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Veröffentlicht am 25.01.2019

Totgesagte leben länger

Bevor wir verschwinden
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David Fuchs erzählt mit „Bevor wir verschwinden“ eine anfangs distanziert wirkende, im weiteren Verlauf durchaus berührende Geschichte eines angehenden Arztes während dessen Praktikum in der Onkologie. ...

David Fuchs erzählt mit „Bevor wir verschwinden“ eine anfangs distanziert wirkende, im weiteren Verlauf durchaus berührende Geschichte eines angehenden Arztes während dessen Praktikum in der Onkologie. Sie lässt bewusst einige Fragestellungen offen, schafft damit Interpretationsspielräume für den Leser. So erzeugt das Buch beim Empfänger indirekt je nach Wahrnehmung ganz unterschiedliche Wahrheiten.

„Bevor wir verschwinden“ offenbart am Beispiel von verschiedenen Einzelschicksalen, wie Patienten auf schwere Krankheiten und den drohenden Tod und auch wie die ihnen nahestehenden Personen reagieren. Es wird zudem deutlich, wie unberechenbar eine Krebserkrankung sein kann.

Benjamin Marius Maier, Ben, ist angehender Arzt, dem nur noch das Praktikum und ein paar Prüfungen fehlen. Er verdient sich etwas Geld dazu, indem er in einem Labor Schweine für studentische Übungen am Leben erhält. Ich habe Ben als sehr empathischen Menschen empfunden. Er wirkte in all seinen Reaktionen noch „sehr menschlich“ und nicht medizinisch abgestumpft. Im Laufe des Buches ist er mir immer mehr ans Herz gewachsen.

Ambros Wegener, ist Patient in der Onkologie mit einer desaströsen Diagnose. Trotzdem wirkt er überwiegend normal. Erst am Ende des Buches erscheint Ambros zunehmend nervöser, so als ob er ahnen würde, was noch kommt. Ambros ist allerdings nicht nur Bens Patient, sondern auch sein Ex-Freund, was natürlich Konfliktpotential mit sich bringt. In die Beziehung der Beiden hätte ich mir mehr Einblicke gewünscht. Nur einige wenige Erinnerungen wurden ans Tageslicht gebracht. Die Intensität der Beziehung und auch die Gründe für die Trennung bleiben im Nebel.

Edna, die Stationsschwester, genannt Ed, und der Oberarzt der Onkologie Wendelin Pomp geben dem Buch eine charmante Komik. Schon ihre Namen haben für mich einen gewissen Witz. Ed, ist die heimliche Chefin der Station. Sogar Dr. Pomp trinkt seinen Kaffee lieber wo anders, damit sie nicht merkt, wie lange er Pause macht. Hin und wieder erlaubt sie sich einen Scherz auf Kosten der Kollegen. Wendelin Pomp muss ein sehr erfahrener Arzt sein. Er ist durchgehend tiefenentspannt. Den Patienten auf der Station geben sie liebevolle Spitznamen, die einem zunächst irgendwie gemein vorkommen, es aber nicht wirklich sind.

Der Schreibstil ist so, wie in meiner Wahrnehmung als Frau Männer reden. Sie brauchen einfach nicht so viele Worte, um eine Sache auf den Punkt zu bringen. Das erscheint oftmals nicht angemessen gefühlvoll. In den Momenten, wo es allerdings darauf ankam, wurde dennoch die gesamte Emotionslage transportiert, was mich tief berührt hat.

Weil es das lebensbedrohende Thema Krebserkrankung sehr sympathisch verarbeitet, hat mir „Bevor wir verschwinden“ sehr gut gefallen.

Veröffentlicht am 25.01.2019

Verbrechen und Delikte der Nachkriegszeit

Vergessene Seelen
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Frank Goldammer arbeitet mit „Vergessene Seelen“ die Nachkriegszeit in Dresden gekonnt, gut recherchiert und sehr detailreich auf. Dabei geht er anhand von Einzelschicksalen, die Max Heller bei seinen ...

Frank Goldammer arbeitet mit „Vergessene Seelen“ die Nachkriegszeit in Dresden gekonnt, gut recherchiert und sehr detailreich auf. Dabei geht er anhand von Einzelschicksalen, die Max Heller bei seinen Ermittlungen begegnen, besonders auf die Verzweiflung der Bewohner Dresdens ein. Diese wird fortwährend von Hunger, Wohnungsmangel und den Nachwehen des Krieges genährt. Die Nachricht, im Westen soll eine neue Währung eingeführt werden, lässt die Hoffnungslosigkeit weiter anschwellen. Auch das Misstrauen gegenüber dem Staatsapparat wächst stetig. So hat es Max Heller alles andere als leicht, seinen aktuellen Fall, der sich um einen toten Jungen auf einer Baustelle rankt, zu lösen. Die vor meinem inneren Auge entstandene Atmosphäre wirkte realistisch und nachvollziehbar.

