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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 16.09.2025

. Ein bewegender Roman über die Armen und Entrechteten Chinas

Glänzende Aussicht
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Die Szenerie spielt in Wuhan. Im Zentrum steht eine 11-köpfige Arbeiterfamilie in erbärmlichen Lebensumständen, was Wohnraum, Ernährung und die menschenunwürdigen Überlebensverhältnisse anbelangt. Als ...

Die Szenerie spielt in Wuhan. Im Zentrum steht eine 11-köpfige Arbeiterfamilie in erbärmlichen Lebensumständen, was Wohnraum, Ernährung und die menschenunwürdigen Überlebensverhältnisse anbelangt. Als Ich-Erzähler fungiert der früh verstorbene Bruder Acht, der alle Familienmitglieder schwerpunktmäßig behandelt, dabei die Familiengeschichte aus der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts in 14 Kapitel unterteilt. Politische Wirren wie die Kulturrevolution bringen zusätzliche Härten in Form von Landverschickung junger Menschen und Strafverfolgung der bürgerlichen Bevölkerung. Ein späteres Umdenken hinsichtlich Kapitalismus erleben Zwillingsbrüder als Kleingewerbetreibende unter von Gewalt angereicherten Arbeitsbedingungen. Diesem Ambiente entkommt der schwächste Bruder erfolgreich und steigt auf im kommunistischen Parteikader. Thematisiert werden neben Brutalität und Alkoholismus auch ständige Kämpfe mit Dock-Gangs, typische Mitgliedschaften in Bruderschaften, teils lebensgefährlicher Stehlerei von vorbeifahrenden Zügen, beschrieben in ungeschminkter Ehrlichkeit. Emotional zarte Szenen sind Mangelware. Da diese hier vorgestellte Welt des Proletariats nicht dem politisch propagierten „Sozialistischen Realismus“ entspricht, werden Werke dieser Autorin nach wie vor in China nicht publiziert.
Ein überzeugendes Aufräumen der Autorin mit dem „MÜLL“ der Kommunistischen Partei Chinas.

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Veröffentlicht am 16.09.2025

Verschiedene Welten von Vätern, ähnliche Beweggründe

Firestarter
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Auf zwei Erzählebenen finden in Belfast im Sommer 2014 leider nicht nur speziell am 12. Juli traditionell riesige Freudenfeuer zu Ehren des protestantischen Königs William von Oranien statt. Neben diesem ...

Auf zwei Erzählebenen finden in Belfast im Sommer 2014 leider nicht nur speziell am 12. Juli traditionell riesige Freudenfeuer zu Ehren des protestantischen Königs William von Oranien statt. Neben diesem damaligen historischen Glaubenskrieg geht es im Roman Firestarter auch um die zerstörerische Kraft von Gewalt der Männer, verkörpert durch die Figuren Sammy Agnew und seinen Sohn Mark, einem Psychopathen. Dessen virale Videos sorgen für Aufruhr, Chaos, Zerstörungswut. Thematisiert wird die gewichtige Rolle schwer kontrollierbarer sozialer Medien, die hier die Erinnerung an historische Konflikte intensivieren mit dem Ziel überbordender Spannungen und Krisen. Geht es auf dieser ersten Ebene um Brandstiftung, Fußballfieber und einer Hitzewelle in Belfast, handelt die zweite Ebene von der mythischen Figur einer Sirene und ihrem Baby Sophie. Der Allgemeinarzt Jonathan Murray hadert hier mit sich als verantwortungsbewusster Vater, fürchtet er sich doch vor der zerstörerischen Kraft ihrer Stimme. Beide Väter treffen aufeinander im verzweifelten, offenen Gespräch über ihre gefährlichen Kinder, reflektieren auch über ihr eigenes bisheriges, konfliktbehaftetes Leben. Das übernatürliche Element der Sirene im Leben des Arztes wirkt befremdlich und sehr konstruiert. Der Schreibstil ist in ähnlicher Weise kompliziert zersplittert wie das beschriebene politische Chaos in Belfast.

