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Veröffentlicht am 03.04.2021

Eine Liebe zwischen 1947 und 2019

Fritz und Emma
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Fritz und Emma ein Roman von Barbara Leciejewski (Ullstein Verlag)

Emmas Vater, der sich die ganze Zeit über zusammengerissen hatte, schluchzte zum ersten Mal auf. Fritz wandte sich ihm zu und ergriff ...

Fritz und Emma ein Roman von Barbara Leciejewski (Ullstein Verlag)

Emmas Vater, der sich die ganze Zeit über zusammengerissen hatte, schluchzte zum ersten Mal auf. Fritz wandte sich ihm zu und ergriff stumm seine beiden Hände, und ebenso stumm und dankbar schüttelte Emmas Vater seine.
Und schließlich, als ihr Vater ihn losließ, blickte Fritz zum ersten Mal seit damals Emma in die Augen. S.176

Einer tragischen Liebe versucht die Frau des neuen Pfarrers, Marie in dem kleinen Ort Oberkirchbach auf den Grund zu gehen. Was 1947 als große Liebesgeschichte begann, entpuppt sich in der Gegenwart 2019 als frostiges Nebeneinanderher-Leben zweier altgewordener Protagonisten mit desolatem Gefühlsleben. Siebzig Jahre liegen zwischen dem letzten Wort, was Emma und Fritz zuletzt miteinander gewechselt haben. Noch erstaunlicher ist, dass sie in ein und demselben Dorf jeweils am anderen Ende ihr Zuhause haben.

Was geschehen ist wird in einer warmherzigen und aufwühlenden Geschichte erzählt.
Die Autorin verbindet die beiden Erzählebenen gekonnt miteinander und findet in dem flüssigen Schreibstil passende Worte, die das Lesen vergnüglich gestalten. Über die ein oder andere Länge wird hinweggelesen, wobei der Charme des Dorflebens zu keinem Zeitpunkt auf der Strecke bleibt. Die vielen kleinen Geschichten im großen Kontext dominieren den Erzählfluss und schaffen zusammen mit den angenehmen Figuren eine wundervolle Geschichte. Leise Töne bestimmen den Text und wechseln sich zwischen euphorisch verliebt über mitreißend und tieftraurig, tragisch ab. Barbara Leciejewski steht für eine Bandbreite an Gefühlen und erzählt die Geschichte von Fritz und Emma in gewöhnt leiser und emotionaler Vielfalt.

Fazit: Mir hat der neue Roman der Autorin gefallen. Eine Erzählung von Schicksal, Liebe und Freundschaft, empfehlenswert und lesenswert!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 13.03.2021

Nichts ist mehr so, wie es einmal war

Abels Auferstehung
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Abels Auferstehung ein Kriminalroman von Thomas Ziebula (Wunderlich Verlag)

„Und was willst du hier?“ „Dich abholen, Paul, was sonst?“ Junghans lächelte müde. „Ob du es glaubst oder nicht: Es gibt Arbeit.“

Anspruchsvolle ...

Abels Auferstehung ein Kriminalroman von Thomas Ziebula (Wunderlich Verlag)

„Und was willst du hier?“ „Dich abholen, Paul, was sonst?“ Junghans lächelte müde. „Ob du es glaubst oder nicht: Es gibt Arbeit.“

Anspruchsvolle Aufgaben und Ermittlungen warten auf den Kriegsrückkehrer und Kriminalinspektor der Leipziger Wächterburg Paul Steiner in seinem neuen, alten Leben. Ein Maler aus Heidelberg wurde im Hotel Fürst Bismarck ermordet aufgefunden. Dabei hat Steiner eigentlich schon genug Tote für ein ganzes Leben gesehen. Doch trotz der Leichen, die sein Beruf nun mal mit sich bringt, braucht er die Arbeit in der Kriminalabteilung wie die Luft zum Atmen. Und es bleibt nicht bei diesem einen Verbrechen. In Anbetracht der verborgenen Zusammenhänge ist jetzt die Suche nach dem Motiv und dem Mörder entscheidend.

