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Veröffentlicht am 12.02.2026

Erzählen wird zur Kunst!

Die Enthusiasten
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Schon das farbenprächtige Cover, sehr dynamisch mit explosiver Farbgebung, ist ansprechend.
Die nordenglische, verschlafene Kleinstadt Coxwold in der Nähe von York und das elterliche Hexenhäuschen bei ...

Schon das farbenprächtige Cover, sehr dynamisch mit explosiver Farbgebung, ist ansprechend.
Die nordenglische, verschlafene Kleinstadt Coxwold in der Nähe von York und das elterliche Hexenhäuschen bei Frankfurt am Main bilden die besondere Szenerie für die munteren, fantasievollen Erzählungen von Vincent Bär, dem 26-jährigen Ich-Erzähler. Die gemeinsame Familienvergangenheit rund um Kindheit, Jugend, besessener Berufstätigkeit auch der Geschwister mit lesebesessenen Eltern wird alternierend eingestreut in gesamt elf Büchern bzw. Kapiteln. Vince stellt dabei seine liebenswürdige, skurrile Familie als Enthusiasten verschiedener Couleur vor. Er selbst als schillernde Hauptfigur ist besessener Laurence-Sterne-Fan, der bekannt als Mr. Shandy die kuriose bis humorvolle Verfolgung des angeblichen zehnten Bandes von Tristram Shandy auf sich nimmt. Dieser sensationelle Fund führt jedoch final zu tiefgehenden Gedankengängen über menschengemachte Kunst contra künstliche Intelligenz.
Eine vermeintliche Postkarte aus Santo Stefano von ihrer Mutter oder das tagelange Bücher-vergraben des Vaters im Schwimmbadgrab im Garten sorgen zwischendurch für zusätzlichen Wirbel.
Im 10. Buch führen weitere bildlich voluminös beschriebene Eskapaden zu langsam sich steigernder Dramatik in der stetig erweiterten Konferenzschaltung über Vince’ Handy. Vaters abzuarbeitende Liste von 50 Sätzen mit den allermeisten Wiederholungen aus ihm bekannten Büchern wirkt dabei noch zahm, machen die Dialoge miteinander jedoch spritziger, humorvoller. Mit Nebenfiguren wie der rätselhaften Thailänderin Natcha, Fat Wayne mit Quences, dem Hund, oder Morton Minelli erhält der Roman mehr Bodenhaftung, aber auch noch mehr charakterliche Vielfalt. Der Schreibstil ist voller Humor und Kreativität, weltumspannende Klassiker inhaltlich mit einbeziehend. Aber mit dem Abschieben des Vaters ins Altersheim wird auch Gesellschaftskritik geübt.
Insgesamt ein Lesegenuss!

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Veröffentlicht am 12.02.2026

Eine Hommage an die verlorene Kunst des Briefeschreibens

Der Briefladen, in dem die Zeit stillstand
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Die Autorin Baek Seungyeon, die - wie sie selbst sagt - an die Kraft der Herzlichkeit glaubt, beschreibt in ihrem ruhigen, sanften Roman die Macht und große Kraft des geschriebenen Wortes in einer zunehmend ...

Die Autorin Baek Seungyeon, die - wie sie selbst sagt - an die Kraft der Herzlichkeit glaubt, beschreibt in ihrem ruhigen, sanften Roman die Macht und große Kraft des geschriebenen Wortes in einer zunehmend anonymen, menschlich isolierten Welt ohne mitmenschliche Verbundenheit. Über vier Jahreszeiten in Seoul arbeitet die junge Hauptfigur Hyoyeong aushilfsweise im Briefladen eines befreundeten Ex-Studenten. Sie schafft es trotz ihrer Wut auf Familie und beruflicher Enttäuschung als Regisseurin, wieder zu emotionalem Konsens und realistischer Berufseinschätzung als Drehbuchautorin zu finden.
Tatsächlich gibt es dort einen solchen Penpal Shop mit Service Angeboten wie im Buch beschrieben. Sogar den Wal (spermwhale) als Briefbeschwerer und Ink Wood Frangrance gibt es dort zu kaufen. Überzeugend ist der Autorin gelungen, das Briefe schreiben zur zeitgenössischen Kultur zu machen, hier hauptsächlich um Hoffnung, Mitgefühl, Träume, Trauerbewältigung und Sinnsuche ihrer sieben ausgewählten Kund*innen auszudrücken. Deren verschiedene Charaktere und jeweilige Lebensverhältnisse, aber auch der ältere Briefladen in Yeonhui als sicherer Zufluchtsort zwischen alten Wohnblocks werden einfühlsam in wohlwollendem Schreibstil beschrieben. Als berührend sanft werden die Magie und die heilsame Wirkung anonym geschriebener und gelesener Worte des Trostes, der Sehnsüchte oder der Erinnerung empfunden. Vielleicht mag man sich als Schreibender tatsächlich leichter öffnen, wenn Absender und Adressat in scheinbarer Anonymität miteinander leben.

