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Veröffentlicht am 18.03.2026

Was für eine Dystopie mit vielen offen gebliebenen Fragen!

Ich, die ich Männer nicht kannte
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Dieser kafkaeske Roman, bereits 1995 veröffentlicht, reflektiert die Essenz unseres Lebens – hier aus der Sicht der Ich-Erzählerin, die bereits als elternloses Mädchen in einem unterirdischen Keller zusammen ...

Dieser kafkaeske Roman, bereits 1995 veröffentlicht, reflektiert die Essenz unseres Lebens – hier aus der Sicht der Ich-Erzählerin, die bereits als elternloses Mädchen in einem unterirdischen Keller zusammen mit 39 Frauen eingesperrt ist. Als einziger noch lebender Mensch auf diesem Planeten ohne Jahreszeiten, ohne die den Erwachsenen bekannte Welt, startet die Hauptfigur ein Fragenkarussell über Freiheit, Einsamkeit, Überlebensstrategien und ihre Sinnlosigkeit. Diese Figurenzeichnung von Kleinkind bis zur sterbenskranken Frau über 60 beschreibt sie im ersten Drittel des Romans als jüngstes Gruppenmitglied ohne jedwede Erinnerung, unter jahrelanger, mangelhafter Ernährung, ohne pubertäre Begleiterscheinungen, in vielen Gedankenszenarien als Zuhörer zwischen den ängstlichen Frauen schließlich ihren Platz findend. Nach einem unerwarteten Alarmsignal eilen die Frauen plötzlich durch geöffnete Gittertüren in die triste Ebene hinter dem Wachhaus, weit entfernt jedweder Zivilisation. Außerhalb des bisherigen vertrauten Käfigs, ohne Wärter, beginnen schnell sinnvolle Überlebensstrategien für die verängstigte Frauengruppe zu greifen, einander Halt und Hoffnung gebend, weitere Wachhäuser plündernd, bis nach vielen Jahren die vorletzte Frau voller Resignation stirbt mit der traurigen Erkenntnis, zwar frei zu sein, jedoch in Wahrheit nur das Gefängnis gewechselt zu haben. Der finale Romanteil beschreibt das abenteuerliche Weiterziehen der mutigen, neugierigen Erzählerin, mit weiteren Fragen unbeantwortet: : Was ist der eigentliche Sinn des Lebens? Und was macht ein Leben lebenswert? Auch praktische Antworten z.B. hinsichtlich des plötzlichen Verschwindens der Wärter oder zur anhaltenden Stromversorgung fehlen. In dieser deprimierenden, düsteren Atmosphäre ohne geliebte Männer werden auch queere Themen und Jungfräulichkeit angerissen.
Ein Buch mit viel Potential für Diskussionen.

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Veröffentlicht am 17.03.2026

Eine etwas unrealistische Geschichte - mit Humor und Wärme verpackt.

Eine Maus namens Merlin
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Dieses Duo, eine 83-jährige Witwe und ein zufällig im Haus entdeckter Mäuserich im hereingebrachten Sperrmüll, sie sind ungleiche Figuren in einer ruhigen Geschichte über gesellschaftsrelevante Themen ...

Dieses Duo, eine 83-jährige Witwe und ein zufällig im Haus entdeckter Mäuserich im hereingebrachten Sperrmüll, sie sind ungleiche Figuren in einer ruhigen Geschichte über gesellschaftsrelevante Themen wie Alterseinsamkeit, Langeweile und fest gefahrenen Routinen im Alltag. Der Schreibstil betont durch wiederholt detaillierte Szenenbeschreibungen wie Tee- u. Toastzubereitung oder das minutiös aufgeführte Radio-und Fernsehprogramm die tägliche Tristesse mit vielen Momenten der Überdehnung. Wie jedoch über den Verlauf von zwei Wochen aus dem ersten Impuls heraus, nämlich das Verschwinden der Maus zu bewerkstelligen, langsam aus dessen Ablehnung eine Duldung bis zur Zuneigung zu dem kleinen Tier erwächst, ist einfühlsam beschrieben. Eigentlich wandelt sich Helens einziger Wunsch, schnell und unspektakulär zu sterben, aufgrund dieser Begegnung mit Merlin in den unerwarteten Grund, doch zu leben. Allein diese Namensgebung für die Maus in der deutschen Übersetzung, der Name eines bekannten Barden, Sehers und Zauberers aus dem Artuszyklus, betont die zauberhafte, plötzliche Wendung in Helens zweitem Leben. Über ihre kleinen Begegnungen z. B. in Bibliothek, Metall- und Eisenhandel oder Krankenhaus entstehen zwar tröstliche soziale Kontakte, die aber teils unrealistisch bzw. überzogen wirken.
Insgesamt ein gut gemeintes Wohlfühlbuch, etwas fern der Realität!