Ich habe Max Heller jetzt im Rahmen des 3. Bandes erst kennengelernt. Das Lesen der Vorgänger will ich demnächst nachholen. Wahrgenommen habe ich ihn als liebenden Ehemann und Vater, der es stets bereut, nicht ausreichend Zeit für seine Familie zu haben, und Alles tun würde, um Karin und Anni zu beschützen. Als Ermittler ist Heller ein Tuck zu ehrgeizig, nimmt sich unter Berücksichtigung der kriegsbedingten Gegebenheiten eigentlich immer zu viel vor. Dabei begibt er sich mehrfach selbst in Gefahr. Diese Schwächen lassen Heller menschlicher erscheinen. So wird aus ihm ein Charakter mit Ecken und Kanten, für den ich Sympathie entwickelt habe.

Ganz besonders gut hat mir Oldenbusch, der gefühlte Assistent von Heller, gefallen. Obwohl er eigentlich fast die ganze Zeit eher im Hintergrund tätig ist, wäre die Auflösung des Falls ohne ihn nicht möglich gewesen. Wann immer Heller ihn braucht, ist Oldenbusch stets ohne Murren zur Stelle. Manche Gefahrensituation Hellers wäre ohne Oldenbusch auch anders ausgegangen. Als Ruhe in Person bildet er zudem einen ausgleichenden Pol zu Max Heller. Dennoch ist er nicht nur Gefolgsmann. Klug bringt Oldenbusch seine eigenen, zum Teil auch von Heller abweichenden Ansichten zum Ausdruck.

Am besten hat mir Frank Goldammers Auseinandersetzung mit den Kinderschicksalen in der Nachkriegszeit gefallen. Wir machen uns heute gar nicht mehr bewusst, was es bedeutet, ganz besonders für ein Kind, stehlen zu müssen, damit man überhaupt irgendetwas zu essen und zum Anziehen hat. Wir wissen auch nicht, was schlimmer ist: Ohne Eltern aufzuwachsen oder bei Eltern, die ihre Kriegserlebnisse nicht verarbeiten können mit der Folge, dass sämtliche angestaute Wut auf dem Rücken der eigenen Kinder entladen wird. Wenig Liebevolles wurde vielen Kindern zu Teil. Sie wurden missbraucht für die kriminellen Machenschaften Anderer, immer in der Hoffnung auf ein Stückchen Brot. Dem stehen Lichtblicke gegenüber, wo Eltern ganz selbstverständlich für ihre Kinder ihr letztes Hemd geben.

Sprachlich wurde sehr gut durch den Roman geführt. Kurze Kapitel, die mit Zeitangaben überschrieben sind, verleiten zum langen Lesen. Ich musste mich regelrecht zu Pausen zwingen. Dabei sind die Geschehnisse so einprägsam, dass ich auch nach einer längeren Leseunterbrechung den Faden sofort wieder aufnehmen konnte. Mein einziger Kritikpunkt ist die Benamung der Utmann-Kinder. Es war für mich nicht ganz so einfach Albert, Alfons und Alfred auseinander zu halten. Dennoch gebe ich gern eine klare Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 25.01.2019

Gefährliche Ermittlungen

Erzengel
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Vielleicht ist es nicht die allerbeste Idee, in die Ermittlungsserie von Ingrid Nyström und Stina Forss mit Band 6 zu starten. Innerhalb der ersten Hälfte des Krimis war es schon eine große Herausforderung ...

Vielleicht ist es nicht die allerbeste Idee, in die Ermittlungsserie von Ingrid Nyström und Stina Forss mit Band 6 zu starten. Innerhalb der ersten Hälfte des Krimis war es schon eine große Herausforderung für mich, über die Anzahl der Personen, Mitglieder der verschiedenen Ermittlungsteams, Opfer und Angehörige, den Überblick zu behalten. Wahrscheinlich wäre es einfacher gewesen, wenn ich wenigstens schon Ingrid Nyströms Team gekannt hätte. Mit der Zeit hat sich dann auch mir das Zusammenspiel der Protagonisten erschlossen, und auch, welche Handlungsstränge den aktuellen Fall betreffen und welche wohl buchübergreifend zu verstehen sind.

Zur zweiten Hälfte hatten die Ermittlungsteams dann so viele Puzzleteile gesammelt, dass es nun richtig spannend wurde. Die ein oder andere falsche Fährte musste noch beseitigt werden und zum Ende hin gab es eine unerwartete Wende. Dieses Stilmittel finde ich immer sehr faszinierend. Denn man hat sich beim Lesen selbst ein Bild vom Fall im Kopf zurechtgelegt, das man nun noch einmal umräumen muss. Trotzdem ist auf einmal alles klar und ganz logisch.

