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Veröffentlicht am 19.07.2022

Single-Mutter käpft un Weg aus der Armut

Maid
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Die Netflix-Serie "Maid" ist mir unbekannt (ja, es gibt noch Menschen, die haben kein Netflix. Ich gehöre dazu.) Die Beschreibung der Lebensgeschichte von Stephanie Land fand ich aber interessant. Nachdem ...

Die Netflix-Serie "Maid" ist mir unbekannt (ja, es gibt noch Menschen, die haben kein Netflix. Ich gehöre dazu.) Die Beschreibung der Lebensgeschichte von Stephanie Land fand ich aber interessant. Nachdem ich das Buch gelesen habe, habe ich allerdings durchwachsene Reaktionen: Es zeigt einerseits eindrücklich auf, wie schnell der Abstieg in Armut und Obdachlosigkeit drohen, wenn ein Job, eine Beziehung etc wegbricht und plötzlich der Kampf ums Überleben anfängt. Das ist in den USA mit ihrem viel schlechteren sozialen Netz sicherlich noch deutlich schlimmer und schneller als hierzulande, ebenso wie das Stigma von Armut und Bezug von Sozialhilfe.

Auf der anderen Seite fand ich die Autorin an vielen Stellen larmoyant, emotional bedürftig und sich in eine Opferrolle hineinsteigend. Sich als Opfer ehelicher Gewalt darzustellen, weil ihr Ex sie angeschrieen hat und dann jahrelang Panikattacken geltend zu machen - mein Gott, was sollen denn da erst Frauen sagen, die echte Gewalterfahrungen machen müssen. Auch das Gejammere, so wenig Zeit für sich zu haben, weil sie 20 Stunden arbeitet. Ich kenne genügend Single-Mütter, die Vollzeit arbeiten und denen auch gar nichts anderes übrig bleibt. Merkwürdig fand ich auch, dass sie sich zum Freigeist stilisiert, weil sie Tattoos hat - die sind doch heutzutage eher die Regel als die Ausnahme, und das Umland von Seattle ist nun wirklich nicht für reaktionäres Klima bekannt.

Na ja, anscheinend hat sie ja schon ausgiebig in ihrem Blog, das dem Buch zugrunde liegt, innere Nabelschau gehalten und Hilfsaufrufe gestartet beziehungsweise sich selbst bedauert. Mich persönlich nervt so eine Haltung, deswegen habe ich auch beim Lesen immer wieder mit den Zähnen geknirscht, vor allem dann, wenn sich Stephanie auf Beziehungen eingelassen hat, die mehr Versorgungscharakter hatten als auch irgendwelchen Gemeinsamkeiten oder Gefühlen beruhten, dass sie eine starke Frau sein will und dann eine Schulter zum Anlehnen sucht. Gerade dann, wenn eigentlich schnell klar ist, dass die betreffende Schulter nicht geeignet ist!

Interessant fand ich dann wieder die Erkenntnisse und Beschreibungen der Häuser, in denen sie geputzt hat, das Verhältnis oder Nicht-Verhältnis zu den Bewohnern, die unterschiedlichen sozialen Gefüge, den Aufstieg oder Abstieg innerhalb einer Familie. Schließlich hatten die eigenen Großeltern in einem Trailer gelebt, die Familie hatte Lebensmittelmarken bezogen - es war also nicht eine völlig neue oder schockierende Erfahrung, plötzlich auf staatliche Unterstützung angewiesen zu sein. Insofern habe ich mich beim Lesen mitunter gefragt, wieso Stephanie mitunter so eine "Ich alleine gegen die böse, harte Welt"-Haltung hat, wenn sie doch genau weiß, dass sehr viele Menschen in einer ähnlichen Situation sind und kämpfen müssen, über die Runden zu kommen.

Das Thema, raus aus der Armutsfalle, ist sehr aktuell und leider auch hierzulande etwas, was immer mehr Menschen betrifft. Steigende Energiepreise und Inflation werden das sicher noch weiter antreiben. Schade nur, dass die Umsetzung eher mittelmäßig ausfiel.

Veröffentlicht am 06.07.2022

Wohlfühlkrimi aus der Toskana

Flüssiges Gold
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Ganz ohne Mafia geht es auch in Paolo Rivas Cozy-Krimi "Flüssiges Gold" nicht. Doch auch wenn die Arme der "ehrenwerten Gesellschaft" weit reichen - die Toskana ist nicht Neapel, Bari oder Sizilien. ...