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Veröffentlicht am 15.03.2026

Ein Roman über emotionale Abhängigkeit und innere Konflikte.

Gelbe Monster
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Der Buchtitel und das Cover mögen sich symbolisch beziehen auf das 𝘉𝘭𝘶𝘮𝘦𝘯𝘮𝘶𝘴𝘵𝘦𝘳 der alten gelben Tapete in der Wohnung der Hauptfigur Charlie, 𝘸𝘪𝘦 𝘒𝘰̈𝘱f𝘦 𝘬𝘭𝘦𝘪𝘯𝘦𝘳 𝘔𝘰𝘯𝘴𝘵𝘦𝘳 wirkend. Sie stehen stellvertretend ...

Der Buchtitel und das Cover mögen sich symbolisch beziehen auf das 𝘉𝘭𝘶𝘮𝘦𝘯𝘮𝘶𝘴𝘵𝘦𝘳 der alten gelben Tapete in der Wohnung der Hauptfigur Charlie, 𝘸𝘪𝘦 𝘒𝘰̈𝘱f𝘦 𝘬𝘭𝘦𝘪𝘯𝘦𝘳 𝘔𝘰𝘯𝘴𝘵𝘦𝘳 wirkend. Sie stehen stellvertretend für die vielen inneren Konflikte, ihrer emotionalen Erwartungshaltung, ihrer Wut und fehlenden Selbstsicherheit. Diese junge PhD-Studentin für Mathematik mit dissozialem Verhalten und innerer Leere findet sich als Ich-Erzählerin auf einer von mehreren Erzählebenen zunächst in einem Anti-Aggressionstraining für Frauen wieder. Charlies Amour fou mit dem Literaturstudenten Valentin zeigt sie verletzt wie ein Gewaltopfer, was in weiteren Vor- und Rückblenden in diversen Szenarien enträtselt wird. Ihre zunächst liebevolle Liaison versinkt in eine obsessive Beziehung mit zunehmenden Übergriffen ihrerseits, mit Ohrfeigen und Wutausbrüchen gegenüber Valentin bis zu selbstzerstörerischer Gewalt. Welche Erlebnisse aus ihrer Kindheit im Zusammenhang mit ihrer Mutter zu dieser destruktiven Selbstabwertung, ihrer mangelnden Selbstliebe und Unsicherheit geführt haben, bleibt unklar. Thematisiert werden auch die gewichtige, enge Freundschaft mit Ella, das Patriarchat als Auslöser weiblicher Gewalt und nur sehr subtil das problematische Verhalten des Partners Valentin. Die Therapiesitzungen in ihrer Vielseitigkeit regen zum Nachdenken an. Die vielen Zeitsprünge mit einzelnen Puzzleteilen sind nicht klar durch Kapitel voneinander getrennt. In diesem doch ungewöhnlichen Setting mit der jungen, intelligenten, angehenden Mathematikerin wirkt die monatelange Vernachlässigung ihrer Doktorarbeit und vor allem die Absage der ihr angebotenen wissenschaftlichen Stelle in Madrid sehr unrealistisch, denn vor allem die Chance auf ein erneutes Angebot einer solchen interessanten beruflichen Position ist rar.
Das schwierige Thema von Charlies Amour fou berührt.

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Veröffentlicht am 14.03.2026

Offenlegung von wahren Gefühlen im Angesicht des Todes – berührend!