Kriminalistische Unterstützung bekommt Paul von seinen Kollegen, Junghans, Kupfer und Co. Doch nicht nur Freundlichkeit und Teamgeist bestimmen seinen Alltag. Gegenwind weht ihm in Form seines mürrischen und spitzfindigen Vorgesetzten Kasimir und dessen Handlanger Heinze entgegen. Dabei scheint ihm auch seine Vergangenheit wieder in die Quere zu kommen. Denn desaströse Erfahrungen und unvorhergesehene Schicksalsschläge haben tiefe Spuren auf Steiners Seele hinterlassen. Er kämpft mit seinen vergangenen Dämonen und versucht dabei irgendwie die Kurve zu kriegen.

Thomas Ziebula erzählt in Abels Auferstehung eine komplexe, anspruchsvolle Kriminalgeschichte. Zur Freude der Leser, denn schwerlich erkennt man die Zusammenhänge der verschiedenen Mordfälle und Geschichten hinter den Taten.
Die atmosphärisch und stilistisch hervorragend vorgetragene Handlung füllt die Buchseiten mit Leben. Mit gezielten Handlungsunterbrechungen an spannendster Stelle am Ende fast jeglicher Kapitel gelingt es ihm ein „unbedingt-weiterlesen-Gefühl“ zu erzeugen. Die große Kunst den Bücherwurm bei Laune zu halten ist Thomas Ziebula mit diesem Roman mehr als gelungen.
Neben der eigentlichen Krimihandlung spielt der historische Aspekt eine markante Rolle. Man bekommt ein stimmiges Bild vom vergangenen Leipzig dank der interessanten und lebendigen Erzählweise. Der Autor glänzt mit einer hervorragenden Recherche und fundierten Basis über die Ereignisse jener Zeit.
Die Randgeschichten der Leipziger fließen gekonnt in die Erzählung ein. Er überzeugt mit seinen individuellen, facettenreichen Figuren, die einem ans Herz wachsen oder die man einfach nur zum Teufel scheren möchte.

Fazit: Ein spannender Krimi Anfang der 20iger Jahre in toller Aufmachung! Der 2. Teil kann unabhängig vom ersten Kriminalfall „Der rote Judas“ gelesen werden. Trotzdem sollte man sich den ersten Steiner nicht entgehen lassen, denn auch dieser Fall ist spannend bis zur letzten Seite und verspricht glänzende Krimiunterhaltung. Ich rate dringend zu einer unbedingten Leseempfehlung! Ich freue mich auf den hoffentlich baldigen 3. Paul Steiner!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 07.03.2021

Cosy-Crime in Bad Reichenhall

Kurschatten-Affäre
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Kurschattenaffäre ein Bad-Reichenhall-Krimi von Lisa Graf-Riemann
„Triffst du dich immer noch mit der Schimmel?“, fragte sie jetzt. Sascha zuckte die Schultern. Sascha zuckte mit den Schultern. „Ihr Mann ...

Kurschattenaffäre ein Bad-Reichenhall-Krimi von Lisa Graf-Riemann
„Triffst du dich immer noch mit der Schimmel?“, fragte sie jetzt. Sascha zuckte die Schultern. Sascha zuckte mit den Schultern. „Ihr Mann ist gestern Nachmittag gekommen“, sagte er, auch wenn das keine richtige Antwort war.
“Dann halt dich da raus“, riet Paulina ihm. „Das führt doch zu nichts.“
Sascha fiel auf, dass Paulinas Gesicht voller Runzeln war, dabei sah er sie doch jeden Tag. Um die Augen herum waren sie weniger tief als auf der Stirn, und besonders kräftig war die große Marionettenfalte zwischen Nase und Mundwinkel hinunter zum Kinn. Es war ihm noch nie so stark aufgefallen. S.153/154

Der Schlagabtausch zwischen Alexander, genannt Sascha und seiner Großtante Paulina spitzt sich zu, als er einer bezaubernden Frau begegnet. Eher als guter Zuhörer beansprucht Mira die Dienste des Möchtegern-Physiotherapeuten als zur Behebung körperlicher Gebrechen. Die taffe Tante richtet mahnende Worte an ihren Schützling. Doch zu spät. Sascha ist schon mittendrin im Schlamassel. Als der 20 Jahre ältere Ehemann und angesehene Mediziner seiner Kurschattenaffäre durch eine Kugel zu Tode kommt, fällt der Verdacht auf ihn. Gewitzt und mit eigenen Methoden macht sich Sascha daran, der Spur des Mörders auf die Schliche zu kommen.