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Veröffentlicht am 06.02.2026

Menschliche Abgründe spannend verpackt!

Das Signal
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Der Krimititel Das Signal spricht die kreative Verwendung von Mini-Trackern an, die im Thriller für genügend Spannung sorgen mit der Heraufbeschwörung von kreativen Geheimnissen und offensichtlichen Ungereimtheiten ...

Der Krimititel Das Signal spricht die kreative Verwendung von Mini-Trackern an, die im Thriller für genügend Spannung sorgen mit der Heraufbeschwörung von kreativen Geheimnissen und offensichtlichen Ungereimtheiten wichtiger Figuren. Das ansprechende Cover wirkt futuristisch gestaltet. Beklemmende Grundstimmung tritt besonders im abseits gelegenen Haus außerhalb Wiens mit baufälligem Weinkeller auf, verstärkt besonders durch die wortkarge, undurchsichtige Pflegerin Ottilie. Die starke Hauptfigur Viola Becker, Innenarchitektin, fühlt sich nach der Behandlung im Krankenhaus als Amputierte abgeschoben und gefangen im eigenen Haus, belogen und bedroht. Trotz der Bewegungseinschränkung durch den Verlust ihres linken Beins schafft sie es, durch geschickte Positionierung von etlichen Mini-Trackern gewissen Rätseln bei Ehemann, Freundin, Pflegerin und externem Schatten auf die Spur zu kommen. Kreative Ideen in Dialogen rund um Geheimnisse und Lügen führen auch zu gefährlichen Aktionen. Technisch relativ neue Ideen wie dieses GPS-Tracking und der Gebrauch von Bitcoins beleben die nicht alltägliche Szenerie. Während die Hauptfigur Viola als Ich-Erzählerin mit Durchhaltevermögen und cleverem, rationalem Verhalten punktet, wirkt ihr Ehemann Adam trotz anfänglicher Sorge schnell grau, schwach, durchtrieben und verlogen. Wenn auch schwer einzuschätzen, wirkt die rumänische Pflegerin und Haushälterin Ottilie in ihrem Charakter äußerst unfreundlich, kalt und schroff, sorgt so für gruselnde Spannung. Violas Freundinnen sorgen ebenfalls für negative Puzzlestücke, während der behinderte Benno in seiner Unschuld als liebenswerte, ehrliche und vertrauenswürdige Nebenfigur die bedrückende Stimmung hebt. Die Figurenzeichnung wirkt realistisch und authentisch, die Handlung ist logisch nachvollziehbar, der klare Schreibstil gefällt in seiner Wortwahl. Informativ ist auch der medizinische Behandlungsverlauf bei Amputationen mit Spiegeltherapie etc.
Ein spannender Thriller!

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Veröffentlicht am 01.02.2026

Sexueller Machtmissbrauch – ein ernstes Thema ohne genügend Tiefe

Hazel sagt Nein
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In vier Teilen geht es um die jüdische Akademikerfamilie Blum, die vom pulsierenden Brooklyn ins beschauliche Riverburg in Maine umziehen. Deren achtzehnjähriger Tochter Hazel, Hauptfigur dieses Romans, ...