Ganz ohne Mafia geht es auch in Paolo Rivas Cozy-Krimi "Flüssiges Gold" nicht. Doch auch wenn die Arme der "ehrenwerten Gesellschaft" weit reichen - die Toskana ist nicht Neapel, Bari oder Sizilien. Und Dorfpolizist Luca, alleinerziehender Vater und trotz einer Vergangenheit als Ermittler gegen das Organisierte Verbrechen zufrieden mit dem ruhigen Lauf der Dinge vor Ort, würde sich am liebsten den kleinen Problemen widmen - etwa der Frage, was aus den fehlenden Buchstaben des Ortsschildes geworden ist. Um so mehr Zeit bleibt schließlich, sich der kleinen Tochter und den drei Eseln zu widmen, einen Espresso in de Kaffeebar zu trinken, aus dem Dorfklatsch erfahren, wo es womöglich Probleme gibt.

Doch dann bricht die Gewalt in die Idylle, Schüsse knallen über den Marktplatz und im Ziel der Anschläge stehen Olivenbauern. Ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, als ein anderer Olivenbauer nach jahrelangem Koma Zeichen zeigt, er könne vielleicht doch aufwachen. Doch war er tatsächlich das Opfer eines Unfalls oder Schlaganfalls, oder hat jemand nachgeholfen? Könnte es bei der Gewinnung von Olivenöl womöglich nicht mit rechten Dingen zugehen?

Lucas Ermittlungen werden durch Amtshilfe erschwert. Denn die Staatsanwaältin, die aus Florenz anreist, ist von einer geradezu einschüchternden Energie und mit dem eher gemächlichen aber stetigem Stil Lucas nicht wirklich kompatibel. Da ihre forsche Art bei den Dorfbewohnern nicht wirklich gut ankommt, müssen sich die beiden erst einmal zusammenraufen, wobei gemeinsames Eselfüttern und gutes toskanisches Essen so manche Spannung auflöst.

Mit "flüssiges Gold" hat Paolo Riva einen Wohlfühlkrimi mit viel Lokalkolorit geschrieben, bei dem beim Lesen gleich Apettit auf die Aromen der italienischen Küche, auf perfekte Spaghetti und den Genuss eines in Olivenöl gestippten Stücks Brot aufkommt. Unterhaltsame Spannung für Italienurlauber und Daheimgebliebene.

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Veröffentlicht am 05.07.2022

Gangsterdrama wie eine griechische Tragödie

City on Fire
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Der fatale Sog einer schönen Frau, Eifersucht und obsessive Liebe, Vater-Sohn-Konflikte und zerbrechende Freundschaften, die in Tod und Blutvergießen enden: Der Auftakt von Don Winslow´s Triologie um ...

Der fatale Sog einer schönen Frau, Eifersucht und obsessive Liebe, Vater-Sohn-Konflikte und zerbrechende Freundschaften, die in Tod und Blutvergießen enden: Der Auftakt von Don Winslow´s Triologie um einen irischen Gangsterclan hat es in sich. "City of Fire" spielt nicht nur mit Zitaten aus "Der Pate", schon die den einzelnen Abschnitten vorangestellten Zeilen von Homer und Virgil machen klar: dieses Gangsterepos hat etwas von einer griechisches Tragödie und der Trojanische Krieg zwischen den Murphys und den Morettis findet diesmal auf Rhode Island statt. Als Soundtrack glaubt man beim Lesen fast den frühen Bruce Springsteen im Hintergrund zu hören: Blue Collar Rock and Roll, der Abgesang auf den Amerikanischen Traum, während die Werften und Fabriken immer weniger das Einkommen sichern.

Dabei ist der Job im Hafen nicht wirklich der Haupterwerb des Protagonisten Danny Ryan. Er treibt für seinen besten Freund Pat Schulden und Schutzgelder ein, ist mit dessen Schwester verheiratet und damit der Schwiegersohn des irischen Paten John Murphy, der im Providence der 1980-er Jahre die Geschäfte am Hafen kontrolliert.

Im Organisierten Verbrechen herrscht die Maxime "Teile und Herrsche" - Die Iren kontrollieren den Hafen, die Italiener die Restaurants, Glücksspielautomaten und die Prostitution. Drogenhandel gilt den Altmodischer der Ehrenwerten Gesellschaft als unmoralisch, das Geschäft wird lieber den Afroamerikanern überlassen, doch eine junge, ehrgeizige Gangstergeneration hat angesichts der Gewinnspannen beim Drogenhandel weniger Skrupel.

