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Veröffentlicht am 23.02.2019

Unbehaust und sprachlos in der Fremde

Das Mädchen mit dem Fingerhut
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Michael Köhlmeiers Roman „Das Mädchen mit dem Fingerhut“ erinnert vom Titel her an Andersens berühmtes Märchen, ist aber keins. Der Roman erzählt von einem 6jährigen Mädchen, das sich Yiza nennt, aber ...

Michael Köhlmeiers Roman „Das Mädchen mit dem Fingerhut“ erinnert vom Titel her an Andersens berühmtes Märchen, ist aber keins. Der Roman erzählt von einem 6jährigen Mädchen, das sich Yiza nennt, aber seine Identität nicht wirklich kennt. Das Kind ist offensichtlich unbegleitet in einer namenlosen Stadt in einem europäischen Land angekommen und wird von einem „Onkel“ betreut, der nicht wirklich sein Onkel ist. Er bringt Yiza mit genauen Verhaltensmaßregeln täglich auf einen Markt, wo sie stumm sitzen und lediglich laut und anhaltend kreischen soll, wenn jemand das Wort Polizei ausspricht. Irgendwann kommt der Onkel nicht mehr wieder, und das Mädchen ist auf sich allein gestellt. Yiza versteht die Menschen nicht und hat bisher lediglich überlebt, weil sie niedlich aussieht und die Passanten und Geschäftsleute ihr gern helfen. Eines Tages wird sie in ein Heim gebracht, wo sie zwei Jungen in derselben Situation kennenlernt: Arian und den 14jährigen Schamhan, der die Sprache des Mädchens versteht und für Arian dolmetscht. Die drei bilden zeitweise eine Kleinfamilie, geben einander Schutz und Wärme, bis sie nach einem Einbruch gefasst werden. Arian und Yiza können entkommen und in einem eiskalten leer stehenden Gewächshaus kurze Zeit überleben. Dann erkrankt Yiza schwer. Die Besitzerin des Grundstücks pflegt sie im Haus gesund, sperrt das Mädchen jedoch ein und will es für sich behalten. Bei Arians Versuch, seine Gefährtin zu befreien, kommt es zur Katastrophe.
Köhlmeier erzählt in nüchterner Sprache ohne jede Sentimentalität von einem Schicksal, wie es heutzutage überall in Europa vorkommen kann. Obwohl der Autor es nicht darauf anlegt, empfindet der Leser angesichts der ungeheuren Härte einer solchen Kampfes um das nackte Überleben Empathie und kommt ins Grübeln. Ein Einzelschicksal ist allemal beeindruckender als Zahlen und Statistiken. Köhlmeiers Roman ist keine herzerwärmend schöne Geschichte, sondern ein wichtiges und gut geschriebenes Buch.

Veröffentlicht am 18.02.2019

Wo ist zu Hause?

Worauf wir hoffen
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Fatima Farheen Mirzas Debütroman “Worauf wir hoffen“ erzählt von einer muslimischen Familie in Kalifornien. Die Eltern Rafiq und Laila stammen aus Indien und stellen die erste Einwanderergeneration dar. ...