In vier Teilen geht es um die jüdische Akademikerfamilie Blum, die vom pulsierenden Brooklyn ins beschauliche Riverburg in Maine umziehen. Deren achtzehnjähriger Tochter Hazel, Hauptfigur dieses Romans, passiert in der dortigen Senior-Highschool-Abschlussklasse als Neuzugang ein ernst zu nehmender sexueller Machtmissbrauch durch den Schuldirektor. Am ersten Schultag eröffnet er ihr grenzüberschreitend in seinem Büro: Jedes Jahr suche ich mir eine Schülerin aus, mit der ich Sex habe. Dieses Jahr nehme ich dich. Und Hazel sagt: NEIN.
Die Familienmitglieder werden im ersten Teil vorgestellt: Hazels Vater, Professor für Amerikanistik am College in Riverburg, dessen Stelle mit einer sehr benötigten Studienbeihilfe für Hazel verbunden ist. Ihre Mutter Claire vertieft sich vor allem in Shopping, Vintage-Bekleidung favorisierend. Hazels 11-jähriger Bruder Wolf mit ADHS-Syndrom und unterdurchschnittlicher Sozialkompetenz wird zu verzerrt und nicht altersgerecht dargestellt. Überhaupt nehmen die Nebenschauplätze wie die Cancel-Story in der Vorlesung des Vaters, das langweilige Hausfrauendasein der Mutter oder Hazels Kontakt zum Studenten Noah zu viel ablenkenden Raum ein. Im Kern geht es doch um eine junge Frau mit starkem Wunsch, erfolgreiche Schriftstellerin zu werden und dies trotz ausgrenzender, gesellschaftlicher Widrigkeiten und sogar hautnah spürbarem Rassismus aufgrund ihrer mutigen Entscheidung. Zwischen den angerissenen Themen wie Machtmissbrauch, Antisemitismus, dynamische Medienmechanismen nebst Feminismus verlieren sich die Ängste und Unsicherheiten in Hazels Leben. Ihr überlegter Weg, wieder die notwendige Kontrolle über ihr Leben zurück zu erlangen, ist kein rebellischer Umgang des Opfers mit der traumatischen Erfahrung und mag jüngeren Frauen auch vom Schreibstil her gefallen. Dass natürlich auch alle Familienmitglieder und das zerrissene Umfeld in der Kleinstadt auf die mehrfachen Äußerungen des Schuldirektors White verschieden reagieren, wird berücksichtigt. Während er, der Täter, zum großen Teil Randfigur bleibt, verläuft Hazels Umgang mit eigener innerer Zerrissenheit und Schuldzuweisung vergleichsweise zu oberflächlich, emotional schlecht greifbar.
Mehr Tiefgang beim Thema sexueller Belästigung, mehr Konzentration auf die emotionale Komponente bei der jungen Hauptfigur, mehr Gewicht auf einen sensiblen Schreibstil hätte man sich gewünscht.

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Veröffentlicht am 01.02.2026

Eine leichte Sommergeschichte!

Das letzte Kind hat Fell
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Die sommerliche Szenerie spielt größenteils in Olhao, Portugal, zwischen Strand, portugiesischem Ambiente und quirligem Familienchaos. Thematisiert werden mit der Adoption der Hündin Fellina die emotionale ...

Die sommerliche Szenerie spielt größenteils in Olhao, Portugal, zwischen Strand, portugiesischem Ambiente und quirligem Familienchaos. Thematisiert werden mit der Adoption der Hündin Fellina die emotionale Bindung und Vermenschlichung von Haustieren, aber auch der große Wunsch nach sinnvoller Lebensveränderung speziell im Rentenalter, weg vom bisherigen, allzu stark eingefahrenen Alltag. Die bunte Mischung der Familienmitglieder, mit eigenwilligen Rentnern, ihrer LKW fahrenden Tochter und deren erwachsenem schwulem Sohn, sorgt nicht nur für komische bis humorvolle Alltagsszenen, sondern auch für Peinlichkeiten rund um das Thema Homosexualität. Jede Figur hat andere Lebenserwartungen, Zweifel und Freiheitsgedanken, verbunden mit dem Wunsch nach neuen, liebevollen Akzenten. Die Offenheit für zufällige Ereignisse im Leben, die Bereitschaft für Neues und Ungeplantes werden bewusst herausgestellt. Obwohl der Umgang mit Emotionen und sexueller Orientierung etwas Tiefenwirkung zeigt, schwingt mehr Urlaubsfeeling durch gefällige Landschaftsbeschreibungen mit. Drei Generationen einer bunten Familie voller Erwartungen an einen Neuanfang – eher leichte Kost!

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