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Veröffentlicht am 13.09.2025

Wo bleibt notwendiger Raum für Selbstbestimmung neben traditionellen Hierarchien?

Glückscollage
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Die chinesisch-amerikanische Autorin scheint mit ihrem Migrationshintergrund schwer zu hadern. Weder in ihrer alten Heimat China, das in einer Entamerikanisierungs-Kampagne steckt, gelingt ihr eine Heimkehr ...

Die chinesisch-amerikanische Autorin scheint mit ihrem Migrationshintergrund schwer zu hadern. Weder in ihrer alten Heimat China, das in einer Entamerikanisierungs-Kampagne steckt, gelingt ihr eine Heimkehr noch in ihrer neuen, wo sie in den USA taktlose Verunglimpfungen, Ausgeschlossenheit, Antipathien erfährt aufgrund ihres äußeren Erscheinungsbildes. Während ihre Mutter in „Pekingente“ die Kraft hat, Kränkungen und jedwedes Leid zu negieren, leidet die Autorin sehr unter Mobbing und Einsamkeit in ihrer Schulzeit. Ihre acht Erzählungen in surrealen, skurrilen, albtraumhaften Szenarien zeigen offene Enden, wirken teilweise autobiographisch hinsichtlich der sehr belastenden Erwartungshaltung der Familie. Eigentlich passt der Buchtitel "Glückscollage" nicht, strahlen die Beiträge doch wenig Glückseligkeit und Freude aus. Selbst die Geschichte betitelt „G“, die unsichtbar machende Droge, endet schließlich befremdlich in dieser überspannten Freundschaft zu Bea. Überhaupt scheinen Beziehungen zur Mutter, zu anderen Frauen und Partnern mit vielen Problemen behaftet zu sein. Die Herkunft und ihr Verhältnis zu ihrem Herkunftsland werden oft thematisiert.
Insgesamt eine bizarre Sammlung von Geschichten.- zum Nachdenken!

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Veröffentlicht am 12.09.2025

Über das (Über-)Leben der Boat People – interessant.

Wandering Souls
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Mit der erzählenden Hauptfigur Jane, Immigrantin aus 2. Generation, wird ein Roman zwischen makabren, märchenhaften Facetten mit einigen Wahrheitsfetzen auf drei Erzählebenen aufbereitet. Ihre Familie ...

Mit der erzählenden Hauptfigur Jane, Immigrantin aus 2. Generation, wird ein Roman zwischen makabren, märchenhaften Facetten mit einigen Wahrheitsfetzen auf drei Erzählebenen aufbereitet. Ihre Familie flüchtete 1978 aus Vung Tham, südlichem Zentralvietnam, bis nach Großbritannien in den frühen Thatcher-Jahren. Der Roman beginnt mit Anh, 16, und ihren zwei jüngeren Geschwistern - aus ihrer Sicht in der 3. Person bis in die Gegenwart präsentiert. Der 2. Erzählstrang ist von Dao als Ich-Erzähler, einem der jüngeren, nicht überlebenden Brüder, der als Geist über seine drei lebenden Geschwister wacht. Schließlich handelt der 3. Strang von der erst später in der Gegenwart entpuppten Autorin, die ihre Nachforschungen und Anhs Fluchterfahrungen dokumentiert, vermischt mit eigenen Gefühlen und Überlegungen zum Romaninhalt. Über diesen großen Zeitraum von mehr als 40 Jahren werden Immigration, Deplatzierung, Flüchtlingskrisen, Trauer, Verlust, Schuldgefühle der Überlebenden, kulturelle Erwartungshaltung, Rassismus und generationsübergreifendes Trauma thematisiert. Der Buchtitel bezieht sich auf die amerikanische Operation Wandering Souls , einer psychologischen Kriegskampagne während des Vietnam-Kriegs zwecks Demoralisierung und Desertierungsermutigung der Vietcong. Diese Kriegstaktik knüpft sich an den vietnamesischen Glauben, dass für ihre Toten ein ordentliches Begräbnis in ihrem Heimatort abgehalten werden muss. Scheitert dies, würden ihre Seelen geisterhaft wie die von Dao ziellos umherirren. Gleichzeitig beinhaltet dieser Ausdruck Gefühle von Verlust und Vertreibung von Flüchtlingen, die hadern auf ihrer Suche nach neuer Heimat und Zugehörigkeit in ihrem adoptierten Land.
Diese drei Erzählebenen erscheinen nicht durchgehend wie zusammen gehörige Elemente. Das Thema von ständig begleitender Trauer, Schuld, Verantwortung und finanziellem wie beruflichem Kummer ist gut herausgestellt in ihrer Langzeitwirkung, sogar mit generationsübergreifenden Konsequenzen. Als typische Immigranten-Erfolgsstory oder als Misserfolg kommt der Roman nicht daher, bleibt eher meist auf dem realistischen Mittelpfad. Nur relativ wenige Details vietnamesischer Kultur werden beschrieben. Der Hauptfokus bleibt auf Anh gerichtet gegenüber ihren Brüdern und ihrer eigenen Familie. Nur sehr blass kommen wenige weiße Nebenfiguren daher. Große Zeitsprünge, nicht alle chronologisch angeordnet, erfordern Konzentration, erschweren den Strukturüberblick.