Rein technisch betrachtet, ist das Buch in Tage eingeteilt, die sich dann wiederum in durchnummerierte, sehr kurze Kapitel gliedern. Aus meiner Sicht wird dadurch der Lesefluss gefördert. Bei den Ermittlungen zu den in Brand gesetzten Kirchen hat mir besonders gefallen, dass ich als Leser durch die am Ende eines jeden Tages eingestreuten Täterstatements den Ermittlern immer einen Schritt voraus war.

Beide Ermittlerinnen Ingrid Nyström und auch Stina Forss durchleben gerade eine Findungsphase, nachdem sie beide dem Tod gerade nochmal von der Schippe gesprungen sind.

Ingrid Nyström hat eine Krebserkrankung, die nicht nur ihr, sondern auch ihrer Familie stark zugesetzt hat, besiegt. Jetzt, wo auf der gesundheitlichen Ebene alles wieder in Ordnung ist, muss auch im familiären Täglichen wieder Normalität gefunden werden. Im Dienst scheint es schon zu passen.

Noch etwas näher als Ingrid Nyström ist mir Stina Forss, die einen Bombenanschlag körperlich und seelisch schwer verletzt überlebt hat. Während manche Verletzungen verheilt sind, bleiben andere für den Rest ihres Leben. Sie fühlt sich, was hier auch berechtigt ist, ständig verfolgt und beobachtet. Dazu kommen Rätsel aus ihrer Vergangenheit, die mit dem Anschlag zusammenhängen, die Stina noch gar nicht deuten kann.

Mir hat Erzengel gut gefallen. Es war zwar für mich der erste Fall von Ingrid Nyström und Stina Forss, aber bestimmt nicht der Letzte.

Veröffentlicht am 25.01.2019

Gutes Essen versteht Jeder

Sprichst du Schokolade?
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Cas Lester schafft es in seinem wunderschön gestalteten Buch „Sprichst du Schokolade“ geschickt, den ganz normalen Wahnsinn innerhalb einer pubertierenden Mädchen-Clique mit der beginnenden Integration ...

Cas Lester schafft es in seinem wunderschön gestalteten Buch „Sprichst du Schokolade“ geschickt, den ganz normalen Wahnsinn innerhalb einer pubertierenden Mädchen-Clique mit der beginnenden Integration der aus Syrien geflüchteten Nadima zu verquicken. Beim Lesen wird uns bewusst, wie weit der Krieg in Syrien nicht nur auf der Landkarte, sondern auch in unseren Köpfen von uns entfernt ist. Da wir nicht selbst betroffen sind, blenden wir ihn einfach aus. Das Buch zeigt auch, wie unbeholfen und plump wir mit Flüchtlingen umgehen.

Die eigentliche Aussage des Buches ist angenehm verpackt in den Schulalltag von 12-jährigem Mädchen. Durch die üblichen Probleme wie Lustlosigkeit in der Schule, gemeine Lehrer, zickige Mitschülerinnen, aber auch durch die angenehmen Dinge des Leben wie Pommes, Pizza, Cola oder Kino und Partys können sich Leserinnen schnell mit den Charakteren identifizieren.

Josephine Watson ist die Ich-Erzählerin in „Sprichst du Schokolade“. Sie ist unangepasst, hat Probleme beim Lesen und überhaupt keine Lust auf Schule. Josie hat gerade ihre eigentlich beste Freundin Lily an die Chefi der Clique, Kara, verloren, was ein mächtiges Gefühlschaos in ihr auslöst. Auch wenn ich als Mutter nur bedingt Verständnis für Josies Ablehnung von Schule aufbringen kann, mochte ich sie von Beginn an. Die kleinen und großen Fettnäpfchen, in die sie sich immer wieder reinmanövriert, machen sie mir noch sympathischer, weil nichts davon mit böser Absicht passiert.

Nadima ist ein aus Syrien geflüchtetes kurdisches Mädchen, das all die schrecklichen Dinge durchmachen musste, die wir nur aus dem Fernsehen kennen. Als am ersten Tag in der Schule neben Josie Platz nimmt, spricht sie nur ein paar Worte Englisch. Mit ein paar Süßigkeiten als Brückenbauer wird sich das jedoch in kürzester Zeit ändern.

Mir hat besonders gut die Freiheit von Vorurteilen der Mädchen und Nadima gefallen. Sie reden zunächst mit Händen und Füßen und Handys miteinander. Trotz unterschiedlicher Herkunft lieben sie altersbedingt gleiche Dinge. Josie und Nadima lernen jeweils bei gutem Essen gegenseitig ihre Familien kennen, kommen schließlich auch mit Rückschlägen zurecht. Es ist eine sehr liebevolle Geschichte, die ich gern Leserinnen im Alter der Protagonistinnen empfehle.