Fatima Farheen Mirzas Debütroman “Worauf wir hoffen“ erzählt von einer muslimischen Familie in Kalifornien. Die Eltern Rafiq und Laila stammen aus Indien und stellen die erste Einwanderergeneration dar. Sie haben drei Kinder: die Töchter Hadia und Huda und den Sohn Amar. Die Eltern sind sehr religiös und setzen in ihrem Leben in der muslimischen Gemeinde die Überzeugungen und Glaubensvorschriften gewissenhaft um. Bei den Töchtern funktioniert das lange Zeit gut. Nur der Sohn ist von Anfang an schwierig und rebellisch, gerät immer wieder in Konflikte in der Schule und mit dem strengen Vater. Später wird Amar sagen, dass er sich in dieser Familie nie zu Hause gefühlt hat. Die Mutter liebt ihren Jüngsten über alles und versucht auszugleichen.
Der Roman beginnt mit der Hochzeit der Ältesten, die entgegen der Tradition keine arrangierte Ehe eingeht, sondern ihren Partner selbst ausgesucht hat. Sie hat ihren Bruder Amar eingeladen, der drei Jahre zuvor die Familie nach einer weiteren Auseinandersetzung mit dem Vater verlassen hat. Am Hochzeitstag sieht er Amira Ali, die Liebe seines Lebens wieder, und es kommt erneut zum Bruch, weil er vom Verrat seiner Mutter erfährt.
Die Autorin wählt eine sehr komplexe Romanstruktur, die für den Leser manchmal verwirrend ist. Sie erzählt die Familiengeschichte nicht linear, sondern mit ständigen Perspektivwechseln und Zeitsprüngen, wobei sie mal weit zu den Anfängen in Indien zurückgeht, dann wieder eine zukünftige Entwicklung beschreibt, wo Hadia und ihre Kollegen den an einem Hirntumor leidenden Vater behandeln. Es gibt kein Happy End in dieser Geschichte, aber sie endet dennoch versöhnlich, weil der Vater am Ende begreift, dass er den Vorschriften des Glaubens nicht immer oberste Priorität hätte einräumen dürfen, sondern dem Sohn auch mit Liebe und Mitmenschlichkeit hätte begegnen müssen.
Die Autorin spricht viele Themen an, die ihre eigenen Erfahrungen spiegeln: Inwieweit müssen sich Einwanderer assimilieren? Können sie nach 9/11 in einer westlichen Zivilisation noch demonstrativ ihren muslimischen Glauben leben? Wie löst die nächste Generation den Konflikt zwischen den überkommenen Traditionen, dem gebotenen Respekt gegenüber den Eltern und der Rücksicht auf das Ansehen in der Gemeinschaft einerseits und dem Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben andererseits? Mirza zeigt, wie schwer es vor allem Mädchen haben, weil sie durch Glaubens- und Verhaltensvorschriften noch viel stärker eingeschränkt sind als Jungen.
Mir hat der Roman gefallen, obwohl er sich wegen der beschriebenen Struktur, vor allem aber durch das Porträt einer von tiefer Frömmigkeit geprägten Lebensart nicht gerade mühelos liest. Die unzähligen nicht übersetzten religiösen Begriffe machen es nicht einfacher, diese fremde Welt zu verstehen, aber die Anstrengung lohnt sich.

Veröffentlicht am 27.01.2019

Warum gibt es so unendlich viele Frauen in einer unendlichen Welt?

Die zehn Lieben des Nishino
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In Hiromi Kawakamis neuem Roman “Die zehn Lieben des Nishino“ erzählen zehn Frauen jeweils aus ihrer Perspektive von ihrer Beziehung zu Yukihiko Nishino. Von frühester Jugend an hat der charmante Nishino ...

In Hiromi Kawakamis neuem Roman “Die zehn Lieben des Nishino“ erzählen zehn Frauen jeweils aus ihrer Perspektive von ihrer Beziehung zu Yukihiko Nishino. Von frühester Jugend an hat der charmante Nishino großen Erfolg bei Frauen. Keine kann ihm widerstehen, egal ob jünger oder älter, verheiratet oder in einer Beziehung zu einer Frau. Die meisten dieser Affairen halten nicht lang, und oft sind es die Frauen, die sich zurückziehen. Sie spüren, dass der Frauenheld Nishino unfähig ist wahrhaft zu lieben und gehen auf Distanz, bevor sie sich zu sehr verlieben und riskieren, verletzt zu werden. Nishino ist zwar überaus höflich und korrekt, aber nicht warmherzig oder zu Empathie fähig. Von ihm geht eine spürbare Kälte aus, manchmal auch Grausamkeit und Härte. Er ist nie treu und bemüht sich nicht einmal, seine zahllosen Affairen geheim zu halten. Einzig sein fast inzestuöses Verhältnis zu seiner 12 Jahre älteren Schwester, die Selbstmord beging, war inniger und hat ihn sein Leben lang geprägt.
Mir hat der neue Roman von Kawakami nicht so gut gefallen wie frühere, z.B. “Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß“. Die Sammlung von zehn nicht chronologisch erzählten Episoden berührt nicht – zu flüchtig und teilweise zu oberflächlich sind die dargestellten Liebesgeschichten. Liebe ist ein äußerst vergängliches Phänomen, zum Teil auch für die Frauen, die nicht Opfer sind, sondern häufig selbst sehr direkt die Initiative für sexuelle Kontakte ergreifen. Will die Autorin ein Porträt der zeitgenössischen japanischen Gesellschaft zeichnen? Manchmal kommt es mir so vor. Jedenfalls ist der kurze, schnell zu lesende Romane in jeder anderen Hinsicht charakterisiert von japanischem Ambiente, was Lebensweise, Mentalität, Speisen und Getränke und die Wohnsituation betrifft. Ein interessanter, aber nicht mitreißender Roman.