Insgesamt eine interessante vietnamesisch-britische Einbürgerungsgeschichte! Eine Immigranten-Geschichte mit Erfahrungen voller Mühsal und Schrecken

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Veröffentlicht am 11.09.2025

Ein einfühlsamer, Gedanken anregender Roman über ein erstaunliches Paar.

Die Konturen der Liebe
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Das Cover des Buches lässt nicht darauf schließen, dass es sich um ein solch berühmtes Liebespaar handelt, zumindest in Architektur- und Designkreisen des 20. Jahrhunderts: Bernice Alexandra, genannt ...

Das Cover des Buches lässt nicht darauf schließen, dass es sich um ein solch berühmtes Liebespaar handelt, zumindest in Architektur- und Designkreisen des 20. Jahrhunderts: Bernice Alexandra, genannt Ray und Charles Eames. Voller Kreativität und Ideenvielfalt schufen sie in den USA den Mid-Century-Stil mit neuen Standards bei Möbeln und Spielsachen neben vielen weiteren Projekten wie Filme und Ausstellungen. Besonders die Rolle der künstlerisch arbeitenden Ehefrau Ray steht ab 1941 im Mittelpunkt. Zwar genießt sie mitgestalterische Gleichberechtigung in ihrer Ehe, was in der Öffentlichkeit jedoch als alleiniger Verdienst von Charles Eames wahrgenommen wird. Interessant sind die Informationen zu neuen Techniken und Materialien bei der Herstellung von preiswerten, leichten und komfortablen Stühlen in Massenproduktion. Trotz verschiedener kreativer Ausrichtung dieser Hauptfiguren besonders in Kriegszeiten nach der Bombardierung von Pearl Harbour - hier mehr Malerei und Design, dort eher Architektur und Technik – findet sich dieses Paar über 40 Jahre hinweg vereint in ihren einander ergänzenden Schaffensprozessen sowohl privat als auch beruflich. Beziehungsfragen werden aufgeworfen: Können z.B. zwei Menschen es wirklich schaffen, ihre künstlerische Genialität zu vereinen und dadurch potenzieren, ohne ihre eigene Persönlichkeit aufzugeben?
Der Schreibstil gefällt. Bekannte Persönlichkeiten dieser Jahrzehnte begleiten das Ehepaar auf ihrer Erfolgsleiter. Gleichzeitig wird der Wandel der weiblichen Rolle in der amerikanischen Gesellschaft durch den 2. Weltkrieg beleuchtet.

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