Die amüsante Geschichte nimmt nur langsam an Fahrt auf. Spannend steht hier konträr zu unterhaltsam. Denn darauf liegt eindeutig der Schwerpunkt der Geschichte. Das ist in Ordnung und entspricht vollkommen der Sparte Cosy-Crime und unterhält auf charmante Art und Weise.

Die Figuren sind angenehm, wobei Tante Paulina glänzend aus der Erzählung heraussticht.

Ein großer Pluspunkt ist die bezaubernd und wunderbar beschriebene Kulisse des Kurorts Bad Reichenhall, die sich vor den Augen des Lesers entfaltet.

Die Aufmachung des Buches ist ein weiteres Highlight. Mit den goldumfassten Seiten und dem passendem Cover ist das Buch schön anzusehen und liegt gut in der Hand.

Fazit: Dank des ausgezeichneten Lokalkolorits und des charmanten, schlagfertigen Charakters der Tante Paulina, lesenswert! Wenig Krimi, aber gute Unterhaltung. Charmant, mit Potential für eine Fortsetzung!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 28.02.2021

Zeit und Ort bestimmen dein Leben!

Lebenssekunden
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Lebenssekunden ein Roman von Katharina Fuchs (Droemer Verlag)

Angelika nickte, ohne den Blick von dem Negativ abzuwenden. „Wenn sich die Mitteltöne aus dem braunen Film schälen, man eine Ahnung bekommt, ...

Lebenssekunden ein Roman von Katharina Fuchs (Droemer Verlag)

Angelika nickte, ohne den Blick von dem Negativ abzuwenden. „Wenn sich die Mitteltöne aus dem braunen Film schälen, man eine Ahnung bekommt, ob es gelungen ist, ob es was Besonderes ist oder Durchschnitt, ob man eine Lebenssekunde festgehalten oder man nur Material verschwendet hat...“

„Eine Lebenssekunde!“, wiederholte sie. „Das ist ein schöner Ausdruck!“ S.317

Zwei ganz unterschiedliche Lebenswege verbinden sich an einem historisch bedeutenden Punkt deutsch-deutscher Geschichte. Die Liebe zur Fotografie und die damit verbundene Ethik bestimmen Angelika Steins Wunsch Fotografin zu werden. 1956 lebt sie in Kassel und ist mit 15 Jahren, ohne Schulabschluss auf der Suche nach einer Lehrstelle.
Zur gleichen Zeit entscheiden im Ostteil Berlins andere über den Werdegang der jungen Leistungsturnerin Christine Magold. Gefangen in ihrem eigenen Leben bestimmen Sport und Drill ihren Tagesablauf. Mit Disziplin, Unterordnung und Gehorsam rücken die Olympischen Spiele für sie in greifbare Nähe.
Anhand Christines Schicksals kann man das Ausmaß der Maschinerie des Leistungssports der DDR hier nur ansatzweise erahnen. Mit System, Härte und unmenschlich erscheinenden Praktiken wurden politische Ziele auf Kosten Einzelner verfolgt. Abweichler wurden mit strukturierten Methoden auf Linie zurückgebracht. Ein dunkles Kapitel der Ostdeutschen Geschichte!
Auch Angelika kommt mit politischen Größen in ihrem Teil Deutschlands in Berührung. Sie erfährt, was es heißt als Fotografin in einer Männerdomäne unterwegs zu sein.
Mit Raffinesse und einer intensiven Erzählweise schreibt die Autorin hier eine eindringliche Geschichte, die unter die Haut geht. Sie erzählt abwechselnd aus dem Leben der beiden Hauptfiguren. Dabei erscheinen die Episoden und Erlebnisse von Christine und Angelika lebendig und real. Geschickt verbindet Katharina Fuchs die beiden detailreichen Erzählstränge in einem schicksalhaften Zusammentreffen.