Veröffentlicht am 20.01.2019

Rache ist ein Gericht, das am besten kalt serviert wird

Die Farben des Feuers
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Pierre Lemaitres Roman “Die Farben des Feuers“ stellt die Fortsetzung des hochgelobten und 2013 mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten ersten Teils “Wir sehen uns dort oben“ dar und behandelt die ausgehenden ...

Pierre Lemaitres Roman “Die Farben des Feuers“ stellt die Fortsetzung des hochgelobten und 2013 mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten ersten Teils “Wir sehen uns dort oben“ dar und behandelt die ausgehenden 20er und beginnenden 30er Jahre. Auch im zweiten Band der geplanten Trilogie geht es um die Geschicke des Bankhauses Péricourt.
Die Handlung setzt im Jahr 1927 mit der Beisetzung des mächtigen Bankchefs Marcel Péricourt ein, an der alles teilnimmt, was in Politik und Wirtschaft Rang und Namen hat. Noch bevor sich der Leichenzug in Bewegung setzt, kommt es zu einem dramatischen Zwischenfall. Péricourts Enkel, der 7jährige Paul, stürzt sich aus dem zweiten Stock seines Elternhauses und fällt auf den Sarg des Großvaters. Seine Mutter Madeleine wird sich lange Zeit darauf konzentrieren, ihr fortan gelähmtes Kind mit Hilfe eines polnischen Kindermädchens und ihrer Haushälterin Léonce zu umsorgen. Sie ist in keiner Weise qualifiziert, ein Bankimperium zu führen und vertraut blind den Menschen, die ihr nahestehen. Wie sie später feststellen muss, haben alle sie manipuliert und betrogen: der Prokurist Gustave Joubert, der nicht mehr als Heiratskandidat in Frage kommt, die schöne Léonce, die ihre eigenen Ziele verfolgt, Madeleines Geliebter André Delcourt, der Hauslehrer des kleinen Paul, der Karriere als Journalist und Schriftsteller machen will und nicht zuletzt ihr rachsüchtiger Onkel Charles, der ohne die massive finanzielle Unterstützung seines Bruders Marcel nie etwas zustande gebracht hat. Der Verrat dieser Menschen, führt sehr schnell zu Madeleines finanziellem Ruin und ihrem sozialen Abstieg. Doch ihrem Sohn zuliebe fängt sie sich und plant einen raffinierten Rachefeldzug, um ihre Gegner zu bestrafen und auszuschalten und selbst wieder auf eigenen Füßen zu stehen.
Lemaitre bietet dem Leser nicht nur eine spannende Familiengeschichte, sondern auch das gut recherchierte Porträt der Epoche zwischen den beiden Weltkriegen. Er zeigt ein Land in der Krise, das sich noch nicht von den Folgen des Krieges erholt hat, in den Fängen von allgegenwärtiger Korruption und einer Steuerflucht von immensem Ausmaß, während es angesichts der Steuerforderungen des Staates gegenüber den weniger begüterten Schichten fast zu einem Volksaufstand kommt. Sehr gelungen ist auch das satirische Porträt einer käuflichen Presse, die nicht informiert, sondern bezahlte Meinungen druckt. Der Autor verdeutlicht den heraufziehenden Faschismus in den Nachbarländern ebenso wie die Gefahr des nächsten drohenden Krieges. Lemaitre schreibt jedoch kein trockenes Geschichtsbuch, sondern eine überaus lebendige Geschichte mit Ironie und Humor, in der er den Leser häufiger direkt anspricht und so zum Komplizen macht. Sehr witzig ist zum Beispiel die Beschreibung von Charles Zwillingstöchtern Rose und Jacinthe, die so entsetzliche Zähne haben und auch sonst dermaßen unansehnlich sind, dass sie ohne eine riesige Mitgift keine Ehepartner finden werden (S. 25). Lemaitres Roman ist raffiniert konstruiert, aber wegen der Personenvielfalt und des komplizierten, sich über lange Zeiträume erstreckenden Rachefeldzugs nicht ganz mühelos zu lesen. Mich hat der interessante, mit Gusto geschriebene Roman sehr gut unterhalten.

