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dear_fearn

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 10.04.2019

OMG! *-*

#ichwillihnberühren
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Die Ausgangssituation kann wirklich blöder nicht sein: OJ & ER liegen auf dem Bett beim netflixen, als Kumpels. ER nur in Boxershorts, OJ daneben und völlig verkrampft. Verkrampft, weil er seit bald zwei ...

Die Ausgangssituation kann wirklich blöder nicht sein: OJ & ER liegen auf dem Bett beim netflixen, als Kumpels. ER nur in Boxershorts, OJ daneben und völlig verkrampft. Verkrampft, weil er seit bald zwei Jahren verliebt in ihn ist und Angst hat, einen Schritt zu wagen. Also, was tun? OJ verfasst einen Jodel - DEN Jodel - und eröffnet der anonymen Frankfurter Jodelgemeinde Einblick in diese absurde Situation und OJ's verzwickte Lage.

Zur Generation Jodel gehöre auch ich, deshalb ist es fantastisch, dass sich die Menschen, die sonst im Deckmantel der Anonymität auf Jodel Beschimpfungen und Trolls loslassen, plötzlich so liebevoll engagieren, Tipps geben, helfen wollen, Mut machen, aber vor allem OJ die Gelegenheit geben, seinen Gefühlen Luft zu machen und Unterstützung zu bekommen.

OJ ist ein schüchterner Typ, irgendwie ein Lauch, und einer, bei dem sich das Gedankenkarussell nonstop dreht. Vor allem, wenn ER dabei ist: Kann er diesen oder jenen Satz so sagen? War das jetzt peinlich? Machen Kumpels das so? Oder schlimmer: Wenn er einen Schritt wagt, wie wird ER reagieren? Zieht ER sich angeekelt zurück? Zerbricht die Freunschaft, wenn ER von seinen Gefühlen erfährt? Was passiert, wenn ER weitererzählt, dass OJ schwul ist - werden ihn die anderen Freunde dann meiden?

Eine Scheißsituation. Man, aber so kann's ja auch nicht weitergehen. Das macht ihm die Jodelgemeinde klar. Mit gestärktem Selbstvertrauen durch so viel Zuspruch wird OJ mutiger. Und so richtig spannend wird es, als ER die Situation mal aus seiner Sicht beleuchtet und die Erzählperspektive wechselt.

Beim Lesen hatte ich selten so schwitzige Hände und so viel Herzklopfen bis zum Hals. Wow! Das ist kein Weichspülerliebesroman, sondern Adrenalin pur!

Veröffentlicht am 12.06.2019

Hübsch anzuschauen

Sich selbst vertrauen
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Das Buch ist sehr hübsch anzuschauen. Es ist klein und handlich, mit sehr schönem Cover und hochwertigen Papieren. Die Gestaltung der Kapitelbeginne mit jeweils einem Zitat gefallen mir wirklich gut. Das ...

Das Buch ist sehr hübsch anzuschauen. Es ist klein und handlich, mit sehr schönem Cover und hochwertigen Papieren. Die Gestaltung der Kapitelbeginne mit jeweils einem Zitat gefallen mir wirklich gut. Das macht es zu einem idealen Geschenk, wenn man im Umkreis jemanden hat, der einen Stups in die richtige Richtung braucht.

Leider ist der Inhalt nicht zu mir durchgedrungen. Es ist durchaus einfach geschrieben, wodurch die teils wissenschaftlich-philosophischen Inhalte für den Leser sehr gut verständlich sind. Aber es ist eben ein "Einstieg", geht nicht in die Tiefe und hat ja schließlich auch nur wenige Seiten. Da ich einige bessere Bücher als Vergleich habe, schneidet nun diese kleine Auseinandersetzung mit dem Selbstvertrauen bei mir nicht so gut ab. Anzumerken ist: Dies ist kein Ratgeber.

Veröffentlicht am 16.05.2019

Die fabelhafte Welt der Zimperliese

Mein Leben als Sonntagskind
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Das Cover kann gar nicht die Welt einfangen, in der Jasmijn lebt. Damit meine ich nicht die Wohnung in Rotterdam, in der sie mit ihren Eltern, ihrem Bruder und ihrer Hündin Senta lebt, oder die Schule, ...

Das Cover kann gar nicht die Welt einfangen, in der Jasmijn lebt. Damit meine ich nicht die Wohnung in Rotterdam, in der sie mit ihren Eltern, ihrem Bruder und ihrer Hündin Senta lebt, oder die Schule, die sie besucht. Ich meine die Welt in ihrem Kopf.

Jasmijn hat das Asperger-Syndrom - eine Form von Autismus. Niemand hat das für sie feststellen lassen. Ihre Eltern lieben sie so, wie sie ist. "So ist sie eben." ist ein Satz, den Jasmijn aus dem Mund ihrer Mutter oft hört. Sie sagt es zu Erzieherinnen, Lehrerinnen, Nachbarn und Familienmitgliedern, wenn ihre Tochter sich anders verhält, als die anderen Kinder.

Judith Visser beschreibt sehr detailliert Jasmijns Gedanken, ihre aufmerksamen Beobachtungen der Umgebung, der Geräusche, der Farben, und ihre vielseitig zarten Empfindungen. Sensibel-sein ist schwierig in dieser Welt, das weiß ich. Aber Jasmijn ist nicht nur sensibel, sie saugt ihre ganze Umgebung in sich auf wie ein Schwamm. Ihr sehr dünnes Nervenkostüm wird von allem gereizt: Zu grelles Licht, zu laute Musik, Stimmengewirr, viele optische Eindrücke in Menschenmengen oder Einkaufszentren, plötzliche Berührungen, unerwartete Fragen und damit verknüpfte Erwartungen der Fragenden. Da ist es doch kein Wunder, wenn der Kopf irgendwann voll ist und zu platzen droht.
In solchen Situationen sehnt sich Jasmijn nach Stille und ihrer Hündin Senta, nach einem ruhigen Spaziergang mit ihr im Park oder der sanften Stimme von Elvis aus ihrem Walkman.

Ich verstehe auch die Außenwelt. "Zimperliese" wird sie von ihrem Bruder Emiel genannt, der viel zu oft Rücksicht auf sie nehmen soll, obwohl doch nichts dabei ist, mal ans Telefon zu gehen, mit fremden Erwachsenen zu sprechen, ohne Strohhalm aus einem Glas zu trinken. Das sind alles Sachen, die Jasmijn nicht kann und die uns allen so normal erscheinen.

Der Schreibstil von Judith Visser ist leseleicht und als Leser gleitet man förmlich durch die über 100 Kapitel. Manch einem mag es langatmig erscheinen - ich empfand es als großes Geschenk, in den Kopf des jungen Mädchens schauen zu dürfen, in all ihren Lebensetappen. Sie ist besonders, aber sie zu lieben erfordert Geduld und Verständnis.

Veröffentlicht am 10.04.2019

Unerwarteter Rachefeldzug

Die Farben des Feuers
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Zugegebenermaßen ist dem Leser anfangs nicht klar, wohin die Reise gehen wird. Die Zeit zwischen den Weltkriegen ist keine einfache, was Madeleine Pericourt allerdings bis zum Tod ihres Vaters nicht zu ...

Zugegebenermaßen ist dem Leser anfangs nicht klar, wohin die Reise gehen wird. Die Zeit zwischen den Weltkriegen ist keine einfache, was Madeleine Pericourt allerdings bis zum Tod ihres Vaters nicht zu spüren bekam. Sie verfügte über Geld, das sie sorglos ausgab, immer in dem Wissen, dass es nicht versiegen würde. Mit dem Tod von Monsieur Pericout allerdings, änderte sich alles. Vor allem, als Madeleines Sohn Paul bei der Beerdigung aus dem Fenster stürzte und seither gelähmt und behindert im Rollstuhl gefangen war. Madeleine stand nun vor mehreren Problemen gleichzeitig: Vorwürfen (Warum war Paul gesprungen? Wurde er geschubst? War es ein Unfall? War sie eine schlechte Mutter?), dem Erbe (darum kümmerte sich Gustave Joubert), der Umrüstung des Hauses für den Rollstuhl (darum kümmerte sich Leonce), das Führen der Pericourt-Bank, ihrem Erbe, (auch darum kümmerte sich Joubert), aber vor allem dem Wohlergehen ihres Sohnes, der mit dem Leben abgeschlossen zu haben schien. In Paul investierte sie all ihre Zeit, weshalb sie alle anderen Probleme wegschob und den anderen überließ. Ihre Schwäche wurde jedoch erkannt und obwohl sich die Situation zu bessern schien, als Paul seine Liebe zur Musik entdeckt, sich mit der Sängerin Solange Gallinato anfreundet und wieder aufblüht, wurden hinter dem Rücken der kleinen Familie Pläne geschmiedet, um sie um ihr Vermögen zu bringen - ausgerechnet von ihren engsten Vertrauten.