Das korrupte, aber gut funktionierende System bekommt Risse, als eine Frau auftaucht: Pam, Tochter aus protestantischer Ostküstenfamilie, dem WASP-Geldadel, der sich traditionell den irischen wie den italienischen Einwanderern überlegen fühlte, ist die Freundin von Paulie Moretti, dessem Bruder Peter der designierte Nachrücker der italienischen "Familie" ist. Liam Murphy, schwarzes Schaf der irischen Gangsterfamilie, ist ebenfalls schwer beeindruckt von der Ostküstenschönheit. Als er seine Finger nicht von ihr lassen kann, eskaliert der testosterongesteuerte Konflikt zum Gangsterkrieg, bei dem alle nur verlieren können.

Es geht um Ehre und Respekt, um Rache, um Freundschaft und Loyalität. Sage keiner, dass Gangster keine traditionellen Werte haben! wie Winslow diese Saga zusammenfügt, wie es auf vielen Ebenen Loyalitätskonflikte, verletzte Gefühle und private Tragödien gibt und wie gleichzeitig ein spannender Thriller bei allen vertrauten Szenarien des Genres zustande kommt, das sollte jede/r Leser/in selbst feststellen. Dieses Buch schreit geradezu nach Verfilmung für die große Leinwand und hat das Potenzial, den Kultfilm "Der Pate" zu erreichen. Wobei in diesem Fall das Buch deutlich besser geschrieben ist als die literarische Vorlage um Vito und Michael Corleone. Ich bin schon sehr gespannt auf Teil 2.

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Veröffentlicht am 27.05.2022

Kommissar unter Verdacht

Böser Abschied
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Die Krimiserie um die Sylter Kommissare Silja Blanck, Bastian Kreuzer und Sven Winterberg ist bisher an mir vorbeigeschrammt - mit "Böser Abchied" habe ich jetzt den bereits neunten Band der Reihe von ...

Die Krimiserie um die Sylter Kommissare Silja Blanck, Bastian Kreuzer und Sven Winterberg ist bisher an mir vorbeigeschrammt - mit "Böser Abchied" habe ich jetzt den bereits neunten Band der Reihe von Eva Ehley gelesen. Macht aber nichts - auch ohne die Vorgeschichte und die Beziehungen der Protagonisten zueinander genauer zu kennen, bin ich gut in dieses bereits entwickelte Geflecht hineingekommen. Der spannende Plot und viel Inselatmosphäre haben dann auch für spannende Unterhaltung und Kopfkino von Kliff, Dünen und Watt gesorgt.

Ein Junggesellenabend in lauer Sommernacht gerät gründlich daneben. Erst geht die Stimmung den Bach herunter, weil die alten Schulfreunde nicht gerade Freunde fürs Leben geblieben sind. Dann wird aus einer Polizeiwaffe geschossen, es gibt einen Toten und einen Vermissten. Sven Winterberg, der an dem Junggesellenabend teilgenommen hat, gerät plötzlich selbst unter Verdacht. Was ist geschehen in der Nacht, an die die Beteiligten nach reichlich Alkoholkonsum nur noch unklare Erinnerungen haben - oder dies zumindest behaupten?

Eingeschoben in den Erzählfluss sind immer wieder innere Monologe eines Menschen zwischen Leben und Tod und die Autorin schafft es so, lange Zeit die Spannung aufrechtzuerhalten: Wer redet hier, ist es der Tote, ist es der Vermisste, gibt es Rettung oder ist dies das Ende?

Die Ermittlungen, die auch einen Kollegen betreffen, sind für Silja Blanck und Bastian Kreuzer alles andere als Routine. Können sie hier überhaupt objektiv ihrer Arbeit nachgehen, oder sind sie persönlich involviert. Gut gefallen hat mir der herbe Charme der Staatsanwältin, die an einer Stelle auf ganz besondere Art in die Ermittlungen eingreift. Mit verschiedenen Spuren, die auf ganz unterschiedliche Motive und Täter hinweisen, schafft es die Autorin, das Rätselraten andauern zu lassen. Das war bestimmt nicht das letzte Buch von Eva Ehley, dass ich gelesen habe.