Veröffentlicht am 25.01.2019

Ausdauer erforderlich

Die Unruhigen
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Die Unruhigen ist die Geschichte der Patchworkfamilie um Ingmar Bergman mit besonderem Fokus auf seine Geliebte zwischen Ehefrau Nummer vier und Ehefrau Nummer fünf, Liv Ullmann, und der gemeinsamen Tochter ...

Die Unruhigen ist die Geschichte der Patchworkfamilie um Ingmar Bergman mit besonderem Fokus auf seine Geliebte zwischen Ehefrau Nummer vier und Ehefrau Nummer fünf, Liv Ullmann, und der gemeinsamen Tochter Linn. Obwohl ihre Liebesbeziehung nur kurz war, verbindet ihn mit Liv etwas Besonderes dauerhaft auf der Arbeitsebene.

Die beiden zeigen, dass es nicht unbedingt erstrebenswert ist, als Kind von zwei Berühmtheiten aufzuwachsen. Linns Eltern sind jeweils intensiv mit sich selbst beschäftigt. Für ihre Tochter nehmen sie sich kaum Zeit.

Der Vater wirkt auf mich wie ein Kontrollfreak. Essen und Trinken gibt es nur an festgelegten Orten im Haus. Man darf Ihn niemals bei seiner Arbeit stören, im Haus muss es immer ruhig sein. Im ganzen Haus sind die Fenster und Türen dauerhaft geschlossen zu halten, damit es zum einen nicht zieht und niemand sich erkältet und damit keine Fliegen ins Haus kommen. Mit seinen Kindern beschäftigt er sich nie spontan. Dafür werden Termine vereinbart. Wie beim Arzt bekommt jedes Kind hin und wieder eine Sprechzeit. Das ist für mich schon sehr befremdlich, auch dass die Gemeinsame Zeit jeweils nur ein Kind betrifft und dass es mehr eine geschäftsmäßige Aussprache ist als eine kindgerechte Auseinandersetzung. Die Organisation und Planung der eigenen Beerdigung ist am Ende nur folgerichtig.

Die Mutter ist Schauspielerin. Sie macht stets einen gehetzten Eindruck, von Rolle zu Rolle, von Liebhaber zu Liebhaber, von einem Wohnort zum nächsten und wieder zurück. Um ihre Tochter kümmert sie sich überhaupt nicht. Dafür beschäftigt sie Angestellte.

Diese Art Familienleben lässt mich Liebe und tiefe Zuneigung vermissen. Trotzdem fühlt sich Linn durchgehend zu ihren Eltern hingezogen. Jede längere Abwesenheit der Mutter schmerzt sie sehr. Sorgenvoll hofft sie inständig, die Mutter bald unversehrt wiederzusehen oder aber mindestens von ihr zu hören. Den Vater besucht sie jeden Sommer für mehrere Wochen.

Der Schreibstil von Linn Ullmann war für mich recht anstrengend zu lesen. Ich vermute, es lag an den Erzählperspektiven. Über lange Strecken hinweg wird über die Charaktere in der dritten Person, „der Vater“ oder „das Mädchen“, geschrieben. Mutter, Vater und Tochter wurden kein einziges Mal beim Namen genannt. Nur die Nebenrollen werden benamt. Zwischendurch wird dann plötzlich in die Ich-Perspektive gewechselt. So kam ich keinem Charakter richtig nahe. Erst zum Ende hin gab es eine längere Ich-Phase, die sich auch gut lesen lies. Gewöhnen musste ich mich auch erst an die eingestreuten Dialoge.

Dennoch hat das Buch einen Eindruck bei mir hinterlassen. Während des Innehaltens beim Lesen, um eigentlich die stückhaften Erinnerungen von Linn Ullmann in ein Gesamtbild zu sortieren, kam es immer wieder dazu, dass mich eigene Erinnerungen an meine Kindheit, insbesondere auch an meine Oma eingeholt haben. Ich bin dann gedanklich etwas abgeschweift. Für den Anstoß dazu bin ich dankbar.

Gefallen haben mir auch einige ganz wunderbar formulierte Textstellen. Zwei davon möchte ich hier zitieren:

„Ihre tiefste Sehnsucht war möglicherweise, bedingungslos geliebt und gleichzeitig ganz in Ruhe gelassen zu werden.“ (S. 28),

„Ein entflogenes Wort lässt sich nicht mehr einfangen.“ (S.74).

Fazit: Interessante Geschichte, komplex aufbereitet.