Ich hatte erwartet, dass Madeleine sich in der Bankenwelt durchsetzen wird, ein Bild der Frau in Führungsposition vermitteln wird. Zu meiner Überraschung, war dem nicht so. Nach einer Schockstarre, dem Verlust ihres Vermögens, ihres Heims und schließlich der Erkenntnis, dass ihr Geliebter André (Pauls Hauslehrer) jahrelang ihren Sohn missbraucht hat, beschließt sie ihren Rachefeldzug an allen, die sie betrogen haben.

Ja, der Roman ist anspruchsvoll geschrieben. Ja, es gibt einiges an Politik und Bankgeschäften zu lesen. Ja, es scheint auf den ersten Blick eine trüb-traurige Geschichte zu sein. Aber nein, zu keinem Zeitpunkt ist sie öde, trocken oder langatmig. Dieses Buch ist kaum aus der Hand zu legen, spannend, raffiniert, voller Wendungen, Intrigen, Überraschungen und kleinen Lügen... Kurz: wärmstens zu empfehlen!

Veröffentlicht am 10.04.2019

Ein Appell an die Menschlichkeit

Der Wal und das Ende der Welt
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"Der Wal und das Ende der Welt" - man, was für ein Mordstitel! Da kann man ja gar nicht anders, als dieses Buch zu lesen. Ein sehr schönes Cover noch dazu! Mir gefällt, wie der Finnwal über die Gestaltung ...

"Der Wal und das Ende der Welt" - man, was für ein Mordstitel! Da kann man ja gar nicht anders, als dieses Buch zu lesen. Ein sehr schönes Cover noch dazu! Mir gefällt, wie der Finnwal über die Gestaltung hinweg in den Vordergrund rückt.

Die ersten Seiten entführen den Leser nach St. Piran, ein kleines Dörfchen am untersten britischen Landzipfel. Ein Mann wird halbtot am Strand gefunden, von einigen Dorfbewohnern unter typisch dörflicher Aufruhr geborgen und vom bereits pensioniertem Dorfarzt aufgepäppelt. Am darauffolgenden Tag sucht der Mann den Strand auf, um seine Habseligkeiten wiederzufinden und zu ergründen, wie er weitermachen soll, da er offenbar in Schwierigkeiten steckt. Was er dabei entdeckt, ist ein gestrandeter Wal. Kurzerhand mobilisiert er das halbe Dorf, um dem Wal zurück ins Meer zu helfen.

Aber dann kommt alles doch ganz anders, als man zuerst denkt. Joe ist Analyst, ein Mathematiker. An seinen Schwierigkeiten ist Cassie Schuld - ein Programm, das er für eine Bank entwickelt hat. Cassie analysiert Zeitungsartikel, stellt Zusammenhänge her und gibt Aufschluss über Aktienkurse. Der Bankdirektor, Lew Kaufmann, erkennt Joes Potential und bittet ihn, Cassie zu verändern, sodass sie in die fernere Zukunft sehen kann. Er will Fragen beantworten: Was passiert, wenn das Öl knapp wird? Was verändert sich, wenn eine Epidemie ausbricht? Wie werden sich die Menschen verhalten, wenn Nahrungsmittel knapp werden?
... Wird ein Krieg zwischen Einzelnen ausbrechen oder wird die Gemeinschaft überleben? Siegt der Egoismus oder der Altruismus? Und was passiert, wenn der Ernstfall eintritt und Joe gemeinsam mit den Bewohnern von St. Piran ihr Überleben sichern müssen?

Diese Geschichte ist erschreckend realistisch und dabei so schön geschrieben. Die leichte Erzählweise lässt den Leser wie einen großen Wal durch die Seiten gleiten. Klar, an manchen Stellen ist die Handlung etwas übertrieben dargestellt, vielleicht manchmal einen Ticken zu kitschig und verklärt, aber die letzten Seiten haben mich vom fundierten Tiefgang noch einmal überzeugt.