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Veröffentlicht am 26.05.2022

Transfrau mit Kinderwunsch

Detransition, Baby
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Die New Yorkerin Reese ist Mitte 30 und spürt ihre biologische Uhr ticken. In einem Fitnessclub arbeitet sie in der Kinderbetreuung, und wenn sie ein Baby im Arm hält, spürt sie die große Sehnsucht danach, ...

Die New Yorkerin Reese ist Mitte 30 und spürt ihre biologische Uhr ticken. In einem Fitnessclub arbeitet sie in der Kinderbetreuung, und wenn sie ein Baby im Arm hält, spürt sie die große Sehnsucht danach, Mutter zu sein. Problematisch ist das nicht nur wegen eines fehlenden Kindsvaters. Als Transfrau hat Reese anders als Cis-Frauen nicht die Möglichkeit, etwa über den Weg einer Samenspende ihren Kinderwunsch zu erfüllen. Bis ausgerechnet eine Beziehung aus der Vergangenheit eine Lösung aufzeigt. Kinderwunsch und komplizierte Beziehungen, Fragen von Identität und Selbstverständnis prägen den Roman von "Detransition, Baby" von Torrey Peters, die selbst trans ist.

Denn Reese war mehrere Jahre in einer lesbischen Beziehung mit Transfrau Amy - bis Amy ein Detransition machte, um äußerlich als Mann zu leben, auch wenn Ames selbst nicht sicher ist, ob er tatsächlich ein Cis-Mann ist. Doch das trans Leben war zu hart, um es dauerhaft zu leben. Obwohl Ames glaubte, nach all den Jahren mit Hormonen nicht mehr zeugungsfähig zu sein, ist nun seine Freundin (und gleichzeitige Chefin) Katrina nun schwanger von ihm. Die geschiedene Frau macht klar - sie will kein Kind alleine aufziehen, sondern in einer Familie, mit ihm als Vater.

Doch kann Ames Vater sein? Die Gender-Frage wird hier nicht klar beantwortet. Er geht als Mann durch, so wie Katrina, deren Mutter Chinesin ist, als "weiß" durchgeht. "Ich weiß nicht ob ich ein Vater sein kann, aber ich kann ein Elternteil sein", sagt Ames an einer Stelle. Er will Reese in die Gleichung einbringen - als Mutter in einem queeren Familienmodell. Und Überraschung: Yuppie Katrinaist recht angetan von der Idee der ugewöhnlichen Familie, liebäugelt mit einem Hauch von Queer.

Doch nur im Märchen leben alle glücklich bis ans Ende ihrer Tage. Es gibt Komplikationen, Enthüllungen, Zerwürfnisse, ja die Frage, ob Katrina überhaupt das Kind haben will. Wie die ungewöhnliche Menage a trois ausgeht, das soll hier nicht verraten werden.

Torrey Peters lebt wie Reese in Brooklyn, bringt die eigenen Erfahrungen der dort lebenden Transfrauen ein und schafft es, unterhaltsam und ohne pädagogischen Zeigefinger von den Möglichkeiten und Grenzen für Transfraiuen, psychischen Problemen als Langzeitfolgen des Wegs zum eigenen Selbst in einem schwierigen Umfeld, Hormonschwankungen in der Transition und danach und den Grenzen zwischen Communities zu schreiben - was trennt Transfrauen und Cis-Frauen, was trennt weiße Transfrauen und Transfrauen aus schwarzen oder hispanischen Familien, deren Outing noch wesentlich häufiger zum Bruch mit der Herkunftsfamilie führte. Dass Transfrauen of Color eher durch Gewalt frühzeitig zu Tode kommen, ihre weißen Schwestern hingegen durch Selbstmord, ist eine der Be- und Zuschreibungen.

In Interviews hat Torrey Peters gesagt, sie wolle nicht pädagogisieren, den Ton vermeiden, der allzu oft bei Büchern über Rassismus angeschlagen werde und dann zu einem Leseprozess wie einst in der Schule führe: Gelesen wird nicht aus Freude und Interesse, sondern als Pflichtaufgabe. Die Gefahr besteht bei "Detransition, Baby" nicht. Reese, Katrina und Ames sind weit entfernt von Perfektionismus. Aber gerade weil sie keinem Barbie oder Ken-Schema entsprechen, sind sie nachvollziehbar und glaubwürdig, ganz gleich welche Genderidentität oder sexuelle Orientierung die Leser*innen haben. Das macht ihren Roman buchstäblich zu einem inklusiven Buch für alle.

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