Veröffentlicht am 07.01.2019

Turbulenzen auf dem Fleischmarkt

Die Plotter
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Im Mittelpunkt von Un-Su Kims Debütroman “Die Plotter“, der im Original bereits 2010 erschien und jetzt die Welt erobert, steht der Profikiller Raeseng. Raeseng wurde als Säugling in einer Mülltonne ausgesetzt ...

Im Mittelpunkt von Un-Su Kims Debütroman “Die Plotter“, der im Original bereits 2010 erschien und jetzt die Welt erobert, steht der Profikiller Raeseng. Raeseng wurde als Säugling in einer Mülltonne ausgesetzt und von dem Plotter Old Raccoon aufgezogen und zum Killer ausgebildet. Sein Zuhause war und ist eine 90 Jahre alte Bibliothek, die Dog´s Library, ein Treffpunkt für Mörder. Hier hat sich Raeseng selbst das Lesen beigebracht. Mit Anfang 30 ist er seit 15 Jahren Profikiller und erledigt seine Aufträge effizient und ohne Schuldgefühle. Zu Beginn des Romans hat er den Auftrag, einen alten General aus der Zeit der Militärjunta in Südkorea zu eliminieren. Er beobachtet, wie der Alte mit seinem Hund spielt und zögert. Später wird der alte Mann ihn zum Essen einladen und bei sich übernachten lassen, obwohl er genau weiß, was ihm bevorsteht. Raeseng kommen erste Zweifel an seinem Tun, die jetzt und später beim Mord an einer jungen Prostituierten zu eigenmächtigen Änderungen des Auftrags der Plotter führen, wodurch er selbst zur Zielperson wird. Wie der Roman deutlich zeigt, gibt es eine strenge Hierarchie. Die Killer kennen die anderen Plotter meist nicht und erst Recht nicht die Auftraggeber. Alle in diesem Gewerbe Tätigen wissen, dass keiner von ihnen an Altersschwäche sterben wird. Der kleinste Fehler bei der Ausführung der Aufträge ist ihr eigenes Todesurteil.
Im Roman geht es jedoch nicht nur um Raesengs Werdegang und Schicksal, sondern auch um die gesellschaftlichen und politischen Umstände, die den “Fleischmarkt“, wo Interessenten, die es sich leisten können, Morde einkaufen, erst ermöglichen. “Die Plotter“ porträtiert ein Land im Umbruch nach der Diktatur, wo die Menschen angesichts der allgegenwärtigen Korruption und einer Vielzahl von Verbrechen auch von Seiten der Regierenden jede Hoffnung verloren haben und niemandem mehr vertrauen. Der Fleischmarkt funktioniert nach den Gesetzen der Marktwirtschaft. Es gibt viel Konkurrenz und sinkende Erträge. Ältere Plotter werden ausgeschaltet, eine neue Generation drängt an die Macht. Raeseng trifft in Mito eine Frau, die lange Assistentin eines mächtigen Plotters war und nun mit Raesengs Hilfe die Strippenzieher vernichten und belastendes Material öffentlich machen will. Sie akzeptiert, dass dies wohl ihren Tod bedeutet. Auch Raeseng weiß das. Wenn er mitmacht, gewinnt er seine Würde zurück und verliert sein Leben.
Kims Porträt einer Gesellschaft ohne Moral und Skrupel ist interessant und in seiner Machart ungewöhnlich, aber vom Thema her schon sehr gewöhnungsbedürftig. Dem Roman wird Humor nachgesagt. Ich bin jedoch sicher, nicht gelacht oder auch nur geschmunzelt zu haben. Die sprachlich-stilistischen Qualitäten lassen sich nicht wirklich beurteilen, weil es sich hier – wie so oft bei Texten aus dem asiatischen Raum – um eine Übersetzung aus dem Englischen und nicht aus der Originalsprache handelt.