Die Liste der Lebenden
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Das Cover zeigt die SS Austria während ihrer Überfahrt von Hamburg nach New York auf dem ruhigen Atlantik. Das eiserne, überbelegte Dampfschiff sank am 13. September 1858 nach einem Brand, wobei nur 89 ...

Das Cover zeigt die SS Austria während ihrer Überfahrt von Hamburg nach New York auf dem ruhigen Atlantik. Das eiserne, überbelegte Dampfschiff sank am 13. September 1858 nach einem Brand, wobei nur 89 der 542 Passagiere gerettet wurden – historisch belegt. Durch Leichtsinn brach dort ein Feuer aus, nachdem zur Desinfektion des Zwischendecks statt Essig zum Auswaschen Teer zum Ausräuchern verwendet wurde und ein benutztes Gefäß umgestürzt war. Die Ära war geprägt vom Übergang von reinen Segelschiffen zu dampfunterstützten Schiffen (Mischantrieb). Dieser historische Roman porträtiert nicht nur Hans Christian Andersen und seine tiefe Verbindung zu seiner Seelenverwandten Henriette Wulff in Form eines Briefromans, seine Queerness, sondern auch sein karges Leben mit literarischen Verknüpfungen zu seinen Märchen, auch in Verbindung mit Zeitgenossen wie z.B. Kierkegaard, Alexander Friedländer oder Theodor Eisfeld. Angerissen wird die gescheiterte Revolution von 1848/49 mit Verbannten und politisch Enttäuschten und deren Vorstellungen von ökonomischen Erfolgsaussichten und politischer Selbstbestimmung in den USA.
Der Schreibstil des 19. Jahrhunderts, mit dem eher intimen, melancholischen Briefwechsel als Stilmittel, gibt dem Roman eine authentische Wirkung. Mit Jette, 53, nackt auf einer Holztür dahintreibend, nur vier Tage vom rettenden, verheißungsvollen New York entfernt, wird ein dramatisches, berührendes Ambiente aufgebaut. In gewählter Ausdrucksweise werden auch existenzielle, philosophische Gedanken aufgeworfen, ehrlich, offen und weit entfernt von einengenden Konventionen und prüdem Standesdenken.
Eine unglückliche, bisher unbekannte Liebesgeschichte mit einem leisen Tod inmitten von großem Sterben.

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Veröffentlicht am 12.03.2026

Eine spannende Osterwoche in Neapel

Commissario Gaetano und das letzte Abendmahl
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Das Cover täuscht idyllische, ruhige Feiertage am Wasser vor, einladend mit maritimem Flair. Doch die zwei Hauptfiguren Commissario Salvo Gaetano und seine junge Kollegin, die Fischerstochter Beppa Belucci ...

Das Cover täuscht idyllische, ruhige Feiertage am Wasser vor, einladend mit maritimem Flair. Doch die zwei Hauptfiguren Commissario Salvo Gaetano und seine junge Kollegin, die Fischerstochter Beppa Belucci holen eine Wasserleiche aus dem Hafenbecken mit zu klärender, komplexer Hintergrundgeschichte, ob Unfall oder Mord. Im weiteren Verlauf spielt die Firma Spiraform, Hersteller von Premium-Algenprodukten, als größter Arbeitgeber der Stadt Neapel eine wichtige Rolle. Mindestens zwei seiner Mitarbeiter sind in dunkle Machenschaften verwickelt. Die traditionellen Osterfeiertage mit ihren Prozessionen im Verkehrschaos, mit seinen vielen kulinarischen Köstlichkeiten bilden den Rahmen für eine hartnäckige, sehr verwinkelte Ermittlungsarbeit. Sowohl der Kommissar als auch seine übereifrige und engagierte Kollegin setzen sich auch mit familiären Themen auseinander, was ihnen einen sympathischen Touch gibt. Die zahlreichen Nebendarsteller und italienischen Begriffe erschweren das Verfolgen der Handlung mit vielen Nebenschauplätzen. Thematisiert werden auch der Scirocco mit seinen Auswirkungen auf Wind, Wellen und Fischerei, sowie Produkt-Fälscherei mit Algen und die ehemalige Korallenverarbeitung in Torre del Greco bei Neapel.
Insgesamt ein interessanter, atmosphärischer Krimi. 3,5*

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