Fazit: Durch die Aufmachung des Buches und den Plot habe ich mich angesprochen gefühlt und wollte dieses ergreifende Buch unbedingt lesen.

„Lebenssekunden“ hat mich tief berührt und ist schon jetzt das Lese-Highlight 2021 für mich. Die bewegende Geschichte von Angelika und Christine bleibt in Erinnerung. Trotz fiktiver Charaktere stehen sie für reale Einzelschicksale in beiden Teilen Deutschlands. Die Geschichte weiß, dank des bekannt einzigartigen Schreibstils und der ausgezeichneten Recherche, grandios zu unterhalten. Spannender geht Geschichte wohl kaum! Eine unbedingte Leseempfehlung!

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 07.02.2021

Sonneberg - Im Wandel der Zeit

Wo wir Kinder waren
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Wo wir Kinder waren ein Roman von Kati Naumann (Harper Collins Verlag)

Flora saß neben Otto und betrachtete die kostbaren Porzellanköpfe, die in einer Kiste auf der Bank lagen. Ein Teil von ihnen war ...

Wo wir Kinder waren ein Roman von Kati Naumann (Harper Collins Verlag)

Flora saß neben Otto und betrachtete die kostbaren Porzellanköpfe, die in einer Kiste auf der Bank lagen. Ein Teil von ihnen war schon bemalt, andere warteten noch darauf, ein Lächeln zu bekommen.
Flora fragte Otto: „Kannst du so schöne Gesichter malen?“ Otto wusste, dass er es konnte. Und schließlich hatte sie nicht gefragt, ob er es durfte. Also sagte er: „Ja.“ S.21

Drei Erben der ehemals erfolgreichen Puppenfabrik aus der zerstrittenen Familie Langbein blicken zurück auf eine traditionsreiche Vergangenheit dieser Familie.

Doch die Autorin erzählt nicht nur eine Familiengeschichte, sondern die beispiellose Geschichte einer ganzen Stadt, Sonneberg im Süden Thüringens. Denn in dem Zweig der Spielzeugherstellung waren am Anfang des 20. Jahrhunderts fast alle Familien im Ort beteiligt. In einzelnen Rückblicken blickt Kati Naumann vom Werdegang der einstigen heimischen Produktion der Puppen bis zum Aufstieg einer Weltspielwarenstadt zurück. Anhand der Episoden aus der Vergangenheit etabliert sie ein Beispiel deutscher Geschichte, historisch und wirtschaftlich gesehen. Unter dem Einfluss politischer Entscheidungen entschieden sich Menschenschicksale mit weitreichenden Folgen für eine ganze Region.

Die ausgezeichnete Recherche erkennt man in jedem Satz. Die Einflüsse der eigenen Familiengeschichte der Autorin fließen nahtlos in den Text ein und formulieren die historische Geschichte zu einem stimmigen Gesamtkontext.

Die einzelnen fiktiven Figuren sind glaubhaft dargestellt. Besonders die Charaktere des Teils aus der Vergangenheit konnten mich mitreisen und überzeugen.

Der Aufbau der Geschichte funktioniert gut und der Text liest sich dank des flüssigen und einfachen Schreibstils interessant. Der Stammbaum der Familie Langbein am Anfang und Ende des Buches trägt zur Verständlichkeit und zeitlichen Einordnung bei. Eine Danksagung, ein Interview mit der Autorin und die Zeittafel der Spielzeugindustrie in Sonneberg ergänzen das Geschriebene. Ein besonderes Augenmerk liegt auf dem Einband, dem Cover, dessen Gestaltung mir besonders gefallen hat.

Fazit: Ich bin in der DDR, in Thüringen geboren, heimatverbunden und begeisterte Leserin von Kati Naumanns Romanen. Daher hat mir diese Erzählung aus Sonneberg sehr gut gefallen. Wo wir Kinder waren verbindet eine über Jahrhunderte mit dem Spielzeug verwobene Tradition mit der Moderne und den Gegebenheiten der Geschichte. Ich kann das Buch uneingeschränkt weiterempfehlen, da es mir stimmungsvolle Lesestunden bereitet hat.

  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere