugleich Unais Lebensgefährtin und Mutter ihrer Tochter Deba ist. Genau an dem Abend, an dem der Roman eines unbekannten Autors vorgestellt wird, der den Titel des vorliegenden trägt, geschieht am Veranstaltungsort der erste Mord. Eine Serie wird folgen, ohne dass die Polizei dies verhindern kann. Alle Morde passieren nach dem Muster der Romanvorlage, aber was verbindet die Taten und die Opfer? Der Profiler Kraken und die Viktimologin Esti tappen lange im Dunkeln und geraten während der Ermittlung selbst in Gefahr. Der Inspektor klärt am Ende nicht nur die Morde auf, sondern findet auch heraus, dass er als ein López de Ayala ein Nachfahre eines der erwähnten Adelsgeschlechter ist.
Der gut recherchierte, detailreiche Roman, der zugleich Thriller und historischer Roman ist, macht den Leser mit den Geschehnissen im 12. Jahrhundert bekannt. Er zeigt die Kämpfe zwischen verfeindeten Königshäusern, die Rivalität adliger Familien um vom König verliehene Privilegien und die Lebensbedingungen der kleinen Leute, denen unter der Last der Abgaben kaum genug zum Leben bleibt. Im Mittelpunkt der Ereignisse steht die verlustreiche Belagerung Vitorias. Es zeigt sich, dass das verbindende Element zwischen beiden Handlungssträngen die Gier nach Geld und Besitz ist.
Mir hat auch der dritte Roman gut gefallen, obwohl er sich wegen seiner Detailfülle und der Vielzahl von Personen und Schauplätzen nicht ganz leicht lesen lässt. Die Struktur des Buches ist mit dem Roman im Roman ungewöhnlich raffiniert und gelungen. Einen dermaßen anspruchsvollen Thriller habe ich noch nicht gelesen. Sehr empfehlenswert.